Warum das Ausmaß des Völkermords an Indiens Frauen mit Wohlstand und Bildung zunimmt

 

Foto: Divyesh Sejpal ©. Alle Rechte vorbehalten.

Aus dem englischen Original von Rita Banerji
übersetzt von Jacqueline Knorr

Der mit Abstand größte Mythos über den Völkermord
an Indiens Frauen ist, dass er das Ergebnis von Analphabetismus und Armut ist.

Die meisten Leute denken, wenn sie Schulen bauen, Menschen bilden, Mädchen ausbilden und Arbeitsplätze schaffen, dann werden die Menschen nicht ihre weiblichen Kleinkinder töten oder ihre Töchter durch geschlechtsselektive Abtreibung beseitigen.

DIE REALITÄT ZEIGT JEDOCH, DASS GENAU DAS GEGENTEIL DER FALL IST.

Wenn in Indien Reichtum in einen Haushalt, eine Gemeinde, ein Dorf oder ein Gebiet fließt und zusammen mit dem wirtschaftlichen Wohlstand weitere Annehmlichkeiten wie Schulen und Kliniken dazu kommen, dann sieht man einen gleichzeitigen Rückgang des Frauenanteils innerhalb dieses speziellen Haushalts, der Gemeinde, des Dorfs oder des Gebiets!  „Wirtschaftlicher Erfolg scheint den Wunsch nach einem Sohn  auch an Orten zu verbreiten, die einmal neutral zum Geschlecht ihrer Kinder standen“  beobachtet die indische Demographin Alaka Basu.

Mit anderen Worten: Je mehr Wohlstand und Bildung es gibt, desto ausgeprägter ist der weibliche Genderzid! Das ist eine Beobachtung, die einzelne Forscher und Sozialwissenschaftler in Indien gemacht haben, die bis jetzt aber völlig ignoriert wurde.

Allerdings zeigen die jüngsten Daten von Indiens Volkszählung in 2011 und eine unabhängige Studie, welche in der bekannten medizinischen Fachzeitschrift Lancet ebenfalls im Jahr 2011 veröffentlicht wurde, und die auf einer auf Masse angelegten Datenerhebung und-analyse basierte, das oben erwähnte Muster so deutlich, dass es unmöglich ignoriert werden kann.

Indiens Volkszählung von 2011 zeigt, dass es die höchste Anzahl Eliminierungen von Mädchen durch Geschlechtsselektion und Kindstötung nicht in den ärmsten Gegenden Indiens, sondern in den reichsten Bundesstaaten, wie in Punjab und Haryana, und in den wohlhabendsten Städten wie Delhi und Chandigarh gibt. Auch hier sieht man wieder das Muster von Analphabetismus und Bildung.

Die Staaten mit der höheren Alphabetisierungsrate, wie Maharashtra und Gujarat, haben ein maroderes Geschlechterverhältnis als die Staaten mit den schlimmsten Alphabetisierungsniveaus wie Uttar Pradesh und Bihar.

Außerdem tendieren ländliche Gebiete in Indien, die in den Bereichen Bildung und Entwicklung weit hinter den städtischen Gebieten zurückbleiben, dazu, ein besseres Geschlechterverhältnis als die städtischen Gebiete zu haben.

Zudem hatten die 150 Bezirke Indiens, die offiziell von der Regierung als „am wenigsten entwickelt “ eingestuft wurden, weit bessere Geschlechterverhältnisse als die anderen, vergleichsweise stärker entwickelten Bezirke. Im Jahr 2001 gaben die Daten der Bezirksspiegel an, dass die meisten gebildeten Bezirke mit dem größten Zugang zu Technologie ein schlechteres Geschlechterverhältnis als die Bezirke mit den niedrigsten Alphabetisierungsniveaus hatten. Dieser Trend wurde in der Volkszählung von 2011 noch offensichtlicher. Während z.B. im Gebiet von Uttar Pradesh die 10 Bezirke mit dem höchsten Alphabetisierungsniveau bei Kindern ein Geschlechterverhältnis von 887 Mädchen zu 1.000 Jungen hatten, gab es in den 10 Bezirken mit dem niedrigsten Alphabetisierungsniveau ein Geschlechterverhältnis von 937 Mädchen zu 1.000 Jungen, ein Unterschied von 50 Frauen pro 1.000 Männer . Die selben Trends herrschten in anderen Bezirken: Gujarat, Rajasthan, Bihar, Haryana und West Bengalen.

Die ausgedehnte Studie von 2011​​, die von Prabhat Jha geleitet und im Lancet veröffentlicht wurde, zeigte, dass in den letzten zwei Jahrzehnten die drastischste Verschlimmerung bei den Geschlechterverhältnissen in Indien innerhalb der 20% der Bevölkerung stattfand, die zu den reichsten und gebildetsten Gebieten gehören

Während im Jahr 1991 das Verhältnis der Geschlechter bei zweitgeborenen Kindern, bei dem das erstgeborene ein Mädchen ist, noch bei etwa 850 Mädchen auf 1.000 Jungen bei den reichsten 20% Indiens lag, war dieses Verhältnis bis 2011 auf 750 gesunken und lag in Familien, in denen Frauen eine Bildung von 10 Jahren oder mehr hatten, mit 700 sogar noch niedriger. Vergleichsweise zeigen die ärmsten 20 % der Bevölkerung des Landes, der Schicht, in der die Frauen ungebildet und Analphabeten sind, das beste Geschlechterverhältnis. Im Durchschnitt gab es entweder keine Veränderung in den letzten 2 Jahrzehnten oder in manchen Fällen scheinbar sogar eine Verbesserung des Geschlechterverhältnisses im Zensus 2011 gegenüber den Daten aus dem Jahr 1991.

Würden Bildung und Einkommen von Frauen etwas verändern? Leider nicht! Diese Studie zeigt auch, dass in Haushalten, in denen Frauen eine bessere Bildung und ein höheres Einkommen haben, mit großer Wahrscheinlichkeit die weitaus höhere Bereitschaft besteht, ihre Töchter durch Geschlechtsselektion loszuwerden als in ärmeren Familien, in denen Frauen keine Ausbildung haben, vor allem dann, wenn sie bereits ein Mädchen haben.

Es ist wichtig anzumerken, dass es nicht die Frauen sind, die die Entscheidungen treffen, die Töchter loszuwerden, sondern die Familien! Frauen werden oft geschlagen und gewaltsam zu diesen Abtreibungen gezwungen. Auch die Tötung von neugeborenen Mädchen ist oft nicht die Entscheidung der Mutter, sondern die der Familie.

Weiterhin stellte sich heraus, dass wenn der Wohlstand in der Nachbarschaft oder im Staat steigt, mitgiftbedingte Gewalt und Tötungen ebenfalls ansteigen.

Verstehen Sie mich diesbezüglich bitte nicht falsch! Ich plädiere hier nicht gegen Bildung oder gegen kommunale Entwicklung. Ich glaube im Gegenteil, dass Allgemeinbildung und ein grundlegend zivilisierter Lebensstandard für die Mehrheit – beides Dinge, bei denen Indien so hoffnungslos versagt hat – ausschlaggebend für die Entwicklung Indiens hin zu einer modernen Demokratie sind.

Das Problem, das ich hier auf den Punkt zu bringen versuche, ist das Problem der öffentlichen Wahrnehmung der Ursachen von Indiens weiblichem Genozid. Und das Fazit ist, dass Bildung und Wirtschaft selbst nicht die Lösung sind, weil Armut und Analphabetismus nicht die Ursachen für den weiblichen Genozid sind! 

Das Foto oben, das von einem kleinen Mädchen, welches über ihre Schiefertafel gebeugt ist, ruft sofort eine positive Reaktion in uns hervor, weil es für uns symbolisch Unabhängigkeit, Entscheidungsfreiheit und Fortschritt repräsentiert. Die Realität ist allerdings: Bildung und Geld sind mächtige Werkzeuge, aber obwohl wir sie den Menschen geben und hoffen, dass sie es für eine konstruktive Änderung einsetzen, können wir nicht bestimmen, wie Individuen und Gemeinschaften letztlich ENTSCHEIDEN, sie zu nutzen. Im Zusammenhang mit dem Völkermord an Indiens Frauen wurden diese Werkzeuge äußerst destruktiv eingesetzt. Warum ?

  1. Geld und Bildung erhöhen das Wissen über und den Zugang zu verschiedenen Mitteln und neuen Technologien, um potenzielle Töchter zu beseitigen. Hinzu kommt, dass  Menschen, die mehr Geld und Bildung besitzen, das System viel besser verstehen und wissen, wie sie es umgehen können. Sie haben auch die Mittel und Kontakte, um die Polizei und Regierungsbeamte zu bestechen, um mit jeder Art von Verbrechen, sei es Tötung weiblicher Föten, eines weiblichen Säuglings oder der Mord an einer Frau der Mitgift wegen, durchzukommen. Haben Sie sich jemals gefragt, warum die Menschen, die für Mitgiftmorde und weibliche Kindestötung im Gefängnis sitzen, immer die Armen sind?

  2. Je besser eine Familie wirtschaftlich gestellt ist und je mehr Bildung sie ihrer Tochter mitgibt, desto höher ist die Summe, die bei der Hochzeit als Mitgift von der Familie der Braut zu zahlen erwartet wird. Von daher ist die soziale „Strafe“ der Mitgift  weit höher, wenn die Tochter einen Universitätsabschluss bekommt und arbeitet, als wenn sie einfach nur Abitur hat. Weil wohlhabendere Familien das Gefühl haben, eine höhere Mitgift zahlen zu müssen, ist auch ihre Motivation größer, Töchter früh los zu werden. Umgekehrt betrachtet, warum sollte eine gebildete Mittelklasse-Familie überhaupt Mitgift für ihre Tochter zahlen wollen, wenn diese sich gut selbst erhalten könnte? Weil die Familie glaubt, dass wenn die Tochter verheiratet ist und Mitgift bekommen hat, sie ihr keine weiteren Besitztümer geben müssen und somit alles an den Sohn gehen kann!

  3. Je besser eine Familie situiert ist und je gebildeter ihr Sohn ist, desto größer ist der Betrag, den die Familie als Mitgift für ihren Sohn erwartet. In der Tat erhöht jeder Bildungs- oder Berufsabschluss (als Anwalt, Ingenieur oder Arzt ) des Sohnes erheblich den Reichtum, den er durch die Mitgift in die Familie bringt. Oft ist die Forderung der Mitgift fast zehnmal höher als das Jahresgehalt des Bräutigams – es ist der Familien-Jackpot! 

Somit ist die Realität über weiblichen Völkermord, mit der wir uns auseinandersetzen müssen, wenn wir eine effektive Lösung finden wollen, folgende: Beim weiblichen Genozid geht es nicht Armut oder Analphabetismus. Weiblicher Genozid ist Ausübung von Macht und Kraft, so wie es alle Völkermorde sind. Es geht hier um die soziale und strafrechtliche Verfolgung einer Zielgruppe, bestehend aus den Mächtigen – wie bei allen Völkermorden. Die Gründe für den weiblichen Genozid und die Lösungen um diesen zu beenden, sind nicht anders, als für den Völkermord an irgendeiner anderen Gruppe Menschen!

© „The 50 Million Missing Campaign“. Alle Rechte vorbehalten. Bitte beachten Sie bei Weitergabe unsere Hinweise zum Copyright.

ZUR AUTORIN
rita.banerji.photoRita Banerji ist Autorin, Frauenrechtsaktivistin und Begründerin der „The 50 Million Missing Campaign“, einer Kampagne zur Beendung des Völkermords am weiblichen Geschlecht in Indien. Ihr Buch „Sex and Power: Defining History Shaping Societies ist ein historischer und gesellschaftlicher Blick darauf, wie die Beziehung von Geschlecht und Macht in Indien zum anhaltenden weiblichen Genderzid führte. Ihre Webseite ist zu finden unter www.ritabanerji.com. Sie bloggt auf Revolutions in my Space und twittert auf @Rita_Banerji

ZUM FOTOGRAFEN
Divyesh Sejpal ist preisgekrönter Fotograf und Mitglied der
The 50 Million Missing Campaign’s Photographers’ Group, die weltweit von mehr als 2300 Fotografen unterstützt wird. Um weitere seiner Arbeiten zu sehen, klicken Sie hier.

ZUR ÜBERSETZERIN
Jacqueline Knorr ist vor 9 Jahen von Berlin in die Karibik ausgewandert und ist heute eine freischaffende Stewardess auf privaten Jachten in der Karibik und in Europa. Momentan ist sie unter anderem damit beschäftigt, ein schwimmendes Gästehaus auf St. Maarten zu bauen, um mit einem Teil des Profits das lokale Tierheim und andere Wohltätigkeitsorganisationen zu unterstützen.

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One Response to Warum das Ausmaß des Völkermords an Indiens Frauen mit Wohlstand und Bildung zunimmt

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