Sind Indiens Frauen noch auf dem Weg oder sind sie bereits am Bestimmungsort angekommen?

for ladies only busAus dem englischen Original von Manzar Samii
übersetzt von Alexander Ohnmeiß

Auf dem Bahnsteig von Chembur zieht es meine zwei Mitbewohnerinnen und mich in die Richtung aller übrigen wartenden Frauen in der Annahme, dass sie schon wissen werden, wo genau das für Frauen reservierte Zugabteil zum Halten kommen wird. Wir warten dort unbekümmert, nicht ängstlich, nicht besorgt, sondern einfach entspannt. Zum Teil ist dem so, weil wir so aufgeregt sind, endlich in Mumbai (ehem. Bombay) zu sein, aber hauptsächlich ist das so, weil wir wissen, dass sich keine Männer  gegen uns drücken und sich an uns reiben, während wir uns bereit machen, in den Zug zu steigen. Es erwarten uns auch keine Männer mit indiskreten Blicken und grabschenden Händen im vollbesetzten Zug selbst. Ja, wir sind locker und bleiben auch dann noch ruhig,  als wir in den langsam anfahrenden Zug geschubst und gestoßen werden. Sobald wir im Frauenabteil angekommen sind, gelten unsere einzigen Gedanken der Beobachtung anderer Leute, während sich unsere Blicke durch die offenstehenden Türen auf das Tollhaus von Mumbais Innenstadt richten.

Ein paar Haltestellen später steigt eine offensichtlich transsexuelle Person zu. Sie trägt einen leuchtend gelben Sari und als sie lächelt, entblößt sie ein fehlendes Paar Schneidezähne. Sie führt ein kleines Tänzchen auf und berührt uns dann alle am Kopf – vielleicht um unserer Fraulichkeit oder vermeintlichen Weiblichkeit einen Segen zu erteilen, vor allem aber, um denjenigen unter uns, Geld zu entlocken, die Non-Konformität abergläubisch genug gegenüber stehen. Fröhlich bahnt sie sich Ihren Weg durch das Zugabteil, um sich dann vermutlich im männlich dominierten Hauptteil des Zuges zu verschwinden. Sie ist die erste Person, die unseren speziellen Raum, dieses „nur für Frauen“, das uns Erleichterung und Behaglichkeit verschafft,  in Frage stellt. Der Wohlfühlcharakter ist so groß, dass ein paar Frauen sich sogar auf dem Boden ausgestreckt haben. Ein Teil von ihnen unterhält sich über den neuesten Tratsch, einige in Niqab gekleidete Frauen haben vorübergehend ihre Schleier gelüftet, um sich zu sortieren. Eine Mutter kämmt ihrer Tochter Läuse aus dem Haar und wir Übrigen lassen unsere Blicke aus den Fenstern oder im Abteil umherschweifen, um so die ungefilterten Eindrücke und Gerüche aus einer der meistbevölkerten Städte Indiens aufzunehmen. Wir lassen unsere Gedanken schweifen, denken aber nicht über die statischen Definitionen nach, denen wir uns in diesem Zugwagen voller verschiedener Facetten anpassen – wir hinterfragen uns selbst nicht.

ladies compartment train with sign

„Ich verspreche hiermit in allen Zugabteilen mitzureisen und nicht nur in denjenigen, die für Frauen reserviert sind. Ich will, dass die gesamte Stadt zu einem sicheren Ort für Frauen wird. ~ Safe City Pledge“

Beim nächsten Halt schlendert ein Junge ganz zwanglos durch das Abteil, er verkauft kleine Gebrauchsgegenstände, während eine mit Chillis und Limonen vollbeladene Frau sich vorübergehend in einer Ecke niederlässt. Wir blicken sie an, aber niemals zu lange. Wir zählen die Anzahl der verbleibenden Haltestellen und können nur immer wieder denken, wie wundervoll es doch ist, einen Wagen ganz allein für Frauen reserviert zu haben. Wir bemerken eine junge Frau, die wie wild ihr Handy beim SMS-Schreiben bearbeitet – alles mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht – und wir fragen uns, mit wem sie da wohl kommuniziert. Wir beobachten, wie sie in Cotton Green aus dem Zug aussteigt und mit einem jungen Mann zusammenkommt, der im selben Zug,  aber in einem anderen Abteil mitgefahren ist. Das finden wir dann niedlich, ja ganz reizend sogar. In diesem Moment entfällt uns, dass die öffentlichen Abteile eine so unangenehme Erfahrung darstellen, dass eine Frau diese nicht einmal zusammen mit ihrem Partner betreten will. Wir halten uns an den klebrigen Griffen fest und verwenden unsere Aufmerksamkeit darauf, wie zweckdienlich und kostengünstig die Eisenbahn für den alltäglichen Pendler ist.  Es macht uns nichts aus, wenn Frauen gegen uns stoßen oder uns mit vorurteilshaften oder neugierigen Blicken mustern. Das ist für uns eher eine willkommene Erfahrung.

Als dann ein homosexuelles Pärchen das Zugabteil betritt und sich in den Sitzen vor uns niederlässt, sind wir total begeistert. Wir nicken einander zu und denken „wie fortschrittlich“, ohne wirklich darüber nachzudenken, was dies innerhalb oder außerhalb unseres „Nur für Frauen“-Zugabteils bedeutet. Wir geben uns Mühe, uns all die verschiedenen Arten von Leuten zu merken, die wir auf unserem kurzen Trip sehen. Wir inhalieren das Gesehene ein, ja wir saugen es förmlich auf. Während der Zug parallel zu einer anderen Linie fährt, schauen wir uns die öffentlichen Abteile genau gegenüber an: Sie sind so zum Bersten mit Männern voll, dass viele sogar aus den Türen hängen und nach Luft ringen.

Wir fühlen uns so glücklich im Frauenabteil und empfinden fast schon Panik bei dem Gedanken, in einem der Abteile zu sein, die wir beobachten. Zu diesem Zeitpunkt realisieren wir nicht, dass unsere Position zugleich befreiend und einschränkend ist. Dieses Zugabteil symbolisiert Bevollmächtigung und Sicherheit, aber es spricht auch Bände über unsere soziale Lähmung. Wir sind so überfordert, dass man uns auf ein gesondertes Abteil beschränken muss, wir sind immer noch so reduziert durch Furcht und Erfahrungswerte, dass wir zu glauben beginnen, dieses gesonderte Zugabteil könnte einen Fortschritt repräsentieren. Tatsächlich aber erinnert es uns daran, dass es nur ein künstliches Gefühl von Sicherheit ist, durch das Fehlen der Männer und dass wir alle weiterhin in Stereotypen leben und diese folgerichtig nur weiter abspulen.

Mit einem Mal sind wir uns während der gesamten restlichen Fahrt überaus bewusst darüber, dass dieser Wohlfühlcharakter nur ein flüchtiger Moment ist, gewissermaßen eine fehlgeleitete Wahrnehmung und wie überaus ungerecht das ist. Es lässt all die Problematiken widerhallen, die in Gesprächen bei einem Chai, bei spätabendlichen Sparziergängen oder beim Öffnen der Zeitung immer wiederkehren. Anders ausgedrückt, es gaukelt Frauen ein Sicherheitsgefühl vor, aber die angebotene Sicherheit geht einher mit den sozialen Normen und Bestimmungen, die den Frauen seit jeher den Freiraum nehmen. Deshalb setzen auch wir diese problematischen Normen immer wieder ein und haben an ihnen teil – vielleicht haben wir manchmal keine andere Wahl.

only womenAn der nächsten Haltestelle steigt ein Soldat in Uniform zu, in den Händen hält er sein Gewehr, er beansprucht eine Ecke bei der Türe. Uns allen schaudert es vor seinem Autoritätsverständnis und seiner Einstellung, er stehe über den Dingen, die dieses Abteil definieren. Er zischt und richtet Befehle an Frauen, während sie am Bahnsteig ein- und aussteigen – von ihm geht eine ungehobelte Selbstsicherheit aus. Als wir dann am Mumbai-Hauptbahnhof ankommen, sind wir deutlich erleichtert, durch die gegenüberliegende Tür aussteigen zu können und sehr froh, keinen direkten Kontakt mit dem Soldaten zu haben.

Als wir uns wieder den Menschenmassen anschließen beobachten wir die Leute um uns herum. Strategisch platzieren wir unsere Arme in Positionen, die unsere Körper abschirmen. Wir werden berechnend.  Nach Ankunft am berüchtigten Marine Drive sehen wir zu, wie die Abendsonne im Meer versinkt und endlich fühlen wir uns am vorhergesehenen Bestimmungsort angekommen. Während wir so in Ruhe dasitzen, gerät die Reise an das Ufer in Vergessenheit. Schweigend sitzen wir dort und bewundern die Schönheit vor uns und nehmen uns selbst aus unserer Verantwortung heraus, all den Stereotypen, der Furcht und den falschen Auffassungen Folge zu leisten, die zu unseren Be- und Einschränkungen geführt haben. Dann trinken wir Eiscafé anstatt uns selbst für alle die problematischen Bereiche in unserem alltäglichen Leben verantwortlich zu machen. Wir denken bei uns, dass es ja gar keine andere Wahl gibt, schließlich haben wir das Rückfahrticket für den Zug schon bezahlt. Also lächeln wir über den Umstand, es rechtzeitig zum Sonnenuntergang geschafft zu haben und darüber, dass wir in der Dunkelheit bequem zurückfahren werden.

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11 Sicherheitstipps für Frauen, die alleine in Indien leben oder reisen

Aus dem englischen Original übersetzt von Alexander Ohnmeiß

Foto: Sirengsongs. Alle Rechte vorbehalten.

Da immer mehr indische Frauen in ihrem Job reisen müssen oder bis in die späten Stunden im Büro beschäftigt sind, ist die persönliche Sicherheit zum wichtigsten Anliegen berufstätiger Frauen in Indien geworden.

Eine kürzlich erhobene Umfrage hat ergeben, dass
94 % der indischen Frauen sich nicht sicher fühlen dabei, in Indien alleine zu leben, alleine zu reisen oder alleine in einem Hotel zu sein. Von denjenigen, die außerhalb von Indien unterwegs waren, sagen die meisten, sie würden sich in westlichen Ländern alleine auf Reisen oder in Hotels sicher fühlen! Sexuelle Belästigung auf offener Straße, Handgreiflichkeiten und Verfolgung werden in Indien als „normaler“ Teil des alltäglichen Lebens angesehen und von Frauen wird erwartet, sich damit zu arrangieren.  Und obwohl die meisten Vergewaltigungen in Indien niemals gemeldet werden, oder die gemeldeten von der Polizei nicht schriftlich aufgenommen werden, ist Vergewaltigung immer noch das am schnellsten wachsende Gewaltverbrechen im heutigen Indien. Außerdem wird ein alamierender Anstieg der Anzahl gemeldeter Vergewaltigungen an weiblichen Touristen verzeichnet.

Hier sind 11 Tipps der „The 50 Million Missing Campaign“ zur Sicherheit aller allein reisender und allein lebender Frauen in Indien:

1. Obwohl es keinen Grund dafür geben sollte, dass man als Frau nicht alleine lebt oder reist, ist es eine Tatsache, dass es für Singlefrauen in Indien sicherer sein könnte, mit wenigstens einer oder zwei weiteren Personen zu wohnen oder unterwegs zu sein. Wenn Sie in männlicher Begleitung sind, verringert sich in der Regel die Wahrscheinlichkeit, sexuell genötigt oder belästigt zu werden. (Wir sagen hier nicht, dass es so sein sollte! Es beschneidet das Recht der Frauen auf Bewegungsfreiheit und ist grundlegend sexistisch. Aber es ist eine Sicherheitsvorkehrung, die in Indien bis zu einem gewissen Grad funktioniert.)

2. Falls Sie im Auftrag Ihres Arbeitgebers unterwegs sind oder aus beruflichen Gründen in eine andere Stadt gezogen sind, bitten Sie Ihr Unternehmen oder Ihre Organisation – um Ihrer persönlichen Sicherheit willen – die Vorkehrungen für Ihren Aufenthalt über bekannte lokale Kontakte abzuwickeln. Oder erfragen Sie bekannte und vertrauenswürdige Kontaktpersonen, über die Sie die Angelegenheit selbst regeln können.  Sollten Sie in einem Hotel absteigen, vergewissern Sie sich, dass Ihre Zimmertüre mit einem Riegel oder einer Kette von INNEN geschlossen werden kann und halten Sie die Türe immer verschlossen und verriegelt, sobald Sie im Zimmer sind. Führen Sie immer einen tragbaren Türstopper mit sich und setzen Sie diesen nachts auf jeden Fall ein, oder verwenden Sie andere Objekte, die sich als Türstopper eignen. Sollten Sie im Erdgeschoss oder im ersten Stock übernachten, stellen Sie sicher, dass die Fenster vergittert sind. Lassen Sie auf gar keinen Fall Ihre Balkontüre über Nacht offen stehen während Sie schlafen. Sollten Sie Essen oder anderes auf’s Zimmer bestellen, lassen Sie die Türe nicht offen stehen und bitten Sie das Servicepersonal nicht herein. Warten Sie auf dessen Anklopfen und nehmen Sie die Lieferung an der Türe in Empfang.

3. Machen Sie den Punkt „Sicherheit“ bei der Planung Ihres Reise- oder Mietbudgets zur obersten Priorität. Je niedriger der Preis, desto höher ist in den meisten Fällen das Sicherheitsrisiko. Vielleicht erscheint es wie ein gutes, billiges Angebot – für die Miete eines Hauses, Appartements, Hotelzimmers, für Reiseleiter, Transportmittel, Tour-Pauschale, etc. – ABER je undurchsichtiger das Angebot, desto größer wird Ihr Sicherheitsrisiko. Besser bedient sind Sie mit einem bekannten Reiseziel, Veranstalter, Hotel, etc. Oder Sie folgen Empfehlungen Ihnen persönlich bekannter ALLEINSTEHENDER FRAUEN. (Denken Sie daran, für Männer ist es einfach nicht  das Selbe!)

4. Nehmen Sie niemals Essen und Trinken von Fremden an (vor allem nicht in Bussen, Zügen und in Hotels), auch wenn sie Ihnen freundlich erscheinen und sehr beharrlich sind. Es gab Fälle, in denen die angebotenen Speisen und Getränke mit Drogen versetzt waren. Die unvorsichtigen Reisenden wurden dann ausgeraubt und/oder sexuell missbraucht. Besuchen Sie Bars und Restaurants, die stark frequentiert werden (auf diese Weise ist auch Ihr Essen frischer  :) ) und was immer Sie trinken, bestehen Sie auf eine versiegelte Flasche (untersuchen Sie das Siegel gründlich). 

5. Speziell für weibliche Touristen aus westlichen Ländern: Vermeiden Sie jede Art von Körperkontakt mit Männern, die Sie gerade erst kennengelernt haben und auch mit jenen, die Sie seit ein paar Tagen kennen. Umarmungen und Händeschütteln sind tabu. Bleiben Sie stattdessen beim üblichen ‚Namaste’.

6. Augenkontakt mit unbekannten Männern sollte nur kurz und niemals vertraulich sein. Direkter Augenkontakt gepaart mit einem Lächeln ist auch nicht ratsam. Dies wird oft falsch interpretiert. Bei der Wortwahl können Sie zwanglos sein, aber Ihre Körpersprache sollte distanziert und wachsam sein.

7. Wenn Sie in Low-Budget-Hotels wohnen oder sich an öffentlichen Plätzen, einem Markt, auf dem Dorf, etc. aufhalten, tragen Sie weitgeschnittene Kleidung und versuchen Sie, Arme und Beine bedeckt zu halten. Das könnte (oder könnte auch nicht!) dabei helfen, gaffende männliche Blicke oder Belästigungen zu vermeiden!

8. Vermeiden Sie jegliche Fortbewegung in der Nacht. Steigen Sie niemals in ein Taxi oder Auto, in dem mehr als ein Mann sitzt. Setzen Sie sich auf einen Platz neben der Tür und steigen Sie sofort aus, wenn weitere Männer zusteigen. Fahren Sie niemals bei einem Fremden mit und nehmen Sie eine solche Einladung niemals an, auch wenn er noch so freundlich erscheint. Schauen Sie sich auf Zugreisen Ihre Mitreisenden im Abteil aufmerksam an. Sollten Sie sich nicht ganz sicher fühlen, bleiben Sie auf der Hut – nicht einschlafen. Wenn Sie irgendwo nach dem Weg suchen, fragen Sie jemanden. Aber gehen Sie niemals mit, wenn jemand sagt: „Follow me, I will show you“ (Folgen Sie mir, ich zeige es Ihnen). Folgen Sie der Beschreibung und kontrollieren Sie sie durch Nachfragen bei anderen Leuten, die Ihnen begegnen, um sicher zu gehen, dass Sie auf dem richtigen Weg sind. Stimmen Sie niemals zu, sich mit Leuten, die Sie kaum kennen, in einem Haus oder Hotel zu treffen. Wenn Sie sich treffen und reden müssen, bitten Sie darum, sich in einem Café o.ä. Ihrer Wahl zu treffen. Kommen und gehen Sie getrennt.

9. Setzen Sie Grenzen mit Ihrer Körpersprache. In der Regel loten Männer, die es auf eine Gelegenheit für eine scheinbar „unbeabsichtigte“ Berührung oder ungebetenen Körperkontakt anlegen, zuerst Ihre Grenzen aus. Sie setzen sich zum Beispiel einfach zu nahe neben Sie oder berühren Ihre Hand. Indische Frauen werden dabei oft ängstlich und nervös und sind nicht in der Lage, ihre Stimme zu erheben. Frauen aus dem Ausland sind häufig besorgt, sie könnten unfreundlich, rassistisch oder arrogant wirken. Aber die Regel für Sicherheit ist in diesem Fall die gleiche für alle Frauen, egal wo auf der Welt sie sich befinden: WENN DU DICH UNBEHAGLICH FÜHLST, DANN IST ES NICHT O.K.  Auf vollen Plätzen zeigen Sie Ihre persönlichen Grenzen ausdrücklich auf. Gehen Sie weg oder entziehen Sie Ihre Hand. Sollten die Aufdringlichkeiten andauern, sagen Sie laut und bestimmt „Do not touch me!“ (Fassen Sie mich nicht an!)  Wirken Sie niemals zögerlich oder entschuldigend. Wenn Sie sich aber an einem abgelegenen Ort mit wenig anderen Passanten befinden, verhalten Sie sich nicht zu bestimmt oder aggressiv. Versuchen Sie nur, so schnell wie  möglich wegzukommen.

10. Vermeiden Sie überlaufene Plätze – wie Busse und Festivals. Dort nutzen Männer häufig die Gelegenheit, Frauen zu belästigen. Hüten Sie sich in solchen Situationen besonders vor direkter und wütender Konfrontation.  Menschenansammlungen in Indien sind bekanntlich unberechenbar. Indische Frauen beschweren sich oft nicht, weil die Menge anfängt, ihnen selbst die Schuld zu geben. Halten Sie sich bei einem Festival am Rand der Menschenmenge auf.  In einem Bus oder auf dem Markt erheben Sie Ihre Stimme und fragen Sie höflich aber bestimmt “What are you doing?” („Was machen Sie da?). Und vergessen Sie nicht: Schuldgefühle funktionieren besser als Zorn.

11. Die goldene Sicherheitsregel für Frauen ungeachtet des Aufenthaltsorts:

Achten sie jederzeit aufmerksam auf Ihre Umgebung und auf die Leute um Sie herum.

Verlassen Sie sich auf Ihr Bauchgefühl und hinterfragen Sie es nicht. (Es ist besser, sich geirrt zu haben und sicher zu sein, als sich zu irren und und es bedauern zu müssen!)

Handeln Sie intelligent und gemäß ihrer Beobachtungen und Instinkte.

 

ZUM FOTOGRAFEN
Sirensongs ist Gründungsmitglied und Mitwirkender der The 50 Million Missing Campaign Fotografen Gruppe auf Flickr.  Diese wird von 2400 Fotografen aus aller Welt unterstützt. Um weitere ihrer Werke zu sehen, klicken Sie bitte hier.

Ist die kulturelle Voreingenommenheit indischer Feministinnen mitschuldig an der Vernichtung von Indiens Frauen?

von Rita Banerji

Aus dem englischen Original übersetzt
von Alexander Ohnmeiß

[Die zitierten Textstellen sind Auszüge aus Rita Banerjis Artikel „Why Kali Won’t Rage: A Critique of Indian Feminism“  (Warum sich Kali nicht erzürnt: Eine kritische Abhandlung zur indischen Frauenbewegung), herausgebracht im „Gender Forum“, Ausgabe 38, 2012.]

Innerhalb von drei Generationen hat Indien systematisch und gezielt mehr als 50 Millionen Frauen seiner Bevölkerung vernichtet – diese Zahl entspricht in etwa der Bevölkerung von Schweden, Österreich, der Schweiz, Belgien und Portugal zusammen (Banerji, Female Genocide). In 20 Jahren wird Indien 20 % des Frauenanteils seiner Gesamtbevölkerung vernichtet haben (Sinha K., In 20 Years). Diese werden bis dahin den immer weiter um sich greifenden Tötungspraktiken zum Opfer gefallen sein: selektive Abtreibung weiblicher Föten, Tötung weiblicher Nachkommen durch die eigenen Eltern, Tötung der unter 5-jährigen Mädchen durch vorsätzliche Vernachlässigung, Brautgeldmorde, „Ehren“-Morde und die fahrlässige Gefährdung von Frauenleben durch vielfache und erzwungene Abtreibungen weiblicher Föten.


Warum hat all dies noch keine offene Rebellion von Indiens Frauenrechtsbewegung verursacht? Und warum steht der Völkermord an Indiens Frauen und Mädchen nicht auf der Tagesordnung globaler Frauen- oder Menschenrechtsbewegungen?

Banerji behauptet, Indiens eigene feministische Bewegung sei verantwortlich für die Entpolitisierung der Unterdrückung der Frauen in Indien. Sie erklärt außerdem, dass die weltweit bekannten indischen Feministinnen, die an der Spitze von Indiens Frauenbewegung stehen, der Weltöffentlichkeit gegenüber darauf bestehen, dass die Lage der Frauen in Indien nicht wie in westlichen Kulturkreisen als Machtkampf mit politischem Hintergrund ausgelegt werden könne, sondern als Teil und im Kontext von Indiens Kultur akzeptiert und behandelt werden müsse.

Als Beispiel führt Banerji Chitnis an, die Direktorin des wichtigsten Programms für Frauenstudien in Indien, dem „Center of Women’s Studies“ am Tata Institut für Sozialwissenschaften. Warum glaubt Chitnis, dass sich die politische Perspektive der westlichen Frauenbewegung im Hinblick auf Frauenrechte und -unterdrückung nicht auch auf die Lage der Frauen in Indien übertragen lässt?

In „Feminism in India“, einer „Sammlung der einflussreichsten Schriftstücke mit Bezug auf das Konzept der Frauenrechtsbewegung in Indien“ (Chaudhuri 1), beschreibt Suma Chitnis wie ihr bei der Teilnahme an einem internationalen Seminar zum Thema Geschlechterrollen in Kanada plötzlich bewusst wurde, dass während die Frauenrechtlerinnen aus westlichen Kulturkreisen eine „zornige Tirade“ gegen die Patriarchate in ihren jeweiligen Ländern anstimmten, sie selbst einen solchen Zorn gegen das Patriarchat in ihrem eigenen Land nicht empfinden konnte. Weiter beschreibt sie, wie Indiens Frauen im Allgemeinen „Missbilligung für den [westlichen] feministischen Zorn“ empfänden und „Verwirrung ob der [westlich] feministischen Fixierung auf das Patriarchat […] insbesondere auf Männer als hauptverantwortliche Unterdrücker“ (Chitnis 8-10).

Chitnis sinniert, möglicherweise hätten Geschichte und Kultur einen Anteil daran, dass „die Belange der Frauen in Indien andere sind, als die der Frauen im Westen“. Sie erinnert daran, dass Indien geschichtlich „immer [eine] in hohem Maße hierarchisch[e Gesellschaft]“ gewesen sei und dass diese Hierarchien durch Gebräuche und soziale Verhaltensregeln aufrecht erhalten wurden. Sie bemerkt weiterhin, dass im Gegensatz zum Westen, wo größter Wert auf Individualität und persönliche Freiheit gelegt würde, die Inder Werte wie Unterwürfigkeit,  „Selbstaufgabe“ und „die Spiritualisierung des Selbst“ schätzten. Mit anderen Worten: Indiens Gesellschaft sei in soziologischer wie in psychologischer Hinsicht angepasst an die Idee einer Ordnung durch soziale Schichten. Und das, was einem Außenstehenden als eine Geschlechterhierarchie erscheine, würde von Indern ganz einfach als Beachtung der Kultur angesehen. Zudem sei das, was von westlichen Beobachtern als Aufgabe der eigenen Individualität betrachtet werden könne, für indische Frauen vielmehr eine Priorisierung der Familie und Gemeinschaft gegenüber dem Individuum. Insofern sähen sie es als eine bewusste Entscheidung zugunsten des Allgemeinwohls.

Chitnis rechtfertigt diese Sichtweise der indischen Frauenbewegung, indem sie anführt, dass die indische Verfassung im Zuge der Unabhängigkeitserklärung „Frauen eine vollständige politische Gleichstellung mit Männern einräumte. [Und] deshalb indische Frauen nicht das gleiche Unrecht hätten ertragen müssen, unter dem Frauen im Westen wegen der […] Diskrepanz zwischen politischen Idealen und der Realität leiden mussten. Sie behauptet, seit der Unabhängigkeit im Jahr 1947 hätte die indische Regierung durch ihre Serie von Fünf-Jahres-Plänen für „das Wohlergehen der Frauen“ gesorgt – und zwar in solchem Maße, dass in einem Vergleich mit anderen Ländern, Indien bezüglich der gesetzlichen Bestimmungen zugunsten der Frauen „voraussichtlich als eines der fortschrittlichsten Länder hervorgehen würde“. Chitnis empfindet dies als einen der Hauptgründe weshalb indische Frauen nicht so aufgebracht sind, wie ihre westlichen Pendants. Abschließend schreibt sie, dass indische Frauen „die gesetzlichen Absicherungen und Einrichtungen für Chancengleichheit sähen, die für sie im Prinzip schon zugänglich seien und für die [von der westlichen Frauenbewegung] noch gekämpft werde“. (Chitnis 9, 11, 17).

Banerji zitiert außerdem Madhu Kishwar, die Herausgeberin und Gründerin des „Manushi“. Dieses Journal ist international anerkannt als Indiens führende „Feministen“-Publikation, welche für sich den Anspruch formuliert, Fragen „in Bezug auf Frauen und Gesellschaft“ zu behandeln.

Madhu Kishwar bestätigt in derselben Textsammlung (“Feminism in India”) Chitnis Ansicht und fügt hinzu, dass „der Idee von Rechten und Würde der Frau […] in Indien eine viel längere Geschichte individueller Selbstbestimmung der Frauen zu Grunde liegt [als im Westen]. Dies glaubt sie, werde bewiesen durch Indiens Traditionen in der Verehrung von Göttinnen, in der die “Shakti” oder Kraft anerkannt werde als Verkörperung des Weiblichen. Kishwar ist sicher, dass dies in Wirklichkeit „die indische Gesellschaft weitaus aufnahmefähiger macht für die Selbstbehauptung und die Stärken der Frauen, als es westliche Gesellschaften sind. Dies, argumentiert sie, sei auch der Grund dafür, dass in Indien – anders als im Westen – Männer eine historische Rolle in der Frauenrechtsbewegung spielten. Sie führt an, dass während der britischen Kolonialzeit Männer sogar eine Vorreiterstellung übernommen hätten bei der Abschaffung von Praktiken wie der Sati (Witwenverbrennung) sowie bei der Einführung von Gesetzen, die Witwen eine Wiederverheiratung ermöglichten. Kishwar kommt zu dem Schluss, dass Indiens Männer durch die traditionelle Göttinnenverehrung der Vorstellung von Frauen in Machtpositionen gegenüber sozial eingestellt seien. Dies sei eine der Hauptursachen dafür, dass die Frauenbewegung in Indien „anders als im Westen, wo den Frauen in ihrem Vorhaben Gleichberechtigung zu erreichen von den meisten politisch aktiven Männern erbitterte Feindseligkeit entgegen gebracht wurde, keinen Beigeschmack eines Geschlechterkrieges erfahren hätte (35-36).

Banerji weist darauf hin, dass diese Ansichten zur geschlechtsspezifischen Machtverteilung, die unter den führenden Feministinnen in Indien herrschen, nicht nur politisch inkorrekt sind, sondern auch extrem unrealistisch. Vor allem wenn man die zugrundeliegenden Fakten bedenkt, die sich aus dem anhaltenden Völkermord am weiblichen Geschlecht in Indien ergeben. Sie sagt:

Ungeachtet der Gesetze, der Verfassung, Göttinenverehrung und männlicher Feministen – die alltägliche Realität für Frauen in Indien ist ein Skandal! Während Indien astronomischen Wachstum in Industrie und Wohlstand erfahren hat und nun im Begriff ist, sich zur weltweit drittgrößten Wirtschaftsmacht aufzuschwingen (Sinha, P.), ist die Lage für die indischen Frauen als Bevölkerungsschicht, die theoretisch gesehen die Hälfte der Nation ausmacht, erschreckend rückschrittlich.

2010 veröffentlichte das Weltwirtschaftsforum seinen Global Gender Gap Report. Dort war Indien auf Rang 112 von insgesamt 134 Ländern zu finden (Murti). Der Bericht bewertete den unterschiedlichen Zugang von Männer und Frauen zu wirtschaftlichen Mitteln und Möglichkeiten in den einzelnen Ländern. Dabei wurden wirtschaftliche Gegebenheiten, Ausbildung, politische Teilnahme, Gesundheit und Überlebensrate als Faktoren berücksichtigt. Ordnet man die Länder ihrer Reihenfolge entsprechend nach den Faktoren „wirtschaftliche Beteiligung“ und „Jobmöglichkeiten für Frauen“, findet man Indien auf Platz 128 – nur 6 Nationen sind schlechter platziert. Selbst in Indiens florierendem Unternehmenssektor, der professionellen Schicht mit hoher Ausbildung, liegt das jährliche Durchschnittseinkommen für Frauen mit 1.185 US-Dollar bei weniger als einem Drittel des Durchschnittseinkommens für Männer, welches bei 3.698 US-Dollar liegt (Nagrajan). Indien weist darüber hinaus eine der höchsten Analphabeten-Raten weltweit unter der weiblichen Bevölkerung auf und 2006 waren nach Schätzung der Weltbank über 50 Prozent von Indiens über 15-jährigen Mädchen und Frauen nicht des Lesens und Schreibens mächtig (Business Standard). Allerdings ist auch diese Zahl noch irreführend, da „zur Bewertung von effektiver Lese- und Schreibfähigkeit in Indien auch jede, die ihren eigenen Namen schreiben kann, zählt – [ wenn also] […] Sita die vier Buchstaben ihres Namens lesen und schreiben kann [zählt sie] […] zur Kategorie der des Lesens und Schreibens Fähigen“ (Bhaskar). An die 50% Prozent aller Mädchen in Indien werden vor ihrem 18. Lebensjahr von ihren Familien verheiratet und so steuert Indien ganz allein ein Drittel aller Kindsbräute der Welt bei (Sinha K., UNGA).

Banerji macht in ihrem Artikel weiterhin deutlich, dass es entscheidend sei, dass die indische Frauenbewegung die Realität der Frauenfeindlichkeit akzeptiere, die sich für die fehlende Gleichberechtigung und Unterdrückung der Frauen und Mädchen in Indiens Gesellschaft verantwortlich zeichne. Und dass diese Frauenfeindlichkeit die primäre Ursache für die gezielte Massenvernichtung von Frauen in Indien sei. Sie führt weiterhin an, wie bei allen Fällen von Genozid habe auch dieser Genozid an den Frauen Indiens seine Wurzeln in einem irrationalen, kulturbedingten Hass gegen eine ausgemachte Zielgruppe, und dies müsse anerkannt werden.

Es ist nun vielfach erwiesen, dass diese existentielle Ungleichheit, der Indiens Frauen begegnen, von ungezügeltem Frauenhass angefacht wird. Einem Frauenhass, der den Frauen nicht nur einen ebenbürtigen Lebensstil verwehrt, sondern ihnen auch das grundlegendste aller Menschenrechte verwehrt – das Recht zu leben. Eine in 2001 durchgeführte globale Umfrage der Thomson Reuters Stiftung identifiziert Indien als weltweit viertgefährlichstes Land für Frauen (Chowdhury)….

Dies kennzeichnet einen Frauenhass, der selbst vor Kleinkindern und Mädchen nicht Halt macht. Ein Bericht der UNICEF aus dem Jahr 2007 wies eine unnatürlich hohe Sterblichkeitsrate bei Mädchen unter 5 Jahren auf, ungefähr 40% höher als bei Jungen im gleichen Alter. Dies ließ sich zurückführen auf vorsätzliche Vernachlässigung und böswillige Verweigerung von Nahrung und Medikamenten, gleichzusetzen mit fahrlässiger Tötung (UNICEF 12).

Eine in 2011 vom „Indian Council of Medical Research“ und der „Harvard School of Public Health“ initiierte Studie ergab, dass in Indien Mädchen unter 5 Jahren mit einer um 21 % höheren Wahrscheinlichkeit den Tod fanden als Jungen im gleichen Alter und dass weibliche Kleinkinder im Alter von einem Jahr oder jünger sogar mit einer um 50 % höheren Wahrscheinlichkeit starben als männliche Kleinkinder der gleichen Altersgruppe. Die Ursache für diese hohen Sterblichkeitsraten waren gewalttätige Übergriffe in ihrem eigenen Zuhause.

Der Schätzung dieses Berichts zufolge sind in den letzten zwei Jahrzehnten mehr als 1,8 Millionen Mädchen unter 6 Jahren durch häusliche Gewalt ums Leben gekommen. Der Leiter der Forschungen, Jay Silverman, sagte: „Wenn du als Mädchen in eine Familie in Indien hineingeboren wirst, in der deiner Mutter Gewalt angetan wird, stehen deine Chancen, deine frühe Kindheit zu überleben, bedeutend schlechter. Erschreckenderweise stellt diese häusliche Gewalt keine Gefahr für dein Leben dar, wenn du das Glück hast, als Junge geboren worden zu sein..“ (Sinha K., Violence at Home).

ZUR AUTORIN

Rita Banerji ist Autorin, Frauenrechtsaktivistin und Begründerin der „The 50 Million Missing“  Campaign (50 Millionen verschwunden), einer Kampagne zur Beendung des Völkermords am weiblichen Geschlecht in Indien. Ihr Buch  Sex and Power: Defining History Shaping Societies ist ein historischer und gesellschaftlicher Blick darauf, wie die Beziehung von Geschlecht und Macht in Indien zum anhaltenden weiblichen Genderzid führte. Ihre Webseite ist zu finden unter www.ritabanerji.com. Sie bloggt auf  Revolutions in my Space and twittert auf @Rita_Banerji.

Brauthandel: Als Ehefrauen gekauft, verkauft und weiterverkauft!

Aus dem englischen Original übersetzt von Alexander Ohnmeiß


Aufgrund des millionenfachen Überschusses an Männern in Indien machen sich viele Gedanken über den Zustand der dortigen „Junggesellenschaft”. Es gab Stimmen, die behaupteten, durch die „Frauen-Knappheit“ (als seien Frauen ein wirtschaftliches Gut) würde sich das nominale Verhältnis von Frauen und Männern zwangsläufig selbst regulieren. Aber dies scheint nicht der Fall zu sein. Mehr von diesem Beitrag lesen

Woran sterben Indiens kleine Mädchen?

Flower. Mamallapuram

Foto von Claire Pismont©

 von Rita Banerji

Aus dem englischen Original übersetztvon Alexander Ohnmeiß

Der folgende Text ist ein bearbeiteter Auszug aus einem Artikel von Rita Banerji, ursprünglich veröffentlicht im „Women’s News Network“. [Lesen Sie hier den vollständigen Artikel.]

Ein Bericht der UN-DESA (United Nations, Fachabteilung für sozialwirtschaftliche Angelegenheiten) aus dem Jahr 2012 beschäftigt sich mit den Sterblichkeitsraten von Neugeborenen und Kleinkindern im weltweiten Vergleich. Darin wird eine schockierende Tatsache ganz deutlich: Indien weist eine unnatürlich hohe Sterblichkeitsrate bei weiblichen Kindern der Altersgruppe von 1 bis 5 Jahren auf –  weitaus höher als bei jedem anderen der 150 untersuchten Länder, von denen einige, z.B. die afrikanischen, weitaus ärmer sind als Indien!

Der Bericht zeigt, dass in Indien die Sterblichkeitsrate für ein Mädchen im Alter von 1 bis 5 Jahren um 75% höher liegt als bei einem Jungen der gleichen Alterskategorie. Auf 56 verstorbene männliche Kleinkinder im Alter von 1 bis 5 Jahren kommen demnach 100 weibliche Todesfälle. Statistisch betrachtet müsste die Relation umgekehrt sein. Üblicherweise haben Mädchen dieses Alters aufgrund biologischer Vorteile eine  höhere natürliche Überlebensrate. Und so beläuft sich das Verhältnis in dieser Altersgruppe für den Rest der Welt auf 116 verstorbene Jungen zu nur 100 Todesfällen unter den Mädchen.

Was verursacht diese alarmierend hohe Todesrate bei Indiens kleinen Mädchen??

Laut einem in 2011 veröffentlichten Untersuchungsbericht, aus  Archives of Pediatrics and Adolescent Medicine“, einer Zeitschrift für Kinder- und Jugendheilkunde, besagt eine gemeinschaftliche Studie des „Indian Council of Medical Research“ und der „Harvard School of Public Health“ , dass die unnatürlich hohe Sterblichkeitsrate von Mädchen in Indien auf die vorherrschende häusliche Gewalt zurück zu führen ist, die sich gezielt gegen weibliche Personen richtet, nicht aber gegen den männlichen Nachwuchs!

Indian baby

Foto von Zuhair Al-Traifi ©

In den betroffenen Familien waren es dem Bericht nach nicht nur erwachsene Frauen, die durch  häusliche Gewalt ums Leben kamen, sondern Mädchen gleichermaßen. Von 1985 bis 2005 gesammeltes Datenmaterial zu Lebendgeburten in Indien macht deutlich, dass 1,2 Mio. der in diesem Zeitraum geborenen Mädchen bereits als Säuglinge getötet wurden. Weitere 1,8 Mio. wurden getötet, bevor sie das 6. Lebensjahr erreicht hatten!!! Somit wurden von den innerhalb dieser 20 Jahre geborenen Mädchen 3 Millionen getötet, bevor sie 6 Jahre alt waren.

Diese Studie bestätigt, dass Mädchen ein deutlich höheres Risiko haben, an häuslicher Gewalt zu sterben, als Jungen.  Während bei Mädchen im Altern von 1 bis 5 Jahren die Wahrscheinlichkeit aufgrund häuslicher Gewalt zu sterben um 21 % höher liegt als bei Jungen im selben Alter, liegt sie bei weiblichen Säuglingen bis zu ihrem ersten Geburtstag sogar 50% höher als bei den männlichen.

Der Leiter dieser Untersuchungen, Dr. Jay Silverman, äußerte sich abschließend: „Wenn du in Indien als Mädchen in eine Familie geboren wirst, in der deine Mutter misshandelt wird, verringert das deine Chancen, deine frühe Kindheit zu überleben, beträchtlich. Schockierenderweise ist diese Gewalttätigkeit aber keine Bedrohung für dein Leben, wenn du das Glück hattest, als Junge zur Welt zu kommen.“

Bracelets. Tiruparankundram

Foto von Joel Dousset ©

Eine weitere Methode Indiens kleine Mädchen aus der Welt zu schaffen ist die bewusste und jeglichem Missbrauch gleichkommende Vernachlässigung elterlicher Pflichten. Ein Untersuchungsbericht der UNICEF hatte 2007 festgestellt, dass bei Mädchen unter 5 Jahren die  Sterblichkeitsrate 40 Prozent höher war als die gleichaltriger Jungen. So lassen Familien ihre Töchter absichtlich hungern, verweigern ihnen Nahrung entweder gänzlich oder geben ihnen die Überreste,  sollten die männlichen Familienangehörigen etwas übrig gelassen haben. Bei Erkrankungen der Mädchen, lassen Familien die Töchter oft lieber sterben als Geld für medizinische Versorgung auszugeben.

Das Töten weiblicher Säuglinge hat eine lange Tradition in Indien und erschreckenderweise hat jede Region ihre eigene, gebräuchliche Art,  wie das Ertränken des Neugeborenen in einem Eimer Milch, das Füttern mit Salz oder das Begraben des lebenden weiblichen Säugling in einem tönernen Topf. In den Familien der Mittel- und Oberschicht jedoch finden sich noch hinterhältigere Tötungsmethoden. Oft wird ein Unfall als Todesursache vorgetäuscht, oder das Herbeiführen „natürlicher“ Erkrankungen, um polizeilicher Verfolgung zu entgehen.

In einer von der indischen Registierungsbehörde veranlassten Studie, die 2010 in der medizinishen Zeitschrift “The Lancet,” veröffentlicht wurde, kam ein merkwürdiger Umstand ans Tageslicht: In Indien sterben Mädchen im Alter von 1 Monat bis 5 Jahren 4 bis 5-mal häufiger an Lungenentzündung und Durchfallerkrankungen als gleichaltrige Jungen.

Aber warum sterben die Mädchen ausgerechnet an diesen 2 Krankheiten?

The Eyes Have It....(Surprise)

Foto von Akash Banerjee ©

Die schockierende Antwort findet man in einer Beobachtung der indischen Autorin Gita Aravamudan, wie beschrieben in ihrem 2007 erschienenen Buch „Disappearing Daughters“ (direkte Übersetzung: „Verschwindende Töchter“). Während ihrer Besuche in den Regionen Indiens, in denen weibliche Säuglingsmorde auf der Tagesordnung stehen, machte Aravamudan die Erfahrung, dass die gängig verwendeten Tötungsmethoden sich durchaus schnell entlarven lassen und daraufhin eine polizeiliche Überführung eingeleitet werden kann. „[Um eine Verhaftung zu vermeiden] ersinnen Familien noch qualvollere Mordpraktiken [für weibliche Kleinkinder]…“ Das Hervorrufen einer Lungenentzündung war die moderne Methode. Das Neugeborene wurde entweder direkt nach der Geburt, oder wenn es vom Krankenhaus nach Hause gebracht wurde in ein feuchtes Tuch gehüllt oder in kaltes Wasser getaucht. Nach einigen Stunden, falls es noch am Leben war wurde der Säugling zu einem Arzt gebracht der die Lungenentzündung feststellte und die entsprechenden Medikamente verschrieb. Diese warfen die Eltern jedoch postwendend in den Abfall. Wenn dann das kleine Geschöpf schlussendlich gestorben war, hielten die Eltern ein ärztliches Attest in Händen, dass eine „gewöhnliche“ Lungenentzündung nachwies. In anderen Fällen wurden weibliche Säuglinge an einen Alkoholtropf gehängt, um künstlich schweren Durchfall zu induzieren – eine weitere „attestierbare Erkrankung“.

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Karishma mit 2 Jahren, Foto von Rita Banerji ©

Als Gründerin der Kampagne „50 Million Missing“, die darauf hinarbeitet, ein weltweites Bewusstsein für den anhaltenden, systematischen Völkermord/Geschlechtermord am weiblichen Geschlecht in Indien zu schaffen, sind mir solche Umstände nur zu vertraut. Vor 2 Jahren hat sich unsere Aktion in den Fall eines kleinen Mädchens namens Karishma eingeschaltet, dessen Familie sich ihrer entledigen wollte und zahlreiche Versuche unternommen hatte, sie zu töten. Lesen Sie Karishmas Geschichte hier.

©  Die Kampagne „50 Million Missing“ (50 Millionen verschwunden). Alle Rechte vorbehalten. Bitte beachten Sie bei Weitergabe unsere Hinweise zum Copyright.

ÜBER DIE AUTORIN

Rita Banerji

ist Autorin, Frauenrechtsaktivistin und Begründerin von „50 Million Missing“ (50 Millionen fehlen), einer Kampagne zur Beendung des Völkermords am weiblichen Geschlecht in Indien. Ihr Buch  ‘Sex and Power: Defining History Shaping Societies ist ein historischer und gesellschaftlicher Blick darauf, wie die Beziehung von Geschlecht und Macht in Indien zum anhaltenden weiblichen Genderzid führte. Ihre Webseite ist zu finden unter www.ritabanerji.com. Sie bloggt auf  Revolutions in my Space und twittert auf @Rita_Banerji

ÜBER DIE FOTOGRAFEN

Die Fotos in diesem Beitrag sind von Mitgliedern der Kampagne „50 Million Missing“. 2400 Fotografen aus der ganzen Welt unterstützen den  „50 Million Missing“-Fotopool auf flickr. Um weitere Arbeiten der einzelnen Fotografen zu sehen, klicken Sie auf die Fotos um zu den entsprechenden Seiten des jeweiligen Fotografen zu kommen.

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