@Women Deliver muss sich beim Opfer der #Gruppenvergewaltigung von #Suryanelli entschuldigen!

Aus dem englischen Original übersetzt von Tina Sternberg


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Im Mai 2013 hat die in den USA ansässige  Frauenrechtsorganisation Women Deliver den indischen Politiker P.J. Kurien eingeladen, anlässlich ihrer diesjährigen „Konferenz zur Selbstbestimmung der Frau über die Fortpflanzung“ eine Rede zu halten – einen Mann, der in einen der spektakulärsten Fälle von Gruppenvergewaltigung an und Sexhandel mit einem Teenager-Mädchen in Indien (den Suryanelli-Fall) verwickelt ist.

Eine 16-jährige Schülerin wurde in der Stadt Suryanelli entführt und 40 Tage lang gefangen gehalten. In dieser Zeit wurde sie von 42 Männern, an die sie „verkauft“ worden war, vergewaltigt. Als man sie schließlich fand, war sie so schwer misshandelt und hatte so viel Blut verloren, dass die Ärzte erklärten: Ein paar Tage später und sie wäre tot gewesen! Hier können Sie die ganze Geschichte zum Suryanelli-Fall lesen.

Einer der Beschuldigten in diesem Fall war P.J. Kurien. Er wurde anlässlich einer Gegenüberstellung vom Opfer identifiziert, aber niemals festgenommen. Die indische Regierung schützte ihn weiterhin, so wie sie auch andere Vergewaltiger aus Regierungskreisen schützt. Indische Frauenrechtlerinnen kämpfen schon seit Langem gegen die Regierung und das System, um diese Politiker daraus zu verbannen. Zu Beginn des Jahres 2013 veröffentlichte ein Team aus drei Oberrichtern unter der Leitung des kürzlich verstorbenen Richters Jagdish Sharan Verma einen eindringlichen Bericht zur sexuellen Gewalt an Frauen in Indien. Eine seiner wichtigsten Forderungen war es, dass solche Politiker ihrer Ämter enthoben und strafrechtlich verfolgt werden.

Der Suryanelli-Fall und Kuriens Schlüsselrolle darin, ihn zu vertuschen, stand im Fokus eines Streits zwischen indischen Frauenrechtlerinnen und der Regierung. Bei dem Streit ging es darum, jene Politiker, denen eine Vergewaltigung vorgeworfen wird, ihrer Macht zu entheben und so das politische System zu säubern. Weitere Informationen zu dieser Auseinandersetzung finden Sie hier. Feministinnen im ganzen Land sind außer sich angesichts dieses Falls! Kuriens Einladung durch Women Deliver ist nicht nur eine massive Demütigung für die indische Frauenbewegung, sie ist auch eine Herabwürdigung der ungeheuren Aufgabe, mit der wir uns hier konfrontiert sehen. kurien

Die ganze Angelegenheit ist wie ein Schlag ins Gesicht, vor allem wenn man sich die hochkarätigen Redner anschaut, neben denen Kurien sein Wort an das Publikum richten durfte. Weitere Redner waren Melinda Gates, Babatunde Osotimehin (Leiter des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen), Helen Clark (Leiterin des Entwicklungsfonds der Vereinten Nationen)und Chelsea Clinton!

Als indische Frauenrechtsgruppen, die in diesem Fall jahrelang für Gerechtigkeit gekämpft haben, gegen diesen Vorfall protestierten,  gab Women Deliver folgende Erklärung ab: „Uns war nicht bekannt, dass dem indischen Abgeordneten P.J. Kurien Vergewaltigung vorgeworfen wird. Zwar können wir zu den konkreten Vorwürfen keine Stellung nehmen, doch wenn wir von dem Konflikt gewusst hätten, hätten wir P.J. Kurien nicht erlaubt, auf der Nebenveranstaltung zu sprechen. Es ist sowohl unsere zentrale Aufgabe als Organisation, gegen Gewalt gegen Frauen Stellung zu beziehen, als auch einer der Hauptpunkte dieser globalen Konferenz.“

Kann diese Aussage als Unterstützung für das Opfer und die indische Frauenrechtsbewegung gewertet werden?

Können diese Äußerungen als Entschuldigung an das Opfer und die indische Frauenrechtsbewegung gewertet werden?

Wäre das Opfer amerikanisch, würde Women Deliver die gleiche Art von Erklärung abgeben?

Wäre dieses Statement akzeptabel für westliche Frauenrechtsgruppen, wenn das Opfer aus ihrem Land stammen würde und die Aussage einer Verunglimpfung ihres Kampfes gegen Gewalt gleich käme?

Schuldet Women Deliver dem Suryanelli-Opfer nicht eine unmittelbare Entschuldigung?

Bitte unterzeichnen Sie unsere Petition an ‘Women Deliver’ und fordern Sie sie auf, sich offiziell beim Opfer zu entschuldigen:

1) Klicken Sie hier um über Change.org zu unterzeichnen

2) Klicken Sie hier um über Causes.com (Facebook) zu unterzeichnen

 

ZUR ÜBERSETZERIN

Tina Sternberg hat nach ihrem Studium der Literatur und Medien acht Monate in Indien gelebt. Die oft brutalen Widersprüche zwischen zukunftsorientierter Zivilisation und altertümlicher Kultur gehen ihr seither nicht mehr aus dem Kopf.

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Gab es eine internationale politische Verschwörung gegen das Opfer der #Gruppenvergewaltigung von #Suryanelli?

Aus dem englischen Original übersetzt von Carmen Berelson

kurien_defiant2_338x225Im Jahr 1996 wurde im Ort Suryanelli in Kerala ein 16-jähriges Mädchen verschleppt und über einen Zeitraum von 40 Tagen von 42 Männern brutal vergewaltigt. Dies wurde zu einem der spektakulärsten Beispiele für die Brutalität von Gruppenvergewaltigungen und Sexhandel in Indien. Dieser Fall befindet sich seit 16 Jahren im indischen Rechtssystem, und dennoch hat das Opfer bislang keine Gerechtigkeit erfahren.

Da nach indischem Gesetz Vergewaltigungsopfer nicht namentlich genannt werden dürfen, wurde sie als das „Suryanelli-Mädchen“ bekannt.

Das Suryanelli-Mädchen war ein schüchternes Mädchen, das in einem katholischen Internat behütet heranwuchs, weil ihr Vater, ein Postmeister, und ihre Mutter, eine Krankenschwester, oft versetzt wurden.  1994 zog sie zu ihren Eltern zurück und besuchte dann ein anderes Internat, das nicht ganz so weit von ihrem Elternhaus inmitten der Hügel und Teeplantagen von Suryanelli lag. Jedes Wochenende fuhr sie mit dem Bus nach Hause zu ihren Eltern.

Im Bus lernte sie Raju, den Fahrkartenkontrolleur, kennen. Sie war 16 und er 26. Aber wie das bei Teenagern so ist, verliebte sie sich. Und wie die meisten indischen Mädchen hielt sie diese Liebe vor ihrer streng katholischen Familie geheim. Sie liebte Raju, hatte aber auch Angst vor ihm. Einmal fiel ihm ein Album mit ihren Familienfotos in die Hände, womit er sie erpresste. Er sagte ihr, wenn sie nicht mit ihm weglaufen und ihn heiraten würde, würde er ihre Fotos mit den Körpern nackter Frauen retuschieren und diese Bilder in ihrer Schule kursieren lassen.

Obwohl sie ängstlich war, stimmte sie zu. Am 16. Januar 1996 sollte sie ihn an einer Bushaltestelle in ihrer Gegend treffen, aber er war nicht da. Es war zu spät, um zur Schule zurückzugehen. Sie wurde von Panik ergriffen und nahm einen Bus, der zu der nahegelegenen Stadt fuhr, in der ihre Tante wohnte. Eine unbekannte Frau, die ihr mit einem männlichen Begleiter gefolgt war, sprach sie mit Namen an und stellte sich vor. Sie sagte, dass sie ihre Verwandten kenne und sie zu deren Haus bringen würde. Stattdessen brachten sie sie zu einer Pension in der Nähe und der Mann vergewaltigte sie.

Während der nächsten 42 Tage wurde sie geschlagen und von den verschiedensten Männern vergewaltigt. Sie wurde zu Privathäusern und Hotels gebracht, und wurde in Autos und öffentlichen Omnibussen über 2000 Meilen weit zwischen zwei Staaten hin und hergebracht. Sie wurde gezwungen, Arrack zu trinken, einen Schnaps der Gegend, und mit Tabletten ruhig gestellt.

Zu ihren Vergewaltigern gehörten ein Professor im Ruhestand, Anwälte, Geschäftsleute und Beamte. Als sie sich zur Wehr setzte, drohte der erste Mann, der sie vergewaltigte, ihre Eltern zu ermorden. „Ich bin Anwalt,“ sagte er ihr, „darum werde ich niemals gefasst“.

Ein Mann schien älter zu sein als die anderen und sie appellierte an sein Mitgefühl. „Sie sind alt genug, um mein Vater zu sein. Bitte holen Sie mich hier raus.“ Er vergewaltigte sie ebenfalls.

Als sie schon glaubte, sterben zu müssen, gaben sie ihr ein bisschen Geld und brachten sie zu einer Bushaltestelle. Sie dachte, dass nun alles vorbei sei, aber dies war erst der Anfang.

Im Krankenhaus sagten ihr die Ärzte, ihre Leistengegend und ihre Geschlechtsteile seien so zerfleischt und sie habe so viel Blut verloren, dass sie nach ein paar weiteren Tagen gestorben wäre! Das Bild seiner Tochter in diesem Zustand hat sich unauslöschlich in das Gedächtnis ihres Vaters eingebrannt – ihr aufgedunsener Körper, ihre zerkratztes Gesicht. „Ich kann es nicht beschreiben“, sagt er. „Und ich kann es nicht vergessen. Als sie wegging, war sie ein junges Mädchen in einer Schuluniform. Als sie wiederkam, sah sie wie eine erwachsene Frau aus – ihr Körper war aufgedunsen und geschwollen… Ich wusste sofort, was sie durchgemacht hatte.“

Sie gingen zur örtlichen Polizei, die sie davon abbringen wollte, die Straftat zu melden. Es dauerte zwei Tage, bis der erste Bericht zu den Akten genommen wurde. Die Polizei fuhr mit dem Mädchen und ihrem Vater zu den Orten, an die sie verschleppt wurde – in einem Polizeiauto wie eine Angeklagte, zusammen mit einigen Verdächtigen. Jeder Tag war eine Demütigung. Die Polizei und die Täter schienen wie Freunde – sie lachten miteinander und machten Witze. Dennoch fand das Opfer den Mut, ihre Vergewaltiger zu benennen und zu identifizieren.

Sie wurde von einem männlichen Gynäkologen untersucht. In Indien müssen Opfer von Vergewaltigungen in der Regel den sogenannten „Zwei-Finger-Test“ über sich ergehen lassen. Ärzte untersuchen die Vagina, um zu sehen, ob sie locker ist (der üblicherweise verwendete Begriff) und ob das Hymen fehlt. Beides wird als Beweis dafür gewertet, dass die Frau regelmäßig Sex hatte und somit dem Verkehr zugestimmt haben musste. Im Fall des Suryanelli-Mädchens führte der Arzt den Zwei-Finger-Test nicht durch. Er sagte, ihre Vagina sei einfach zu stark verletzt.

Es dauerte drei Jahre, bis der Fall  in das überlastete Gerichtssystem Indiens gelangte. Und als dies endlich der Fall war, standen nicht die Männer auf der Anklagebank sondern der Charakter des Mädchens. Die Anwälte der Angeklagten nahmen sie tagelang in ein erbarmungsloses Kreuzverhör und brachten kleinste Details vor, wohl um sie in Verlegenheit zu bringen.

„Wie viele Unterhosen hatten Sie?“

„Sind Ihre Unterhosen zerrissen, als Sie vergewaltigt wurden?“

„Haben sie die Schnur an Ihren Unterhosen aufgemacht oder durchgeschnitten?“

„Sind die Hosen zerrissen?“

„Trugen Sie während Ihrer Reisen Slipeinlagen?“

Die Männer sagten entweder, dass sie sie gar nicht kannten oder dass sie dem Sex zugestimmt habe. Einige hatten gewisse Verbindungen zu einer politischen Partei und sahen sich angeblich als Opfer eines politischen Rachefeldzugs.

Zumindest bot das Prozessgericht dem Mädchen eine Aussicht auf Gerechtigkeit. Der Richter, der nach indischen Maßstäben liberal war, meinte, dass es nicht als Zustimmung zu werten sei, wenn sich eine Frau nicht widersetze.

Er befand alle 35 Angeklagten für schuldig. Am 6. September 2000 wurden alle 35 Männer von einem Sondergericht zu Gefängnisstrafen zwischen vier und 14 Jahren verurteilt – die Anklagen reichten von Verschwörung und Kidnapping bis zu Gruppenvergewaltigung und Sexhandel.  Einen Moment lang sah es so aus, als hätte das Suryanelli-Mädchen gewonnen, aber dem war nicht so.

Einer der Angeklagten war Kurien, den sie wiedererkannte und auf einem Foto identifizierte. Während ihrer Gefangenschaft wurde ihr eines Tages gesagt, dass ein „wichtiger“ Mann sie „besuchen“ würde. Zu dem Zeitpunkt wusste sie nicht, wer er war, bat ihn jedoch, sie zu verschonen und zu retten, da er die Macht dazu hätte. Er tat es aber nicht. Später sah sie sein Gesicht in einer Zeitung und erkannte ihn sofort.

Keiner der Männer kam in Haft. Sie alle legten Berufung ein und wurden auf Kaution entlassen.

Als der Fall neun Jahre später endlich vor das oberste Gericht von Kerala gelangte,  wurde das Urteil aufgehoben. Das Gericht sprach alle 35 Vergewaltiger frei. Es befand nur einen der Angeklagten wegen Sexhandels für schuldig und verurteilte ihn zu fünf Jahren Haft und einer Geldstrafe von 50.000 Rupien. Der Freispruch kam durch politischen Druck zustande, insbesondere durch den Angeklagten P.J. Kurien, einem früheren Bundesminister und Mitglied der derzeit regierenden Kongresspartei! Selbstverständlich wurden die Männer gemeinsam freigesprochen, immerhin hatten sie die Straftaten gemeinsam begangen. Ansonsten hätten sie gegeneinander aussagen müssen. Die Polizei hat in diesem Fall keine weiteren Verhaftungen vorgenommen!

Die Richter des obersten Gerichts sprachen mit Sarkasmus über das Talent des Opfers, sich schnell mit Fremden anzufreunden, wie das Beispiel des Busfahrers zeige. Sie brachten vor, dass sie als Kind Bettnässer war und sagten, dass die Tatsache, dass ihre Schwester die Laken gewaschen habe, ihre „Neigung, andere für ihre Probleme verantwortlich zu machen“, zeige. Vor allem, so sagten sie, sei sie kein „normales unschuldiges“ 16-jähriges Mädchen. Sie versetzte Schmuck und gab einem heimlichen Freund Geld – ein riskantes Verhalten, das ihren fragwürdigen Charakter beweise. Und warum hatte sie nicht versucht zu fliehen, obwohl sie sich in Pensionen befand und mit öffentlichen Bussen transportiert wurde? Auf ihre Aussagen sei kein Verlass und alles was sie sage, müsse angezweifelt werden.

Die entscheidende Frage war laut der Richter nicht, ob sie im Laufe von 42 Tagen mit mehr als drei Dutzend Männern Sex hatte, sondern ob sie ihnen eine willige Partnerin gewesen war, die sich jetzt gegen sie wandte, um ihren Ruf zu schützen. „Sie brauchte Geld und sie war bereit, ihr Ziel zu erreichen. Sie hatte Bedürfnisse, von denen ihre Eltern nichts wussten“, sagte das Gericht. „Sie hat sich somit als Mädchen von zweifelhaftem Charakter gezeigt.“

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Klicken Sie hier um das Interview mit der Familie des Suryanelli-Opfers zu hören

Das Gericht, das Kurien und die anderen freigesprochen hatte, sagte, ein Zeuge habe bestätigt, dass Kurien zum Zeitpunkt der Vergewaltigung nicht in der Pension gewesen sei. Dieser Zeuge allerdings behauptete, er habe ausgesagt, dass er Kurien sehr wohl in der Pension gesehen habe, und zwar ungefähr zu dem Zeitpunkt, an dem das Opfer vergewaltigt wurde! Er sagte, der zuständige Polizeibeamte habe seine Aussage geändert, um Kurien zu schützen. Außerdem seien ihm für sein Schweigen mehrfach Bestechungsgelder angeboten worden!  Darüber hinaus hatte der eine in dem Fall verurteilte Mann ausgesagt, dass Kurien in der Pension war, dass er jedoch von dem Untersuchungsbeamten unter Druck gesetzt wurde, nicht gegen Kurien auszusagen!

Trotzdem hat sich die Regierung geweigert, Kurien seines Amtes zu entheben und seinen Fall aufgrund der neuen Beweise, die gegen ihn ans Tageslicht kamen, wieder aufzurollen!

Im Laufe der Jahre mussten das Opfer und ihre Familie ständig umziehen. Sie werden von der Gesellschaft weiterhin geächtet und sind Schikanen von verschiedenen Seiten ausgesetzt. Nach dieser Odyssee machten sich Freunde rar und Verwandte brachen den Kontakt ebenfalls ab. Es wurde behauptet, dass der Vater seine Tochter verkauft und sein Haus mit dem Geld, das sie verdiente, bezahlt habe.

Nachdem sich das Opfer weigerte, Kurien von der Liste der Männer zu nehmen, die sie vergewaltigt hatten, sah sich die Familie weiteren Schikanen von ganz anderer Seite gegenüber. Sie lebten in Angst und bewegten sich oft nur zwischen Arbeit und Wohnung. Die Mutter trauert leise um das verlorene Glück ihrer beiden Töchter. „Wer wird sie heiraten?“ fragt sie. „Wer wird sich um sie kümmern, wenn wir nicht mehr da sind?“  

Vor diesen Ereignissen war die Familie fest in ihrem Glauben verankert. Auch heute noch befinden sich im Wohnzimmer Abbildungen von der Heiligen Maria und von Jesus. An der Wand hängen Rosenkränze. Aber auch den Trost der Kirche haben sie verloren. Der örtliche Priester hat vorgeschlagen, dass sie sich eine Weile fernhalten, weil sie von anderen erkannt worden waren.

Sehen Sie sich das obige Video an, um zu verstehen, wie dieses Opfer und ihre Familie während der letzten 16 Jahre fortlaufend durch das politische System drangsaliert wurden. 

Im Januar 2013 verabschiedete die indische Regierung als Reaktion auf den bahnbrechenden Bericht des Verma-Komitees  über Vergewaltigungen und sexuelle Gewalt gegen Frauen in Indien ein neues Gesetz gegen Vergewaltigung. Eine der wichtigsten Empfehlungen des Verma-Komitees besteht in der Garantie der Regierung, dass die einer Vergewaltigung angeklagen Politiker nicht im Amt bleiben dürfen – etwas, was das indische Gesetz derzeit gestattet.

Die Regierung jedoch machte diese Empfehlung zur Farce. Als am 19. Februar der Erlass zum Thema Vergewaltigungen im Parlament diskutiert wurde, war der Vorsitzende niemand anderer als P. J. Kurien!

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Die Regierung ignoriert die Forderung, Kurien seines Amtes zu entheben und strafrechtlich zu verfolgen

Die Mutter des Opfers hatte einen Brief an Sonia Gandhi geschrieben, die der Kongresspartei vorsteht und außerdem Kuriens Vorgesetzte ist: „Wie kann er (Kurien) die Diskussion leiten, wenn der von der indischen Union verkündete Erlass, der die Emanzipation indischer Frauen in Bezug auf sexuelle Übergriffe  gegen Frauen zum Ziel hat, im Oberhaus des Parlaments …(geprüft werden soll).“ Sonia Gandhi hat jedoch eigennützige Gründe für den Schutz von Politikern, die Vergewaltigungen begangen haben. Viele dieser Personen sind Mitglied ihrer Partei und haben die Vergewaltigungen an Sikh-Frauen in Delhi im Jahr 1984 organisiert! Weitere Informationen finden Sie hier.

Aber es kam noch schlimmer! Den demütigendsten Hieb gegen das Suryanelli-Opfer teilte im Mai 2013 die in den USA ansässige Frauenorganisation „Women Deliver“ aus, als sie Kurien als Gastredner ihrer globalen Konferenz zum Thema Fortpflanzungsrechte für Frauen einlud! Später tat Women Deliver diesen Schlag mit Nichtwissen ab! Sie haben sich nicht einmal unmittelbar beim Opfer entschuldigt! Viele Fragen bleiben unbeantwortet. Frauengruppen in Indien kämpfen mit aller Macht gegen Kurien. Wer hat Kurien also als Redner empfohlen? Die Organisation „Women Deliver“ scheint mit US-amerikanischen Unternehmen und politischen Führungspersönlichkeiten Verbindungen auf höchster Ebene zu pflegen. Hat einer von ihnen persönliche Interessen in Indien und schlug deshalb Kurien vor? Und wenn es sich wirklich nur um einen „Fehler“ handelte, würde „Women Deliver“ dann nicht einen ernsthaften Versuch unternehmen, sich mit dem Opfer in Verbindung zu setzen? Stattdessen hat die Organisation ihren Fall als „Kontroverse“ abgetan.

Kurz nach der Women Deliver-Konferenz hat der eine Zeuge, der seine Haftstrafe angetreten und ausgesagt hatte, dass er Kurien nicht nur zu der Pension, in der das Mädchen gefangen gehalten wurde, begleitet hatte, sondern dass er von verschiedenen Behörden bedroht und bestochen wurde, plötzlich seine Aussage geändert! 16 Jahre später sagte dieser Mann plötzlich, er sei „betrunken“ gewesen und könne sich an die Ereignisse nicht erinnern! War es Teil der politischen Verschwörung, dass Kurien zu einer internationalen Frauenkonferenz hohen Kalibers eingeladen wird, wo er zusammen mit Leuten wie Melinda Gates und Chelsea Clinton im Rampenlicht stand? Sollte ihm dies zu einem Freispruch verhelfen? Wenn dies der Fall ist: Wie können wir sicher sein, dass Women Deliver nicht Teil dieser politischen Verschwörung war?

Bitte unterzeichnen Sie unsere Petition an Women Deliver und fordern Sie eine offizielle Entschuldigung für das Opfer:

1) Um über Change.org zu unterzeichnen, klicken Sie hier

2) Um über Causes.com zu unterzeichnen, klicken Sie hier



ZUR ÜBERSETZERIN
Carmen Berelson ist gebürtige Deutsche, wurde in Deutschland zur Übersetzerin ausgebildet und übt diesen Beruf freiberuflich (Fachgebiete Recht, Wirtschaft und Finanzen) in den Vereinigten Staaten aus. Sie interessiert sich für die Rechte von Mensch und Tier, für Ethik und Umweltbelange. Carmen ist unter CBerelson@aol.com zu erreichen. Ihr Profil ist zu finden unter http://www.atanet.org/onlinedirectories/tsd_listings/tsd_view.fpl?id=2469.

Das Brandmarken und Lynchen von Frauen als „Hexen“ in Indien nimmt zu

Aus dem englischen Original übersetzt von Japleen Pasricha

Am 18. Oktober 2012 wurden drei Frauen in West Midnapore im Bezirk Bengalen brutal gelyncht von einer Gruppe Männer ihres Dorfes, die behaupteten, die Frauen seien „Hexen“.

Nach Angaben des National Crime Record Bureau sind seit 2008 768 Frauen wegen Ausübung von Hexerei ermordet worden. Dies sind jedoch nur die gemeldeten Fälle.

Die Anzahl der Tötungen von Frauen als „Hexen“ erhöht sich jedes Jahr und breitet sich in Gebiete aus, in denen diese Tradition bislang unbekannt war. Eine Analyse der Zee Research Group (ZRG) zeigt, dass Bundesstaaten wie Karnataka und Chhattisgarh, die 2010 keine bzw. 8 „Hexenmorde“ meldeten, in nur einem Jahr eine Besorgnis erregende Zunahme verzeichneten. Während Karnataka in 2011 77 Fälle meldete, gab es in Chattisgarh in 2011 eine Steigerung von 8 auf 17 Fälle.

Professor Bula Bhadra, ein Soziologe aus Kalkutta, sagt :„Wir stellen fest, dass Witwen oder Frauen, die getrennt leben, die bevorzugte Zielgruppe jener Täter sind, die Frauen angeblich für die Hexenjagd töten. Die Gesellschaft glaubt, dass finanziell unabhängige Frauen kein Recht haben zu leben und dass ihnen ihr ganzes Eigentum und ihr Besitz unter dem Vorwand der Hexenjagd einfach abgenommen werden kann. Den vollständigen (englischen) Bericht finden Sie hier.

ZUM ÜBERSETZER
Japleen Pasricha ist Studentin der Germanistik an der Jawaharlal Nehru University, New Delhi. Außerdem interessiert sie sich für Frauen-, Männer- und Geschlechterforschung. Sie bloggt hier und hat eine englischsprachige Facebook-Seite über Feminismus in Indien.

Catharine MacKinnon: Der Völkermord an Frauen ist ein Verstoß gegen internationales Menschenrecht

Aus dem englischen Original übersetzt von Andrea Wlazik

Wenn es um das internationale  Verbrechen des Völkermords geht, wird die geschlechtsspezifische Vernichtung der Frauen weitestgehend ignoriert. Kein internationales Strafgesetz erkennt das an, was Diana Russell “Femizid” nennt — die Vernichtung von Frauen als Gruppe oder als Mitglieder einer Gruppe…

[Wie auch immer…] Genozid (Völkermord) ist schlimmer als Krieg.  Er kann in einer Zivilgesellschaft unter Zivilisten, abseits jeglicher bewaffneter Auseinandersetzung stattfinden (und tut dies auch). Sein spezifischer Zweck ist es, die Existenz eines Menschen zu beenden. Er ist eine gewalttätige Form der Diskriminierung. 

Er ist eine durch systematische Gewalt verursachte extreme Ungleichheit. 

[Weil jedoch]…diese Misshandlungen durch Vertraute [z.B. in einer Beziehung – Eltern, Ehemann, Verwandte] zugefügt werden…werden sie nicht als Menschenrechtsverletzung wahrgenommen.

Die Welt muss erkennen, dass Gewalt gegen Frauen Menschenrechte verletzt [und dass] wenn die Welt darüber (über Genozid) sagt „Nie wieder!“ – nicht im Krieg, nicht im Frieden – sie es dieses Mal auch so meint. Wird das Wort „Frau“ letztlich wie das Wort „Jude“ eine Bedeutung bekommen, die für tatsächliche Misshandlung steht, die nie vergessen werden kann…, …zu einem Überbegriff für das, was keinem menschlichen Wesen angetan werden darf?

Catharine MacKinnon ist amerikanische Rechtsanwältin, weltweit bekannte Frauenrechtsaktivistin und Professorin der Rechtswissenschaften. Ihr bahnbrechendes Buch von 1979 „Sexual Harassment of Working Women“ (Sexuelle Belästigung von berufstätigen Frauen), das sexuelle Belästigung als Diskriminierung gemäß § VII des United States Civil Rights Act von 1964 definiert, bildete später die Basis der US-Rechtssprechung gegen sexuelle Belästigung. Sie hat zur Bildung des schwedischen Modells zum Umgang mit dem Thema Prostitution beigetragen. Außerdem ist sie Sonderberaterin für Gleichbehandlungsfragen der Staatsanwaltschaft des International Criminal Court in Den Haag. Der obenstehende Text ist ein Auszug aus ihrem Buch „ Are Women Human?“ (Sind Frauen Menschen?).

ZUM ÜBERSETZER
Andrea Wlazik ist gelernte Fremdsprachenkorrespondentin. Sie arbeitet als freiberufliche Texterin und Übersetzerin und koordiniert den deutschen Blog der Kampagne „50 Million Missing“ (50 Millionen verschwunden). Sie ist außerdem Initiatorin der von der Kampagne unabhängigen deutschen Facebook-Gruppe Femizid in Indien“.

Diana Russell: Femizid ist ein tödliches Hassdelikt gegen Frauen

Aus dem englischen Original übersetzt von Sönke Rickertsen

Ausgehend von den Hexenverbrennungen der Vergangenheit über den heute noch in vielen Gesellschaften weit verbreiteten Brauch der weiblichen Kindstötungen bis zu den Hinrichtungen von Frauen aufgrund sogenannter Ehre, müssen wir realisieren, dass Femizid schon seit sehr langer Zeit praktiziert wird…

Femizide sind hassmotivierte Morde, die typischerweise trivialisiert und entpolitisiert werden…

So wie bei den an Afro-Amerikanern und anderen Minderheiten verübten Morden unterschieden werden muss, ob es sich um rassistisch motivierte Verbrechen handelt oder nicht, müssen Morde an Frauen unterteilt werden in jene, die „femizid”, also frauenfeindlich motiviert sind und jene, auf die dies nicht zutrifft.

Die in Indien, China und vielen anderen Ländern verübten Massenmorde am weiblichen Geschlecht sind bezeichnend für Genderzid (geschlechtsspezifischen Völkermord) bzw. weiblichen Genozid (Völkermord). Frauen müssen einfordern, dass alle unsere partriarchalischen Regierungen diese Verbrechen bestrafen wie jeden anderen Völkermord!

Dr. Diana Russell ist eine der weltweit wegweisenden Forscher und Expertin zum Thema Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Sie war 1976 Mitorganisatorin des ersten International Tribunal on Crimes against Women (Internationaler Untersuchungsausschuss zu Gewalt gegen Frauen) in Brüssel. Zudem redefinierte sie den Begriff  „Femizid” als tödliches, hassmotiviertes Verbrechen gegen Frauen und Mädchen und kämpft seit 40 Jahren für die offizielle Anerkennung dessen. Sie hat zahlreiche Bücher über Vergewaltigung, Femizid, Inzest und die Auswirkungen von Pornografie auf Gewalt gegen Frauen veröffentlicht. Ihre Website ist DianaRussell.com   Ihr Twitterkontakt ist @DianaEHRussell.

 
ZUM ÜBERSETZER

Sönke Rickertsen ist freischaffender Schriftsteller, Sänger, Musiker und Künstler. Er lebt in Melbourne, Australien und kann über Facebook kontaktiert werden.

Interview mit Rita Banerji über den anhaltenden Völkermord an indischen Frauen

rita banerjiRita Banerji, Gründerin der „The 50 Million Missing Campaign“ hat kürzlich in einem Interview mit Menschenrechte.eu  nachfolgende Fragen zum fortgesetzten Völkermord am weiblichen Geschlecht in Indien beantwortet:

  • In der Kampagne „50 Millionen fehlen“ wird die Bezeichnung „Femizid“ benutzt. Was bedeutet dies? Gibt es irgendeine Beziehung zwischen „Femizid“ und „Genozid“?

  • Warum bezieht sich die Kampagne auf Indien und nicht auf China? Gibt es nicht ein ähnliches Problem in China? Die indische Regierung hat es 1984 verboten, das Geschlecht von Kindern vor ihrer Geburt feststellen zu lassen. Warum sagen Sie, dass die indische Regierung nicht genug getan hat – was könnte und sollte die indische Regierung tun, um den Femizid zu stoppen?

  • Gibt es wirklich 50 Millionen Frauen, oder handelt es sich hier nur um eine Schätzung? Die Anzahl der vermissten Frauen entsteht durch Abtreibung, Tötungen von Kindern und Mitgiftmorden. Wie ist die relative Bedeutsamkeit dieser verschiedenen Ursachen? Gibt es weitere Ursachen?

  • Haben Sie irgendeine Erklärung dafür, warum die Position der Frauen in Indien nach wie vor so gering zu sein scheint, dass die Gesellschaft den Femizid duldet? Können Sie uns etwas über Widerstand in Indien gegen den Femizid berichten?

  • Wie reagieren die Vereinten Nationen und andere Mitglieder der internationalen Gemeinschaft?  Können Sie uns etwas erzählen über die Kampagne gegen den Femizid in Indien? Beschäftigt sich Ihre Kampagne vorwiegend damit, Informationen zur Verfügung zu stellen oder gibt es weitere politische Aktivitäten oder Proteste? Gibt es eine internationale Zusammenarbeit?

  • Sind Sie optimistisch oder pessimistisch, dass es gelingen wird, den Femizid in Indien zu beenden? Wenn Sie glauben, die Kampagne wird erfolgreich sein, wie lang wird es Ihrer Vermutung nach dauern?

  • Was können unsere Leserinnen und Leser tun, um den Femizid in Indien zu stoppen?

 Das vollständige Interview finden Sie hier.

Ist Menstruation ein Verbrechen?

Aus dem englischen Original übersetzt von Tina Sternberg

Foto: Ramendra Singh Bhadauria ©
Die Gottheit Kamakya von Assam in Ostindien
während ihrer Menstruation

Im Dezember 2010 hat die Kriminalpolizei im Auftrag der Landesregierung von Kerala, Indien, gegen die indische Schauspielerin Jayamala ermittelt und sie offiziell dafür angeklagt, das indische Gesetz verletzt zu haben.

Ihr Verbrechen besteht offenbar darin, einem Geschlecht anzugehören, das menstruiert!

Jayamala wurde unter Berufung auf Paragraph 295 des indischen Strafgesetzbuchs für „vorsätzliche und niederträchtige Handlungen mit dem Ziel, die Gefühle einer Schicht durch Beleidigung ihrer Religion oder religiösen Überzeugungen zu verletzen“ angeklagt.

Worin bestand Jayamalas „vorsätzliche und niederträchtige“ Handlung?

Ihr Verbrechen war es, im Alter von 18 Jahren einen bestimmten Tempel zu besuchen, um dort zu beten – das war vor etwa 23 Jahren.

Und warum „verletzt” dieser simple Akt der religiösen Hingabe einige Menschen? Warum haben sie ihn als „Beleidigung” empfunden? 

Weil in diesem speziellen Tempel – wie in so vielen in Indien – eine alte Regel gilt: Frauen, die menstruieren, dürfen den Tempel nicht betreten. Menstruierende Mädchen und Frauen werden in den meisten Teilen Indiens als „unrein“ und „verschmutzend“ betrachtet – wie etwa ein Müllhaufen, ein faulender Kompost oder giftige Abgase. Es heißt, dass menstruierende Frauen die Umgebung, die sie betreten, verschmutzen. Und weil der Tempel ein heiliger Ort ist, besteht die einzige Möglichkeit ihn ‚sauber’ zu halten darin, Verschmutzern den Zugang zu verwehren. Um zu gewährleisten, dass kein Verschmutzer den Tempel betritt, hat der Tempel ein Gesetz erlassen, dass keine Frau zwischen 10 und 50 Jahren (den Menstruationsjahren) am heiligen Schrein beten darf.

Indem sie also gegen dieses Gesetz verstoßen hat, hat Jayamala im Alter von 18 Jahren (vor mehr als 23 Jahren) den Tempel beschmutzt, hat die „Gefühle“ der Öffentlichkeit „beleidigt“ und „verletzt“ und musste Polizei und Justiz gegenüber Rechenschaft ablegen.

Ihr „Verbrechen” wurde entdeckt als im Tempel eine routinemäßige astrologische Untersuchung der Rituale bei der Gottesanbetung stattfand. Diese Untersuchung hat ergeben, dass die heiligen Zeremonien gestört wurden, weil einige Frauen das Heiligtum betreten hatten. Aus Angst vor den Konsequenzen hat die arme Jayamala ihr „Verbrechen“ zugegeben und gesagt, sie habe den Tempel „aus Versehen“ betreten, als sie von der Menschenmenge hineingeschoben wurde.

Dies führte zu weiteren Untersuchungen der Kriminalpolizei im Auftrag der Landesregierung!

Sie befanden, Jayamala habe unmöglich hineingedrängt werden können, weil die Tempelstufen zum Heiligtum  hinauf führten. Die Polizei schloss daraus, dass sie gelogen hatte und klagte sie wegen Falschaussage an, unter Berufung auf Paragraph 295 des indischen Strafgesetzbuchs für „vorsätzliche und niederträchtige Handlungen mit dem Ziel, die Gefühle einer Schicht durch Beleidigung ihrer Religion oder religiösen Überzeugungen zu verletzen“.

Abgesehen von einem kleinen Teil der indischen Bevölkerung, der frustriert an den Nägeln kaut angesichts der unfassbaren Engstirnigkeit und des Verstoßes gegen das Recht eines jeden Menschen, frei zu beten, gibt es in Indien wenig öffentliche Sympathie für Jayamala.  Wie  ein Journalist in einer bekannten englischen Zeitung in Indien festgestellt hat: „Ist es möglich, moderne Kategorien wie das Recht der Geschlechter in Glaubensfragen streng auszulegen? Können wir eine gefestigte Tradition im Namen der Gleichstellung der Geschlechter aufheben? Genau genommen werden es viele Gläubige -Frauen eingeschlossen- ablehnen, eine Geschlechterfrage in diesen Brauch hinein zu interpretieren. Es gibt nichts Sexistisches an dieser Praxis, denn der Tempel erlaubt ja den Eintritt von Mädchen unter 10 und Frauen über 50 Jahren. Eine gesetzliche Intervention wird diese Situation vermutlich nicht ändern, da es sich um eine Angelegenheit von Tradition und Glauben handelt.“

Die Vorstellung, menstruierende Frauen seien „unrein“ und „verschnutzend“ wird von den meisten Menschen aus allen Schichten innerhalb der indischen Gesellschaft aufrecht erhalten – auf dem Land und in den Städten, gebildet und ungebildet, reich und arm. Oft wird es Frauen verboten, bestimmte Räume im Haus zu betreten, sich bestimmten Menschen zu nähern und sich an bestimmten Aktivitäten zu beteiligen. In einigen Haushalten werden sie in gesonderten Räumen isoliert untergebracht. Wenn sie versehentlich etwas tun, das ihnen nicht erlaubt ist, oder einen Ort betreten, den sie nicht betreten sollen, muss ein Reinigungsritual durchgeführt werden, um den Ort zu säubern. Sogar Gandhi hat gesagt, dass die Menstruation aufgrund der weiblichen Sexualität eine Manifestation für die entstellte Seele der Frau sei. Er glaubte daran, dass eine Frau automatisch aufhören würde zu menstruieren, wenn ihre Seele rein wäre.

Wo liegt der Ursprung dieses Wahnsinns?

Könnte es Angst sein?

Eine tiefe, morbide, kollektive, psychotische Angst – eine Angst, die tief in der Geschichte und Kultur Indiens verwurzelt ist?

Einige der altertümlichen Texte Indiens, wie etwa die mehr als 2000 Jahre alten vedischen Schriften, berichten „Menstruationsblut wurde als bösestes Zeichen für die Macht der Frau angesehen. Man glaubte, dass die Braut des Mondgottes es während der Hochzeit schaffte, ihren Bräutigam in ihrem rot- und lilafarbenen Brautkleid einzufangen und ihm ein ewiges Mal aufzuerlegen, das ihn für immer in ihren Bann schloss… Das Menstruationsblut wurde als wildes und böses Tier betrachtet,  … das einen Mann verbrennen, beißen, kratzen, vergiften und sogar töten kann. Das Blut, das beim Reißen des Jungfernhäutchens austritt, wurde als ähnlich gefährlich [für den Mann] betrachtet. Nach der Hochzeitsnacht wurde das blutbefleckte Brautkleid an den Priester übergeben, der es zerriss und in die zeremoniellen Flammen warf, um die Braut von ihren bösen Kräften zu befreien.” (Rita Banerji, Sex and Power, Penguin Global, 2009, pg.49)

Die Frage heißt deshalb: Ist es diese Angst,  diese tief verwurzelte Angst vor der weiblichen Sexualität, die nicht nur einzelnen Vorfällen wie der Kriminalisierung von Jamayalas Akt der Gottesverehrung, sondern auch dem übergeordneten Problem der systematischen Gewalt gegenüber Mädchen und Frauen in Indien zugrunde liegt?

Ist es diese kollektive, historische Angst vor der weiblichen Sexualität, die diese vollkommen irrationale, systematische Massenvernichtung von Frauen in Indien antreibt?

50 Millionen Frauen erbarmungslos ausgerottet innerhalb von drei Generationen! Das ist beispiellos!

Wenn man die Völkermorde dieser Welt betrachtet, zeichnet sich ein absolut  irrationaler Hass und eine ebenso starke Angst vor der diskriminierten Gruppe erkennbar als treibende Kraft ab.

Ist es nicht Zeit für Indien, dieser Angst ins Auge zu blicken? Sie anzuerkennen? Und zu lernen, wie eine fortschrittliche Nation damit umzugehen?

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ZUR ÜBERSETZERIN

Tina Sternberg hat nach ihrem Studium der Literatur und Medien acht Monate in Indien gelebt. Die oft brutalen Widersprüche zwischen zukunftsorientierter Zivilisation und altertümlicher Kultur gehen ihr seither nicht mehr aus dem Kopf.

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