Sind #Vergewaltigung und #sexuelle Nötigung am #Arbeitsplatz „interne“ Angelegenheiten?

Aus dem englischen Original übersetzt von Andrea Wlazik

Diesen Monat wurde Indien erschüttert von zwei Anzeigen wegen sexueller Nötigung von Frauen, die für Institutionen arbeiten, die an vorderster Front für das Recht der Frau auf Sicherheit kämpfen.

Eine Rechtsanwältin, die während ihres letzten Jahres an der juristischen Fakultät als Praktikantin bei einem Richter des Obersten Gerichtshofs von Delhi tätig war, wurde von diesem sexuell genötigt. In einem Blogbeitrag schrieb sie: „Der letzte Dezember war bedeutsam für die Frauenbewegung im Land – es schien, als würde beinahe die komplette Bevölkerung spontan aufstehen gegen die Gewalt an Frauen und die Ungerechtigkeiten einer scheinbar gleichgültigen Regierung.
In der eigenartigen Situationsironie, mit der unsere Welt voll ist, waren die Proteste Kulisse meines eigenen Erlebens. Als Praktikantin während der Winterferien in meinem letzten Jahr an der Universität passierte ich zu dieser Zeit erschöpft Polizeiabsperrungen in Delhi, um einem renommierten, kürzlich pensionierten Richter des Obersten Gerichtshofs zu assistieren, für den ich schon in meinem vorletzten Semester gearbeitet hatte.  Der Lohn für meinen angebotenen Fleiß waren sexuelle Übergriffe (nicht körperlich verletzend, aber dennoch vergewaltigend) von einem Mann, der alt genug ist, um mein Großvater zu sein. Ich möchte nicht in die schmutzigen Details gehen. Es reicht, zu sagen, dass meine Erinnerung daran noch blieb, lange nachdem ich den Raum verlassen hatte, ja tatsächlich immer noch bei mir ist.” [Klicken Sie hier um ihren vollständigen Bericht zu lesen].

Der andere Vorfall betrifft Tehelka, verehrt als Indiens politisch radikalste, offenste Zeitschrift, die sich selbst für institutionelle Transparanz rühmt und dafür, dass sie für die Unterdrückten kämpft. Eine junge Journalistin von Tehelka hat den Gründer und Herausgeber Tarun Tejpal beschuldigt, sie bei einer Veranstaltung in Goa, die von der Zeitschrift organisiert wurde, zweimal sexuell genötigt zu haben. Details ihrer Beschwerde zufolge, die sie per Mail an die Redaktionsleiterin geschickt hatte und die an soziale Netzwerke durchgesickert war, scheint es, als sei dieser Vorfall nach der in diesem Jahr in Indien verabschiedeten neuen gesetzlichen Definition als Vergewaltigung einzustufen. Tejpal antwortet darauf, dass er sich als seine Form von Buße für 6 Monate von der Zeitschrift zurück gezogen hat. Seine leitende Redakteurin, Shoma Chaudhury, eine feministische Journalistin, die von Newsweek als eine der „150 women who shake the world“ (150 Frauen, die die Welt aufrütteln) aufgeführt wird, hat viele verärgert. Die Leute sehen es als Mittäterschaft, dass sie Tejpal und sein Unternehmen gedeckt hat. [Hier ist Tejpals Anschreiben.]

Als Antwort auf die Anzeige der Anwältin, hat der Oberste Gerichtshof eine Jury aus 3 Richtern zusammengestellt, die in der Angelegenheit ermitteln soll. Derselbe Richter hat auch schon andere Anwältinnen angegriffen. Tehelka will ebenfalls ein internes Komitee bilden, um das zu untersuchen, was Chaudhury als „interne Angelegenheit“ bezeichnet. Chaudhury besteht außerdem darauf, dass es sich hier nicht um ein Verbrechen handelt, obwohl das Schreiben der Angestellten ihr klar zu verstehen gibt, dass Tejpal diese mit Gewalt ausgezogen und ihr trotz ihres Protests seine Finger in die Vagina gezwungen hat, was nach indischem Gesetz eine klare Klassifizierung als Vergewaltigung darstellt.

Aber sind dies wirklich „interne Angelegenheiten“, die der Oberste Gerichtshof und eines von Indiens größten und mächtigsten Medienhäusern hinter geschlossenen Türen diskutieren, beurteilen und verwerfen kann?

Wie stehen die Chancen, dass der Gerechtigkeit Genüge getan wird? Und noch wichtiger: Wird dies für alle anderen Institutionen in Indien als Beispiel dienen dazu, wie man mit sexueller Nötigung umgeht?

Auszug eines Artikels von Shoma Choudhury zum Thema „Vergewaltigung in Indien“ vom Dezember 2012


ZUM ÜBERSETZER
Andrea Wlazik ist gelernte Fremdsprachenkorrespondentin. Sie arbeitet als freiberufliche Texterin und Übersetzerin und koordiniert den deutschen Blog der „The 50 Million Missing Campaign“. Sie ist außerdem Initiatorin der von der Kampagne unabhängigen deutschen Facebook-Gruppe Femizid in Indien“.

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