„#Ehrenmorde“ – Eine Analyse

Aus dem englischen Original übersetzt von Matthew Brown

Alle paar Tage wird irgendwo in Indien ein junges Mädchen oder eine junge Frau von ihrer Familie oder der Gemeinde getötet, wegen des scheinbar schrecklichen Verbrechens, verliebt zu sein.

Viele dieser außergerichtlichen Tötungen (oder „Ehrenmorde“) werden von der Dorfjustiz, genannt Khap Panchayats, unterstützt. Obwohl die Khap Panchayats nicht offizieller behördlicher Natur sind, agieren sie außerhalb des indischen Systems von Recht und Ordnung und führen eine tyrannische Machtherrschaft über die Gemeinden, einschließlich der Polizei.

Hier ein Auszug (aus India Today) aus einem Gespräch, das ein Undercover-Journalist mit einem Polizisten führte. Es ging um ein Mädchen aus einem Dorf, das mit seinem Freund weggelaufen war.

Polizist: Wenn wir sie kriegen, werden wir Ihnen das Mädchen übergeben. Sie können sie verheiraten. Wenn ihr das nicht gefällt, dann tun Sie, was Sie vorgeschlagen haben. Aber ich würde das nicht vorschlagen. Es ist eine Sünde.  Wenn es jedoch ein großes Problem ist, dann töten Sie sie und entsorgen Sie sie selbst.
Reporter: Ich denke, das werden wir tun müssen.
Polizist: Falls Sie das tun, dann werfen Sie sie in den Dschungel oder hinter irgendwelche Büsche, aber weit weg von Ihrem Wohnort.
Reporter: Ja, wir werden es weit von zu Hause entfernt erledigen, was sonst.
Polizist: Schneiden Sie sie in Stücke und werfen Sie sie in irgendeinen Fluss. **** wird weit weg gespült werden.

Jagmati Sangwan, Präsident der „All India Democratic Women Association“ (AIDWA), (Bereich Haryana), der gegen „Ehrenmorde“ kämpft, sagt:

Khaps können einem Ehepaar mit einem zweijährigen Kind sagen, dass ihre Ehe die „Gotra“ (das Ehegesetz) verletzt habe und sie müssten jetzt „Rakhis“ (gesegnetes Band, das eine reine Beziehung zwischen Schwester und Bruder symbolisiert) binden, um zu Geschwistern zu werden. Wenn die Paare die Anweisungen nicht befolgen, werden ihre Familien geächtet. Dies war in dem Dorf in Haryana üblich. Familien wurden des Dorfes verwiesen, bekamen Rs 21.000 Geldstrafe, wurden mit Schuhen beworfen, ihnen wurden die Köpfe geschoren und es wurde auf sie uriniert. Gegen so etwas sollte es Gesetze geben. Das ist ein vielschichtiges Problem. Es gibt viele Fälle, in denen junge Mädchen die Opfer sind und es gibt keine Möglichkeit, ihnen zu helfen. Wenn sie einen Fehltritt begehen oder die Familien irgendetwas vermuten, werden sie getötet.

Was ist der wahre Grund für diese tyrannische Herrschaft und dafür, dass Gemeinden sich über das Gesetz stellen und sich das Recht herausnehmen, Menschen zu töten?

Es scheint, der wahre Grund für diese Vorgehensweise ist es, althergebrachte Hierarchien von Geschlechtern, Klassen, Religion und Kasten aufrechtzuerhalten. Jenen, die Machtpositionen innehaben, dient sie als Mittel, ihre Macht zu erhalten. Die ermordeten Opfer sind fast immer Personen, die in der Gesellschaft niedriger eingestuft werden – Mädchen und Frauen,  Männer aus unteren Kasten oder wirtschaftlichen Klassen.   Jagmati erklärt:

In dieser Altersgruppe werden Mädchen, nicht Jungen, regelmäßig getötet. Schullehrer in unserer Organisation berichten über das Verschwinden von Schülerinnen. Werden sie befragt, sagen die Familien Dinge wie z.B. das Mädchen hatte Magenschmerzen und starb. Es gibt eine so starke Akzeptanz dieser Taten, dass sich niemand beschwert.

Bei Ehen zwischen Angehörigen verschiedener Kasten werden beide Ehepartner getötet, wenn der Junge aus einer niedrigeren Kaste stammt und kein eigenes Land besitzt. Dabei geht es keinesfalls um Ehre. Wir haben eine hierarchische Gesellschaft und ihre Führer wollen die Trennung der Gesellschaft aufrechterhalten. Wenn die Jugendlichen ihr Recht ausüben, ihre Partner frei zu wählen, hat dies das Potenzial, die Struktur der Kasten zu zerstören. Das ist die wirkliche Bedrohung, die Ursache der Morde. Diejenigen, die diese Auswirkungen begreifen, kontrollieren bis jetzt alle sozialen und wirtschaftlichen Strukturen und Ressourcen. Sie fühlen sich bedroht und politische Parteien sind von ihren Stimmen abhängig. Sie wollen nicht, dass junge Menschen ihr Recht auf „Wahlehe“ nutzen, weil das soziale und wirtschaftliche Strukturen zerstören würde.

© Die Kampagne „50 Million Missing“ (50 Millionen verschwunden). Alle Rechte vorbehalten. Bitte beachten Sie bei Weitergabe unsere Hinweise zum Copyright.

ZUM FOTOGRAFEN:

Lars-Gunnar Svärd  ist Systemanalytiker, Weltreisender und preisgekrönter Fotograf. Er ist Gründungsmitglied und Administrator der Kampagne „50 Million Missing“. Weitere seiner Arbeiten sind auf seiner Webseite  „Images of The World zu sehen.

ZUM ÜBERSETZER

Matthew Brown wurde in der Nähe von Chicago geboren und wuchs an den Stränden von Los Angeles auf. Er begann seine Weltreisen mit einer Punk-Rock-Band und entwickelte auf diesen Reisen seinen Geschmack für multikulturelle Kunst, Medien und Literatur. Nach seinem erfolgreichen Abschluss an der California State University Long Beach setzte er sein Engagement für Kunst und Literatur fort und unterstützte die Gründer der Bilingual Foundation of the Arts und des Carmen Zapata Theatre. Zur Zeit wohnt er in Coesfeld (Deutschland) und arbeitet freiberuflich als Künstler und Schriftsteller.


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Über THE 50 MILLION MISSING CAMPAIGN
This is a global campaign against female genocide in India that raises public awareness about factors like female feticide, infanticide, intentional starvation, and dowry murders that have annihilated more than 50 million women from India in 3 generations. Please support our petition for the enforcement of relevant laws in India.

2 Responses to „#Ehrenmorde“ – Eine Analyse

  1. Thank you Matthew! We are glad to have you on the campaign’s Patrons‘ page now! http://genderbytes.wordpress.com/patrons/

  2. Pingback: 18-jährige von Vater zu Tode geprügelt | The 50 Million Missing Campaign: "50 Millionen verschwunden"

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