Schriftliche Aufforderung an @WomenDeliver, sich bei dem #Vergewaltigungsopfer von #Suryanelli zu entschuldigen

Aus dem englischen Original übersetzt von Andrea Wlazik

Herzlichen Dank an all jene, die unsere Petition bezüglich der ausstehenden Entschuldigung von Women Deliver an die Überlebende der Vergewaltigung von Suryanelli unterstützt haben. Hier finden Sie die Übersetzung des Briefes, den wir zusammen mit den fast 20.000 Unterschriften an Women Deliver geschickt haben.

Die Petition wird online weiterlaufen bis Women Deliver eine direkte Entschuldigung an das Opfer der Vergewaltigung von Suryanelli richtet. Wenn Sie es noch nicht getan haben, können Sie die Petition auch jetzt noch unterzeichen auf Change.Org oder auf Causes.com.

Um mehr über den Suryanelli-Fall zu lesen, klicken Sie bitte hier.

Für ein (englischsprachiges) Statement des Suryanelli-Opfers klicken Sie hier.

Um zu erfahren, was die Aktivistin Arundhati Roy über den Suryanelli-Fall sagt, klicken Sie hier (englisch).

An:  Women Deliver

Von: The 50 Million Missing Campaign

Betrifft: Petition mit der Forderung einer direkten Entschuldigung an die Überlebende der Vergewaltigung von Suryanelli

Wir sind eine weltweite Kampagne, die daran arbeitet, die geschlechtsspezifische Gewalt an Frauen in Indien zu beenden. Dieser Brief soll unsere Empörung darüber zum Ausdruck bringen, dass Sie P. J. Kurien, einen Angeklagten im spektakulären Fall der Suryanelli Gruppenvergewaltigung in Indien, als Sprecher zu Ihrer Frauenkonferenz 2013 eingeladen haben. Wir übermitteln Ihnen hiermit im Auftrag von 19.572 Unterzeichnern aus der ganzen Welt, eine Petition, in der diese fordern, dass Sie eine offizielle und direkt an die Überlebende der Vergewaltigungen von Suryanelli gerichtete Entschuldigung veröffentlichen.

So empörend Ihre Einladung an Kurien auch war, noch entsetzter waren wir über die Gefühllosigkeit der Stellungnahme, die Sie später veröffentlichten und die besagte, dass Ihnen nicht bewusst war, was Sie dann abwertend als „Kontroverse“ betitelten. Keine Spur von Empathie, Unterstützung oder einer direkten Entschuldigung für das Opfer. Dies ist die Art Sprache und Benehmen gegenüber den Opfern von Vergewaltigungen, gegen die Frauengruppen aus der ganzen Welt immer noch ankämpfen. Eine Sprache und ein Benehmen, die umso inakzeptabler sind, wenn sie von einer Organisation kommen, die behauptet, sich für die Stärkung von Frauen einzusetzen.

Das Opfer von Suryanelli und ihre Familie kommen aus einem kleinen Dorf und haben sich Tag für Tag abgestrampelt um finanziell zu überleben. Sie beweisen außerdem ungeheuren Mut, indem sie ihren Kampf für die Gerechtigkeit schon seit 16 Jahren führen, gegen die verschiedensten Formen von Schikanen von amtlicher Seite und die soziale Ausgrenzung, die Opfern von Vergewaltigungen in Indien zuteil wird. Das Opfer hat erst kürzlich gefragt, ob die Öffentlichkeit sie mehr unterstützt hätte, wenn sie gestorben wäre wie das Opfer der Vergewaltigung von Delhi – eine Frage, die andere Überlebende von brutalen Gruppenvergewaltigungen auch schon gestellt haben. Außerdem fragt sie sich, warum sie und ihre Familie weitere Schmähungen aus anderen Bereichen der Gesellschaft hinnehmen müssen (sehen Sie hier).  Wir möchten, dass sie weiß, dass zumindest die Frauenrechtsgruppen auf ihrer Seite sind und ihr beistehen bis ihr Gerechtigkeit widerfährt.

Deshalb ist es umso wichtiger, dass Sie eine offizielle Stellungnahme auf Ihrer Website veröffentlichen, in der Sie sich direkt bei dem Suryanelli-Opfer entschuldigen und sie Ihres Mitgefühls und Ihrer Unterstützung versichern. Wir haben diesem Brief die 19.572  Unterschriften beigefügt, die auf Change.org und Causes.com gepostet wurden. Wir haben außerdem einige zu den Petitionen gegebene öffentliche Kommentare kopiert, damit Sie ermessen können, wie die Menschen darüber denken. Bitte nehmen Sie zur Kenntnis, dass wir diese Petition so lange aktiv laufen lassen werden, bis Sie eine Entschuldigung veröffentlichen und dieses Unrecht korrigieren.

Wir hoffen auf eine positive Aktion Ihrerseits, die die Überlebende von Suryanelli und Überlebende von Vergewaltigungen und Misshandlungen auf der ganzen Welt stärkt.


Öffentliche Kommentare von Unterstützern der Petition:

J. Aster, UK: Ignoranz ist keine Entschuldigung für diesen Frevel. Bitte tun Sie immer das Richtige.

B. Doonan, Spain: Es ist schockierend, dass dieser Mann überhaupt noch Reden halten darf, wenn man die Vorwürfe gegen ihn betrachtet. Aber dass eine Gruppe, von der angenommen werden kann, dass sie sich für die Rechte von Frauen einsetzt (zumindest für ihr Recht zur Reproduktion) sich nicht über die Hintergründe seiner Gastredner im Klaren gewesen sein soll, ist zutiefst enttäuschend und beleidigend für jedes Vergewaltigungsopfer.

W. Bruun, USA: Ich bin ebenfalls empört, dass diese sogenannte Frauengruppe nicht den Anstand hatte, sich sofort beim Opfer dieses Falls zu entschuldigen – wieder ein Fall von „Slut-Shaming“ von Frau zu Frau?

G. Johnson, UK: Dieser grundlegende, andere Menschen respektierende Anstand. Diese Organisation scheint sich nur darum zu kümmern, wie sie große Namen für ihre Sache gewinnen kann, nicht um jene, die sie eigentlich unterstützen sollte.

B. Blond, Australia: Wenn ein Vergewaltigungsopfer keine vollständige und gänzliche Entschuldigung erwarten darf dafür, dass das Verbrechen seines Vergewaltigers trivialisiert wird (und sei es durch Ignoranz), welches Recht haben wir, Entschuldigungen von Fernseh- oder Radiomoderatoren für ihre Gefühllosigkeit und ihren offensiven Umgang mit Vergewaltigungsopfern zu fordern? Dass Frauenrechtsgruppen den Standard setzen für den Umgang mit Vergewaltigung und Vergewaltigungsopfern in der Öffentlichkeit, sollte zu den Basics gehören. Als Überlebende einer Vergewaltigung im Alter von 9 Jahren, kann ich Women Delivers schwaches Statement nicht akzeptieren. Es war keine Kontroverse, die der jungen Frau passiert ist, es war ein Akt der Gewalt, der für immer ein Teil von ihr sein wird und der ihr Leben für immer verändert hat. 

J. Claunch, USA: Sie hätten diese Person als Erstes überprüfen sollen, aber was passiert ist, ist passiert. Ihre Stellungnahme ist keine Entschuldigung und die Frauen in Indien und auf der ganzen Welt verdienen Besseres. Und noch wichtiger: sein Opfer verdient Besseres. Bitte stehen Sie auf, tun Sie das Richtige, zeigen Sie Ihre moralische Gesinnung, sprechen Sie sich gegen den Angriff aus, zeigen Sie Mitgefühl.


Vom Verwaltungskomittee der Kampagne „The 50 Million Missing“

Rita Banerji

Manvendra Bhangui

Caroline Martin

Roxane Metzger

Neil Pharr

Girendra Singh

Lars-Gunnar Svärd

Andrea Wlazik


ZUM ÜBERSETZER
Andrea Wlazik ist gelernte Fremdsprachenkorrespondentin. Sie arbeitet als freiberufliche Texterin und Übersetzerin und koordiniert den deutschen Blog der Kampagne „The 50 Million Missing“. Sie ist außerdem Initiatorin der von der Kampagne unabhängigen deutschen Facebook-Gruppe Femizid in Indien“.

Advertisements

Todesstrafe für die Gruppenvergewaltiger von Delhi – unvollständige Gerechtigkeit?

Gangrape-convicts_1579785g

Die vier Verurteilten

Aus dem englischen Original übersetzt von Jacqueline Knorr

Neun Monate nach der brutalen Vergewaltigung und Körperverletzung einer Universitätsstudentin in einem Bus in Delhi ist am 10. September 2013 ein indisches Gericht zu einem Schuldspruch gelangt. Es entschied, dass vier der sechs beteiligten Männer der Vergewaltigung und des Mordes schuldig sind und bekräftigte, dass es deren Vorsatz war, das Opfer zu töten. Das Gericht wies darauf hin, dass das Malträtieren ihres Körpers mit einer Eisenstange, der Rauswurf aus einem fahrenden Bus und der Versuch, sie zu überfahren, eine Tötungsabsicht darstellt.

Das Gericht hat die vier Männer am 13. September nach indischem Gesetz, welches die Todesstrafe in „den seltensten der seltenen Fälle“ erlaubt, zum Tode verurteilt.  Ein weiterer beteiligter Mann, derjenige, der die Eisenstange benutzt hatte und der brutalste der Bande war, wurde als Jugendlicher eingestuft und bekam dem indischen Recht entsprechend eine milde Strafe von dreu Jahren in einer Besserungsanstalt. Der sechste Mann, der im Gefängnis verstorben war, hatte augenscheinlich Selbstmord begangen. 

Dennoch bleiben Fragen offen. Und da sich dieser Fall von den unteren zu den oberen Gerichtshöfen bewegt, hoffen wir, dass die Öffentlichkeit und die Medien nach Antworten auf die unten aufgeführten, unbeantworteten Fragen drängen werden. 

Die Antworten auf diese Fragen sind aus zwei Gründen sehr wichtig:

1) Um sicherzustellen, dass dem Opfer volle Gerechtigkeit wiederfährt. Das bedeutet, dass alle, die von der Zeit des Vorfalls bis zum Zeitpunkt ihres Todes beteiligt waren, rechtlich für ihre Rolle zur Verantwortung gezogen werden.

2) Um sicherzustellen, dass dieser Fall wirklich ein Wendepunkt für eine größere Veränderung ist, die die sozialen, politischen, Straf-, Rechts- und Justizsysteme aufrüttelt, welche die eskalierende Gewalt gegen Frauen in Indien nicht nur tolerieren, sondern sie auch durch ungezügelte Frauenfeindlichkeit, Apathie und Korruption aufrechterhalten.

HIER SIND DIE FRAGEN:

1) ROLLE DER POLIZEI: Der männliche Freund des Opfers, der auch zusammen geschlagen wurde und der der einzige überlebende Augenzeuge in diesem Fall ist, hatte in späteren Interviews darüber berichtet, dass die Polizei 45 Minuten nach dem Hilferuf am Tatort eintraf. Er erzählte, dass die Polizeibeamten längere Zeit herumstanden und untereinander darüber diskutierten, welcher Bezirk für diesen Fall zuständig sei, während das Opfer auf der Straße lag und verblutete! Die Polizei hat dies unverfroren geleugnet. Wenn das Gericht die Aussage des Überlebenden bezüglich der Angeklagten akzeptiert, sollte es dann nicht auch seine Aussage über die Polizei akzeptieren? Ist es rechtlich nicht relevant, festzustellen, warum die Polizei die Zeugenaussage zurückgewiesen hat, warum die Beamten beim Anblick des Zustandes des Opfers nicht sofort einen Krankenwagen gerufen hat und warum das Opfer nicht in das am Nächsten gelegene Krankenhaus gebracht wurde? Hat diese Verzögerung eine Rolle hinsichtlich des Blutverlusts des Opfers und der Verschlechterung ihres Zustandes gespielt und hätte entsprechendes Handeln ihre Überlebenschancen beeinflusst?

2)  ROLLE DES KRANKENHAUSES: Im Krankenhaus wurden das Opfer und ihr Freund auf dem Boden des Krankenhauses abgeladen, wo sie lange ohne Kleidung lagen, blutend und der Kälte ausgeliefert, bevor sie medizinische Hilfe erhielten. Man gab ihnen noch nicht einmal eine Decke, mit der sie sich hätten zudecken können. Hat diese Verzögerung eine Rolle hinsichtlich des Blutverlusts des Opfers und der Verschlechterung ihres Zustandes gespielt und hätte entsprechendes Handeln ihre Überlebenschancen beeinflusst?

3) ROLLE DER POLITIK: Nachdem das Opfer operiert und stabilisiert worden war und gerade erst in der Lage war zu kommunizieren, wurde sie einer aufreibenden Polizeivernehmung ausgesetzt – zweimal! Beide Vernehmungen waren nahezu identisch und anscheinend wurde diese Doppelbefragung von einem Ego-Zusammenstoß zwischen verschiedenen Büros verursacht. Warum wurde das Opfer in ihrem kritischen Zustand dazu gebracht, ihre Aussage zu wiederholen, wenn doch eine Aussage ausgereicht hätte? Welche Auswirkungen auf ihren Zustand hatte diese Art Stress, der ihr so kaltschnäuzig auferlegt wurde?

4) ROLLE DER REGIERUNG: Das Opfer wurde gegen den Rat der Ärzte, die sie von Anfang an betreut hatten, in ein Krankenenhaus in Singapur verlegt. Reisen, vor allem Flugreisen, waren für jemanden in ihrem Zustand nicht anzuraten. Es wurde uns gesagt, dass dies nicht von ihren Ärzten entschieden worden war, sondern durch Regierungsbeamte. Warum war sich über den Rat des Ärzteteams, das sie ursprünglich stabilisiert hatte, hinweggesetzt worden? Wer sind die Behörden und Beamten, die direkt an dieser Entscheidung beteiligt waren und warum haben sie diese Entscheidung getroffen? Die Familie des Opfers ist arm und nicht gebildet und musste sich mit dem abfinden, was man ihnen erzählte. Was genau wurde der Familie gesagt? Hätte das Opfer eine wohlhabende Familie gehabt, die sich private Ärzte, starke Anwälte und Rechtsberater hätte leisten können, was wäre unter den gleichen Umständen geschehen?

5)  ROLLE DER KORRUPTION: Warum war der Angeklagte Ram Singh, der im Gefängnis scheinbar Selbstmord begangen hat, nicht in Einzelhaft unter Selbstmordbeobachtung verwahrt worden? Ram Singh hatte einen vorausgehenden kriminellen HintergrundEr hatte offenbar eine Frau belästigt und sie gezwungen, ihn zu  heiraten. Diese Frau wurde dann unter ungeklärten Umständen innerhalb eines Jahres umgebracht. Wie stehen die Chancen, dass ein solcher Soziopath Selbstmord begeht? Könnte Ram Singh ermordet worden sein, wie es seine Anwälte behauptet haben, weil er Informationen preisgeben wollte, die verschwiegen werden mussten? Wie konnte ein Mann mit einem solchen kriminellen Hintergrund eingestellt werden um diesen Bus zu fahren, der offenbar auch Schulkinder transportierte? Der Bus wurde mit Zulassungen betrieben, die illegal durch Transportbeamte ausgestellt worden waren und die Papiere für den Bus sind angeblich „verloren gegangen“? Wer war an der Vergabe der illegalen Lizenzen für diese Busse beteiligt?  Ist es nicht anhand des Musters dieses Angriffs, der Art und Weise wie das Paar in den Bus gelockt und dann angegriffen wurde, wahrscheinlich, dass in diesen Bus, wie vielleicht in viele weitere illegal betriebene Busse in der Stadt, bereits andere ahnungslose Frauen ähnlich gelockt und dann überfallen wurden? Aufgrund der kulturellen Barriere, des „Klassenschweigens“, ist es höchst unwahrscheinlich, dass betroffene Frauen, besonders wenn sie eine Hochschulausbildung haben, aus der Mittelklasse stammen und/oder arbeiten, solche Angriffe melden würden. Bei dem jüngsten Massenvergewaltigungsangriff auf eine Foto-Journalistin in Mumbai ist ganz klar, dass die „Bande“ es auch auf andere Frauen abgesehen hatte. Hätte Ram Singh im Delhi-Fall eine Aussage machen können, die dies bestätigt hätte? In welchem Rahmen waren der Polizei und den Betreibern des Busses diese Informationen bekannt?

5) ROLLE DER GERICHTE: Dieser Prozess zog sich trotz eines Schnellverfahrens über 9 Monate hin, bevor es zu einer Verurteilung kam und ein Urteil gesprochen wurde. Das war schon „schneller“ als die meisten Fälle in Indien, die sich über Jahre hinziehen. Einer der Gründe war die massive Mobilisierung der Öffentlichkeit sowie der nationalen und internationalen Medien, die ununterbrochen den Druck auf die Weiterführung dieses Falles aufrecht erhielten. Trotzdem können die indischen Gerichte schneller handeln! Dies wird zum Beispiel am Fall der Schweizer Touristin, die Mitte März in Indien vergewaltigt worden war, deutlich. In der Dunkelheit des Waldes, wo der Angriff Mitten in der Nacht geschah, konnte sie ummöglich die Gesichter ihrer Peiniger gesehen haben. Aber es wurden nicht nur alle Angreifer verfolgt und verhaftet, sie wurden auch innerhalb von nur 4 Monaten zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Warum also hat es im Delhi-Fall trotz Zeugenaussagen und Identifizierung der Vergewaltiger durch die beiden Opfer länger gedauert?

© „The 50 Million Missing Campaign“. Alle Rechte vorbehalten. Bitte beachten Sie bei Weitergabe unsere Hinweise zum Copyright.

ZUR ÜBERSETZERIN

Jacqueline Knorr ist vor 9 Jahen von Berlin in die Karibik ausgewandert und ist heute eine freischaffende Stewardess auf privaten Jachten in der Karibik und in Europa. Momentan ist sie unter anderem damit beschäftigt, ein schwimmendes Gästehaus auf St. Maarten zu bauen, um mit einem Teil des Profits das lokale Tierheim und andere Wohltätigkeitsorganisationen zu unterstützen.

Soraya Nulliah: Meine Kunst erzählt die Wahrheit über Gewalt, die ich erfahren und überlebt habe

Aus dem englischen Original übersetzt von Laura Gerber

Soraya Nulliah

In 2006 hielt die feministische Künstlerin Soraya Nulliah am Nina Haggerty Centre in Edmonton, Kanada, eine Ausstellung mit dem Titel „Shakti“. Das hinduistische Wort Shakti steht für die weibliche Verkörperung der Kraft. Sorayas Absicht war es, Shakti zu beschwören, indem sie ihre Kunst nutzte, um Aufmerksamkeit zum Thema Gewalt gegen indische Frauen zu wecken. Eine der Besprechungen zu ihrer Ausstellung betont: „Unter den üppigen Farben und Texturen verbirgt sich eine traurige Thematik: Die Realität der Gewalt gegen Frauen…”Die Gründerin der Kampagne „The 50 Million Missing“, Rita Banerji, führte kürzlich ein Interview mit Soraya Nulliah, das wir hier in diesem speziellen Beitrag präsentieren. Um mehr über Soraya und ihre Kunst zu erfahren, besuchen Sie ihre Homepage www.sorayanulliah.com

Rita: Ihre Familie ist indischer Herkunft, aber Sie sind in Südafrika und Kanada aufgewachsen und leben nun in den Vereinigten Staaten. Warum wählten Sie das Thema „Gewalt gegen indische Frauen“ für Ihre Malerei und Ihre Ausstellung? 

„Standing at the edge of grace” von Soraya Nulliah

SORAYA: Ich bin eine indische Frau und Überlebende einer missbräuchlichen und gewalttätigen Kindheit. Deshalb ist die Thematik der Gewalt in erster Linie eine persönliche Thematik für mich. Ich weiss wie es ist, ein misshandeltes Kind zu sein, stets in Angst zu leben, gedemütigt und entmachtet. Rita, ich erinnere mich sogar jetzt noch ganz genau, so viele Jahre später: Eines Tages (ich war ungefähr siebzehn Jahre alt), nachdem mein Vater mich verprügelt hatte, kam meine „Mutter” in mein Zimmer und sagte: „Soraya… wir müssen uns damit abfinden… wir sind indische Frauen.”  Und ich sagte zu ihr: „Du entscheidest, Dich damit abzufinden… ich nicht.”

Ich verbrachte ungefähr 4-5 Monate in einer Notunterkunft für Jugendliche, weil „Zuhause“ kein sicherer Ort für mich war (ich besuchte noch die weiterführende Schule). Da war meine „Mutter”, die mich hätte beschützen müssen und erzählte mir, ich solle Misshandlungen akzeptieren. Diese Schlüsselerfahrung veränderte mich, weil ich realisierte, dass mein Schweigen mich nicht schützt; es schwächt mich.

Wärend dieses Thema für mich ein persönliches ist, weiß ich auch, dass es für so viele Andere eine allgemeine Erfahrung ist, besonders für Frauen indischer Gemeinden. Jede einzelne meiner Freundinnen in der indisch-kanadischen Gemeinde kam entweder aus einer gewalttätigen Familie, lebte in einer gewalttätigen Ehe oder beides.

Alles, wogegen sich Deine Kampagne gegen den Genderzid (geschlechtsspezifischer Völkermord) an Frauen in Indien richtet, passiert auch indischen Frauen ausserhalb Indiens! Als ich in Kanada zur Universität ging, gab es einen Vorfall in der Nähe unseres Wohnortes. Ein indischer Mann ging ins Untergeschoss und schug seiner Ehefrau den Kopf ab, während ihre Kinder im oberen Stock waren!! In den sechs Wochen meiner Ausstellung kamen drei indische Frauen in Vancouver ums Leben. Eine Geschichte, die mich wütend machte und mir die Tränen in die Augen trieb, war die einer jungen schwangeren Frau, die bereits eine Tochter hatte. Sie wurde tot und verkohlt aufgefunden, während ihr Mann sie über Wochen nicht einmal als vermisst gemeldet hatte. Es stellte sich heraus, dass sie eine weitere Tochter erwartete!! Gewalt ist eine alltägliche Realität für indische Frauen, und auch wenn wir schweigend leiden und denken (hoffen?), unser Schweigen werde uns retten; das tut es nicht.

Rita: Was hat Sie veranlasst, eine andere Antwort auf diese Gewalt zu geben? Letzten Endes sind Sie in derselben Gemeinde aufgewachsen, mit kulturellen Zwängen, mit denen auch die anderen indischen Frauen aus Auswanderungsgemeinden aufgewachsen sind. Wenn es sich um eine alternative Sichtweise, um einen anderen Umgang mit Gewalt handeln würde, den Sie durch die westliche Gesellschaft erlernt haben, in der Sie lebten, dann sind doch andere indischstämmige Frauen den selben Einflüssen ausgesetzt. Ich bin immer wieder überrascht, dass diese am Ende auf Gewalt reagieren wie Frauen in Indien es tun: sie tolerieren und rationalisieren die Gewalt. Wie kommt es also zu Ihrer davon abweichenden Reaktion?

„I have a story to tell” von Soraya Nulliah

SORAYA: Es wäre sehr schwierig, die Gewalt zu beschreiben, die ich in meiner ursprünglichen „Familie” erlebt habe. Nicht nur die körperlichen, auch die konstanten Angriffe auf meinen Verstand, mein Herz und meinen Geist. Es ließ mich zerschmettert, gebrochen zurück und bürdete mir die schwere Last der Scham auf, die nicht meine war. Sehr früh gelobte ich mir SELBST feierlich, wenn ich irgendwann in der Lage wäre, würde ich mein Leben nicht so leben.

Meine „Mutter“ ist eine Frau mit einer gebrochenen Psyche… schwach und heuchlerisch. Schon früh entschied ich mich ganz bewusst, nie so zu werden wie sie. Da ich keine Mentoren oder Vorbilder hatte, suchte ich diese aktiv außerhalb meiner Familie und Gesellschaft. Bald schon stieß ich auf Frauen wie Dr. Clarissa Pinkola Estes, Audre Lorde, Alice Walker und Toni Morrison. Ihre Bücher zeigten mir einen anderen, mutigeren Weg und eine andere Art zu leben.

Rita: Ihre Ausstellung hatte anfänglich mit enormem Widerstand sowohl von der indischen Einwanderergemeinde als auch von den westlichen Pendants zu kämpfen. Können Sie darüber etwas erzählen?

„Seeker of the brave” von Soraya Nulliah

SORAYA: Die Reaktion der indischen Gesellschaft war völlige und äußerste Ablehnung!!  Ich war auf diese Reaktion irgendwie gefasst, dennoch war ich schockiert über ihre Intensität und ihren Umfang. Zwei Vorkommnisse fallen mir nach all der Zeit immer noch ein. Einige ältere indische Frauen aus dem „feministischen“ Umfeld in Kanada, die während des Zuhörens die ganze Situation verächtlich abstritten. Manche von ihnen hatten mehrere Doktortitel im Bereich der Frauenforschung. Und da war diese sehr gebildete Frau, die einem indisch-kanadische Frauenverband vorstand. Als ich sie um Unterstützung bat, wurde sie sehr ärgerlich und sagte, dass sie zwar mit mir übereinstimme, dies aber nicht öffentlich tun werde und dass sie die Mitteilung über meine Kunstausstellung nicht unterstützen werde!!

Der zweite Vorfall betraf einen „Journalisten” der Wildrose Times of Alberta (eine indisch-kanadische Zeitung). Er interviewte mich über zwei Stunden lang. Ich sprach über weibliche Kindstötungen, Mitgiftmorde, Witwenverbrennungen, geschlechtsselektive Abtreibungen etc. Ich gab ihm Fakten und Statistiken. Als dann der Artikel publiziert wurde, hatte er absolut keinen Bezug zu dem, was ich gesagt hatte!!  Stattdessen schrieb er einen nichts sagenden Artikel, der kaum bis gar nicht auf Tatsachen basierte. 

Rita:  Ich verstehe, warum die indische Gesellschaft so reagieren kann, aber wie kommt es zu der Abwehr in der westlichen Reaktion?

„Art heals” von Soraya Nulliah

SORAYA: Einige der westlichen Medien, wie die Edmonton Sun newspaper und Shaw T.V, behandelten meine Ausstellung sehr ausführlich und berichteten leidenschaftlich über die Aspekte, die ich angesprochen hatte. Aber hinsichtlich der allgemeinen westlichen Reaktion, waren mehrere Faktoren im Spiel.

1. Indische Menschen im Westen sprechen nicht über die Gewalt in ihrer Familie und Gesellschaft, nicht einmal Feministinnen und Studentinnen.  Da existiert eine tief verwurzelte Verleugnung. Vermutlich sind sich deshalb die meisten Menschen im Westen dieser Fakten nicht einmal bewusst!!

2. Ich denke außerdem, dass westliche Feministinnen das Problem nicht wirklich erfassen, weil der weibliche Genozid Indiens subversiv und unsichtbar ist, eingehüllt in die irrsinnigste Verleugnung überhaupt. Ich denke, es ist fast unmöglich, die Zahlen, die Unmenschlichkeit und den Irrsinn des Ganzen zu erfassen. Diejenigen aus dem Westen, die dies wissen, hoffen wahrscheinlich auf einen magischen Weg, dies zu beenden, weil es zu beängstigend wäre, die Realität zu akzeptieren.

3. Ich glaube, es spielen auch Rassismus und Kolonialismus eine Rolle, wenn man die Gewalt gegen Frauen in anderen Kulturen betrachtet. Die westliche Ansicht über den weiblichen Genozid in Indien ist, dass es sich hierbei um eine kulturelle Angelegenheit handelt und nicht um Menschenrechte. Irgendwie sind wir uns alle einig, dass es in Auschwitz und Rwanda um Verletzungen der Menschenrechte ging. Aber wenn Völkermord geschlechtsbedingt ist, scheinen die Menschen anders darüber zu denken. Dies weist darauf hin, dass gleichgültig was wir im Westen behaupten, weibliches Leben einfach nicht so viel wert ist wie Männliches. Und wenn dieses weibliche Leben nicht weiß ist, dann hat es möglicherweise noch weniger Wert – so verbindet sich Frauenfeindlichkeit mit Rassismus.

Rita: Auf einigen Ihrer Bilder halten die Frauen den Blick gesenkt, ihre Köpfe sind verschleiert und nach unten geneigt. Auf anderen blicken sie auf, mit offenen Augen, die Köpfe unverhüllt. Gibt es dafür eine Erklärung?

SORAYA: Die geschlossenen Augen und der gesenkte Kopf beziehen sich darauf, wie wir weltweit in indischen Gemeinden die Gewalt, die wir Frauen antun, vollständig verleugnen. Die Frauen mit den offenen und unerschrockenen, manchmal zornigen Augen, drücken aus, wie wir die Gewalt sehen, sie bestätigen, sie infrage stellen und Wege finden müssen, uns SELBST stark zu machen.

Rita: Die meisten Ihrer Bilder zeigen eine einzelne indische Frau. Warum ist das so?

SORAYA: Auf meinen Bildern ist eine einzelne Frau, weil ich mich selbst so sehe. Ich stehe immer alleine, am Rand von Kulturen und Gesellschaften; nirgendwo vollständig dazugehörig.

Rita: Glauben Sie, dass weiblichen Künstlern und auch Schriftstellern mit einer gewissen öffentlichen Ablehnung begegnet wird, wenn sie den Zorn auf die Gewalt an Frauen in ihrer kreativen Arbeit offen ausdrücken?

SORAYA: Ja, das empfinde ich kulturübergreifend so. Frauen werden generell nicht darin unterstützt, ihre Wut auszudrücken. Vor allem nicht von anderen Frauen!!

Rita: Wie war es, in Südafrika unter einem Apartheidsregime aufzuwachen? War Ihnen bewusst, was Apartheid für Ihr Leben bedeutete? Haben Sie in irgendeiner Form Auswirkungen der Apartheid auf Ihr Leben als indisches Mädchen gespürt?

„Sister Outsider Lorde“ by Soraya Nulliah

SORAYA: Ich denke, ich habe die Auswirkungen der Apartheid auf mein Leben nicht wirklich verstanden, bis wir nach Kanada auswanderten.  Damals war ich 12. Ich kannte nichts anderes, deshalb schien es mir „normal“. Unter der Apartheidsregierung waren viele der Wahlmöglichkeiten, die wir für selbstverständlich erachten, nicht gegeben. Wir konnten nur in bestimmten Bezirken wohnen und spezielle Schulen besuchen. Nicht-Weiße durften nicht wählen, keine öffentlichen Ämter bekleiden, es gab sogar Bezirke in Südafrika, in die wir nicht reisen durften. Eines der größten Übel der Apartheid (und davon gab es einige) waren die Mauern, die rund um unseren Verstand und unsere Herzen hochgezogen wurden; es wurde uns vorgeschrieben, wen wir lieben oder heiraten konnten und mit wem wir befreundet sein durften. Wir hatten keinen freien Zugang zu Wissen und Büchern. Wir konnten nicht einmal über Nelson Mandela, die ANC oder irgend eine Art Politik diskutieren. Erst ab den Wahrheits- und Versöhnungsverhandlungen, da war ich Mitte Zwanzig, begann ich zu erfassen,  was es bedeutet, unter einem Naziregime aufzuwachsen.

Rita: Wie hat Ihre Kindheit unter dem Apartheitsregime Ihre Ansichten bezüglich Rasse und Volk beeinflusst?

SORAYA: Unter dem Apartheidsregime wurde man über seine Rasse definiert – in jedem Sinn dieses Wortes. Sie war in jedes offizielle Dokument gestempelt und dadurch war man in seinen Lebensentscheidungen stark eingeschränkt. Man hat nicht mehr die Person gesehen – nur noch ihre Rasse. Die einzige Person, die sich für mich aus meiner Kindheit hervorhebt, war eine afrikanische Frau, die unsere Nanny war, die mich ehrlich liebte, mich hegte und pflegte. Ich liebte sie sehr und sah in unserer Beziehung weder ihre Rasse noch ihre „Andersartigkeit“. Sie bemutterte mich vom dem Moment an, als ich geboren wurde, solange bis wir Südafrika verließen. Es war die einzige wirklich nährende Beziehung meiner Kindheit – vielleicht sogar meines ganzen Lebens.  Auch in indischen Gemeinden gibt es offenen Rassismus. Ich bin mir nicht sicher, ob er vom Kastensystem herrührt. Aber da gibt es all diese Unterteilungen. Und Hautfarbe ist auch für Inder ein Thema, die können die rassistischsten Kommentare über dunklere Haut abgeben.

Rita: Und welchen Einfluss hatte die Apartheid auf Ihre Ansichten zum weiblichen Genderzid in Indien?

SORAYA: Unter einem Apartheidsregime aufzuwachsen, erweckte in mir einen starken Wunsch danach, die Wahrheit auszusprechen und für Gerechtigkeit aufzustehen. Ich sehe keine meiner persönlichen Freiheiten in einer Demokratie als selbstverständlich an. So ist es nicht nur ein Recht, sondern auch eine Pflicht, die Wahrheit auszusprechen. In der Apartheid zu leben, lehrte mich, dass das „Persönliche“ politisch ist.

Rita: Sie haben Indien besucht. Was sind einige Ihre einprägsamsten Erinnerungen? Wozu hatten Sie einen Bezug und bei was fühlten Sie sich total fremd und unbehaglich?

„Shakti Music” von Soraya Nulliah

SORAYA: Als ich 30 wurde, reiste ich 4 Monate alleine durch Indien. Das war in vielerlei Hinsicht ein Wendepunkt für mich, weil es mich zurück zu meinem wahren SELBST brachte.  Manche der Dinge, zu denen ich ganz einfach einen Bezug bekam, waren Gebräuche, wie z.B. mit meinen Fingern von einem Bananenblatt zu essen, Tempel zu besuchen und überall lautstark indische Musik zu hören. Diese Dinge mögen oberflächlich scheinen, sind aber tatsächlich davon entfernt. Sie haben mich mit den Erinnerungen an meine früheste Kindheit und an meine Vorfahren in Verbindung gebracht.

Was mir merkwürdig vorkam, war der Mangel an Frauen in der Öffentlichkeit. Wohin ich auch ging, Frauen wurden versteckt und nahmen nicht am öffentlichen Leben teil. Und ich war entsetzt, über die Art wie manche Männer in der Öffentlichkeit zu mir kamen und mich begrapschten!! Dies schien aufgrund der Tatsache, dass ich alleine in der Öffentlichkeit war, ein akzeptiertes Verhalten zu sein, obwohl ich mich immer sehr konservativ mit indischen Gewändern kleidete.

Rita: Wie haben die unterschiedlichen Kulturen und Länder, in denen Sie gelebt haben, Sie darin beeinflusst, das Individuum zu werden, das Sie heute sind?

„Truth-Teller” von Soraya Nulliah

SORAYA:   Meine Identität war unzähligen Einflüssen unterworfen – Indien, Südafrika und Kanada. Sie sind wie Fäden, die zusammen einen reichverzierten und kunterbunten Webteppich formen. Wenn ich barfuß in einem Ashram sitze, fühle ich mich genauso wohl, wie wenn ich an einem Umzug für Schwulenrechte teilnehme.

Aber ich bin auch in jeder dieser Kulturen eine „Außenseiterin“, keiner von ihnen vollständig angepasst. Es war manches Mal eine schmerzhafte und einsame Erfahrung, eine „Außenseiterin“ zu sein. Auf der anderen Seite hat es mir aber auch einige wertvolle Dinge mit auf den Weg gegeben. Wie z.B.:

  1. Es gibt keine Straße, der gefolgt werden muss, deshalb habe ich die Freiheit, meinen eigenen Weg zu machen.
  2. Ich kann meinem SELBST treu sein, weil ich nicht nach der Bestätigung suche, irgendwo hineinzupassen.
  3. Es steht mir frei, von jeder Tradition anzunehmen, was mir gefällt und abzulehnen, was ich nicht will. Diese Freiheit gibt mir ungeheure Kraft, mein eigenes Lebensmodel zu gestalten.
  4. Ich kann gefährlich sein! Ich kann meine Meinung kund tun und die Wahrheit sagen.
  5. Ich kann einen einzigartigen Beitrag zur Welt leisten, weil ich gezwungen bin, quer zu denken.

Rita: Was hat es für Sie bedeutet, Ihre Tochter Tara aufzuziehen, insbesondere im Zusammenhang mit den anderen Dingen, über die Sie im Interview gesprochen haben?

SORAYA: Die Erfahrung der Mutterschaft war eine sehr mächtige, die mich nachhaltig verändert hat. Ich neige dazu, ziemlich besorgt zu sein, weil Mädchen in vielerlei Hinsicht verwundbarer sind als Jungen: Kindesmissbrauch und -entführung, mangelndes Selbstwertgefühl, schlechtere Zensuren und weniger Interesse an Mathematik und Wissenschaften in einem bestimmten Alter usw. Aber dass ich eine Tochter habe, gibt mir auch die Möglichkeit, eine starke und kraftvolle Frau heranzuziehen. Ich weiß, dass sie alleine dadurch, dass sie mich genau beobachtet und mir nacheifert, lernt eine Frau zu sein. Das macht mir Mut und inspiriert mich, stärker zu sein.

Rita: Erleben Sie Ihre Kindheit durch sie noch einmal? Spiegelt sich das in der Art wieder, wie Sie Ihre Tochter erziehen?

Soraya mit Tara

SORAYA: Ganz sicher erlebe ich durch sie meine Kindheit noch einmal und zwar sowohl im positiven als auch im negativen Sinn. Einerseits macht es mir besonders bewusst, wie missbräuchlich und mangelhaft meine Kindheit wirklich war. Erinnerungen und Misshandlungen, die ich in den hintersten Winkel meines SELBST verbannt hatte, kommen schichtweise zum Vorschein. Und es verstärkt sich das Gefühl eines Mangels an Fürsorge und Bindung, den ich durch meine biologische „Mutter“ erfahren hatte. Auf der anderen Seite hat es für mich etwas Gutes, weil ich die positiven Aspekte des Kindseins nie erfahren durfte: Im Herzen bin ich ein echtes Kind und ich liebe es, mit Tara magische und wundersame Welten zu erschaffen.

Rita: Was werden Sie ihr erzählen, wenn sie groß wird?`Was sind die Dinge, die alle Mütter ihren Töchtern erzählen oder für sie tun sollten?

Tara – eine kleine Erdenbürgerin

SORAYA: Ich werde Tara von meiner Reise erzählen, wenn sie älter ist. Mein Mann Tim und ich wollen Tara zu einer starken und unabhängigen Frau erziehen, mit einem guten SELBSTbewusstsein und dem Verständnis ihrer Wurzeln in beiden Kulturen, der indischen und der afro-amerikanischen. Wir wollen, dass sie weiß, dass sie bedingungslos geliebt wird. Sie wird ihre eigenen Fehler machen und auch wenn ich dazu neige, sie zu beschützen, weiß ich doch, dass das der Weg zu Individualisierung und Stärke ist.

Ich denke, es ist egal, was Mütter ihren Töchtern über Gewalt erzählen, wenn sie diese tolerieren, verleugnen und als Entschuldigung für ihr eigenes Leben benutzen. Kinder achten mehr auf unsere Taten als auf unsere Worte. Anstatt die Unantastbarkeit der Ehe um jeden Preis aufrecht zu erhalten, sollte es unser Ziel sein, eine sichere und nährende Umgebung für uns selbst und für unsere Kinder zu schaffen.

Ich denke ferner, dass es wichtig ist, dass Frauen ein Leben außer dem als Mutter und Ehefrau haben sollten. Ich denke, es ist unerlässlich, dass wir unser Selbstwertgefühl und unser Selbstverständnis aufbauen. Dies wiederum wird sich auf unsere Familien im Allgemeinen und auf unsere Töchter im Speziellen übertragen. Und auch wenn ich gerne glauben würde, dass Bildung etwas daran ändert, wie Frauen auf Gewalt reagieren, denke ich nicht, dass dem so ist. Weil ich glaube, das eigentliche Problem rührt daher, dass man von seinem SELBST getrennt ist.

Rita: Ihre Arbeit ist sehr wichtig, Soraya.  Die Gewalt an Frauen in Indien, ihr Genderzid, übertrifft jede Gewalt, die einer anderen menschlichen Gruppe jemals angetan wurde. Und Sie als Künstlerin, als Mensch und Mitglied dieser Gruppe, sind der lebende Beweis für diese Gewalt in Ihrem bisherigen Leben. Ihre Kunst ist es, mit der Sie Zeugnis darüber ablegen – für jetzt und für später folgende Generationen. Ihr Zorn ist ein berechtigter Anspruch. Wenn Sie diesen Anspruch ausdrückten und die Welt würde befremdet reagieren, was würden Sie der Welt antworten?

„Claim my Story” von Soraya Nulliah

SORAYA: Wenn mein Zorn (oder meine Angst oder Kraft) die Welt befremdet, sei’s drum! Wichtig ist, dass ich nicht befremdet von mir SELBST bin. Meine Kunst handelt nicht vom Genderzid oder von der Gewalt gegen Frauen, aber ich hoffe, dass sie Zeugnis ablegt über unsere gemeinsame menschliche Erfahrung. Dass man sich an meine Arbeit überhaupt erinnert, darum geht es. Unsere Reisen sind alle gleichermaßen sowohl höchst persönlicher als auch universeller Natur. Wir alle leiden unter Erfahrungen, die uns gebrochen und verletzlich zurücklassen, dennoch sind wir unverwüstlich und zuversichtlich. Die wahre Schönheit liegt darin, dass wir uns auf unserem Weg behaupten.

© „The 50 Million Missing Campaign“. Alle Rechte vorbehalten. Bitte beachten Sie bei Weitergabe unsere Hinweise zum Copyright.

%d Bloggern gefällt das: