„#Ehrenmorde“ – Eine Analyse

Aus dem englischen Original übersetzt von Matthew Brown

Alle paar Tage wird irgendwo in Indien ein junges Mädchen oder eine junge Frau von ihrer Familie oder der Gemeinde getötet, wegen des scheinbar schrecklichen Verbrechens, verliebt zu sein.

Viele dieser außergerichtlichen Tötungen (oder „Ehrenmorde“) werden von der Dorfjustiz, genannt Khap Panchayats, unterstützt. Obwohl die Khap Panchayats nicht offizieller behördlicher Natur sind, agieren sie außerhalb des indischen Systems von Recht und Ordnung und führen eine tyrannische Machtherrschaft über die Gemeinden, einschließlich der Polizei.

Hier ein Auszug (aus India Today) aus einem Gespräch, das ein Undercover-Journalist mit einem Polizisten führte. Es ging um ein Mädchen aus einem Dorf, das mit seinem Freund weggelaufen war. Mehr von diesem Beitrag lesen

Wenn #Mütter ihre Töchter #töten

Aus dem englischen Original übersetzt von Melanie Beaven

Dieses Foto zeigt eine Frau mit ihren zweieiigen Zwillingen – einem Jungen und einem Mädchen.

Wenn man sich die Babys auf diesem Foto anschaut, ist unschwer zu erkennen, welches der beiden das Mädchen ist. Es ist das Baby auf der rechten Seite, zum Skelett abgemagert und nur halb so groß wie ihr Bruder. Sie starb einen Tag nachdem dieses Foto aufgenommen wurde.

Die Mutter hatte auf Anraten ihrer Familie entschieden, nur den Jungen zu stillen, nicht aber das Mädchen. Achten Sie darauf, wie zärtlich sie den Kopf des Jungen hält. Das Mädchen wird nicht gehalten. Nicht einmal die Flasche wird festgehalten! Die Körpersprache der Mutter Mehr von diesem Beitrag lesen

Karishmas Großmutter versuchte, sie zu töten

Karishma wenige Wochen vor ihrem zweiten Geburtstag

Aus dem englischen Original übersetzt von Andrea Wlazik

Einer der herzzerreißendsten Fälle für die „The 50 Million Missing Campaign“ ist der von Karishma. Karishma kam im Dezember 2008 per Kaiserschnitt zur Welt. Ihre Geburt brachte ihre Großmutter väterlicherseits zur Weißglut. Ärgerlich verkündete diese: „Ein Mädchen! Ich werde ihr Salz in den Mund tun, um sie zu töten!“

Millionen kleiner Mädchen unter 6 Jahren sterben in Indien durch absichtliche Vernachlässigung, willentlich herbeigeführtes Verhungern, Gewalt und häufig auch durch vorsätzlichen Mord. Getötet werden sie offensichtlich aus Rache dafür, dass sie als Mädchen geboren wurden. Lesen Sie hier unseren Beitrag „Woran sterben Indiens kleine Mädchen?“

Jede ländliche Region Indiens hat ihre eigene althergebrachte Methode, ihre Mädchen zu töten. Im Westen ist es doodh-peeti (Milch trinken), was bedeutet, dass das Baby in einem Kübel Milch ertränkt wird. Im Osten von Indien, wie zum Beispiel in Bengalen, woher Karishma kommt, wird Salz in den Mund des Babys getan und dieser für eine Minute geschlossen gehalten.

Tatsächlich wurden, nur wenige Monate bevor wir dieses Foto von ihr machten, im Wohnort von Karishmas Vater gesund geborene Drillingsmädchen innerhalb eines Tages für tot erklärt. Die Autopsieberichte bestätigten, dass die Familie sie durch Salz im Mund getötet hatte. In einem anderen kürzlich bekannt gewordenen Fall warf ein Vater sein Neugeborenes innerhalb von 12 Stunden nach der Geburt aus einem Zug.

Glücklicherweise lebte Karishma während der ersten vier Monate ihres Lebens im Haus ihrer Großeltern mütterlicherseits, wo sich gut um sie gekümmert wurde. Sobald sie aber ins Haus ihres Vaters zurück kam, versuchte dessen Mutter, Karishma Salz in den Mund zu stecken. Ihre Mutter konnte Karishma retten, musste sie sich aber auf den Rücken binden und überall hin mitnehmen, sogar auf die Toilette.

Karishmas Bruder ist drei Jahre älter als sie. Er wird verehrt und verhätschelt wie ein kleiner Prinz. Tatsächlich ist Karishmas Vater, obwohl er aus einem Dorf stammt, keinesfalls arm. Ihr Großvater ist Leiter des Panchayat  (dörfliche Rechtsinstanz) und Besitzer großer Ländereien und Obstplantagen. Er hat außerdem einen Handyshop eröffnet und eine Motorrad-Ausstellung. Trotzdem war Karishma unerwünscht. Sie wurde behandelt, als sei sie nicht anwesend. Sie musste in der Nähe ihrer Mutter auf dem Boden liegen, während diese für die Familie kochte und putzte. Niemand nahm sie jemals hoch oder schmuste mit ihr.  Sie wurde nicht nur vernachlässigt und ignoriert, man ließ sie absichtlich hungern. Interessanterweise gab auch ihre Mutter, die sie jederzeit hätte füttern können, ihr nichts zu essen. Sie gaben ihr nicht einmal einen Namen. Den Namen Karishma (Wunder) gab ihr Rita Banerji, die Gründerin der Kampagne „50 Million Missing“, viel später, bestürzt darüber, dass ein beinahe zwei Jahre altes Kind noch keinen Namen hat. Karishmas Vater und seine Familie weigerten sich, der Mutter Geld zu geben, um Milch oder Medikamente für Karishma zu kaufen.

Sie war noch kein Jahr alt, als ihre Großmutter väterlicherseits, die Karishmas Mutter ständig körperlich misshandelte, begann, auch Karishma zu misshandeln. Mit der Zeit wurden die Schläge so heftig, dass es vorkam, dass Karishma vor Schmerz das Bewusstsein verlor. Oft war sie übersät mit Blutergüssen. Die Großmutter brachte sogar Karishmas Bruder bei, sie zu würgen. Sie sagte zu ihm: „Wenn Du Deine Schwester tötest, werden wir Dich noch mehr lieben.

Im April 2010 zogen Karishma und ihre Mutter zurück ins Haus der Großeltern mütterlicherseits. Karishma war extrem unterernährt. Der untersuchende Arzt meinte, wäre es noch ein paar Monate so weiter gegangen, hätte sie nicht überlebt. Es überrascht nicht, dass in Indien die Sterblichkeitsrate für Mädchen unter 5 Jahren 75% höher liegt als bei Jungen im gleichen Alter.

Karishma wurde von ihren Großeltern mütterlicherseits herzlich und mit offenen Armen empfangen. Sie überhäuften sie mit Liebe und Fürsorge, so wie jedes Kind es verdient und braucht. Ihre Großmutter, Sandya, kochte und zerstampfte ihr jeden Tag Gemüse, um ihr die Ernährung zu geben, die ihr all die Monate verweigert wurde. Sandya brachte Karishma jeden Morgen zu einem kleinen Kindergarten, wo Karishma endlich mit anderen Kindern spielen und ein normales, gesundes Umfeld genießen konnte. Sie blühte auf, trat eifrig in Kontakt mit anderen Menschen und schien ein glückliches Kind zu sein.

Dann, am 30. Mai 2010, entschied Karishmas Mutter plötzlich, zu ihrem Ehemann und ihrer Schwiegerfamilie zurück zu kehren. Diese Reaktion ist leider häufig bei Frauen, die häusliche Misshandlung erfahren, sogar dann, wenn sie so viel Unterstützung und Anleitung bekommen wie Karishmas Mutter.

Sie sprach mit Rita Banerji und war sich bewusst, dass Karishmas Leben in Gefahr war. Wenn sie Karishma aber zurücklassen würde, würden ihr deswegen weitere Misshandlungen im Haus ihrer Schwiegerfamilie widerfahren. Karishmas Mutter entschied: Sie war bereit, das Leben ihrer Tochter zu opfern, um ihre Ehe, so unglücklich und erniedrigend diese auch war, aufrecht zu erhalten. Eine Gruppe Anwälte ging zum Haus von Karishmas Vater und sagte Karishmas Mutter, dass sie gekommen seien, um sie und ihre Kinder in eine sichere Unterkunft zu bringen und dass kein Gesetz der Welt sie davon abhalten würde. Aber Karishmas Mutter meinte, sie wolle bei ihrem Ehemann leben und ihn nicht verlassen, ehe er seine Erlaubnis dazu geben würde. Es war sehr schmerzlich für die Anwälte, die Kampagne „50 Million Missing“ und Karishmas Großeltern, da wir es alle gerne gesehen hätten, wenn sie ein neues Leben begonnen hätte. Wir hätten sie in jeder Hinsicht unterstützt – mit Beratungen, Schulungen, einem sicheren Zuhause und einem neuen Job.

Frauen kehren oft zu ihrem Ehemann und der Schwiegerfamilie zurück, selbst wenn ihr Leben in Gefahr ist, eine kulturell bedingte Reaktion in Indien. Man sagt, dass der rechtmäßige Platz der Frau bei ihrem Ehemann ist, egal wie gut oder schlecht dieser auch sein mag. Dies gilt auch für gebildete Frauen, für Arbeiterinnen und weibliche Fachkräfte in Indien. Viele von denen, die sich vielleicht scheiden lassen, empfinden das als einen Akt der Schande. Man wird kaum eine indische Frau finden, die offen darüber spricht, wie sie eine von Gewalt geprägte Ehe überlebt hat.

Unsere Sorge gilt jetzt vorrangig Karishma. Ihre Mutter ist erwachsen und wir können sie nicht zwingen, ihren Ehemann und ihre Schwiegerfamilie gegen ihren Willen zu verlassen. Leider hat die arme Karishma weder eine Wahl noch wird sie angehört zu dem, was ihr eigenes Leben und ihre Sicherheit betrifft. Unsere Angst ist, dass wenn sie bis zum Alter von 5-6 Jahren überlebt, ihre Großeltern sie ins Sexgewerbe verkaufen könnten, damit sie später nicht die Mitgift für sie zahlen müssen. Unglücklicherweise gibt es kein Gesetz in Indien, das den Staat rechtlich dazu befugt, einzuschreiten, wenn das Leben eines Kindes im Haus seiner Eltern gefährdet ist. Solange nicht beide Elternteile sie freiwillig herausgeben, können wir keine Vorkehrungen für ihre Adoption treffen. Auf jeden Fall bleiben wir in Kontakt mit Sandya, Karishmas Großmutter mütterlicherseits, die oft das Dorf besucht, in dem ihre Tochter mit ihrem Mann und der Schwiegerfamilie lebt, nur um Karishma zu sehen und sich zu vergewissern, dass es ihr gut geht.

© Die Kampagne „50 Million Missing“ (50 Millionen verschwunden). Alle Rechte vorbehalten. Bitte beachten Sie bei Weitergabe unsere Hinweise zum Copyright.

ZUR AUTORIN

Rita Banerji ist Autorin und Frauenrechtsaktivistin und Begründerin der „The 50 Million Missing Campaign“, einer Kampagne zur Beendung des Völkermords am weiblichen Geschlecht in Indien. Ihr Buch „Sex and Power: Defining History Shaping Societies“ ist ein historischer und gesellschaftlicher Blick darauf, wie die Beziehung von Geschlecht und Macht in Indien zum anhaltenden weiblichen Genderzid führte. Ihre Webseite ist zu finden unter www.ritabanerji.com. Sie bloggt auf Revolutions in my Space und twittert auf @Rita_Banerji

ZUR ÜBERSETZERIN
Andrea Wlazik ist gelernte Fremdsprachenkorrespondentin. Sie arbeitet als freiberufliche Texterin und Übersetzerin und koordiniert den deutschen Blog der„The 50 Million Missing Campaign“. Sie ist außerdem Initiatorin der von der Kampagne unabhängigen deutschen Facebook-Gruppe Femizid in Indien und schreibt Artikel für die Netzfrauen.

Regierung missachtet Justice Verma Report zu Indiens geschlechtsspezifischer Gewalt

Aus dem englischen Original übersetzt von Sönke Rickertsen

DIESER ARTIKEL ENTHÄLT WICHTIGE HINTERGRUND-INFORMATIONEN. BITTE LESEN SIE IHN, BEVOR SIE SICH DIE DISKUSSION IN DIESEM VIDEO ANSCHAUEN!

verma click to play

Im Dezember 2012, sendeten die Aufstände anlässlich der Gruppenvergewaltigung  in Delhi eine wütende Nachricht an Indiens Regierung! Diese lautete: „Wir werden die Apathie und Korruption der Regierung angesichts der inakzeptablen Gewalt gegen Mädchen und Frauen in Indien nicht tolerieren.

Die Anzahl der Vergewaltigungen in Indien ist um  873% angestiegen. In 20 Jahren werden 20% der Frauen in Indien durch sämtliche Formen geschlechtsspezifischer Gewalt ausgerottet worden sein. [Beachten Sie hierzu auch unser Nachrichtenarchiv.]

Die erste Reaktion der Regierung war…Totenstille! Die Regierung stellte sich einfach taub!

Als die Aufstände eine Eigendynamik entwickelten und sich ganz Indien ihnen anschloss, beschloss die Regierung, mit brutaler Gewalt gegen die Demonstranten vorzugehen.

Als jedoch die Demonstrationen weiter anhielten und die Regierung merkte, dass sie zunehmend begann, sich dem Rest der Welt als undemokratisch und diktatorisch zu präsentieren, beschloss sie, eine altbewährte indische Taktik anzuwenden: Lass uns doch ein paar Monate, vielleicht sogar Jahre lang, Papierberge hin- und herschieben, bis die Öffentlichkeit des Wartens müde wird und verschwindet! Also baten sie J. S. Verma, den ehemaligen vorsitzenden Richter am Obersten Gerichtshof, ein Untersuchungskommitee zum Thema Vergewaltigungen an Mädchen und Frauen in Indien zu leiten. Dies schien der Regierung so wichtig, dass sie nach Mitternacht an Richter Vermas Haustüre läutete und ihn aufweckte um ihm Gesuch und Vorschläge der Regierung auszuhändigen!

Diese Strategie ging nach hinten los! Gewöhnlich brauchen derartige Kommitees und deren Untersuchungsresultate Monate, wenn nicht Jahre! In diesem Fall jedoch arbeitete das „Justice Verma Committee“, bestehend aus vorsitzenden Richtern des Obersten Gerichtshofs (J.S.Verma, Leila Seth und Gopal Subramanium), unterstützt von 15 jungen Anwälten, unermüdlich rund um die Uhr,  mit so gut wie keiner Hilfe oder Unterstützung seitens der Regierung und präsentierte, nach Abgleichen tausender Aussagen von Opfern, Frauengruppen etc.,  innerhalb einer Rekordzeit von 29 Tagen einen 600-seitigen Bericht, komplett mit Vorschlägen und Empfehlungen an die Regierung!

Wieder war 7 Tage lang kein Ton aus dem Büro des Premierministers zu vernehmen! Dann plötzlich erkannte die Regierung den Bericht an und schlug neue Rechtsverordnungen bezüglich der Gewalt gegen bzw. der Vergewaltigung von Frauen vor und behauptete, 90% der Vorschläge des Verma Committee akzeptiert zu haben. All dies geschah unter Ausschluss der Öffentlichkeit und ohne parlamentarische Debatte!

Aber wie Richter Verma selbst aufzeigt, wurden die Ergebnisse und Empfehlungen des Verma Commitee von der Regierung völlig ignoriert!

Tatsächlich hat die Regierung  den Justice Verma Report sogar von ihrer Website entfernt, damit die Öffentlichkeit nicht sehen kann, was dieser wirklich über Ausmaß und Stand der Gewalt gegen Frauen in Indien herausgefunden hat und was genau empfohlen wurde. Mehr von diesem Beitrag lesen

Nita Bhalla: Ich habe das Schweigen über die Gewalt an Geschäftsfrauen wie mir gebrochen

Aus dem englischen Original übersetzt von Tina Sternberg

Während ich in den vergangenen drei Jahren als Journalistin in Südasien über Frauenrechte berichtet habe, habe ich die Vielzahl an Bedrohungen kennen gelernt, von denen die Millionen von Frauen in dieser zutiefst patriarchalischen Region heimgesucht werden.
Ich denke noch immer: „Das ist nicht passiert. Das passiert Frauen wie mir nicht.“
Die meisten der Opfer, über die wir in Indien gelesen haben, sind weitgehend ungebildete Frauen aus ärmeren Verhältnissen – was die allgemeine Wahrnehmung verstärkt, dass häusliche Gewalt oder Gewalt in Partnerschaften in Bevölkerungsgruppen mit einem niedrigeren soziökonomischen Status weiter verbreitet ist als in anderen Bevölkerungsschichten.
Jedoch sehen sich auch gebildete Frauen in Indien mit solchen Misshandlungen konfrontiert, nur sprechen sie selten davon.
Und nun bin ich es also, eine berufstätige, gebildete, unabhängige Frau , die im Trauma-Zentrum des Institute of Medical Sciences in Neu-Dheli hinter einem Vorhang steht, um mich vor einer Krankenschwester auszuziehen und meine Verletzungen untersuchen zu lassen.
Obwohl körperliche und sexuelle Gewalt gegenüber Frauen leider etwas ist, das jeder Gesellschaft zu schaffen macht, ist es unfassbar, in welch hohem Ausmaß diese Gewalt in Indien akzeptiert wird.
Eine Umfrage zur Gesundheit von Familien in Indien (National Family Health Survey), hat ergeben, dass 51% der indischen Männer und 54% der indischen Frauen es entschuldbar finden, wenn ein Mann seine Frau schlägt.
Und das SCHWEIGEN, das diese Misshandlungen umgibt, hilft dabei, deren Akzeptanz aufrecht zu erhalten … dieses unbegreifliche Schweigen der anderen, – Familie, Freunde, Nachbarn, sogar Passanten – die es vorziehen, sich blind zu stellen.
Aber jetzt habe ich dieses Schweigen erfahren.
Als er mir an den Haaren zog und mich mit den Füßen trat, während ich auf dem Asphalt lag, war da dieses ohrenbetäubende Schweigen von meinen Nachbarn, die meine Schreie hörten, aber zögerten einzugreifen,  … der Gruppe junger Männer, die an uns vorbeiging und ein paar Meter weiter stehen blieb, um dabei zuzusehen, wie er mich schlug.

ZUR AUTORIN

Nita Bhalla ist Journalistin und Korrespondentin der Thomas Reuters Foundation für Humanität und Frauen in der Region Südasien. Dieser Auszug stammt aus ihrer persönlichen Abhandlung für die BBC „Becoming an abuse statistic in patriarchal India“ (Teil der Misshandlungsstatistik im patriarchalischen Indien werden). Sie twittert auf @nitabhalla

ZUR ÜBERSETZERIN

Tina Sternberg hat nach ihrem Studium der Literatur und Medien acht Monate in Indien gelebt. Die oft brutalen Widersprüche zwischen zukunftsorientierter Zivilisation und altertümlicher Kultur gehen ihr seither nicht mehr aus dem Kopf.

Taslima Nasreen: Weiblicher Genderzid ist Krieg gegen Frauen

Aus dem englischen Original übersetzt von Andrea Wlazik

Die hiesige Frauenbewegung ist nicht besonders stark…[hier in Indien].
Eine aktuelle Studie zeigt: Indien ist das viertgefährlichste Land für Frauen und der tödlichste Ort für Mädchen. 

Das ist erschreckend!!

Abtreibung weiblicher Föten, Kindsmord an Mädchen, Zwangsprostitution, Sexsklaverei, häusliche Gewalt, Mitgiftmorde, Brautverbrennungen sind Ereignisse von Gewalt gegen Mädchen und Frauen, die alle zunehmen.

Das ist tatsächlich Krieg gegen Frauen!!

Taslima Nasreen ist weltweit anerkannte feministische Autorin und Menschenrechtlerin. Sie ist ehemalige Ärztin aus Bangladesh, seit 1994 im Exil für die Äußerung ihrer Ansichten zum Islam und seinen Auswirkungen auf die Rechte von Frauen. Ihre Website ist unter taslima.com zu finden, sie bloggt auf No Country For Women.

ZUR ÜBERSETZERIN

Andrea Wlazik ist gelernte Fremdsprachenkorrespondentin und Koordinatorin des deutschen Blogs der Kampagne “50 Million Missing” (50 Millionen verschwunden). Sie ist außerdem Initiatorin der von der Kampagne unabhängigen deutschen Facebook-Gruppe  “Femizid in Indien.” Neben der Arbeit für die Kampagne ist Andrea zweite Vorsitzende eines Ortsvereins der AWO und eines Kinderchors.

Neera Chopra: Ich beschützte meine Tochter, so wie es alle Eltern tun sollten!

Aus dem englischen Original übersetzt von Laura Gerber

Miss-India-World-Pooja-Chopra Zur “Miss India World” gekrönt wurde Pooja Chopra im Jahr 2009. Als sie ihren Titel in Empfang nahm, sagte sie:  „Heute stehe ich als Miss India hier und weiß nicht einmal, ob meinem Vater bewusst ist, dass ich es bin, seine Tochter, die aufgebrochen ist, um die Welt zu erobern – mit einer Krone auf meinem Kopf.”

Die Wahrheit ist, dass Pooja Chopra eines von Millionen kleiner Mädchen hätte sein können, welche in Indien nach ihrer Geburt umgebracht werden, nur weil sie als Mädchen zur Welt gekommen sind! Sie lebt, weil ihre Mutter, Neera Chopra, sich weigerte, dem Druck ihre Tochter zu töten, nachzugeben und statt dessen entschied, die große Bürde auf sich zu nehmen, die es bedeutete, ihre Töchter zu beschützen und aufzuziehen.

Die meisten Menschen vermuten, dass Armut und Analphabetismus Eltern in Indien zwingen ihre Töchterchen umzubringen. Doch dies ist ein Trugschluss! Tatsache ist, dass die einzige Schicht, in der sich die Relation der Geschlechter normal entwickelt, die der Ärmsten 20% ist. Je mehr Wohlstand eine Familie besitzt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich ihrer Mädchen entledigt! (Für weitere Informationen klicken Sie hier. Mehr von diesem Beitrag lesen

„Amu“: Indiens Weckruf zur Erinnerung an die 1984 an den Sikh begangenen Vergewaltigungen und Morde

von Rita Banerji

Aus dem englischen Original übersetzt von Melanie Beaven

amu

Bitte beachten Sie: Die DVD zu diesem Film ist (mit englischem und anderssprachigen Untertiteln) weltweit bei amazon.com und anderen Internetseiten verfügbar.

Es gibt einen Grund, weswegen ich den Film „Amu“ (2005, Regie: Sonali Bose) gewählt habe, um unsere Serie „Gender in Bollywood @ 100“ zu starten. Als die Social Media im Dezember 2012 von Nachrichten über die Proteste anlässlich der Vergewaltigung in Delhi überschwemmt wurden, erhielt unsere Kampagne etliche Anfragen, warum Indien sich über die Vergewaltigungen und Tötungen von Sikh-Frauen in Delhi in Schweigen hüllte.

Dies bezieht sich auf einen Vorfall aus dem Jahr 1984, als nach der Ermordung von Premierministerin Indira Gandhi durch ihre beiden Sikh Bodyguards vier Tage lang unkontrollierte und organisierte Übergriffe auf Sikhs in Delhi und anderen Teilen Indiens ausgeübt wurden. Da die Sikh eine winzige Gemeinschaft sind, die zwei Prozent der Bevölkerung ausmachen und an ihren Turbanen und anderer Kleidung einfach zu erkennen sind, wurden sie eine leichte Zielscheibe. Über 4.000 Sikhs wurden getötet, hunderte Frauen wurden massenvergewaltigt, Wohnhäuser und Geschäfte niedergebrannt.

Einem Bericht des CBI (Indiens zentrale Ermittlungsbehörde) zufolge wurde das Massaker von der Polizei und der Zentralregierung, die damals unter der Leitung von Indira Gandhis Sohn Rajiv Gandhi stand, genehmigt und organisiert. Wahllisten wurden dazu genutzt, Wohnsitze und Geschäfte von Sikhs zu lokalisieren. Diese wurden mit einem „S“ gekennzeichnet. Reichlich mit Waffen, Benzin usw. ausgestattete Lynchmobs machten sich dann auf den Weg zu diesen „Zielen“, um zu vergewaltigen und zu töten. Organisierte Vergewaltigungen und gewalttätige Übergriffe an Sikh-Frauen im ländlichen Punjab setzten sich sogar noch nach 1984 fort. Wie Human Rights Watch 29 Jahre später feststellt, hat die indische Regierung die Verantwortlichen immer noch nicht strafrechtlich verfolgt. Tatsächlich wurden Politiker von Rajiv Gandhis Kongresspartei, der unter dem Vorsitz seiner Witwe derzeit regierenden Partei, wie zu erwarten freigesprochen!

sikh_genocide_delhi

Ein Opfer von 1984

Jedenfalls zeigen die Kommentare, die auf unserer Seite von Sikh-Frauen hinterlassen wurden: Indien hat sich seltsamerweise und unentschuldbar über die Vergewaltigungen und Tötungen von Frauen während des Sikh-Massakers von 1984 ausgeschwiegen. Sogar intellektuelle „Liberale“ in Indien, die ähnliche staatlich genehmigte Vergewaltigungen und Massaker gegen Muslime in Gujarat im Jahr 2002 wütend verurteilt hatten, schweigen über das Sikh-Pogrom aus dem Jahr 1984.

Am beunruhigendsten finde ich, dass die junge Generation in Indien – also diejenigen, die zu jung sind, um sich an 1984 zu erinnern, oder die erst später geboren wurden – diesem Kapitel von Indiens Menschenrechtsgeschichte völlig ahnungslos gegenüber steht! Wie kann eine Nation so etwas so schnell vergessen?

Der Film Amu ist ein Weckruf für Indiens Gedächtnisschwund. Es ist die Geschichte einer 21 Jahre alten indischen Frau namens Kaju, die in den USA aufwuchs und während eines Verwandtenbesuchs in Indien über ein dunkles Geheimnis ihrer Vergangenheit stolpert. Sie entdeckt, dass sie adoptiert wurde – etwas, das sie bisher nicht wusste. Als sie tiefer in die Suche nach einer Antwort einsteigt, erfährt sie vom Sikh-Massaker in 1984 und dessen Bedeutung für ihr Leben und ihre Adoption.

Aus mehreren Gründen hat dieser Film eine persönliche Saite in mir berührt. Zum einen habe ich eine starke emotionale Verbindung, da ich meine Kindheit unter Sikh-Nachbarn und -Freunden in kleinen Städten in Punjab verbracht habe. Zum anderen habe ich eine eigenartige Parallele zu Kajus Prozess der Wahrheitsfindung über 1984 entdeckt.

Ein Junge, der lebendig verbrannte

Als 1984 das Pogrom geschah, hatte meine Familie Punjab schon verlassen, aber sporadische Übergriffe fanden in ganz Indien statt. Damals war ich 16 Jahre alt und ich erinnere mich, dass die Schule vorzeitig schloss und wir alle eilig nach Hause geschickt wurden. Uns wurde gesagt, dass Hindus und Sikhs miteinander kämpften und dass es überall „Krawalle“ gäbe, ein Ausdruck, der immer noch offiziell von der Regierunge verwendet wird, um die Tatsache, dass es sich um ein gezieltes Massaker handelte, zu verschleiern. Damals gab es natürlich kein Internet und der einzige Fernsehkanal in Indien war im Besitz der Regierung und wurde von ihr kontrolliert. Auch wenn ich heute zurückblicke und die Zeitungsarchive durchsehe, um herauszufinden, warum ich damals nichts von dem wusste, was ich heute weiß, wird mir klar, dass sogar die Zeitungsnachrichten Indiens kräftig zensiert waren.

Tatsächlich wurde sogar der Film „Amu“ stark zensiert, obwohl er erst im Jahr 2005 herausgegeben wurde. Auf dem Cover meiner „Amu“-DVD heißt es: „Die indische Zensurbehörde hat wichtige Zeilen des Filmdialogs herausgeschnitten, was auf die Teilhaberschaft der Regierung an dem Genozid hinweist, und hat ein „A“-Zertifikat mit Begründung „warum sollten junge Menschen Geschichte kennen, die besser begraben und vergessen wäre“  herausgegeben.“

Es macht mir wirklich Angst daran zu denken, dass ich eine von denen gewesen sein könnte, die von der Regierung in einen Dornröschenschlaf versetzt wurden. Zwei Jahre nach dem Sikh-Massaker zog ich in die USA, um ans College zu gehen und als ich schließlich zurück kehrte, gab es noch ein weiteres, ähnliches staatlich genehmigtes Pogrom einer anderen Minderheit. Es waren die Massenvergewaltigungen und das Massaker an Muslimen im Staat Gujarat aus dem Jahr 2002. Ich war schockiert und konnte nicht glauben, dass so etwas in Indien passieren könnte, bis ein älterer Herr mich darauf hinwies, dass dies schon einmal geschehen sei – 1984!!

Es gibt es eine bestimmte Szene in „Amu“, die mich immer noch verfolgt und mit einer Frage zurücklässt. Es ist die Szene mit der Frau, die Selbstmord begeht, nachdem sie vergewaltigt wurde. Und ich frage mich, wie viele weitere dieser Frauen es gab in 1984 und auch noch später, als die Vergewaltigungen von Sikh-Frauen fortgesetzt wurden? Dort, wo Vergewaltigung oftmals als patriarchalische Waffe der Gewalt gegen Frauen eingesetzt wird, werden vergewaltigte Frauen in Indien oftmals doppelt zum Opfer. Einmal durch die Männer und Systeme, von denen sie attackiert werden. Und einmal durch die Männer ihrer eigenen Gemeinschaft, die vergewaltigte Frauen als „verdorbene“ Sexualobjekte ansehen. In Gesellschaften wie der Sikh-Gemeinschaft wurde die Aussonderung von Vergewaltigungsopfern mittels Mord oder Selbstmord als „ehrbare“ Tat angesehen. Ich habe kürzlich den Artikel eines Mannes gelesen, der darüber sprach, wie stolz er auf seine Schwestern war, die ihrem Vater ihre Hälse zur Enthauptung dargeboten hätten!

justice for sikhs murdered_ tortured_ missing_ jailed_ raped by the indian govtIch hoffe, dass es Frauen geben wird, die tapfer genug sind, um genauso Zeugnis über ihre Vergewaltiger abzulegen, wie die Zeugen, die mutig vorgetreten sind, um gegen Politiker und andere Leute auszusagen, die zu den Übergriffen und Morden von 1984 aufgerufen hatten. Und der Rest von uns, in Indien und in der gesamten Welt, muss aufwachen und sie auf jedem Schritt dieses Weges unterstützen, bis ihnen Gerechtigkeit widerfährt!

©  Die Kampagne „50 Million Missing“ (50 Millionen verschwunden). Alle Rechte vorbehalten. Bitte beachten Sie bei Weitergabe unsere Hinweise zum Copyright.

ZUR AUTORIN

Rita Banerji ist Autorin, Frauenrechtsaktivistin und Begründerin von „50 Million Missing“  (50 Millionen fehlen), einer Kampagne zur Beendung des Völkermords am weiblichen Geschlecht in Indien. Ihr Buch  Sex and Power: Defining History Shaping Societies ist ein historischer und gesellschaftlicher Blick darauf, wie die Beziehung von Geschlecht und Macht in Indien zum anhaltenden weiblichen Genderzid führte. Ihre Webseite ist zu finden unter www.ritabanerji.com. Sie bloggt auf  Revolutions in my Space und twittert auf @Rita_Banerji

ZUR ÜBERSETZERIN
Melanie Beaven wurde in Hamburg geboren und lebt seit 2004 in England. Sie hat verschiedene Übersetzungstätigkeiten ausgeführt, unter anderem auch Texte über das babylonische Justizsystem. Sie ist Diakonin in der Methodistischen Kirche in Großbritannien; ihre Interessensschwerpunkte sind Feministische Theologie und der interreligiöse Dialog.

Husband Eaters! Das Schicksal von Indiens Witwen

Aus dem englischen Original übersetzt von Jacqueline Knorr

Um die Online-Fotoausstellung zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild. Copyright Claude Renault© .

Was bedeutet es, in einem Land, in dem Millionen von Frauen ihr Leben durch Kindstötungen, Frauen- , Mitgift- oder „Ehren-„Morde verlieren, eine Frau zu sein, die ihren Ehemann überlebt hat (genannt auch Husband Eater = Ehemännerfresser). Was bedeutet es, eine Witwe in Indien zu sein?

Die Stadt Vrindavan in Nordindien wird manchmal als „Stadt der Witwen“ bezeichnet, weil sie Tausende von Witwen beherbergt, die aus ganz Indien hergezogen sind. Es folgt ein Auszug aus einem Artikel von Neha Dixit, in dem sie eine herzzerreißende Beschreibung davon gibt, wie das Leben für die Witwen in Vrindavan ist.
Mehr von diesem Beitrag lesen

Woran sterben Indiens kleine Mädchen?

Flower. Mamallapuram

Foto von Claire Pismont©

 von Rita Banerji

Aus dem englischen Original übersetztvon Alexander Ohnmeiß

Der folgende Text ist ein bearbeiteter Auszug aus einem Artikel von Rita Banerji, ursprünglich veröffentlicht im „Women’s News Network“. [Lesen Sie hier den vollständigen Artikel.]

Ein Bericht der UN-DESA (United Nations, Fachabteilung für sozialwirtschaftliche Angelegenheiten) aus dem Jahr 2012 beschäftigt sich mit den Sterblichkeitsraten von Neugeborenen und Kleinkindern im weltweiten Vergleich. Darin wird eine schockierende Tatsache ganz deutlich: Indien weist eine unnatürlich hohe Sterblichkeitsrate bei weiblichen Kindern der Altersgruppe von 1 bis 5 Jahren auf –  weitaus höher als bei jedem anderen der 150 untersuchten Länder, von denen einige, z.B. die afrikanischen, weitaus ärmer sind als Indien!

Der Bericht zeigt, dass in Indien die Sterblichkeitsrate für ein Mädchen im Alter von 1 bis 5 Jahren um 75% höher liegt als bei einem Jungen der gleichen Alterskategorie. Auf 56 verstorbene männliche Kleinkinder im Alter von 1 bis 5 Jahren kommen demnach 100 weibliche Todesfälle. Statistisch betrachtet müsste die Relation umgekehrt sein. Üblicherweise haben Mädchen dieses Alters aufgrund biologischer Vorteile eine  höhere natürliche Überlebensrate. Und so beläuft sich das Verhältnis in dieser Altersgruppe für den Rest der Welt auf 116 verstorbene Jungen zu nur 100 Todesfällen unter den Mädchen.

Was verursacht diese alarmierend hohe Todesrate bei Indiens kleinen Mädchen??

Laut einem in 2011 veröffentlichten Untersuchungsbericht, aus  Archives of Pediatrics and Adolescent Medicine“, einer Zeitschrift für Kinder- und Jugendheilkunde, besagt eine gemeinschaftliche Studie des „Indian Council of Medical Research“ und der „Harvard School of Public Health“ , dass die unnatürlich hohe Sterblichkeitsrate von Mädchen in Indien auf die vorherrschende häusliche Gewalt zurück zu führen ist, die sich gezielt gegen weibliche Personen richtet, nicht aber gegen den männlichen Nachwuchs!

Indian baby

Foto von Zuhair Al-Traifi ©

In den betroffenen Familien waren es dem Bericht nach nicht nur erwachsene Frauen, die durch  häusliche Gewalt ums Leben kamen, sondern Mädchen gleichermaßen. Von 1985 bis 2005 gesammeltes Datenmaterial zu Lebendgeburten in Indien macht deutlich, dass 1,2 Mio. der in diesem Zeitraum geborenen Mädchen bereits als Säuglinge getötet wurden. Weitere 1,8 Mio. wurden getötet, bevor sie das 6. Lebensjahr erreicht hatten!!! Somit wurden von den innerhalb dieser 20 Jahre geborenen Mädchen 3 Millionen getötet, bevor sie 6 Jahre alt waren.

Diese Studie bestätigt, dass Mädchen ein deutlich höheres Risiko haben, an häuslicher Gewalt zu sterben, als Jungen.  Während bei Mädchen im Altern von 1 bis 5 Jahren die Wahrscheinlichkeit aufgrund häuslicher Gewalt zu sterben um 21 % höher liegt als bei Jungen im selben Alter, liegt sie bei weiblichen Säuglingen bis zu ihrem ersten Geburtstag sogar 50% höher als bei den männlichen.

Der Leiter dieser Untersuchungen, Dr. Jay Silverman, äußerte sich abschließend: „Wenn du in Indien als Mädchen in eine Familie geboren wirst, in der deine Mutter misshandelt wird, verringert das deine Chancen, deine frühe Kindheit zu überleben, beträchtlich. Schockierenderweise ist diese Gewalttätigkeit aber keine Bedrohung für dein Leben, wenn du das Glück hattest, als Junge zur Welt zu kommen.“

Bracelets. Tiruparankundram

Foto von Joel Dousset ©

Eine weitere Methode Indiens kleine Mädchen aus der Welt zu schaffen ist die bewusste und jeglichem Missbrauch gleichkommende Vernachlässigung elterlicher Pflichten. Ein Untersuchungsbericht der UNICEF hatte 2007 festgestellt, dass bei Mädchen unter 5 Jahren die  Sterblichkeitsrate 40 Prozent höher war als die gleichaltriger Jungen. So lassen Familien ihre Töchter absichtlich hungern, verweigern ihnen Nahrung entweder gänzlich oder geben ihnen die Überreste,  sollten die männlichen Familienangehörigen etwas übrig gelassen haben. Bei Erkrankungen der Mädchen, lassen Familien die Töchter oft lieber sterben als Geld für medizinische Versorgung auszugeben.

Das Töten weiblicher Säuglinge hat eine lange Tradition in Indien und erschreckenderweise hat jede Region ihre eigene, gebräuchliche Art,  wie das Ertränken des Neugeborenen in einem Eimer Milch, das Füttern mit Salz oder das Begraben des lebenden weiblichen Säugling in einem tönernen Topf. In den Familien der Mittel- und Oberschicht jedoch finden sich noch hinterhältigere Tötungsmethoden. Oft wird ein Unfall als Todesursache vorgetäuscht, oder das Herbeiführen „natürlicher“ Erkrankungen, um polizeilicher Verfolgung zu entgehen.

In einer von der indischen Registierungsbehörde veranlassten Studie, die 2010 in der medizinishen Zeitschrift “The Lancet,” veröffentlicht wurde, kam ein merkwürdiger Umstand ans Tageslicht: In Indien sterben Mädchen im Alter von 1 Monat bis 5 Jahren 4 bis 5-mal häufiger an Lungenentzündung und Durchfallerkrankungen als gleichaltrige Jungen.

Aber warum sterben die Mädchen ausgerechnet an diesen 2 Krankheiten?

The Eyes Have It....(Surprise)

Foto von Akash Banerjee ©

Die schockierende Antwort findet man in einer Beobachtung der indischen Autorin Gita Aravamudan, wie beschrieben in ihrem 2007 erschienenen Buch „Disappearing Daughters“ (direkte Übersetzung: „Verschwindende Töchter“). Während ihrer Besuche in den Regionen Indiens, in denen weibliche Säuglingsmorde auf der Tagesordnung stehen, machte Aravamudan die Erfahrung, dass die gängig verwendeten Tötungsmethoden sich durchaus schnell entlarven lassen und daraufhin eine polizeiliche Überführung eingeleitet werden kann. „[Um eine Verhaftung zu vermeiden] ersinnen Familien noch qualvollere Mordpraktiken [für weibliche Kleinkinder]…“ Das Hervorrufen einer Lungenentzündung war die moderne Methode. Das Neugeborene wurde entweder direkt nach der Geburt, oder wenn es vom Krankenhaus nach Hause gebracht wurde in ein feuchtes Tuch gehüllt oder in kaltes Wasser getaucht. Nach einigen Stunden, falls es noch am Leben war wurde der Säugling zu einem Arzt gebracht der die Lungenentzündung feststellte und die entsprechenden Medikamente verschrieb. Diese warfen die Eltern jedoch postwendend in den Abfall. Wenn dann das kleine Geschöpf schlussendlich gestorben war, hielten die Eltern ein ärztliches Attest in Händen, dass eine „gewöhnliche“ Lungenentzündung nachwies. In anderen Fällen wurden weibliche Säuglinge an einen Alkoholtropf gehängt, um künstlich schweren Durchfall zu induzieren – eine weitere „attestierbare Erkrankung“.

karishma-blog1

Karishma mit 2 Jahren, Foto von Rita Banerji ©

Als Gründerin der Kampagne „50 Million Missing“, die darauf hinarbeitet, ein weltweites Bewusstsein für den anhaltenden, systematischen Völkermord/Geschlechtermord am weiblichen Geschlecht in Indien zu schaffen, sind mir solche Umstände nur zu vertraut. Vor 2 Jahren hat sich unsere Aktion in den Fall eines kleinen Mädchens namens Karishma eingeschaltet, dessen Familie sich ihrer entledigen wollte und zahlreiche Versuche unternommen hatte, sie zu töten. Lesen Sie Karishmas Geschichte hier.

©  Die Kampagne „50 Million Missing“ (50 Millionen verschwunden). Alle Rechte vorbehalten. Bitte beachten Sie bei Weitergabe unsere Hinweise zum Copyright.

ÜBER DIE AUTORIN

Rita Banerji

ist Autorin, Frauenrechtsaktivistin und Begründerin von „50 Million Missing“ (50 Millionen fehlen), einer Kampagne zur Beendung des Völkermords am weiblichen Geschlecht in Indien. Ihr Buch  ‘Sex and Power: Defining History Shaping Societies ist ein historischer und gesellschaftlicher Blick darauf, wie die Beziehung von Geschlecht und Macht in Indien zum anhaltenden weiblichen Genderzid führte. Ihre Webseite ist zu finden unter www.ritabanerji.com. Sie bloggt auf  Revolutions in my Space und twittert auf @Rita_Banerji

ÜBER DIE FOTOGRAFEN

Die Fotos in diesem Beitrag sind von Mitgliedern der Kampagne „50 Million Missing“. 2400 Fotografen aus der ganzen Welt unterstützen den  „50 Million Missing“-Fotopool auf flickr. Um weitere Arbeiten der einzelnen Fotografen zu sehen, klicken Sie auf die Fotos um zu den entsprechenden Seiten des jeweiligen Fotografen zu kommen.

%d Bloggern gefällt das: