Braut und Vorurteil – Jungfräulichkeit in der Ehe

virginitytest

Jungfräulichkeitstests sind eine Beleidigung für die Würde der Frau

Aus dem englischen Original von Rita Banerji
übersetzt von Tina Sternberg

Ist die Jungfräulichkeit ihrer Bräute für indische Männer heute ein ebenso sensibles Thema wie noch vor einem Jahrzehnt?

Oder um es anders auszudrücken: Wenn Schau-spielerin Kushboo wiederholen würde, was sie im Jahr 2005 sagte – dass „kein gebildeter Mensch erwarten würde, dass seine Frau eine Jungfrau ist“ – würde sie wieder mit Schuhen und Eiern beworfen, mit gerichtlichen Klagen geschlagen und gezwungen, eine öffentliche Entschuldigung im Fernsehen abzugeben?

Die MDRA Sex-Umfrage der India Today Group von 2013 legt das zumindest nahe. Sie zeigt, dass mindestens 77% der Männer immer noch auf eine „jungfräuliche Braut“ bestehen – obwohl sie drei Mal häufiger Sex vor der Ehe haben als Frauen.

Das ist erstaunlich angesichts der sichtbar drastischen Veränderungen in der Sozialisierung von Männern und Frauen. Vor zwanzig Jahren hätten die meisten noch nicht offen zugegeben, dass sie einen „Freund“ oder eine „Freundin“ haben. Inzwischen ist es beinahe normal geworden, Dates zu verabreden. Bis in die 80er Jahre hinein noch erfuhr man die Affären von Stars nur über den Flurfunk. Heute reden die Prominenten offen darüber, wen sie daten, von wem sie sich getrennt haben oder mit wem sie zusammenleben.

Verblüffend ist auch die prozentuale Abweichung von Männern zu Frauen, die in der Sex-Umfrage angaben, Geschlechtsverkehr vor der Ehe gehabt zu haben. Wenn drei Mal so viele Männer Sex vor der Ehe haben wie Frauen, dann besucht entweder eine Mehrheit dieser Männer Bordelle oder es gibt mehr Frauen, die mit mehreren Partnern schlafen. Wahrscheinlicher ist wohl eine soziale Zurückhaltung von Frauen, sich dazu zu bekennen, Sex vor der Ehe gehabt zu haben.

In den letzten zehn Jahren ist die Nachfrage nach Hymenoplastik in Indien kontinuierlich gestiegen. So wird der chirurgische Eingriff bezeichnet, bei dem das Jungfernhäutchen rekonstruiert wird – manchmal wird er auch etwas frivol „Re-Jungferung“ genannt. Laut Anup Dhir, plastischer Chirurg am Apollo Krankenhaus in Neu Dheli, steigt die Nachfrage für diese Art der Operation jedes Jahr um 20 bis 30%. Der Eingriff kostet allerdings rund 100.000 Rupien – umgerechnet etwa 1.200 Euro –, was sich offenkundig nur die Mittel- und Oberschicht leisten kann. Anita Kant, Leiterin für Geburtshilfe am Asian Insitute of Medical Sciences in Faridabad, erklärt, dass „viele Frauen fühlen, dass –egal, wie modern ihre Partner sind – die männliche Denkweise in dieser Hinsicht konservativ bleibt“.

Mit anderen Worten: Obwohl es den Anschein hat, dass es in der indischen Gesellschaft eine gewisse sexuelle Befreiung gibt, hat sich die Mentalität in Bezug auf Sex und Sexualität – besonders für Frauen – nicht sehr stark verändert. Aber mit Sicherheit kann auch ein wiederhergestelltes Jungfernhäutchen die „verlorene“ Jungfräulichkeit nicht wieder zurückholen? Und wären sich Männer aus dieser gebildeten Bevölkerungsschicht nicht über diese Prozedur bewusst? Was wäre denn, wenn sie es zufällig herausfänden? Würde es nicht eine Menge Geld, Zeit und Ärger ersparen, wenn das Paar ganz offen über die Situation sprechen könnte? Der Umfrage zufolge aber gaben 77% der Männer an, dass sie eine Frau nicht heiraten würden, wenn diese ihnen offen von ihrem vorehelichen Geschlechtsverkehr erzählen würde.

Aber es ist doch Fakt, dass – mit oder ohne Rekonstruktion – das Jungfernhäutchen keine Angabe darüber macht, ob eine Frau Geschlechtsverkehr hatte oder nicht. Hymen, so der medizinsche Fachausdruck, reißen beispielsweise oft schon dann, wenn man hochintensive Sportarten wie Radfahren betreibt. Und entgegen der landläufigen Vorstellung gibt es auch kein „Großereignis“ wie den „Riss des Hymen“. Scarlateen – eine Online-Sex-Erziehungs-Website, die das Jungfernhäutchen in „vaginale Korona“ umbenannt hat – erklärt, dass das Jungfernhäutchen schlichtweg eine dünne Membran ist, die die Vagina nur teilweise bedeckt (und sie nicht vollständig blockiert), deshalb macht es beim Sex auch nicht wirklich „knack, knirsch und knall“. Eher könnte es ein wenig auseinanderreißen, und danach sogar verheilen. Bei Frauen, bei denen das Jungfernhäutchen sehr elastisch ist, bewegt es sich einfach nur zur Seite. Deshalb gibt es auch sexuell aktive Frauen, die trotzdem ein intaktes Jungfernhäutchen haben. Das sollte uns einen Anlass geben, unsere Skepsis gegenüber der Schwangerschaft von Jungfrau Maria infrage zu stellen!

Trotzdem sehnen sich Männer aller Kulturen immer noch nach „Jungfrauen“. Und sie sind bereit, dafür einen hohen Preis zu zahlen. Im Jahr 2012 versteigerte Natalie Dylan, eine 22-jährige College-Studentin, ihre Jungfräulichkeit im Netz. Sie sagte, sie würde das Geld für ihre Studiengebühren benötigen. Das Gebot erreichte 3,7 Millionen US-Dollar.

Wie erklärt sich diese männliche Fixierung auf die Jungfräulichkeit der Frauen? Manche argumentieren damit, dass dies der traditionelle Weg war, wie ein Mann herausfinden konnte, dass die Braut nicht schon mit dem Kind eines anderen Mannes schwanger ist. Und wie ist es im Hier und Jetzt?

Hugo Schwyzer, Autor und Professor für Geschlechterforschung, führt diese Jungfrauen-Fixierung auf „Lampenfieber“ und „Angst vor Konkurrenz“ zurück. Mit anderen Worten, sie ist in der sexuellen Unsicherheit der Männer verwurzelt. Wenn ein Mann dorthin gehen kann, wo kein Mann zuvor gewesen ist, muss er sich keine Sorgen darüber machen, wie er im Performance-Vergleich zu anderen Männern abschneidet!

Diese Unsicherheit versteckt sich hinter dem Antlitz der sozialen Normen. So erfahren Väter aus dem Kama Sutra, dass eine Heirat ihrer Söhne mit einer Jungfrau ihnen dabei helfen wird, „einen guten Ruf und (soziale) Wertschätzung“ zu erlangen. Es ist interessant, dass der Wunsch nach jungfräulichen Bräuten historisch betrachtet in der Mittel-und Oberschicht weit verbreitet gewesen ist, und nicht nur in Indien.

Prinzessin Diana, die einen großen Teil ihres Lebens um ihre Privatsphäre gekämpft hat, musste zum Zeitpunkt ihrer Hochzeit einen höchst publik gemachten Jungfräulichkeitstest einreichen. Die Ergebnisse teilte ihr Onkel freudig in einer öffentlichen Ankündigung mit. Während die Liebesbeziehungen der englischen Oberschicht in den meisten viktorianischen Romanen nicht mehr als eine Kutschfahrt, einen Kuss oder ein Streicheln zuließ, war um 1800 ein Drittel der Frauen aus der Arbeiterklasse, die in England heiratete, am Tag ihrer Hochzeit schwanger!

Anfang des Jahres [2013] hatte die Landesregierung von Madhya Pradesh eine Massenhochzeit organisiert, um dort lebenden armen Familien zu helfen. Dafür mussten sich 450 Bräute einem Jungfräulichkeits- und Schwangerschaftstest unterziehen. Die Beamten waren empört als sie erfuhren, dass einige der Bräute schwanger waren. Die Frauen wurden sofort von der Zeremonie ausgeschlossen.

Aber eine der aussagekräftigsten Informationen über die Bewertung der weiblichen Jungfräulichkeit in einem kulturellen Kontext ist in der Arthashastra zu finden, Indiens zweitausend Jahre alter Abhandlung über Ökonomie und Staatsführung. Der Text listet präzise Bußgelder für die Entjungferung von Mädchen aus verschiedenen Kasten und Schichten auf. Für Männer aus den höheren Kasten betrug die Entjungferung eines Mädchens aus der eigenen Kaste 400 Panas oder das Abhacken der Hand, während die Strafe für eine Sklavin 12 Panas sowie Kleidung und Schmuck vorsah.

Es gibt aber nicht nur einen monetären Wert für Jungfräulichkeit, sondern eine Reihe weiterer Werte, die die Jungfräulichkeit in den hohen Kasten als „teure Ware“ und in den niederen Kasten als „günstige Ware“ definiert. Dennoch wird sie, so oder so, als Ware deklariert. Diese Einordnung drückt Frauen den Stempel auf, eine Ware oder ein Rohstoff verschiedenster Marken und Barwerte zu sein. In der Tat ist dies die Philosophie hinter der Frage, warum Männer jungfräuliche Bräute einkaufen.

Das ist nicht’s anderes, als wäre eine Frau tatsächlich nur eine Maschine aus Kunststoff und Metall für Sex und Fortpflanzung, die man an der Theke kaufen und direkt mitnehmen kann. Natürlich möchte man eine brandneue Maschine, die noch versiegelt ist. Wer möchte schon Second-Hand-Ware? Und wenn es doch mal sein muss, sollte es möglichst günstig sein. In Teilen Indiens, wo das Geschlechterverhältnis eingebrochen und der Anteil an Mädchen so niedrig ist, dass Männer keine Frauen zum Heiraten finden, herrscht noch die Sitte des „Braut-Handels“. Eine Familie mit Söhnen kauft eine „Braut“ für alle, um sie sich für Sex und Fortpflanzung zu teilen.

Wenn sie denken, dass sie sie „aufgebraucht“ haben, wird die Frau für einen niedrigeren Preis an eine andere Familie weiterverkauft. Eine „Braut“ kann auf diese Weise vier- bis fünfmal wiederverkauft werden. Dann gibt es noch Gemeinschaften wie die Bedias, Kanjars, Nuts und Sanshis, die in Übereinstimmung mit der Tradition davon leben, dass sie ihre Töchter prostituieren. Die Entjungferung eines Mädchens, das in den Handel übergeben wird, wird in einer speziellen Zeremonie namens Nath Utrai begangen, in der das Mädchen an den Meistbietenden versteigert wird. Aber wer sagt Dir, wie Du die Ware behandeln kannst und wie nicht, solange sie Dir gehört? Ist es da ein Wunder, dass zufolge der MDRA-Umfrage der India Today Group 80% der Männer glauben, dass sie ein Anrecht darauf haben, mit einer Frau zu schlafen, wenn sie mit ihr verheiratet sind? Oder dass 80% angeben, wären sie impotent würden sie ihrer Frau dennoch kein alternatives sexuelles Ventil erlauben?

Was diesen entmenschlichten Blick auf Frauen als Sex- und Fortpflanzungsware aufrecht erhält ist letztlich aber nicht die Frage danach, wie Männer Frauen sehen. Es ist die Frage danach, wie Frauen sich selbst sehen. Dafür verantwortlich sind Angst, Scham, Verzweiflung und sogar ein gewisser Opportunismus der Frau, in die „jungfräuliche“ und andere sexuelle Erwartungen der Männer zu passen.

Es sind schon 2000 Jahre vergangen, seit Indien eine Werte-Tabelle für die Jungfräulichkeit von Frauen aufgestellt hat. Es ist an der Zeit, sie in Frage zu stellen – sie zu ändern. Das wird aber nur geschehen, wenn indische Frauen lernen, ihren Körper und ihre Sexualität zu besitzen. Wenn sie in der Lage sind, dem Patriarchat in die Augen zu schauen und zu sagen: „Mein Körper, meine Wahl. Geh und kehre nie wieder zurück. “

ZUR AUTORIN

Rita Banerji ist Autorin, Frauenrechtsaktivistin und Begründerin von “The 50 Million Missing”, einer Kampagne zur Beendung des Völkermords am weiblichen Geschlecht in Indien. Ihr Buch „Sex and Power: Defining History Shaping Societies“ ist ein historischer und gesellschaftlicher Blick darauf, wie die Beziehung von Geschlecht und Macht in Indien zum anhaltenden weiblichen Genderzid führte. Ihre Webseite ist zu finden unter www.ritabanerji.com. Sie bloggt auf Revolutions in my Space und twittert auf @Rita_Banerji.

ZUR ÜBERSETZERIN

Tina Sternberg hat nach ihrem Studium der Literatur und Medien acht Monate in Indien gelebt. Die oft brutalen Widersprüche zwischen zukunftsorientierter Zivilisation und altertümlicher Kultur gehen ihr seither nicht mehr aus dem Kopf.

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