Suzette Jordan: Mein Name ist nicht „das Park-Street-Vergewaltigungsopfer”

Aus dem englischen Original übersetzt von Andrea Wlazik

Suzette Jordan wurde 2011 Opfer einer brutalen Gruppenvergewaltigung in der Park Street in Kalkutta. Weitere Einzelheiten zu ihrem Fall können Sie hier lesen. Die indische Gesetzgebung verbietet die Enthüllung der Namen und Gesichter von Opfern und ahndet dies mit einer Geldstrafe und zwei Jahren Haft. Deshalb haben die Medien Suzettes Gesicht bislang nur unscharf gezeigt und sie „das Park-Street-Vergewaltigungsopfer“ genannt. Vor Kurzem hat Suzette beschlossen, ihren Namen und ihre Identität preiszugeben. Sie ist eine von einer Handvoll indischer Frauen, die dies tun. Hier erklärt sie, was zu ihrem Entschluss führte.

Suzette-Jordan-380Mein Name ist Suzette Jordan und ich will nicht länger als „das Opfer von Kalkuttas Park-Street-Vergewaltigung“ bekannt sein.

Nach dem Vorfall, lachten sie (die Polizei) mich aus. Sie nahmen mich nicht ernst. Ich fühlte mich wie ein Stück Fleisch […bei der medizinischen Untersuchung]. Ich wurde wahnsinnig bei dem Gedanken, was zum Teufel sie [die Vergewaltiger] mit mir gemacht hatten, während ich bewusstlos war. Ich hatte solche Schmerzen. Ich konnte mich nicht bewegen. Ich war ein richtig nervöses Wrack. Es machte mir solche Angst. Ich zog mich in mein Schneckenhaus zurück. Ich konnte nicht einmal aufstehen um zur Toilette zu gehen. Mein Vater musste mich aus dem Bett heben und mich zum Badezimmer bringen. Ich bin 37 Jahre alt. Es war so beschämend.

Die Nachbarn machten mir das Leben dort [wo ich damals lebte] schwer. Man gab mir das Gefühl als sei ich selbst verantwortlich für den Überfall. Weil ich [in Begleitung eines Mannes] aus einer Bar kam. Man gab mir das Gefühl, ich hätte zur Vergewaltigung eingeladen. Wenn meine Töchter morgens zur Schule gingen, wurden sie von einigen Leuten komisch angeschaut und mit Kommentaren bedacht. Ich war 11 Jahre lang alleinerziehende Mutter. Anstatt mir Respekt zu zollen dafür, dass ich Mutter und Vater in einem war, wurde über mich hergezogen. Oh, sie ist alleinerziehende Mutter! Ihr Ehemann hat sie verlassen. Vielleicht war sie sogar eine Prostituierte. Regierungsbeamte nannten mich eine Prostituierte und kannten mich nicht einmal. Und sie gefährdeten [dadurch] das Leben tatsächlicher Prostituierter. Wollten sie ausdrücken, dass ihr Wort [das von  Prostituierten] nichts wert sei und dass jeder ihnen alles antun darf?

Ich musste aus meiner Wohnung ausziehen und woanders hinziehen. Wären meine Töchter nicht gewesen, hätte ich Selbstmord begangen.

Nie meldete sich jemand zurück [bei dem ich mich um einen Job beworben hatte]. Bin ich wirklich wertlos, weil ich [an dem Abend, als ich vergewaltigt wurde] in einer Disco war? Wenn Discos so schlecht sind, warum schließen sie sie nicht? Ich begann, häufig Antidepressiva zu nehmen und Beruhigungsmittel. Ich hatte Albträume. Ich wachte schreiend auf. Ich war völlig  durcheinander. Ich verletzte mich selbst. Wären meine Eltern nicht gewesen und meine Babys, wäre ich ganz sicher tot.

Ich fühle [jetzt, da ich für eine Helpline für Opfer sexueller und häuslicher Gewalt arbeite,], dass ich heil werde dadurch, den Schmerz [anderer Opfer] zu teilen. [Aber] Ich höre immer noch so viele Vergewaltigungsgeschichten und habe das Gefühl, an dem völligen Schweigen der Opfer, ihrer Familien und der Gesellschaft zu ersticken.

Neulich habe ich in Kalkutta die Familie eines Vergewaltigungsopfers getroffen. Ich dachte: „Wie lange müssen wir uns schämen, vergewaltigt worden zu sein?“

Ich versuche es. Ich zwinge mich, die Angst zu überwinden. Ich kann nicht aufhören zu leben, weil ich ein Vergewaltigungsopfer bin. Ich wurde vergewaltigt. Ich wurde brutal vergewaltigt. Aber ich lebe und ich will kämpfen. Ich muss so kämpfen, wie ich tatsächlich bin, nicht versteckt hinter einer Maske, nicht hinter einem Bildschirm und nicht hinter einer verschwommenen Abbildung.

Ein Anwalt sagte [über meine Entscheidung, meinen Namen und mein Gesicht zu offenbaren,] ich würde die Unantastbarkeit des Gerichts zerstören. Aber wenn die Türen der Gerichte öffnen, stehen die Familien der Angeklagten geschlossen da draußen. Sie fotografieren mich mit ihren Handys. Was ist mit meiner Unantastbarkeit?

Ich liebe Discos. Ich liebe Tanzen, aber seit damals bin ich nicht mehr auf einer Party gewesen. Ich möchte mich kleiden, wie ich es mag. Aber dazu bin ich zu verängstigt. Bei diesen Menschen [den Politikern, der Polizei und der Zivilbevölkerung, die mich gehetzt haben] gibt es keine Gerechtigkeit für mich. Ich kann mir [aber] selbst Gerechtigkeit zuteil werden lassen. Nicht nur für mich, sondern für jede Frau im Land, der es so geht wie mir.

Ich bin es leid, meine wahre Identität zu verstecken. Ich bin die Gesetze und Regeln dieser Gesellschaft leid. Ich bin es leid, dass mir das Gefühl gegeben wird, ich müsse mich schämen. Und ich bin es leid, verängstigt zu sein, weil ich vergewaltigt wurde. Genug ist genug.

[Deshalb] Verfremdet  nicht meine Stimme, verzerrt nicht mein Foto. Mein Name ist Suzette Jordan und ich will nicht länger als das Opfer der Gruppenvergewaltigung von Kalkuttas Park-Street bekannt sein.

ZUM ÜBERSETZER
Andrea Wlazik ist gelernte Fremdsprachenkorrespondentin. Sie arbeitet als freiberufliche Texterin und Übersetzerin und koordiniert den deutschen Blog der Kampagne „50 Million Missing“ (50 Millionen verschwunden). Sie ist außerdem Initiatorin der von der Kampagne unabhängigen deutschen Facebook-Gruppe Femizid in Indien“.

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3 Responses to Suzette Jordan: Mein Name ist nicht „das Park-Street-Vergewaltigungsopfer”

  1. Thank you for this Andrea! It’s a very important case and still ongoing. Suzette is perhaps the only rape survivor in India who is speaking out openly, using her own name, and trying to even help other rape survivors find the same courage.

  2. Pingback: Wenn ein Unternehmen, das gegen #Vergewaltigung kämpft, diese erhält | The 50 Million Missing Campaign: "50 Millionen verschwunden"

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