Suzette Jordan: Mein Name ist nicht „das Park-Street-Vergewaltigungsopfer”

Aus dem englischen Original übersetzt von Andrea Wlazik

Suzette Jordan wurde 2011 Opfer einer brutalen Gruppenvergewaltigung in der Park Street in Kalkutta. Weitere Einzelheiten zu ihrem Fall können Sie hier lesen. Die indische Gesetzgebung verbietet die Enthüllung der Namen und Gesichter von Opfern und ahndet dies mit einer Geldstrafe und zwei Jahren Haft. Deshalb haben die Medien Suzettes Gesicht bislang nur unscharf gezeigt und sie „das Park-Street-Vergewaltigungsopfer“ genannt. Vor Kurzem hat Suzette beschlossen, ihren Namen und ihre Identität preiszugeben. Sie ist eine von einer Handvoll indischer Frauen, die dies tun. Hier erklärt sie, was zu ihrem Entschluss führte.

Suzette-Jordan-380Mein Name ist Suzette Jordan und ich will nicht länger als „das Opfer von Kalkuttas Park-Street-Vergewaltigung“ bekannt sein.

Nach dem Vorfall, lachten sie (die Polizei) mich aus. Sie nahmen mich nicht ernst. Ich fühlte mich wie ein Stück Fleisch […bei der medizinischen Untersuchung]. Ich wurde wahnsinnig bei dem Gedanken, was zum Teufel sie [die Vergewaltiger] mit mir gemacht hatten, während ich bewusstlos war. Ich hatte solche Schmerzen. Ich konnte mich nicht bewegen. Ich war ein richtig nervöses Wrack. Es machte mir solche Angst. Ich zog mich in mein Schneckenhaus zurück. Ich konnte nicht einmal aufstehen um zur Toilette zu gehen. Mein Vater musste mich aus dem Bett heben und mich zum Badezimmer bringen. Ich bin 37 Jahre alt. Es war so beschämend.

Die Nachbarn machten mir das Leben dort [wo ich damals lebte] schwer. Man gab mir das Gefühl als sei ich selbst verantwortlich für den Überfall. Weil ich [in Begleitung eines Mannes] aus einer Bar kam. Man gab mir das Gefühl, ich hätte zur Vergewaltigung eingeladen. Wenn meine Töchter morgens zur Schule Mehr von diesem Beitrag lesen

Advertisements

Sunitha Choudhury: Als Kindsbraut floh sie, um ihr Schicksal selbst zu bestimmen

Aus dem englischen Original übersetzt von Melanie Beaven

Foto: Amrit Dhillon

Sollten Sie jemals nach Delhi kommen, dürfen Sie diese indische Frau nicht verpassen!

Sunitha Choudhury, die erste Frau hinter dem Steuer einer Motor-Rikscha, verdient sicherlich Anerkennung für den Job, den sie tagtäglich ausübt. Sie navigiert auf den Straßen Delhis, der laut Regierungsstudien für Frauen unsichersten Stadt Indiens. Was aber Sunitha zu einer noch beeindruckenderen Persönlichkeit macht, sind ihr Lebensweg und die Kämpfe, die sie durchzustehen hatte, um dorthin zu gelangen, wo sie heute ist.

Sunithas Geschichte offenbart, dass sie seit ihrer Kindheit Opfer beinahe jeder Art ´von Grauen geworden ist, dem Mädchen und Frauen in Indien begegnen. Und immer wenn sie niedergeschlagen wurde, sich wieder aufrappelte und auf die Füße stellte, war da niemand, an den sie sich hätte wenden können. Keine Familie, keine Nachbarn, keine Freunde, keine gemeinnützigen Vereine oder Wohltätigkeitsverbände. Sunitha hat diesen Kampf alleine gefochten! Vollkommen auf sich selbst gestellt! Und am Ende ist sie als Siegerin hervor gegangen!

Die Kindsbraut

Sunitha war eine Kindsbraut [Lesen Sie unseren Beitrag über Indiens Kindsbräute!] Im Alter von zwölf Jahren wurde sie mit einem Mann aus Meerut verheiratet, einem Alkoholiker. Ihre Kindheit wurde zu einem Albtraum aus Vergewaltigung und Brutalität. Wie es so oft der Fall ist, wurde sie auch von ihrer Schwiegerfamilie emotional und körperlich misshandelt, weil diese mehr Mitgift haben wollte. Ihre Eltern erlaubten ihr nicht, nach Hause zurück zu kehren und rieten ihr, mit dem Missbrauch und den Misshandlungen leben zu lernen. Einmal bezog Sunitha brutale Gruppenschläge von ihrer Schwiegerfamilie. In Todesangst, und noch ein Teenager, entschied sie sich, nach Delhi zu fliehen. Mittlerweile schwanger und ohne jede finanziellen Mittel sah sie schnell ein, dass das Leben auf der Straße sogar noch unsicherer war. Schließlich bekam sie einen Putzjob in einer Klinik, deren Besitzer ihr erlaubte, im Gebäude zu übernachten. Dies war die sicherste Möglichkeit, die sich ihr bot. Einige Monate später brachte sie ihr Baby zur Welt, welches allerdings verstarb.

Ein Wendepunkt

Während sie weiter in der Klinik arbeitete, kam es zu einem weiteren Wendepunkt in ihrem Leben, einem Vorfall, der sie dazu brachte, Motor-Rikscha-Fahrerin werden zu wollen. Es passierte, als sie eines Abends ein Unfallopfer auf der Straße fand. Es war niemand da, der hätte helfen können, also rief sie einen Wagen und brachte den Mann zum Krankenhaus. Obwohl er schwer verletzt war, konnte sein Leben gerettet werden. Sie entschied, dass sie anderen Leuten einen ähnlichen Dienst erweisen wollte. Und tatsächlich hat sie, seitdem sie Motor-Rikscha-Fahrerin ist, schon viele Male angehalten, um Unfallopfern zu helfen, sie zum Krankenhaus zu fahren und deren Verwandte zu kontaktieren.

Auf ihren eigenen Rädern

Allerdings war es eine gewaltige Aufgabe für sie, eine Lizenz zu bekommen. Keine Frau hatte jemals zuvor einen Antrag gestellt und Beamte der staatlichen Verkehrsbehörde wimmelten sie zwei Jahre lang ab. Sie aber gab nicht auf und so mussten die Beamte schließlich ihre Meinung ändern. Im Jahr 2003 erhielt sie ihre Lizenz und besuchte die Fahrschule des Institute for Driving, Trainig and Research (IDTR). Aber auch als lizensierte Fahrerin hatte sie Schwierigkeiten, Eigentümer davon zu überzeugen, ihr ein Fahrzeug zu vermieten. Anderthalb Jahre lang fuhr sie Leihrikschas und entschied dann, dass sie mehr Freiheit bräuchte. In 2004 beantragte sie einen Kredit und erwarb ihre eigene dreirädrige Motor-Rikscha!

Kontrolle übernehmen

Somit muss sie nun nicht mehr fremde Autos erbetteln und leihen und kann sich außerdem noch einer anderen Leidenschaft hingeben. „Wenn ich ein Opfer auf der Straße sehe, will ich die Person ins Krankenhaus bringen. Dafür bin ich früher mit anderen Motor-Rikscha-Fahrern aneinander geraten, die sich in nichts hineinziehen lassen wollten. Also dachte ich mir, dass es einfacher für mich würde, wenn ich mein eigenes Fahrzeug hätte.

Es ist kein leichter Job. Manchmal wird sie dafür verspottet, dass sie „Männerarbeit“ verrichtet, aber gleichzeitig wird sie auch bewundert. „Frauen erzählen mir, dass sie sich wesentlich sicherer mit mir fühlen, denn ich trinke und rauche nicht. Sie sagen, dass sie bei männlichen Fahrern Angst haben, denn manchmal sind diese betrunken und fahren zu unbesonnen. Sogar spät nachts fühlen sie sich sicher mit mir.

Sie ist furchtlos, manchmal übernimmt sie auch Nachtschichten. Sie trägt ihr Haar kurz und kleidet sich in T-Shirts und Hosen. Nicht nur, weil das bequemer und praktischer für die Arbeit ist als z.B. ein Sari oder Salwar-Kameez, die traditionelle Kleidung für Frauen in Indien. Sunitha erklärt: „Es ist von Vorteil für mich, auszusehen wie ein Junge. Nachts rufen mir Fahrgäste zu ‚Hey Bruder, setz mich da oder dort ab‘.

Die Zukunft erträumen

Ihr nächstes Ziel ist es, ein Mitglied des Parlaments zu werden. Sie möchte die Armen vertreten. „Ich werde ihnen sagen, dass ich eine von ihnen bin. Ich verstehe ihren Wunsch nach Arbeit, Wohnraum, Ausbildung und Wasser. Es ist nicht möglich, seine Würde zu wahren, wenn man so lebt wie die Armen.“ sagt sie.

Außerdem möchte sie anderen Frauen das Fahren von Motor-Rikschas beibringen und sie an ihren Beruf heranführen. Sie möchte das für andere Frauen, was sie in ihrem eigenen Leben erreicht hat. „Ich fühle mich wie eine Königin, wenn ich in der Stadt umherfahre.“ sagt sie. „Ich bin Herrin über mein Schicksal, ich verdiene meinen eigenen Lebensunterhalt und bin glücklich… Und obwohl ich eine Frau bin, bin ich viel mutiger als die meisten Männer.



© „The 50 Million Missing Campaign“. Alle Rechte vorbehalten. Bitte beachten Sie bei Weitergabe unsere Hinweise zum Copyright.


ZUR ÜBERSETZERIN

Melanie Beaven wurde in Hamburg geboren und lebt seit 2004 in England. Sie hat verschiedene Übersetzungstätigkeiten ausgeführt, unter anderem auch Texte über das babylonische Justizsystem. Sie befindet sich derzeit in der Ausbildung zur Diakonin und beschäftigt sich im Rahmen ihres Studiums besonders mit feministischer Theologie.

Ist die kulturelle Voreingenommenheit indischer Feministinnen mitschuldig an der Vernichtung von Indiens Frauen?

von Rita Banerji

Aus dem englischen Original übersetzt
von Alexander Ohnmeiß

[Die zitierten Textstellen sind Auszüge aus Rita Banerjis Artikel „Why Kali Won’t Rage: A Critique of Indian Feminism“  (Warum sich Kali nicht erzürnt: Eine kritische Abhandlung zur indischen Frauenbewegung), herausgebracht im „Gender Forum“, Ausgabe 38, 2012.]

Innerhalb von drei Generationen hat Indien systematisch und gezielt mehr als 50 Millionen Frauen seiner Bevölkerung vernichtet – diese Zahl entspricht in etwa der Bevölkerung von Schweden, Österreich, der Schweiz, Belgien und Portugal zusammen (Banerji, Female Genocide). In 20 Jahren wird Indien 20 % des Frauenanteils seiner Gesamtbevölkerung vernichtet haben (Sinha K., In 20 Years). Diese werden bis dahin den immer weiter um sich greifenden Tötungspraktiken zum Opfer gefallen sein: selektive Abtreibung weiblicher Föten, Tötung weiblicher Nachkommen durch die eigenen Eltern, Tötung der unter 5-jährigen Mädchen durch vorsätzliche Vernachlässigung, Brautgeldmorde, „Ehren“-Morde und die fahrlässige Gefährdung von Frauenleben durch vielfache und erzwungene Abtreibungen weiblicher Föten.


Warum hat all dies noch keine offene Rebellion von Indiens Frauenrechtsbewegung verursacht? Und warum steht der Völkermord an Indiens Frauen und Mädchen nicht auf der Tagesordnung globaler Frauen- oder Menschenrechtsbewegungen?

Banerji behauptet, Indiens eigene feministische Bewegung sei verantwortlich für die Entpolitisierung der Unterdrückung der Frauen in Indien. Sie erklärt außerdem, dass die weltweit bekannten indischen Feministinnen, die an der Spitze von Indiens Frauenbewegung stehen, der Weltöffentlichkeit gegenüber darauf bestehen, dass die Lage der Frauen in Indien nicht wie in westlichen Kulturkreisen als Machtkampf mit politischem Hintergrund ausgelegt werden könne, sondern als Teil und im Kontext von Indiens Kultur akzeptiert und behandelt werden müsse.

Als Beispiel führt Banerji Chitnis an, die Direktorin des wichtigsten Programms für Frauenstudien in Indien, dem „Center of Women’s Studies“ am Tata Institut für Sozialwissenschaften. Warum glaubt Chitnis, dass sich die politische Perspektive der westlichen Frauenbewegung im Hinblick auf Frauenrechte und -unterdrückung nicht auch auf die Lage der Frauen in Indien übertragen lässt?

In „Feminism in India“, einer „Sammlung der einflussreichsten Schriftstücke mit Bezug auf das Konzept der Frauenrechtsbewegung in Indien“ (Chaudhuri 1), beschreibt Suma Chitnis wie ihr bei der Teilnahme an einem internationalen Seminar zum Thema Geschlechterrollen in Kanada plötzlich bewusst wurde, dass während die Frauenrechtlerinnen aus westlichen Kulturkreisen eine „zornige Tirade“ gegen die Patriarchate in ihren jeweiligen Ländern anstimmten, sie selbst einen solchen Zorn gegen das Patriarchat in ihrem eigenen Land nicht empfinden konnte. Weiter beschreibt sie, wie Indiens Frauen im Allgemeinen „Missbilligung für den [westlichen] feministischen Zorn“ empfänden und „Verwirrung ob der [westlich] feministischen Fixierung auf das Patriarchat […] insbesondere auf Männer als hauptverantwortliche Unterdrücker“ (Chitnis 8-10).

Chitnis sinniert, möglicherweise hätten Geschichte und Kultur einen Anteil daran, dass „die Belange der Frauen in Indien andere sind, als die der Frauen im Westen“. Sie erinnert daran, dass Indien geschichtlich „immer [eine] in hohem Maße hierarchisch[e Gesellschaft]“ gewesen sei und dass diese Hierarchien durch Gebräuche und soziale Verhaltensregeln aufrecht erhalten wurden. Sie bemerkt weiterhin, dass im Gegensatz zum Westen, wo größter Wert auf Individualität und persönliche Freiheit gelegt würde, die Inder Werte wie Unterwürfigkeit,  „Selbstaufgabe“ und „die Spiritualisierung des Selbst“ schätzten. Mit anderen Worten: Indiens Gesellschaft sei in soziologischer wie in psychologischer Hinsicht angepasst an die Idee einer Ordnung durch soziale Schichten. Und das, was einem Außenstehenden als eine Geschlechterhierarchie erscheine, würde von Indern ganz einfach als Beachtung der Kultur angesehen. Zudem sei das, was von westlichen Beobachtern als Aufgabe der eigenen Individualität betrachtet werden könne, für indische Frauen vielmehr eine Priorisierung der Familie und Gemeinschaft gegenüber dem Individuum. Insofern sähen sie es als eine bewusste Entscheidung zugunsten des Allgemeinwohls.

Chitnis rechtfertigt diese Sichtweise der indischen Frauenbewegung, indem sie anführt, dass die indische Verfassung im Zuge der Unabhängigkeitserklärung „Frauen eine vollständige politische Gleichstellung mit Männern einräumte. [Und] deshalb indische Frauen nicht das gleiche Unrecht hätten ertragen müssen, unter dem Frauen im Westen wegen der […] Diskrepanz zwischen politischen Idealen und der Realität leiden mussten. Sie behauptet, seit der Unabhängigkeit im Jahr 1947 hätte die indische Regierung durch ihre Serie von Fünf-Jahres-Plänen für „das Wohlergehen der Frauen“ gesorgt – und zwar in solchem Maße, dass in einem Vergleich mit anderen Ländern, Indien bezüglich der gesetzlichen Bestimmungen zugunsten der Frauen „voraussichtlich als eines der fortschrittlichsten Länder hervorgehen würde“. Chitnis empfindet dies als einen der Hauptgründe weshalb indische Frauen nicht so aufgebracht sind, wie ihre westlichen Pendants. Abschließend schreibt sie, dass indische Frauen „die gesetzlichen Absicherungen und Einrichtungen für Chancengleichheit sähen, die für sie im Prinzip schon zugänglich seien und für die [von der westlichen Frauenbewegung] noch gekämpft werde“. (Chitnis 9, 11, 17).

Banerji zitiert außerdem Madhu Kishwar, die Herausgeberin und Gründerin des „Manushi“. Dieses Journal ist international anerkannt als Indiens führende „Feministen“-Publikation, welche für sich den Anspruch formuliert, Fragen „in Bezug auf Frauen und Gesellschaft“ zu behandeln.

Madhu Kishwar bestätigt in derselben Textsammlung (“Feminism in India”) Chitnis Ansicht und fügt hinzu, dass „der Idee von Rechten und Würde der Frau […] in Indien eine viel längere Geschichte individueller Selbstbestimmung der Frauen zu Grunde liegt [als im Westen]. Dies glaubt sie, werde bewiesen durch Indiens Traditionen in der Verehrung von Göttinnen, in der die “Shakti” oder Kraft anerkannt werde als Verkörperung des Weiblichen. Kishwar ist sicher, dass dies in Wirklichkeit „die indische Gesellschaft weitaus aufnahmefähiger macht für die Selbstbehauptung und die Stärken der Frauen, als es westliche Gesellschaften sind. Dies, argumentiert sie, sei auch der Grund dafür, dass in Indien – anders als im Westen – Männer eine historische Rolle in der Frauenrechtsbewegung spielten. Sie führt an, dass während der britischen Kolonialzeit Männer sogar eine Vorreiterstellung übernommen hätten bei der Abschaffung von Praktiken wie der Sati (Witwenverbrennung) sowie bei der Einführung von Gesetzen, die Witwen eine Wiederverheiratung ermöglichten. Kishwar kommt zu dem Schluss, dass Indiens Männer durch die traditionelle Göttinnenverehrung der Vorstellung von Frauen in Machtpositionen gegenüber sozial eingestellt seien. Dies sei eine der Hauptursachen dafür, dass die Frauenbewegung in Indien „anders als im Westen, wo den Frauen in ihrem Vorhaben Gleichberechtigung zu erreichen von den meisten politisch aktiven Männern erbitterte Feindseligkeit entgegen gebracht wurde, keinen Beigeschmack eines Geschlechterkrieges erfahren hätte (35-36).

Banerji weist darauf hin, dass diese Ansichten zur geschlechtsspezifischen Machtverteilung, die unter den führenden Feministinnen in Indien herrschen, nicht nur politisch inkorrekt sind, sondern auch extrem unrealistisch. Vor allem wenn man die zugrundeliegenden Fakten bedenkt, die sich aus dem anhaltenden Völkermord am weiblichen Geschlecht in Indien ergeben. Sie sagt:

Ungeachtet der Gesetze, der Verfassung, Göttinenverehrung und männlicher Feministen – die alltägliche Realität für Frauen in Indien ist ein Skandal! Während Indien astronomischen Wachstum in Industrie und Wohlstand erfahren hat und nun im Begriff ist, sich zur weltweit drittgrößten Wirtschaftsmacht aufzuschwingen (Sinha, P.), ist die Lage für die indischen Frauen als Bevölkerungsschicht, die theoretisch gesehen die Hälfte der Nation ausmacht, erschreckend rückschrittlich.

2010 veröffentlichte das Weltwirtschaftsforum seinen Global Gender Gap Report. Dort war Indien auf Rang 112 von insgesamt 134 Ländern zu finden (Murti). Der Bericht bewertete den unterschiedlichen Zugang von Männer und Frauen zu wirtschaftlichen Mitteln und Möglichkeiten in den einzelnen Ländern. Dabei wurden wirtschaftliche Gegebenheiten, Ausbildung, politische Teilnahme, Gesundheit und Überlebensrate als Faktoren berücksichtigt. Ordnet man die Länder ihrer Reihenfolge entsprechend nach den Faktoren „wirtschaftliche Beteiligung“ und „Jobmöglichkeiten für Frauen“, findet man Indien auf Platz 128 – nur 6 Nationen sind schlechter platziert. Selbst in Indiens florierendem Unternehmenssektor, der professionellen Schicht mit hoher Ausbildung, liegt das jährliche Durchschnittseinkommen für Frauen mit 1.185 US-Dollar bei weniger als einem Drittel des Durchschnittseinkommens für Männer, welches bei 3.698 US-Dollar liegt (Nagrajan). Indien weist darüber hinaus eine der höchsten Analphabeten-Raten weltweit unter der weiblichen Bevölkerung auf und 2006 waren nach Schätzung der Weltbank über 50 Prozent von Indiens über 15-jährigen Mädchen und Frauen nicht des Lesens und Schreibens mächtig (Business Standard). Allerdings ist auch diese Zahl noch irreführend, da „zur Bewertung von effektiver Lese- und Schreibfähigkeit in Indien auch jede, die ihren eigenen Namen schreiben kann, zählt – [ wenn also] […] Sita die vier Buchstaben ihres Namens lesen und schreiben kann [zählt sie] […] zur Kategorie der des Lesens und Schreibens Fähigen“ (Bhaskar). An die 50% Prozent aller Mädchen in Indien werden vor ihrem 18. Lebensjahr von ihren Familien verheiratet und so steuert Indien ganz allein ein Drittel aller Kindsbräute der Welt bei (Sinha K., UNGA).

Banerji macht in ihrem Artikel weiterhin deutlich, dass es entscheidend sei, dass die indische Frauenbewegung die Realität der Frauenfeindlichkeit akzeptiere, die sich für die fehlende Gleichberechtigung und Unterdrückung der Frauen und Mädchen in Indiens Gesellschaft verantwortlich zeichne. Und dass diese Frauenfeindlichkeit die primäre Ursache für die gezielte Massenvernichtung von Frauen in Indien sei. Sie führt weiterhin an, wie bei allen Fällen von Genozid habe auch dieser Genozid an den Frauen Indiens seine Wurzeln in einem irrationalen, kulturbedingten Hass gegen eine ausgemachte Zielgruppe, und dies müsse anerkannt werden.

Es ist nun vielfach erwiesen, dass diese existentielle Ungleichheit, der Indiens Frauen begegnen, von ungezügeltem Frauenhass angefacht wird. Einem Frauenhass, der den Frauen nicht nur einen ebenbürtigen Lebensstil verwehrt, sondern ihnen auch das grundlegendste aller Menschenrechte verwehrt – das Recht zu leben. Eine in 2001 durchgeführte globale Umfrage der Thomson Reuters Stiftung identifiziert Indien als weltweit viertgefährlichstes Land für Frauen (Chowdhury)….

Dies kennzeichnet einen Frauenhass, der selbst vor Kleinkindern und Mädchen nicht Halt macht. Ein Bericht der UNICEF aus dem Jahr 2007 wies eine unnatürlich hohe Sterblichkeitsrate bei Mädchen unter 5 Jahren auf, ungefähr 40% höher als bei Jungen im gleichen Alter. Dies ließ sich zurückführen auf vorsätzliche Vernachlässigung und böswillige Verweigerung von Nahrung und Medikamenten, gleichzusetzen mit fahrlässiger Tötung (UNICEF 12).

Eine in 2011 vom „Indian Council of Medical Research“ und der „Harvard School of Public Health“ initiierte Studie ergab, dass in Indien Mädchen unter 5 Jahren mit einer um 21 % höheren Wahrscheinlichkeit den Tod fanden als Jungen im gleichen Alter und dass weibliche Kleinkinder im Alter von einem Jahr oder jünger sogar mit einer um 50 % höheren Wahrscheinlichkeit starben als männliche Kleinkinder der gleichen Altersgruppe. Die Ursache für diese hohen Sterblichkeitsraten waren gewalttätige Übergriffe in ihrem eigenen Zuhause.

Der Schätzung dieses Berichts zufolge sind in den letzten zwei Jahrzehnten mehr als 1,8 Millionen Mädchen unter 6 Jahren durch häusliche Gewalt ums Leben gekommen. Der Leiter der Forschungen, Jay Silverman, sagte: „Wenn du als Mädchen in eine Familie in Indien hineingeboren wirst, in der deiner Mutter Gewalt angetan wird, stehen deine Chancen, deine frühe Kindheit zu überleben, bedeutend schlechter. Erschreckenderweise stellt diese häusliche Gewalt keine Gefahr für dein Leben dar, wenn du das Glück hast, als Junge geboren worden zu sein..“ (Sinha K., Violence at Home).

ZUR AUTORIN

Rita Banerji ist Autorin, Frauenrechtsaktivistin und Begründerin der „The 50 Million Missing“  Campaign (50 Millionen verschwunden), einer Kampagne zur Beendung des Völkermords am weiblichen Geschlecht in Indien. Ihr Buch  Sex and Power: Defining History Shaping Societies ist ein historischer und gesellschaftlicher Blick darauf, wie die Beziehung von Geschlecht und Macht in Indien zum anhaltenden weiblichen Genderzid führte. Ihre Webseite ist zu finden unter www.ritabanerji.com. Sie bloggt auf  Revolutions in my Space and twittert auf @Rita_Banerji.

%d Bloggern gefällt das: