Neera Chopra: Ich beschützte meine Tochter, so wie es alle Eltern tun sollten!

Aus dem englischen Original übersetzt von Laura Gerber

Miss-India-World-Pooja-Chopra Zur “Miss India World” gekrönt wurde Pooja Chopra im Jahr 2009. Als sie ihren Titel in Empfang nahm, sagte sie:  „Heute stehe ich als Miss India hier und weiß nicht einmal, ob meinem Vater bewusst ist, dass ich es bin, seine Tochter, die aufgebrochen ist, um die Welt zu erobern – mit einer Krone auf meinem Kopf.”

Die Wahrheit ist, dass Pooja Chopra eines von Millionen kleiner Mädchen hätte sein können, welche in Indien nach ihrer Geburt umgebracht werden, nur weil sie als Mädchen zur Welt gekommen sind! Sie lebt, weil ihre Mutter, Neera Chopra, sich weigerte, dem Druck ihre Tochter zu töten, nachzugeben und statt dessen entschied, die große Bürde auf sich zu nehmen, die es bedeutete, ihre Töchter zu beschützen und aufzuziehen.

Die meisten Menschen vermuten, dass Armut und Analphabetismus Eltern in Indien zwingen ihre Töchterchen umzubringen. Doch dies ist ein Trugschluss! Tatsache ist, dass die einzige Schicht, in der sich die Relation der Geschlechter normal entwickelt, die der Ärmsten 20% ist. Je mehr Wohlstand eine Familie besitzt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich ihrer Mädchen entledigt! (Für weitere Informationen klicken Sie hier.) Ein solches Mädchen hätte Pooja Chopra sein können – hineingeboren in eine wohlhabende, gebildete, einer Mittelschicht angehörigen Familie in Indien.

Als Pooja 20 Tage alt war, stellte der Vater ihre Mutter vor die Wahl : Entweder das Kind zu töten oder sich aus der Ehe zu verabschieden! Als ihr Vater eines Tages versuchte, sie mit einem Kissen zu ersticken, entschied sich ihre Mutter zu gehen.

Poojas Mutter Neera spricht über ihr Leben, ihre Entscheidung ihre Kinder zu beschützen, und über die Anstrengungen, die es kostete, ihre beiden Töchter aufzuziehen. Sie sagt: „Mein Mann war gut situiert, doch die Ehe begann schon früh zu scheitern. Wie die meisten Frauen versuchte ich, gegen alle Schwierigkeiten anzugehen. Meine angeheiratete Verwandschaft bestand darauf, dass alles in Ordnung gewesen wäre, hätte ich einen Sohn gehabt. Mein erstes Kind war eine Tochter und diese Tatsache brachte mir nichts Gutes (…) Ich konnte jedoch nicht davon laufen. Denn ich hatte bereits meinen Vater verloren und mein Bruder war dem noch nicht ganz gewachsen (…) Ich wollte nicht zur Last meiner Familie werden und lebte so bis auf weiteres an meinem Eheort in Kalkutta.

Wie die meisten indischen Frauen, versuchte Neera Chopra zufrieden und dienstbar gegenüber ihrem Mann und dessen Familie zu sein und nahm sogar Misshandlungen und Gewalt hin, in der Hoffnung, ihnen zu gefallen und so ihre Ehe am Laufen zu halten.

Sie erklärt: „Ich pflegte meine Schwiegermutter, die an Krebs litt. Während ich sie badete, stellte ich mir vor, sie würde mich segnen und die Dinge zum Guten richten. Ich verstehe nicht wie ich all das ertragen konnte. Das Geringste, was ein Ehemann tun kann, wenn er flirtet ist, dass er dies nicht seiner Frau gegenüber zur Schau stellt.  Dann begannen die Misshandlungen. Ich wollte immer noch meine Ehe retten. Obwohl ich reine Vegetarierin war, lernte ich nichtvegetarische Delikatessen zu kochen und dachte mir, das würde ihn freuen. Dann wurde ich wieder schwanger. Als ich Pooja im achten Monat trug, brachte mein Ehemann ein Mädchen nach Hause und kündigte mir an, er werde sie heiraten. Ich dachte daran, mich umzubringen. Ich klammerte mich an die schwache Hoffnung, dass wenn das Kind ein Junge wäre, dies meine Ehe retten könnte.“

Dennoch gebar Neera ein zweites Mädchen, Pooja. Sie erzählt, wie sie von ihrem Ehemann und dessen Familie behandelt wurde, bevor sie ihr ein letztes Ultimatum stellten: Entweder Pooja zu töten oder die Familie zu verlassen.

Sie sagt: „Als Pooja als Mädchen geboren wurde, kam drei Tage lang niemand ins Krankenhaus. Im Bett gegenüber befand sich jemand, der so freundlich war, mir Babykleider zu schenken, welche Pooja tragen konnte. Als Pooja 20 Tage alt war, musste ich eine Entscheidung treffen. Ich verliess das Haus mit meinen Mädchen – Pooja und Shubra, damals 7 Jahre alt. Seither habe ich meinen Mann nicht mehr gesehen. Ich schwor mir, wenn wir auch nur einen Roti hätten, wir würden ihn teilen, aber miteinander.“

Aber es war nicht einfach für Neera, ihre beiden Töchter alleine aufzuziehen. Es war ein Überlebenskampf für sie alle, besonders nachdem sie aus ihrer Ehe ausgebrochen war. Wie kamen sie zurecht? 

Neera sagt: „Um die Wahrheit zu sagen, legte ich einen Chatai (Matratze) auf den Boden, hinterliess zwei Milchglässer und etwas Essen und verriegelte die Tür von aussen bevor ich zur Arbeit ging. [Nachts an der Taj Colaba]. Den Schlüssel hinterliess ich bei den Nachbarn und sagte den Kindern, sie sollten nach diesen rufen, wenn es Zeit wurde, zur Schule zu gehen (…) um Schuhe, Socken, Uniformen musste ich kämpfen (…) Pooja lief vier Bushaltestellen zur Schule (…)[und] noch zu klein um alleine die Strasse zu überqueren, bat sie Passanten um Hilfe. Ich musste das Geld für den Bus sparen, damit ich den Kindern etwas Milch geben konnte.

Neera erzählt auch, wie ihre beiden Töchter sie unterstützten und ihr  Mut machten, weiter zu gehen. „Während dieser Jahre war Shubhra mein Anker und Pooja mein Fels. Poojas kleine Hände haben meine Tränen weggewischt als ich zusammenbrach. Sie stand für mich auf, wenn ich nicht für mich sprechen konnte. Akademisch brilliant wie sie war, nahm sie in der Schule zusätzlich an allen Aktivitäten ausserhalb des Lehrplans teil. Wenn sie Stöckelschuhe brauchte, um zu modeln, machte sie eigenartige Shows und kaufte sie sich selbst.”

Interessanterweise glaubt Pooja, dass ihr Erfolg in der Model -und Schönheitsindustrie, als frohlockende ‚Miss India‘, eine Art Rückzahlung an ihre Mutter sei, welche ihr erlaubt hatte, zu leben. Sie glaubt, ihr Erfolg sei der Sieg ihrer Mutter. Hingegen denkt ihre Mutter, dass sie nichts Außergewöhnliches getan hätte. Sie tat was alle Eltern für ihre Kinder tun sollten!

Pooja Chopra glaubt, ihre Mutter sei die wahre Heldin und Siegerin in ihrem Leben. Sie sagt:All die Mädchen in dem Schönheitswettbewerb [Miss India] arbeiteten hart, aber mein Vorsprung war die Aufopferung meiner Mutter, ihr Karma. Wenn mich heute Menschen anrufen um mir zu gratulieren, schenken sie nicht mir die Anerkennung, sondern dem Leben und dem Kampf meiner Mutter. Sie ist die eigentlich Vermögende. Sie ist mein Licht, mein Lehrmeister, meine Antriebskraft.”  

Pooja erzählt: „Als meine Mutter meinen Vater verließ, sagte sie zu ihm, ‚Eines Tages wird mich dieses Mädchen stolz machen.‘ Mein ganzes Leben lang wollte ich, dass meine Mutter stolz darauf ist, sich für mich entschieden zu haben.”

Neera hingegen sieht das anders. Sie sagt: „Ich bereue nichts (…) Ich mache weiter meinen Job, komme nach Hause und nehme Unterricht, wie ich es all die Jahre getan habe. Ich erledige auch all meine Haushaltspflichten selbst (…) Als Mutter habe ich nichts Grossartiges getan.”

© Die Kampagne „50 Million Missing“ (50 Millionen verschwunden). Alle Rechte vorbehalten. Bitte beachten Sie bei Weitergabe unsere Hinweise zum Copyright.


Bitte beachten Sie:  Wir hatten außerdem eine Umfrage zu Poojas Geschichte eingefügt. Die den Lesern gestellte Frage lautete:  Sollen wohlhabende und glamouröse Frauen wie Pooja als Rollenmodell dienen, um Menschen in Indien davon zu überzeugen, ihre Töchter nicht zu töten?

Es konnte zwischen diesen beiden Optionen gewählt werden:

  1. NEIN — weil die Ansage, die Indien braucht jene ist, dass kein Elternteil das Recht hat, sein Kind zu töten, egal ob das Kind erfolgreich wird oder nicht! Wenn sie einen Sohn aufziehen können, gibt es keinen Grund, warum sie keine Tochter großziehen können!
  2. JA  ––  weil Inder ihre Kinder als wirtschaftliche Investition betrachten. Also müssen wir indischen Eltern einen wirtschaftlichen Anreiz geben, ihre Töchter nicht zu töten, dadurch dass wir erfolgreiche, bekannte, wohlhabende Frauen als Rollenmodelle benutzen.
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Über THE 50 MILLION MISSING CAMPAIGN
This is a global campaign against female genocide in India that raises public awareness about factors like female feticide, infanticide, intentional starvation, and dowry murders that have annihilated more than 50 million women from India in 3 generations. Please support our petition for the enforcement of relevant laws in India.

2 Responses to Neera Chopra: Ich beschützte meine Tochter, so wie es alle Eltern tun sollten!

  1. i saw a film aashiqui 2 yesterday:

    Aashiqui 2: a gender analysis

    I am rather sad to see that the hero of ASHIQUI 2 has had no other option than to commit suicide to come to terms with his life. He could either also have adjusted his career with that of his beloved, whom he himself made into what she finally was, a famous singer and a budidng actress too. Or else he could also have just accepted the fact that now that he had achieved his goal and she became famous, that he remains in the position he himself forced himself into. It was rather obvious that he was not at all like those who run after fame and the like. He was not dependent upon others comments or recognitions, as the film shows right in the beginning. He had a strong will of his own. He does what he likes to and so why did he feel threatened towards the end in the film, as she started becoming famous? Here the gender dimension comes in. it is normal that women accept having no career or sacrificing it for sake of love and family but if men have to do it, they are not able to also bcoz he is considered to be a weak man.

    So many women in the world give up their career for the sake of the upkeep of their family for the love they have for their husbands and their children. Many give up their good jobs and move to the place where the husband has a job even if it is not necessarily the place they like to be in. and nobody finds this disturbing, in fact it gives her a good name too. If however she decides to stay where she wants to for sake of her job, career or whatever else she is considered to be a bad woman, wife or mother.

    The other thing I found very stereotypical, was that the hero as usual in an accident on the road discovers the woman of his liking and becomes the active moulder of her life. He is the one who takes conrol over her life and she follows. She slowly falls in love with him and is prepared to do anything for his welfare. The question arises why it is so that men can actively decidie whom they like and want their love and the women have to follow. Could it not be once so, that the women decide on their own terms whom they want and like to chose as their future partner or friend. Fact is that it is always the men who are projected as the adventurists who follow their dreams and the women are passiv followers.

    Though it is nice to see the innocent love between the two young and beautiful lover couples it is also tormenting to witness how the man due to his uncontrollable desire for alchohol, destroys all that could be beautiful between the two.

    When will bollywood show active heroines and happy, passive heroes? The cases of housemen and -husbands becoming more and more appreciated models in \germany, may also happen in India.

    It would give men a chance to reflect upon their own roles and responsibilities once again.

  2. Thank you for the translation Laura! We have you on our ‚Patrons page‘ now! http://genderbytes.wordpress.com/patrons/

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