Warum soll die Vernichtung indischer Frauen als Völkermord (Genozid) gewertet werden?

abro genocide poster

Poster von Abro. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Poster wurde im Smithsonian in Washington D.C. ausgestellt.

von Rita Banerji

Aus dem englischen Original übersetzt von Andrea Wlazik

Auf einen meiner Beiträge auf meiner flickr-Seite zum Thema Genozid (Völkermord) an indischen Frauen, schrieb mir jemand,  das Wort „Genozid“ sei hier nicht stimmig, ich würde das Wort durch die Benutzung in diesem Zusammenhang nur entwerten.

Ich bat ihn um eine Erklärung. Er führte aus: „Die Situation passt nicht zur offiziellen Definition des Genozid wie sie in der UN-Konvention zur Verhütung und Verfolgung des Völkermords von 1948 deklariert wird.

Die  U.N. definiert „Genozid“ wie folgt:

(a) Mitglieder der Gruppe werden getötet;

(b) Mitgliedern der Gruppe wird schwerer körperlicher oder seelischer Schaden zugefügt;

(c) die Gruppe wird vorsätzlich unter Lebensbedingungen gestellt, die ihre körperliche Zerstörung ganz oder teilweise nach sich zieht;

(d) es werden Maßnahmen ergriffen, die Geburten innerhalb der Gruppe verhindern sollen;

Ich widersprach:  „Basierend auf dieser ganz offiziellen Definition ist es tatsächlich ein Völkermord. Frauen in Indien werden in jedem Lebensstadium vor und nach der Geburt getötet, nur weil sie weiblich sind. Das passiert Jungen und Männern nicht! Dies ist eine gezielte Massenvernichtung einer spezifischen Gruppe.

Mehr als 50 Millionen Frauen sind innerhalb der letzten drei Generationen in Indien getötet worden. Eine Million weiblicher Föten werden jedes Jahr selektiv abgetrieben. Medizintechnische Unternehmen aus dem Westen liefern sich Wettrennen darin, diesen frauenhassenden Markt mit immer neuerer Technik zu bedienen. Tausende neugeborener Mädchen werden stranguliert, ertränkt oder lebendig verscharrt. Mädchen unter 5 Jahren haben eine um 75% höhere Sterblichkeitsrate als Jungen in dem Alter. Die Ursachen sind vorsätzliche Aushungerung, Vernachlässigung, ebenso wie verschiedene Formen zugefügter Gewalt.  Mehr als 100.000 junger Frauen werden jedes Jahr von ihren Ehemännern und deren Familien wegen der Mitgift hingerichtet.  Einige Tausend mehr fristen ihr Leben nach gescheiterten Mordanschlägen (z.B. durch Verbrennen, Erhängen oder Vergiften) beeinträchtigt durch schwerste körperliche und seelische Traumata. Alle 5 Minuten stirbt eine schwangere Frau, häufig weil sie von ihrem Ehemann und dessen Familie wiederholt zu Abtreibungen gezwungen wurde, um mögliche Töchter los zu werden.

Der Völkermord an Frauen in Indien ist das Ergebnis eines extrem bösartigen  Frauenhasses so wie der Völkermord an den Juden das Ergebnis eines extrem bösartigen Judenhasses war. Warum also sollte die Dehumanisierung (Entmenschlichung) und Massenvernichtung von Frauen nicht als Völkermord anerkannt werden?

Mein flickr-Besucher hatte darauf eine sehr einfache Antwort. Er meinte, die U.N. Definition beziehe sich auf  „…eine nationale, ethnische, rassistische oder religiöse Gruppe…“ Aber in der offiziellen Definition sei das Kriterium des Geschlechts nicht genannt!

Ich wies ihn auf das Offensichtliche hin: Dieses Gesetz wurde 1948 geschrieben. Die Männer (ganz sicher waren keine Frauen dabei), die 1948 um den runden Tisch saßen und die Konvention zum Thema Völkermord  schrieben, taten dies zu einem Zeitpunkt, an dem Frauen gesellschaftlich nicht einmal ansatzweise als menschliche Gruppe anerkannt waren.  Zu dieser Zeit gab es in europäischen Ländern, wie der Schweiz, noch nicht einmal das Wahlrecht für Frauen. In den USA, mit dem geschichtlichen Hintergrund der schwarzen Sklaverei,  gab es das Wahlrecht für schwarze Männer lange bevor es ein generelles Wahlrecht für Frauen gab.

Wie auch immer, 1959, ungefähr eine Dekade später, schrieb Peter Drost (The Crime of State, Volume 2, Leiden, 1959, p. 125)  “Völkermord ist die vorsätzliche Zerstörung körperlichen Lebens menschlicher Individuen aufgrund ihrer bloßen Zugehörigkeit zu einer menschlichen Gruppe.“

Und 1994 bekräftigte Israel Charny „Die eigentliche Bedeutung des Wortes Genozid ist Massenmord an einer erheblichen Anzahl im wesentlichen hilfloser menschlicher Individuen.” (Genocide: Conceptual and Historical Dimensions ed. George Andreopoulos, 1997)

Deshalb erklärte ich meinem flickr-Besucher  “Genozid ist Massenmord an einer Gruppe von Menschen. Egal um welche Art Menschen es sich handelt.“ Und nur um das Offensichtliche nochmal heraus zu stellen – Frauen sind Menschen!

Manchmal kommen einem Konversationen wie diese unwirklich vor. Hier stehe ich nun, eine indische Frau, die argumentiert dass die Vernichtung von Millionen indischer Frauen (Frauen wie mir) als Völkermord anerkannt werden soll. Und dann kommt da dieser Mann mit seinem weisen Ratschlag: “Ihre Kampagne ist eine gute Sache und die Morde und dass Mädchen wegen ihres Geschlechts getötet oder abgetrieben werden, ist schrecklich. Was ich meine ist, dass Sie zu Übertreibungen und ungenauen Begrifflichkeiten tendieren.  Und das stößt jene Leute ab, die sich auf eine präzise und ernsthafte Art und Weise mit diesem störenden Problem auseinander setzen möchten.”

Er riet weiterhin, dass wir das Wort „Genderzid“ benutzen sollten, weil es das Problem treffender beschreibe als „Genozid“ und es dabei nicht im Geringsten schmälere.

Woher kommt die Abwehr dagegen, die Massenvernichtung von Frauen Genozid (Völkermord) zu nennen?  Wir wären nicht auf die Idee gekommen, die Massenvernichtung der Juden „Semitizid“ zu nennen, oder die der Tutsi „Tutsizid“.  Regizid bedeutet nicht automatisch, dass massenweise Könige gezielt getötet werden. Es kann genauso den Mord an einem einzelnen König beschreiben. Ebenso ist es bei Matrizid, Patrizid und Infantizid. Genderzid ist die Tötung einer Person, weil sie einem bestimmten Geschlecht angehört.

Femizid ist der Begriff, den Diana Russell als Erste 1976 benutzte um auf Morde aus Frauenhass zu verweisen; die Tötung einer Person, nur weil sie weiblich ist. Tötung weiblicher Kinder, Ehrenmorde, Witwenverbrennung, Aussteuermorde, Hexenjagd, alles Beispiele für Femizid in Indien. Auch ein einzelner Fall von Mädchen– oder Aussteuermord ist bereits ein Femizid.  Aber welchen Begriff benutzen wir, wenn MILLIONEN, die zu einer Gruppe gehören, vernichtet werden NUR weil sie zu dieser Gruppe gehören?

Es ist unbestreitbar, dass Frauen eine der beiden größten menschlichen Gruppen bilden. Tatsächlich sind Mäner und Frauen genetisch, körperlich, biologisch und kulturell weitaus deutlicher auseinander zu halten als es menschliche Gruppen aufgrund von anderen Kriterien wie Rasse, Religion oder ethnischer Herkunft sind.

Die Anerkennung der gezielten Massenvernichtung Millionen indischer Frauen als „Völkermord am weiblichen Geschlecht“ ist eine unvermeidliche Herangehensweise, wenn man internationale Menschenrechtsorganisationen dazu bewegen will, alle Stellen, die am Völkermord an indischen Frauen mitschuldig sind, von der Regierung bis hin zu den Gerichten, der Polizei und Institutionen des Gesundheitswesens, in die Verantwortung zu nehmen und notwendige Maßnahmen zu fordern.

ZUR AUTORIN

Rita Banerji ist Autorin und Frauenrechtsaktivistin und Begründerin von „50 Million Missing“  (50 Millionen fehlen), einer Kampagne zur Beendung des Völkermords am weiblichen Geschlecht in Indien. Ihr Buch  Sex and Power: Defining History Shaping Societies ist ein historischer und gesellschaftlicher Blick darauf, wie die Beziehung von Geschlecht und Macht in Indien zum anhaltenden weiblichen Genderzid führte. Ihre Webseite ist zu finden unter www.ritabanerji.com.  Sie bloggt auf  Revolutions in my Space und twittert auf @Rita_Banerji

ZUM KÜNSTLER

Abro ist ein hervorragender Künstler und globaler Menschenrechtsaktivist. Das oben in diesem Beitrag abgebildete Poster wird im Smithsonian Museum in Washington D.C. ausgestellt. Er ist außerdem aktives Mitglied der 50 Million Missing Campaign’s Photographers’ Group, die von mehr als 2400 Fotografen und Künstlern auf der ganzen Welt unterstützt wird. Um weitere seiner Werke zu sehen, klicken Sie bitte hier.

ZUR ÜBERSETZERIN
Andrea Wlazik ist gelernte Fremdsprachenkorrespondentin. Sie arbeitet als freiberufliche Texterin und Übersetzerin und koordiniert den deutschen Blog der Kampagne „50 Million Missing“ (50 Millionen verschwunden). Sie ist außerdem Initiatorin der von der Kampagne unabhängigen deutschen Facebook-Gruppe Femizid in Indien.“

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Über THE 50 MILLION MISSING CAMPAIGN
This is a global campaign against female genocide in India that raises public awareness about factors like female feticide, infanticide, intentional starvation, and dowry murders that have annihilated more than 50 million women from India in 3 generations. Please support our petition for the enforcement of relevant laws in India.

3 Responses to Warum soll die Vernichtung indischer Frauen als Völkermord (Genozid) gewertet werden?

  1. Kirsten Lang says:

    Ich frage mich, ob der Herr mit dem Bezeichnungsproblem als Genozid (flickr-Besucher) dieses sehr spezielle Problem auch hätte, ween 50 Millionen männliche Nachkommen, über Jahre und auchheute weiterhin, getötet würden.

    • andreawlazik says:

      Es ist vor allem so, dass Männer, wenn sie getötet werden, wegen ihrer Rasse oder Relgion getötet werden, nicht weil sie männlich sind. Es gibt kein Land, in dem es einen Völkermord am männdlichen Geschlecht gibt, was bedeuten würde, dass männliche Säuglinge oder Kleinkinder getötet würden, oder Bräutigame – nur weil die Gesellschaft keine Männer haben will.
      (Rita Banerji)

  2. Rita Banerji says:

    Big thank you Andrea, for the translation , and for all the hard work you’ve put into the setting up and running of this blog!!

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