Sunitha Choudhury: Als Kindsbraut floh sie, um ihr Schicksal selbst zu bestimmen

Aus dem englischen Original übersetzt von Melanie Beaven

Foto: Amrit Dhillon

Sollten Sie jemals nach Delhi kommen, dürfen Sie diese indische Frau nicht verpassen!

Sunitha Choudhury, die erste Frau hinter dem Steuer einer Motor-Rikscha, verdient sicherlich Anerkennung für den Job, den sie tagtäglich ausübt. Sie navigiert auf den Straßen Delhis, der laut Regierungsstudien für Frauen unsichersten Stadt Indiens. Was aber Sunitha zu einer noch beeindruckenderen Persönlichkeit macht, sind ihr Lebensweg und die Kämpfe, die sie durchzustehen hatte, um dorthin zu gelangen, wo sie heute ist.

Sunithas Geschichte offenbart, dass sie seit ihrer Kindheit Opfer beinahe jeder Art ´von Grauen geworden ist, dem Mädchen und Frauen in Indien begegnen. Und immer wenn sie niedergeschlagen wurde, sich wieder aufrappelte und auf die Füße stellte, war da niemand, an den sie sich hätte wenden können. Keine Familie, keine Nachbarn, keine Freunde, keine gemeinnützigen Vereine oder Wohltätigkeitsverbände. Sunitha hat diesen Kampf alleine gefochten! Vollkommen auf sich selbst gestellt! Und am Ende ist sie als Siegerin hervor gegangen!

Die Kindsbraut

Sunitha war eine Kindsbraut [Lesen Sie unseren Beitrag über Indiens Kindsbräute!] Im Alter von zwölf Jahren wurde sie mit einem Mann aus Meerut verheiratet, einem Alkoholiker. Ihre Kindheit wurde zu einem Albtraum aus Vergewaltigung und Brutalität. Wie es so oft der Fall ist, wurde sie auch von ihrer Schwiegerfamilie emotional und körperlich misshandelt, weil diese mehr Mitgift haben wollte. Ihre Eltern erlaubten ihr nicht, nach Hause zurück zu kehren und rieten ihr, mit dem Missbrauch und den Misshandlungen leben zu lernen. Einmal bezog Sunitha brutale Gruppenschläge von ihrer Schwiegerfamilie. In Todesangst, und noch ein Teenager, entschied sie sich, nach Delhi zu fliehen. Mittlerweile schwanger und ohne jede finanziellen Mittel sah sie schnell ein, dass das Leben auf der Straße sogar noch unsicherer war. Schließlich bekam sie einen Putzjob in einer Klinik, deren Besitzer ihr erlaubte, im Gebäude zu übernachten. Dies war die sicherste Möglichkeit, die sich ihr bot. Einige Monate später brachte sie ihr Baby zur Welt, welches allerdings verstarb.

Ein Wendepunkt

Während sie weiter in der Klinik arbeitete, kam es zu einem weiteren Wendepunkt in ihrem Leben, einem Vorfall, der sie dazu brachte, Motor-Rikscha-Fahrerin werden zu wollen. Es passierte, als sie eines Abends ein Unfallopfer auf der Straße fand. Es war niemand da, der hätte helfen können, also rief sie einen Wagen und brachte den Mann zum Krankenhaus. Obwohl er schwer verletzt war, konnte sein Leben gerettet werden. Sie entschied, dass sie anderen Leuten einen ähnlichen Dienst erweisen wollte. Und tatsächlich hat sie, seitdem sie Motor-Rikscha-Fahrerin ist, schon viele Male angehalten, um Unfallopfern zu helfen, sie zum Krankenhaus zu fahren und deren Verwandte zu kontaktieren.

Auf ihren eigenen Rädern

Allerdings war es eine gewaltige Aufgabe für sie, eine Lizenz zu bekommen. Keine Frau hatte jemals zuvor einen Antrag gestellt und Beamte der staatlichen Verkehrsbehörde wimmelten sie zwei Jahre lang ab. Sie aber gab nicht auf und so mussten die Beamte schließlich ihre Meinung ändern. Im Jahr 2003 erhielt sie ihre Lizenz und besuchte die Fahrschule des Institute for Driving, Trainig and Research (IDTR). Aber auch als lizensierte Fahrerin hatte sie Schwierigkeiten, Eigentümer davon zu überzeugen, ihr ein Fahrzeug zu vermieten. Anderthalb Jahre lang fuhr sie Leihrikschas und entschied dann, dass sie mehr Freiheit bräuchte. In 2004 beantragte sie einen Kredit und erwarb ihre eigene dreirädrige Motor-Rikscha!

Kontrolle übernehmen

Somit muss sie nun nicht mehr fremde Autos erbetteln und leihen und kann sich außerdem noch einer anderen Leidenschaft hingeben. „Wenn ich ein Opfer auf der Straße sehe, will ich die Person ins Krankenhaus bringen. Dafür bin ich früher mit anderen Motor-Rikscha-Fahrern aneinander geraten, die sich in nichts hineinziehen lassen wollten. Also dachte ich mir, dass es einfacher für mich würde, wenn ich mein eigenes Fahrzeug hätte.

Es ist kein leichter Job. Manchmal wird sie dafür verspottet, dass sie „Männerarbeit“ verrichtet, aber gleichzeitig wird sie auch bewundert. „Frauen erzählen mir, dass sie sich wesentlich sicherer mit mir fühlen, denn ich trinke und rauche nicht. Sie sagen, dass sie bei männlichen Fahrern Angst haben, denn manchmal sind diese betrunken und fahren zu unbesonnen. Sogar spät nachts fühlen sie sich sicher mit mir.

Sie ist furchtlos, manchmal übernimmt sie auch Nachtschichten. Sie trägt ihr Haar kurz und kleidet sich in T-Shirts und Hosen. Nicht nur, weil das bequemer und praktischer für die Arbeit ist als z.B. ein Sari oder Salwar-Kameez, die traditionelle Kleidung für Frauen in Indien. Sunitha erklärt: „Es ist von Vorteil für mich, auszusehen wie ein Junge. Nachts rufen mir Fahrgäste zu ‚Hey Bruder, setz mich da oder dort ab‘.

Die Zukunft erträumen

Ihr nächstes Ziel ist es, ein Mitglied des Parlaments zu werden. Sie möchte die Armen vertreten. „Ich werde ihnen sagen, dass ich eine von ihnen bin. Ich verstehe ihren Wunsch nach Arbeit, Wohnraum, Ausbildung und Wasser. Es ist nicht möglich, seine Würde zu wahren, wenn man so lebt wie die Armen.“ sagt sie.

Außerdem möchte sie anderen Frauen das Fahren von Motor-Rikschas beibringen und sie an ihren Beruf heranführen. Sie möchte das für andere Frauen, was sie in ihrem eigenen Leben erreicht hat. „Ich fühle mich wie eine Königin, wenn ich in der Stadt umherfahre.“ sagt sie. „Ich bin Herrin über mein Schicksal, ich verdiene meinen eigenen Lebensunterhalt und bin glücklich… Und obwohl ich eine Frau bin, bin ich viel mutiger als die meisten Männer.



© „The 50 Million Missing Campaign“. Alle Rechte vorbehalten. Bitte beachten Sie bei Weitergabe unsere Hinweise zum Copyright.


ZUR ÜBERSETZERIN

Melanie Beaven wurde in Hamburg geboren und lebt seit 2004 in England. Sie hat verschiedene Übersetzungstätigkeiten ausgeführt, unter anderem auch Texte über das babylonische Justizsystem. Sie befindet sich derzeit in der Ausbildung zur Diakonin und beschäftigt sich im Rahmen ihres Studiums besonders mit feministischer Theologie.

Advertisements

One Response to Sunitha Choudhury: Als Kindsbraut floh sie, um ihr Schicksal selbst zu bestimmen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: