Indira Jaising: Was hindert indische Gerichte daran, Frauen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen?

indira jaisinghvon Indira Jaising
(Indiens stellvertretender Oberstaatsanwältin)

Hiermit protestiere ich aufs Heftigste gegen die Kommentare des Richters [Kirubakaran], mit denen er ausgedrückt hat, dass Frauen für die Verbrechen, die ihnen angetan wurden, selbst verantwortlich sind. Die logische Schlussfolgerung wäre, dass Frauen, um zu vermeiden, vergewaltigt zu werden, besser zu Hause blieben.

Es sollte grundlegende Pflicht aller Gerichte sein, jegliche Form von Diskriminierung, Vorurteilen und Befangenheit gegenüber Frauen auszuräumen. Keine noch so hohe Anzahl von Eil- oder Spezialgerichten wird Frauen Gerichtigkeit widerfahren lassen, wenn diejenigen, die das hohe Amt des Richters am Obersten Gerichtshof inne haben, an so chovinistischen Ansichten festhalten und diese öffentlich zum Ausdruck bringen.

Von allen Versprechungen der [indischen] Verfassung sind jene die wichtigsten, die das „Recht auf Leben“,  das „Recht auf Würde“, das „Recht auf persönliche Freiheit“ und das „Recht auf körperliche Unversehrtheit und Gesundheit“ betreffen. Allerdings wurden diese Versprechen für [indische] Frauen bislang nicht eingelöst. Vergewaltigung und andere Formen sexueller Übergiffe, häusliche Gewalt, Mitgift- oder Ehrenmorde – die heftigsten Verletzungen dieser Rechte sind real und eine tägliche Gefahr für die meisten Frauen.

Es ist die heilige Pflicht der Richter, Gewalt gegen Frauen zu Hause, am Arbeitsplatz und auf den Straßen zu unterbinden und die Täter zur Verantwortung zu ziehen.

Was also hält Gerichte davon ab, sicherzustellen, dass Frauen Gerechtigkeit widerfährt? Warum ist dieses Gesetz nicht in der Lage, die Angeklagten schuldig zu sprechen, wenn ein Verbrechen gegen Frauen vorliegt?

[Es ist, weil wir in Indien,…]… Frauen wie Männer, die Präsenz von Sexismus in unserem Leben tolerieren und ihn durch die Flure der Gerichte in die Gerichtssäle und in die Urteilssprüche lassen.

Indira Jaisingh no woman is keptDie Entscheidung [der Richter] auf welche Art und Weise Gesetze bei Frauen angewendet werden, basiert auf einer tiefen sexistischen Ansicht dessen, wie eine Frau sich benehmen soll, was sie für Wünsche haben darf und wieviel Gewalt sie tolerieren sollte. Ein flüchtiger Blick auf die Art der Fragen, die Frauen gestellt werden, wenn ein Fall von geschlechtsspezifischer Gewalt verhandelt wird, wird diese Ansicht ebenso bestätigen wie das Lesen von Gerichtsurteilen. Als einmal eine Anwältin um eine Unterbrechung bat, sagte der Amtsrichter: „Ich weiß, wie Ihr weiblichen Anwälte das macht.“ Zur Belohnung wurde er [befördert und] ans Oberlandesgericht bestellt.

Vor ein paar Jahren fragte mich eine Frau, die ich in einem klassischen Fall von sexueller Belästigung vertrat, warum ihre Berufung nicht vor einem weiblichen Richter des Obersten Gerichtshofs verhandelt würde. Meine Antwort war einfach: „Weil es am Obersten Gerichtshof keine weiblichen Richter gibt.“ Sie war erstaunt und fragte, ob der Oberste Gerichtshof nicht verfügen könne, dass der Vorsitzende von Kommitees, in denen sexuelle Belästigung verhandelt würde, und die in der Regel von Angestellten besetzt werden müssen, eine Frau sein müsse. Und wie es denn sein könne, dass das Gesetz [das vorsieht, dass solche Kommitees von einer Frau geleitet werden müssen] nicht einmal für das Gericht selbst gelte. Ich hatte darauf keine Antwort.

Die Forderung nach einer Rechenschaftspflicht für Institutionen des Rechts, wie Polizei und Gerichte, muss begleitet werden von der Forderung nach entsprechenden Gesetzen.

Es ist an der Zeit, Standards einzuführen, dazu, wie Richter sich gegenüber Anwältinnen und weiblichen Prozessbeteiligten benehmen müssen. Keinem Richter, nicht einmal einem Richter am Obersten Gerichtshof, sollte während der Urteilsverkündung oder der Argumentation bei Gericht ein sexistischer Sprachgebrauch gestattet sein.

Verantwortlichkeit beginnt ganz oben am Obersten Gerichtshof. Das, was ein Richter des Obersten Gerichtshofs heute denkt und sagt, wird von den 17.000 untergeordneten, am hohen Gericht Recht sprechenden, Richtern gesagt und getan werden.

Es ist an der Zeit, dass der Oberste Richter Indiens sich der Situation gewachsen zeigt und die Nation und uns informiert, was er zu tun gedenkt, um das Vertrauen des Volkes in das Rechtssystem wiederherzustellen. Neben seiner Rolle als Richter zeichnet er sich auch rechtlich verantwortlich für die Justizverwaltung.

Aus dem englischen Original übersetzt von Andrea Wlazik

ZUR AUTORIN

Indira Jaising ist Indiens stellvertretende Oberstaatsanwältin. Der obige Artikel ist zum Einen ein Auszug des Protestbriefs, den sie im August 2013 an P. Sathasivam, den Obersten Richter Indiens, geschickt hat, um auf Richter aufmerksam zu machen, die geschlechtsdiskriminierende Kommentare gemacht hatten, zum Anderen Teil eines ihrer früheren Artikel mit dem Titel „Blind to what, Your Honour?“ (Blind wofür, Euer Ehren?) in der Times of India zum gleichen Thema.

ZUR ÜBERSETZERIN

Andrea Wlazik ist gelernte Fremdsprachenkorrespondentin und arbeitet derzeit als freiberufliche Autorin und Übersetzerin. Sie koordiniert den deutschen Blog der The 50 Million Missing Campaign.  Sie schreibt außerdem Artikel für die Netzfrauen, eine Gruppe, die über nationale und globale Umweltthemen berichtet. Andrea ist über Facebook erreichbar.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: