Wenn #Mütter ihre Töchter #töten

Aus dem englischen Original übersetzt von Melanie Beaven

Dieses Foto zeigt eine Frau mit ihren zweieiigen Zwillingen – einem Jungen und einem Mädchen.

Wenn man sich die Babys auf diesem Foto anschaut, ist unschwer zu erkennen, welches der beiden das Mädchen ist. Es ist das Baby auf der rechten Seite, zum Skelett abgemagert und nur halb so groß wie ihr Bruder. Sie starb einen Tag nachdem dieses Foto aufgenommen wurde.

Die Mutter hatte auf Anraten ihrer Familie entschieden, nur den Jungen zu stillen, nicht aber das Mädchen. Achten Sie darauf, wie zärtlich sie den Kopf des Jungen hält. Das Mädchen wird nicht gehalten. Nicht einmal die Flasche wird festgehalten! Die Körpersprache der Mutter drückt Ablehnung gegenüber dem Mädchen aus. Der Größe des Jungen zufolge sind die Kinder ungefähr fünf oder sechs Monate alt, was für das kleine Mädchen einen langsamen und qualvollen Hungertod bedeutet haben muss.

Angesichts dessen, dass es sich bei diesen Archivaufnahmen um ein Schwarzweißfoto handelt, entstand es schätzungsweise in den Achtzigerjahren.

Aber ist es im heutigen Indien anders??

Vor einigen Tagen warf Deepika Parma, die in einem Krankenhaus in Mumbai zweieiige Zwillinge – einen Jungen und ein Mädchen – geboren hatte, ihre Tochter heimlich aus dem Badezimmerfenster des Krankenhauses. Danach alarmierte sie das Personal, dass ihre Tochter angeblich entführt worden sei. Als die Angestellten begannen, fieberhaft das Krankenhausgrundstück abzusuchen, entdeckte jemand auf den Aufzeichungen der Überwachungskameras, dass Deepika das Badezimmer mit ihrem Baby im Arm betreten hatte, aber mit leeren Händen wieder heraus kam. Auf Befragen gab Deepika zu, dass sie tatsächlich ihr Baby aus dem Fenster geworfen hatte.

Der Sturz hatte den Schädel des Babys zerschmettert, tötete es jedoch nicht sofort. Als Krankenhausangestellte zu ihrer Rettung kamen, hatten Ratten bereits begonnen, an ihr zu nagen und sie wimmerte leise. Später erlag sie ihren Verletzungen.

Deepika ist kein Einzelfall. Obwohl die meisten Tötungen weiblicher Babys in Indien nicht zur Anzeige gebracht werden, liest man sehr häufig Berichte über eine Mutter, die ihren weiblichen Säugling getötet hat – oftmals in der hintersten Ecke einer Zeitung. Kindstötungen finden heutzutage in ganz Indien statt. Tatsächlich werden in Indien jährlich tausende weiblicher Kinder getötet und die Mehrheit dieser Taten wird von Frauen verübt – Müttern, Großmüttern und Hebammen.

Pammi, eine 25-Jährige, die ihre nur einen Tag alte Tochter erwürgte, während sie sich noch im Krankenhaus in Delhi befand, behauptete ursprünglich, dass ihre Tochter eines „natürlichen Todes“ gestorben sei. Später gab sie jedoch zu: „Ich wollte kein Mädchen. In unserem Dorf in Bihar gilt dies als schlechtes Omen. Also habe ich sie umgebracht.“ Pammi hat zwei Jungen und wollte noch einen.

Seema Sai aus West Bengalen bekannte sich des Ertränkens ihrer zwei Töchter (zwei Jahre und neun Monate alt) in einem Stausee schuldig. Als Motiv gab sie an, sie hätte aufgrund der Tatsache, dass sie Mädchen hatte, im Haus ihrer Schwiegerfamilie regelmäßig Sticheleien erdulden müssen.

In Tamil Nadu heckte die 21 Jahre alte Revathy zusammen mit ihrer Mutter den Plan aus, ihre Kinder zu töten, während diese noch im Krankenhaus waren. Nachdem sie die Kinder aus dem Raum mit den Brutkästen geschmuggelt hatte, schnitt Revathy einem ihrer neugeborenen Zwillingsmädchen die Kehle durch, während ihre Mutter das andere erdrosselte. Beide gaben an, enttäuscht darüber gewesen zu sein, dass die Kinder weiblich waren. Nach der Tötung der Babys versuchten die zwei Frauen allerdings, dem Krankenhaus die Schuld zuzuweisen (Hier ist ein Video.)

Ein Fall, in den die Kampagne „50 Million Missing“ involviert war, ist der von Baby Karishma. Karishmas Großmutter ließ sie hungern, misshandelte sie brutal und versuchte mehrfach, sie zu ermorden. Der Großvater des Mädchens ist ein Sarpanch (Leiter der dörflichen Rechtsinstanz) und es handelt sich um eine wohlhabende Familie von Grundbesitzern, die u.a. auch Obstplantagen besitzt. Es war nicht so, dass sie es sich nicht hätten leisten können, ein Kind aufzuziehen – sie wollten es einfach nicht. Karishma und ihre Mutter wurden in eine sichere Unterkunft gebracht und bekamen alle Unterstützung, die sie brauchten. Wir hatten bereits ein Strafverfahren gegen die Großmutter des Kindes väterlicherseits eingeleitet, als die Mutter mit Karishma heimlich und ohne jemanden darüber zu informieren, zum Haus ihrer Schwiegerfamilie zurück ging, obwohl sie sich darüber im Klaren war, dass sie damit das Kind in Gefahr bringen würde.

Die Frage ist: In welchem Maße machen wir diese Mütter für ihre Taten verantwortlich?

Ein Artikel in „The Telegraph “ argumentiert:

Sozialwissenschaftler und Aktivisten behaupten, dass die Mutter, die ihre Tochter tötet, in gleichem Maße Opfer ist, wie ihr Kind; beide sind denselben Kräften einer Gesellschaft ausgeliefert, deren Geschlechterverhältnis grausam einseitig verzerrt ist. Andererseits darf niemand einem Mädchen das Recht auf Leben verwehren. Ist es möglich, ein besonderes Gesetz für Mütter zu erlassen, die ihre weiblichen Babys töten? Wie könnte ein solches Gesetz formuliert werden? Würden dabei alle anderen Gegebenheiten unverändert bleiben, wer möchte sich das Grauen vorstellen, das sich dann ausbreiten würde [in einer Gesellschaft, in der Töchter in erster Linie unerwünscht sind]?

Würden wir das Opferargument allerdings gelten lassen, müssten wir diese Argumentation auch für andere Missbrauchsopfer gelten lassen, die dann selbst missbrauchen. Zum Besipiel waren die meisten Täter, die sich  sexueller Straftaten an Kindern schuldig gemacht haben, in ihrer Kindheit selbst Opfer sexuellen Missbrauchs. Hier muss das individuelle, unabhängige Recht eines jeden geborenen Kindes auf Leben und Sicherheit absoluten Vorrang haben. Ein Recht, das ihnen niemand, noch nicht einmal ein Elternteil, nehmen kann.

© Die Kampagne „50 Million Missing“ (50 Millionen verschwunden). Alle Rechte vorbehalten. Bitte beachten Sie bei Weitergabe unsere Hinweise zum Copyright.

ZUR AUTORIN

Rita Banerji ist Autorin, Frauenrechtsaktivistin und Begründerin von „50 Million Missing“ (50 Millionen fehlen), einer Kampagne zur Beendigung des Völkermords am weiblichen Geschlecht in Indien. Ihr Buch Sex and Power: Defining History Shaping Societies ist ein historischer und gesellschaftlicher Blick darauf, wie die Beziehung von Geschlecht und Macht in Indien zum anhaltenden weiblichen Genderzid führte. Ihre Webseite ist zu finden unter www.ritabanerji.com. Sie bloggt auf Revolutions in my Space und twittert auf @Rita_Banerji

ZUR ÜBERSETZERIN
Melanie Beaven wurde in Hamburg geboren und lebt seit 2004 in England. Sie hat verschiedene Übersetzungstätigkeiten ausgeführt, unter anderem auch Texte über das babylonische Justizsystem. Sie befindet sich derzeit in der Ausbildung zur Diakonin und beschäftigt sich im Rahmen ihres Studiums besonders mit feministischer Theologie.

