Diana Russell: Femizid ist ein tödliches Hassdelikt gegen Frauen

Aus dem englischen Original übersetzt von Sönke Rickertsen

Ausgehend von den Hexenverbrennungen der Vergangenheit über den heute noch in vielen Gesellschaften weit verbreiteten Brauch der weiblichen Kindstötungen bis zu den Hinrichtungen von Frauen aufgrund sogenannter Ehre, müssen wir realisieren, dass Femizid schon seit sehr langer Zeit praktiziert wird…

Femizide sind hassmotivierte Morde, die typischerweise trivialisiert und entpolitisiert werden…

So wie bei den an Afro-Amerikanern und anderen Minderheiten verübten Morden unterschieden werden muss, ob es sich um rassistisch motivierte Verbrechen handelt oder nicht, müssen Morde an Frauen unterteilt werden in jene, die „femizid”, also frauenfeindlich motiviert sind und jene, auf die dies nicht zutrifft.

Die in Indien, China und vielen anderen Ländern verübten Massenmorde am weiblichen Geschlecht sind bezeichnend für Genderzid (geschlechtsspezifischen Völkermord) bzw. weiblichen Genozid (Völkermord). Frauen müssen einfordern, dass alle unsere partriarchalischen Regierungen diese Verbrechen bestrafen wie jeden anderen Völkermord!

Dr. Diana Russell ist eine der weltweit wegweisenden Forscher und Expertin zum Thema Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Sie war 1976 Mitorganisatorin des ersten International Tribunal on Crimes against Women (Internationaler Untersuchungsausschuss zu Gewalt gegen Frauen) in Brüssel. Zudem redefinierte sie den Begriff  „Femizid” als tödliches, hassmotiviertes Verbrechen gegen Frauen und Mädchen und kämpft seit 40 Jahren für die offizielle Anerkennung dessen. Sie hat zahlreiche Bücher über Vergewaltigung, Femizid, Inzest und die Auswirkungen von Pornografie auf Gewalt gegen Frauen veröffentlicht. Ihre Website ist DianaRussell.com   Ihr Twitterkontakt ist @DianaEHRussell.

 
ZUM ÜBERSETZER

Sönke Rickertsen ist freischaffender Schriftsteller, Sänger, Musiker und Künstler. Er lebt in Melbourne, Australien und kann über Facebook kontaktiert werden.

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Interview mit Rita Banerji über den anhaltenden Völkermord an indischen Frauen

rita banerjiRita Banerji, Gründerin der „The 50 Million Missing Campaign“ hat kürzlich in einem Interview mit Menschenrechte.eu  nachfolgende Fragen zum fortgesetzten Völkermord am weiblichen Geschlecht in Indien beantwortet:

  • In der Kampagne „50 Millionen fehlen“ wird die Bezeichnung „Femizid“ benutzt. Was bedeutet dies? Gibt es irgendeine Beziehung zwischen „Femizid“ und „Genozid“?

  • Warum bezieht sich die Kampagne auf Indien und nicht auf China? Gibt es nicht ein ähnliches Problem in China? Die indische Regierung hat es 1984 verboten, das Geschlecht von Kindern vor ihrer Geburt feststellen zu lassen. Warum sagen Sie, dass die indische Regierung nicht genug getan hat – was könnte und sollte die indische Regierung tun, um den Femizid zu stoppen?

  • Gibt es wirklich 50 Millionen Frauen, oder handelt es sich hier nur um eine Schätzung? Die Anzahl der vermissten Frauen entsteht durch Abtreibung, Tötungen von Kindern und Mitgiftmorden. Wie ist die relative Bedeutsamkeit dieser verschiedenen Ursachen? Gibt es weitere Ursachen?

  • Haben Sie irgendeine Erklärung dafür, warum die Position der Frauen in Indien nach wie vor so gering zu sein scheint, dass die Gesellschaft den Femizid duldet? Können Sie uns etwas über Widerstand in Indien gegen den Femizid berichten?

  • Wie reagieren die Vereinten Nationen und andere Mitglieder der internationalen Gemeinschaft?  Können Sie uns etwas erzählen über die Kampagne gegen den Femizid in Indien? Beschäftigt sich Ihre Kampagne vorwiegend damit, Informationen zur Verfügung zu stellen oder gibt es weitere politische Aktivitäten oder Proteste? Gibt es eine internationale Zusammenarbeit?

  • Sind Sie optimistisch oder pessimistisch, dass es gelingen wird, den Femizid in Indien zu beenden? Wenn Sie glauben, die Kampagne wird erfolgreich sein, wie lang wird es Ihrer Vermutung nach dauern?

  • Was können unsere Leserinnen und Leser tun, um den Femizid in Indien zu stoppen?

 Das vollständige Interview finden Sie hier.

Ist Menstruation ein Verbrechen?

Aus dem englischen Original übersetzt von Tina Sternberg

Foto: Ramendra Singh Bhadauria ©
Die Gottheit Kamakya von Assam in Ostindien
während ihrer Menstruation

Im Dezember 2010 hat die Kriminalpolizei im Auftrag der Landesregierung von Kerala, Indien, gegen die indische Schauspielerin Jayamala ermittelt und sie offiziell dafür angeklagt, das indische Gesetz verletzt zu haben.

Ihr Verbrechen besteht offenbar darin, einem Geschlecht anzugehören, das menstruiert!

Jayamala wurde unter Berufung auf Paragraph 295 des indischen Strafgesetzbuchs für „vorsätzliche und niederträchtige Handlungen mit dem Ziel, die Gefühle einer Schicht durch Beleidigung ihrer Religion oder religiösen Überzeugungen zu verletzen“ angeklagt.

Worin bestand Jayamalas „vorsätzliche und niederträchtige“ Handlung?

Ihr Verbrechen war es, im Alter von 18 Jahren einen bestimmten Tempel zu besuchen, um dort zu beten – das war vor etwa 23 Jahren.

Und warum „verletzt” dieser simple Akt der religiösen Hingabe einige Menschen? Warum haben sie ihn als „Beleidigung” empfunden? 

Weil in diesem speziellen Tempel – wie in so vielen in Indien – eine alte Regel gilt: Frauen, die menstruieren, dürfen den Tempel nicht betreten. Menstruierende Mädchen und Frauen werden in den meisten Teilen Indiens als „unrein“ und „verschmutzend“ betrachtet – wie etwa ein Müllhaufen, ein faulender Kompost oder giftige Abgase. Es heißt, dass menstruierende Frauen die Umgebung, die sie betreten, verschmutzen. Und weil der Tempel ein heiliger Ort ist, besteht die einzige Möglichkeit ihn ‚sauber’ zu halten darin, Verschmutzern den Zugang zu verwehren. Um zu gewährleisten, dass kein Verschmutzer den Tempel betritt, hat der Tempel ein Gesetz erlassen, dass keine Frau zwischen 10 und 50 Jahren (den Menstruationsjahren) am heiligen Schrein beten darf.

Indem sie also gegen dieses Gesetz verstoßen hat, hat Jayamala im Alter von 18 Jahren (vor mehr als 23 Jahren) den Tempel beschmutzt, hat die „Gefühle“ der Öffentlichkeit „beleidigt“ und „verletzt“ und musste Polizei und Justiz gegenüber Rechenschaft ablegen.

Ihr „Verbrechen” wurde entdeckt als im Tempel eine routinemäßige astrologische Untersuchung der Rituale bei der Gottesanbetung stattfand. Diese Untersuchung hat ergeben, dass die heiligen Zeremonien gestört wurden, weil einige Frauen das Heiligtum betreten hatten. Aus Angst vor den Konsequenzen hat die arme Jayamala ihr „Verbrechen“ zugegeben und gesagt, sie habe den Tempel „aus Versehen“ betreten, als sie von der Menschenmenge hineingeschoben wurde.

Dies führte zu weiteren Untersuchungen der Kriminalpolizei im Auftrag der Landesregierung!

Sie befanden, Jayamala habe unmöglich hineingedrängt werden können, weil die Tempelstufen zum Heiligtum  hinauf führten. Die Polizei schloss daraus, dass sie gelogen hatte und klagte sie wegen Falschaussage an, unter Berufung auf Paragraph 295 des indischen Strafgesetzbuchs für „vorsätzliche und niederträchtige Handlungen mit dem Ziel, die Gefühle einer Schicht durch Beleidigung ihrer Religion oder religiösen Überzeugungen zu verletzen“.

Abgesehen von einem kleinen Teil der indischen Bevölkerung, der frustriert an den Nägeln kaut angesichts der unfassbaren Engstirnigkeit und des Verstoßes gegen das Recht eines jeden Menschen, frei zu beten, gibt es in Indien wenig öffentliche Sympathie für Jayamala.  Wie  ein Journalist in einer bekannten englischen Zeitung in Indien festgestellt hat: „Ist es möglich, moderne Kategorien wie das Recht der Geschlechter in Glaubensfragen streng auszulegen? Können wir eine gefestigte Tradition im Namen der Gleichstellung der Geschlechter aufheben? Genau genommen werden es viele Gläubige -Frauen eingeschlossen- ablehnen, eine Geschlechterfrage in diesen Brauch hinein zu interpretieren. Es gibt nichts Sexistisches an dieser Praxis, denn der Tempel erlaubt ja den Eintritt von Mädchen unter 10 und Frauen über 50 Jahren. Eine gesetzliche Intervention wird diese Situation vermutlich nicht ändern, da es sich um eine Angelegenheit von Tradition und Glauben handelt.“

Die Vorstellung, menstruierende Frauen seien „unrein“ und „verschnutzend“ wird von den meisten Menschen aus allen Schichten innerhalb der indischen Gesellschaft aufrecht erhalten – auf dem Land und in den Städten, gebildet und ungebildet, reich und arm. Oft wird es Frauen verboten, bestimmte Räume im Haus zu betreten, sich bestimmten Menschen zu nähern und sich an bestimmten Aktivitäten zu beteiligen. In einigen Haushalten werden sie in gesonderten Räumen isoliert untergebracht. Wenn sie versehentlich etwas tun, das ihnen nicht erlaubt ist, oder einen Ort betreten, den sie nicht betreten sollen, muss ein Reinigungsritual durchgeführt werden, um den Ort zu säubern. Sogar Gandhi hat gesagt, dass die Menstruation aufgrund der weiblichen Sexualität eine Manifestation für die entstellte Seele der Frau sei. Er glaubte daran, dass eine Frau automatisch aufhören würde zu menstruieren, wenn ihre Seele rein wäre.

Wo liegt der Ursprung dieses Wahnsinns?

Könnte es Angst sein?

Eine tiefe, morbide, kollektive, psychotische Angst – eine Angst, die tief in der Geschichte und Kultur Indiens verwurzelt ist?

Einige der altertümlichen Texte Indiens, wie etwa die mehr als 2000 Jahre alten vedischen Schriften, berichten „Menstruationsblut wurde als bösestes Zeichen für die Macht der Frau angesehen. Man glaubte, dass die Braut des Mondgottes es während der Hochzeit schaffte, ihren Bräutigam in ihrem rot- und lilafarbenen Brautkleid einzufangen und ihm ein ewiges Mal aufzuerlegen, das ihn für immer in ihren Bann schloss… Das Menstruationsblut wurde als wildes und böses Tier betrachtet,  … das einen Mann verbrennen, beißen, kratzen, vergiften und sogar töten kann. Das Blut, das beim Reißen des Jungfernhäutchens austritt, wurde als ähnlich gefährlich [für den Mann] betrachtet. Nach der Hochzeitsnacht wurde das blutbefleckte Brautkleid an den Priester übergeben, der es zerriss und in die zeremoniellen Flammen warf, um die Braut von ihren bösen Kräften zu befreien.” (Rita Banerji, Sex and Power, Penguin Global, 2009, pg.49)

Die Frage heißt deshalb: Ist es diese Angst,  diese tief verwurzelte Angst vor der weiblichen Sexualität, die nicht nur einzelnen Vorfällen wie der Kriminalisierung von Jamayalas Akt der Gottesverehrung, sondern auch dem übergeordneten Problem der systematischen Gewalt gegenüber Mädchen und Frauen in Indien zugrunde liegt?

Ist es diese kollektive, historische Angst vor der weiblichen Sexualität, die diese vollkommen irrationale, systematische Massenvernichtung von Frauen in Indien antreibt?

50 Millionen Frauen erbarmungslos ausgerottet innerhalb von drei Generationen! Das ist beispiellos!

Wenn man die Völkermorde dieser Welt betrachtet, zeichnet sich ein absolut  irrationaler Hass und eine ebenso starke Angst vor der diskriminierten Gruppe erkennbar als treibende Kraft ab.

Ist es nicht Zeit für Indien, dieser Angst ins Auge zu blicken? Sie anzuerkennen? Und zu lernen, wie eine fortschrittliche Nation damit umzugehen?

© „The 50 Million Missing Campaign“. Alle Rechte vorbehalten. Bitte beachten Sie bei Weitergabe unsere Hinweise zum Copyright.
 

ZUR ÜBERSETZERIN

Tina Sternberg hat nach ihrem Studium der Literatur und Medien acht Monate in Indien gelebt. Die oft brutalen Widersprüche zwischen zukunftsorientierter Zivilisation und altertümlicher Kultur gehen ihr seither nicht mehr aus dem Kopf.

Brauthandel: Als Ehefrauen gekauft, verkauft und weiterverkauft!

Aus dem englischen Original übersetzt von Alexander Ohnmeiß


Aufgrund des millionenfachen Überschusses an Männern in Indien machen sich viele Gedanken über den Zustand der dortigen „Junggesellenschaft”. Es gab Stimmen, die behaupteten, durch die „Frauen-Knappheit“ (als seien Frauen ein wirtschaftliches Gut) würde sich das nominale Verhältnis von Frauen und Männern zwangsläufig selbst regulieren. Aber dies scheint nicht der Fall zu sein. Mehr von diesem Beitrag lesen

Indiens #Kindsbräute

Von Rita Banerji

Aus dem englischen Original übersetzt von Bhupinder Punia

Foto: Sumita Roy©. Alle Rechte vorbehalten.


Sumita Roy machte nebenstehendes Foto von dieser kleinen Braut, einem Kind, wahrscheinlich nicht älter als 10-12 Jahre alt, in Uttarkashi. Ironischerweise war Sumita mit ihrem Ehemann dort auf ihrer eigenen Hochzeitsreise. Während des Mittagsessens in einem kleinen Hotel kam die Hochzeitsgesellschaft rein.

Sumita sagt: „Es war keine Freude im Gesicht des kleinen Mädchens, wie man es bei frisch verheiraten Frauen erwarten würde. Stattdessen sah sie traurig, vielleicht sogar erschrocken aus. Es war, als dächte sie „Was kommt als Nächstes? Eine große Frage an die Welt, mit der sie jetzt würde umgehen müssen, unwissend und ohne eine Ahnung vom Leben.

1/3 aller „Kindsbräute“ der Welt leben in Indien.

Trotz der Tatsache, dass dies illegal ist, gibt es mindestens 25 Millionen „Kindsbräute“ in Indien. Laut einem UNICEF Bericht aus dem Mehr von diesem Beitrag lesen

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