Husband Eaters! Das Schicksal von Indiens Witwen

Aus dem englischen Original übersetzt von Jacqueline Knorr

Um die Online-Fotoausstellung zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild. Copyright Claude Renault© .

Was bedeutet es, in einem Land, in dem Millionen von Frauen ihr Leben durch Kindstötungen, Frauen- , Mitgift- oder „Ehren-„Morde verlieren, eine Frau zu sein, die ihren Ehemann überlebt hat (genannt auch Husband Eater = Ehemännerfresser). Was bedeutet es, eine Witwe in Indien zu sein?

Die Stadt Vrindavan in Nordindien wird manchmal als „Stadt der Witwen“ bezeichnet, weil sie Tausende von Witwen beherbergt, die aus ganz Indien hergezogen sind. Es folgt ein Auszug aus einem Artikel von Neha Dixit, in dem sie eine herzzerreißende Beschreibung davon gibt, wie das Leben für die Witwen in Vrindavan ist.

von Neha Dixit

Zwei Stunden von Delhi entfernt liegt Vrindavan, der Ort, an dem das dunkle Zeitalter des Patriarchats noch intakt ist. Vrindavan ist voll von Frauen, die alle aufgrund ihrer Sünde ein „Husband Eater“ zu sein, den gleichen Bräuchen zu folgen gezwungen wurden.

Nach Angaben von Bishen Vaishnav, dem Priester im Banke Bihari Tempel, strömten Witwen seit über 150 Jahren hierher. Sie kamen entweder aus eigenem Willen oder wurden von der Familie gezwungen, sich einem aus zwei Mahlzeiten und Hingabe bestehenden Leben zu unterwerfen.

Parvati Devi ist 70. Sie erzählt eine Geschichte, die die einer jeden Witwe hier sein könnte:  Sie war die Älteste (von neun Geschwistern) und wurde (im Alter von 12 Jahren) mit einem 40-jährigen Mann verheiratet. Der Mann starb an Diarrhö als sie 15 Jahre alt war. Über Nacht wurde sie zur Ausgestoßenen. In der Blüte ihrer Jungend musste sie sich erst noch mit ihrer Pubertät arrangieren. „Meine Schwiegermutter gab mir die Schuld. Mein Mann starb, weil er während meiner Periode Geschlechtsverkehr mit mir hatte. Das ist eine Sünde und sein Tod war die Strafe Gottes.“ Parvati sagt, ihr Mann war ein „guter Mann“,  hat aber nur schwache Erinnerungen daran, wie er aussah. „Selbst das Leben eines Schweins ist besser als das einer Witwe.“

Offizielle Daten zeigen, dass 50 Prozent der Witwen in Vrindavan Familien in ihren Herkunftsorten haben. Die Zahlen sind Andenken an die frauenfeindlichen Bräuche der Witwenächtung.

In Vrindaven gibt es sechs Heime staatlicher und nichtstaatlicher Einrichtungen, die insgesamt 800 Frauen beherrbergen. Die anderen 20.000 (Witwen) bleiben sich selbst überlassen.

Die Frauen, die von Antyodaya [NGO] abhängig sind, müssen mit fünf Rotis (ungesäuertes Brot) am Tag als einziger Nahrung überleben. Sie bekommen weder Gemüse, noch Eiweiß, Obst oder Milch. Unzureichende medizinische Behandlung führt jedes Jahr zu Todesopfern durch Tuberkolose und Lungenentzündungen.

Frauen haben auch ein Anrecht auf eine halbjährliche Rente von Rs. 1.800.  Allerdings haben sie diese in den letzten vier Jahren gar nicht erhalten.

Da die meisten Frauen Analphabeten sind, suchen sie Hilfe bei Beamten, um ihre Kontoinformationen zu vervollständigen… In all diesen Jahren waren es die Beamten, die das ganze  Geld (an Stelle der Witwen) erhielten.

Ohne staatliche Hilfe und ohne Einkommen, kommt es häufig zu Fällen von Ausbeutung, Leihmutterschaft und Sexarbeit. [Eine junge Frau namens Rupa sagt:] „Als Sevadasi (Tempeldiener), vom Ashram (ähnlich Kloster) abhängig, um am Leben zu bleiben, tun wir es für die Priester, die Spender. Es ist besser als seinen eigenen Körpers täglich in Gaura Nagar (dem Rotlichtviertel von Vrindavan) zu verkaufen und sich mit AIDS anzustecken.“ [Eine weitere junge Witwe, die als Leihmutter von einem britischen Ehepaar angeheuert wurde, hat nur die Hälfte von dem, was ihr versprochen wurde, erhalten und das Paar ist dann mit dem Kind verschwunden!]

Im September 2012 wurde berichtet, dass die Leichen einiger Insassen, die in diesen NGO- Heimen verstorben waren,  in der Nacht von Straßenkehrern abgeholt, in Stücke geschnitten, in Jutesäcke gepackt und entsorgt wurden. Dies war auch ein Akt der Gnade,  nachdem die Insassen Geld gesammelt und den Straßenkehrer bezahlt hatten.

Es ist schwer zu verstehen, dass diese Ashrams seit Jahrhunderten existieren und noch immer kein Modell für die Unhabhängigkeit der Witwen entwickelt haben. Es wurden keinerlei Versuche unternommen, Fähigkeiten für eine erfolgreiche Erwerbstätigkeit zu unterstützen.

Als ich Uma Shankar, ein Mitglied der Geschäftsführung, nach den beruflichen Fähigkeiten fragte, die den Frauen vermittelt würden, sagt er, „Uski kya zaroorat hai? Yahan sabhi parivarik mahilayein hain.” (Warum ist das erforderlich? Sie sind alle Hausfrauen.)

Einige dieser Ashrams sind das Eigentum von Unternehmen. Vrindavan ist auch ein Ort, um die Nuancen von Corporate Social Responsibility-Projekten, die sich bequem um religiöse Alternativen winden, zu studieren.

ZUR AUTORIN

Neha Dixit ist eine offiziell ausgezeichnete  Journalistin aus New Delhi, Indien. Sie deckt die Bereiche Entwicklung, Geschlecht (Gender) und Konflikte in Südasien ab und berichtet durch verschiedenste Medien, wie unter anderem auch onlineprint und Fernsehen. Für einen weiteren genderbezogenen Bericht von Neha Dixit klicken Sie bitte hier. Sie twittert auf @nehadixit123

ZUM FOTOGRAFEN

Claude Renault ist ein professioneller Fotograf aus Brittany (Frankreich) und außerdem aktives Mitglied der 50 Million Missing Campaign’s Photographers’ Group, die von mehr als 2400 Fotografen und Künstlern auf der ganzen Welt unterstützt wird. Seine Webseite ist zu finden unter  www.clauderenault.fr/

ZUR ÜBERSETZERIN

Jacqueline Knorr ist vor 9 Jahen von Berlin in die Karibik ausgewandert und ist heute eine freischaffende Stewardess auf privaten Jachten in der Karibik und in Europa. Momentan ist sie unter anderem damit beschäftigt, ein schwimmendes Gästehaus auf St. Maarten zu bauen, um mit einem Teil des Profits das lokale Tierheim und andere Wohltätigkeitsorganisationen zu unterstuetzen.

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Über THE 50 MILLION MISSING CAMPAIGN
This is a global campaign against female genocide in India that raises public awareness about factors like female feticide, infanticide, intentional starvation, and dowry murders that have annihilated more than 50 million women from India in 3 generations. Please support our petition for the enforcement of relevant laws in India.

2 Responses to Husband Eaters! Das Schicksal von Indiens Witwen

  1. Thank you for the translation Jacqueline! We have you on our ‚Patrons page‘ now! http://genderbytes.wordpress.com/patrons/

  2. Pingback: Babys im Sand ertränkt und keinen interessiert’s… | The 50 Million Missing Campaign: "50 Millionen verschwunden"

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