Advertisements

Über THE 50 MILLION MISSING CAMPAIGN
This is a global campaign against female genocide in India that raises public awareness about factors like female feticide, infanticide, intentional starvation, and dowry murders that have annihilated more than 50 million women from India in 3 generations. Please support our petition for the enforcement of relevant laws in India.

7 Responses to Wenn #Mütter ihre Töchter #töten

  1. Rita Banerji says:

    Thank you for the translation Melanie!

  2. Seems i am the first to comment. This has to change. We europeans (is there still such a thing, europeans?) have to control what happens in Europe with immigrants from countries that are mysoginist. In the clinics, where abortion is performed after knowing the gender of the fetus, everywhere, this can’t be tolerated . India has a constitution? Declaring all people are alike ? Why the laws are not inforced? Why do these women such horrific things? We all know why, but politicians are we affraid to say clearly that a nation where these things are happening should be criticized openly . They should even consider to propose that India should go under observation from UNO in order to revise their membership status? They are violating all human rights as far as women are concerned!!!!!!!!!

    • Norway and the UK have already banned sex selective abortions because they found that Indian immigrants were using it to weed out daughters. But you are right, governments in the west do not criticize India like they would other countries because of the vested trade interest, since India viewed as the biggest ‚market.‘ Citizens in Europe must urge their governments to pressurize India and not trade in commerce for human rights.

  3. Renate says:

    Eine gute Freundin von mir wurde ungewollt schwanger. Da sie nun schon ungewollt schwanger war, hoffte sie,dass es ein Junge wird. Als ihr aber gesagt wurde,dass sie ein Mädchen bekommt, brach für sie eine Welt zusammen. Sie kann vier Jahre später ihre Tochter immr noch nicht lieben und hat einen grossen Hass auf sie.

    • Comment Moderator says:

      Das ist sehr traurig. Diese arme Frau muss eine Menge Selbsthass in sich tragen. Sie ist doch selbst eine Frau! Es ist ja nicht so als hätte dieses Kind eine genetische Störung! In diesem Fall sorgen sich viele Eltern um die Gesundheit des Kindes, die Lebensqualität usw. Heutzutage erlauben neue genetische Methoden Eltern die Haarfarbe zu wählen oder die Augenfarbe. Würden Eltern, die sich ein blondes Kind wünschen, eines hassen, das mit braunen Haaren geboren wird? Als Freundin sollten Sie Ihrer Freundin raten, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Und wenn sie eine Gefahr für das Kind darstellt, ist es Ihre menschliche Pflicht, dies dem Jugendamt zu melden.

  4. Zoe says:

    मैं इसके साथ कोई समस्या नहीं है! कम लोगों को कम लड़कियों मतलब. इसमें गलत क्या है? हम पहले से ही एक से अधिक आबादी है!

    • Comment Moderator says:

      Die Autorin des obigen Kommentars sagt (auf Deutsch übersetzt), sie habe kein Problem damit. Je weniger Mädchen, desto weniger Bevölkerung und davon hätten wir ja mehr als genug.

      Also Zoe, ist Ihrer Meinung nach Völkermord eine adäquate Methode, die Bevölkerungszahlen unter Kontrolle zu halten? Dafür haben wir doch wohl Möglichkeiten zur Geburtenkontrolle. Ihre Antwort ist sowohl unlogisch als auch extrem unethisch. Ähnlich wäre es, wenn wir bei einem Überschuss von 50 Millionen Frauen sagen würden, wir töten jetzt mal alle Männer und Jungen, so lange, bis das Gleichgewicht der Geschlechter wieder hergestellt ist. Wie logisch und ethisch würden Sie das finden?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: