Volkszählung deckt auf: 17 Millionen Mädchen in Indien im Alter von 1-15 Jahren getötet!

ask why_50 million missingAus dem englischen Original von Rita Banerji
übersetzt von Andrea Wlazik

Die Daten der indischen Volkszählung von 2011 zeigen, dass 18 Millionen Mädchen vor ihrem 15. Lebensjahr aus der Bevölkerung ausgelöscht wurden. Die Leute vermuten häufig, dass dies hauptsächlich den geschlechtsspezifischen Abtreibungen geschuldet ist. Die Auswertung der altersbezogenen Daten der letzten indischen Volkszählung besagt allerdings nicht nur, dass die meisten der Mädchen nach der Geburt getötet werden, sondern tatsächlich auch, dass die Tötungen mit steigendem Alter an Häufigkeit zunehmen!

Seit 7 Jahren hinterfrage ich kontinuierlich, warum die Regierung in ihren Ausführungen die extrem undurchsichtige und seltsam anmutende Altersspanne „0-6 Jahre“ benutzt. Was stellt „0 Jahre“ dar? Föten? Und warum sollte die Regierung abgetriebene weibliche Föten und Mädchen, die nach ihrer Geburt bis zum Alter von sechs Jahren getötet wurden, in die selbe „Alterskategorie“ stecken? Außerdem frage ich mich, warum sechs Jahre die Altersgrenze für die Erhebung des Geschlechterverhältnisses bei Kindern ist. Warum ermittelt man das Geschlechterverhältnis nicht von 0-2 Jahren oder 0-10 Jahren? Ist dies ein bewusster Versuch zu verschleiern, wie viele Mädchen tatsächlich nach ihrer Geburt getötet werden?

Als ich begann, Zeitschriften und verschiedene Studien zu sichten, die sich mit der postnatalen Tötung von Mädchen in Indien beschäftigten, fand ich heraus, dass ALLE (von mir gesichteten) STUDIEN, von 5-6 Jahren als dem Alter ausgingen, bis zu dem geborene Mädchen besonders anfällig für Tötungen sind.

Und da wo Daten abgeglichen oder analysiert wurden, gab es klare Hinweise darauf, dass die Anzahl der nach der Geburt getöteten Mädchen in Indien in die Millionen ging.  Daraufhin schrieb ich einen Artikel für „The Women’s News Network“, in dem ich diese Daten zusammenstellte. Der Artikel wurde auch im englischen Hauptblog veröffentlicht und für den deutschen Blog entsprechend übersetzt: Woran sterben Indiens kleine Mädchen?

Leider wurden meine Befürchtungen jetzt durch einen kürzlich veröffentlichten Bericht aus der Volkszählung von 2011 bestätigt, der das Geschlechterverhältnis für jeden vollendeten Altersjahrgang berücksichtigt. Er beweist, dass mindestens 18 Millionen Mädchen bis zum Alter von 15 Jahren aus Indiens Bevölkerung ausgelöscht wurden. Allerdings enthüllt er eine ganze Reihe weiterer erschütternder Fakten. So offenbart er, dass der Großteil dieser Mädchen nicht durch geschlechtsselektive Abtreibung ausgelöscht, sondern nach der Geburt getötet wurde! Noch schockierender ist die Tatsache, dass die Häufigkeit der Tötungen mit dem Alter ansteigt.

HIER DIE ENTHÜLLUNGEN DER ANALYSE DER VOLKSZÄHLUNGSDATEN VON 2011:

18 Millionen Mädchen bis zum Alter von 15 Jahren sind aus Indiens Bevölkerung ausgelöscht worden.

955.000 (weniger als eine Million) Mädchen bis zum Alter von einem Jahr wurden vernichtet. Das bedeutet erschreckenderweise, dass die 17 Millionen weiterer Mädchen nach ihrem ersten Geburtstag getötet wurde.

In der Altersgruppe von 1-6 Jahren wurden ungefähr sieben Millionen Mädchen getötet. (Dort gibt es sieben Millionen mehr Jungs als Mädchen.)

In der Altersgruppe von 7-15 Jahren wurden etwa elf Millionen Mädchen ausgelöscht. (Hier gibt es elf Millionen mehr Jungs als es Mädchen gibt. Meiner Schätzung nach sind in dieser Altersgruppe viele Mädchen nicht erfasst, die dem Frauenhandel zum Opfer gefallen sind.)


Weiterhin deckt die Analyse auf, dass die Anzahl der getöteten Mädchen in städtischen Gebieten viel höher ist als in ländlichen Bezirken. Dies bestätigt ein weiteres Argument, das ich im Zusammenhang mit dem Völkermord an Indiens weiblicher Bevölkerung konsequent vertreten habe. Ich habe behauptet, dass er nicht das Ergebnis von Armut und mangelnder Bildung ist, sondern dass es bei diesem Genozid (geschlechtsspezifischer Völkermord), so wie bei allen anderen Genoziden, um Machtausübung geht. Das ist der grundlegende Perspektivenwechsel, den wir vollziehen müssen, wenn wir den weiblichen Genozid stoppen wollen. Für weitere Informationen, lesen Sie bitte den Artikel:  Warum das Ausmaß des Völkermords an Indiens Frauen mit Wohlstand und Bildung zunimmt.


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ZUR AUTORIN
rita.banerji.photoRita Banerji ist Autorin, Frauenrechtsaktivistin und Begründerin von „The 50 Million Missing“, einer Kampagne zur Beendung des Völkermords am weiblichen Geschlecht in Indien. Ihr Buch Sex and Power: Defining History Shaping Societies ist ein historischer und gesellschaftlicher Blick darauf, wie die Beziehung von Geschlecht und Macht in Indien zum anhaltenden weiblichen Genderzid führte. Ihre Webseite ist zu finden unter www.ritabanerji.com. Sie bloggt auf Revolutions in my Space und twittert auf @Rita_Banerji

ZUM ÜBERSETZER
Andrea Wlazik ist gelernte Fremdsprachenkorrespondentin. Sie arbeitet als freiberufliche Texterin und Übersetzerin und koordiniert den deutschen Blog der „The 50 Million Missing Campaign“. Sie ist außerdem Initiatorin der von der Kampagne unabhängigen deutschen Facebook-Gruppe Femizid in Indien“.

Interview mit Rita Banerji über den anhaltenden Völkermord an indischen Frauen

rita banerjiRita Banerji, Gründerin der „The 50 Million Missing Campaign“ hat kürzlich in einem Interview mit Menschenrechte.eu  nachfolgende Fragen zum fortgesetzten Völkermord am weiblichen Geschlecht in Indien beantwortet:

  • In der Kampagne „50 Millionen fehlen“ wird die Bezeichnung „Femizid“ benutzt. Was bedeutet dies? Gibt es irgendeine Beziehung zwischen „Femizid“ und „Genozid“?

  • Warum bezieht sich die Kampagne auf Indien und nicht auf China? Gibt es nicht ein ähnliches Problem in China? Die indische Regierung hat es 1984 verboten, das Geschlecht von Kindern vor ihrer Geburt feststellen zu lassen. Warum sagen Sie, dass die indische Regierung nicht genug getan hat – was könnte und sollte die indische Regierung tun, um den Femizid zu stoppen?

  • Gibt es wirklich 50 Millionen Frauen, oder handelt es sich hier nur um eine Schätzung? Die Anzahl der vermissten Frauen entsteht durch Abtreibung, Tötungen von Kindern und Mitgiftmorden. Wie ist die relative Bedeutsamkeit dieser verschiedenen Ursachen? Gibt es weitere Ursachen?

  • Haben Sie irgendeine Erklärung dafür, warum die Position der Frauen in Indien nach wie vor so gering zu sein scheint, dass die Gesellschaft den Femizid duldet? Können Sie uns etwas über Widerstand in Indien gegen den Femizid berichten?

  • Wie reagieren die Vereinten Nationen und andere Mitglieder der internationalen Gemeinschaft?  Können Sie uns etwas erzählen über die Kampagne gegen den Femizid in Indien? Beschäftigt sich Ihre Kampagne vorwiegend damit, Informationen zur Verfügung zu stellen oder gibt es weitere politische Aktivitäten oder Proteste? Gibt es eine internationale Zusammenarbeit?

  • Sind Sie optimistisch oder pessimistisch, dass es gelingen wird, den Femizid in Indien zu beenden? Wenn Sie glauben, die Kampagne wird erfolgreich sein, wie lang wird es Ihrer Vermutung nach dauern?

  • Was können unsere Leserinnen und Leser tun, um den Femizid in Indien zu stoppen?

 Das vollständige Interview finden Sie hier.

Taslima Nasreen: Weiblicher Genderzid ist Krieg gegen Frauen

Aus dem englischen Original übersetzt von Andrea Wlazik

Die hiesige Frauenbewegung ist nicht besonders stark…[hier in Indien].
Eine aktuelle Studie zeigt: Indien ist das viertgefährlichste Land für Frauen und der tödlichste Ort für Mädchen. 

Das ist erschreckend!!

Abtreibung weiblicher Föten, Kindsmord an Mädchen, Zwangsprostitution, Sexsklaverei, häusliche Gewalt, Mitgiftmorde, Brautverbrennungen sind Ereignisse von Gewalt gegen Mädchen und Frauen, die alle zunehmen.

Das ist tatsächlich Krieg gegen Frauen!!

Taslima Nasreen ist weltweit anerkannte feministische Autorin und Menschenrechtlerin. Sie ist ehemalige Ärztin aus Bangladesh, seit 1994 im Exil für die Äußerung ihrer Ansichten zum Islam und seinen Auswirkungen auf die Rechte von Frauen. Ihre Website ist unter taslima.com zu finden, sie bloggt auf No Country For Women.

ZUR ÜBERSETZERIN

Andrea Wlazik ist gelernte Fremdsprachenkorrespondentin und Koordinatorin des deutschen Blogs der Kampagne “50 Million Missing” (50 Millionen verschwunden). Sie ist außerdem Initiatorin der von der Kampagne unabhängigen deutschen Facebook-Gruppe  “Femizid in Indien.” Neben der Arbeit für die Kampagne ist Andrea zweite Vorsitzende eines Ortsvereins der AWO und eines Kinderchors.

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