Warum das Ausmaß des Völkermords an Indiens Frauen mit Wohlstand und Bildung zunimmt

 

Foto: Divyesh Sejpal ©. Alle Rechte vorbehalten.

Aus dem englischen Original von Rita Banerji
übersetzt von Jacqueline Knorr

Der mit Abstand größte Mythos über den Völkermord
an Indiens Frauen ist, dass er das Ergebnis von Analphabetismus und Armut ist.

Die meisten Leute denken, wenn sie Schulen bauen, Menschen bilden, Mädchen ausbilden und Arbeitsplätze schaffen, dann werden die Menschen nicht ihre weiblichen Kleinkinder töten oder ihre Töchter durch geschlechtsselektive Abtreibung beseitigen.

DIE REALITÄT ZEIGT JEDOCH, DASS GENAU DAS GEGENTEIL DER FALL IST.

Wenn in Indien Reichtum in einen Haushalt, eine Gemeinde, ein Dorf oder ein Gebiet fließt und zusammen mit dem wirtschaftlichen Wohlstand weitere Annehmlichkeiten wie Schulen und Kliniken dazu kommen, dann sieht man einen gleichzeitigen Rückgang des Frauenanteils innerhalb dieses speziellen Haushalts, der Gemeinde, des Dorfs oder des Gebiets!  „Wirtschaftlicher Erfolg scheint den Wunsch nach einem Sohn  auch an Orten zu verbreiten, die einmal neutral zum Geschlecht ihrer Kinder standen“  beobachtet die indische Demographin Alaka Basu.

Mit anderen Worten: Je mehr Wohlstand und Bildung es gibt, desto ausgeprägter ist der weibliche Genderzid! Das ist eine Beobachtung, die einzelne Forscher und Sozialwissenschaftler in Indien gemacht haben, die bis jetzt aber völlig ignoriert wurde.

Allerdings zeigen die jüngsten Daten von Indiens Volkszählung in 2011 und eine unabhängige Studie, welche in der bekannten medizinischen Fachzeitschrift Lancet ebenfalls im Jahr 2011 veröffentlicht wurde, und die auf einer auf Masse angelegten Datenerhebung und-analyse basierte, das oben erwähnte Muster so deutlich, dass es unmöglich ignoriert werden kann.

Indiens Volkszählung von 2011 zeigt, dass es die höchste Anzahl Eliminierungen von Mädchen durch Geschlechtsselektion und Kindstötung nicht in den ärmsten Gegenden Indiens, sondern in den reichsten Bundesstaaten, wie in Punjab und Haryana, und in den wohlhabendsten Städten wie Delhi und Chandigarh gibt. Auch hier sieht man wieder das Muster von Analphabetismus und Bildung.

Die Staaten mit der höheren Alphabetisierungsrate, wie Maharashtra und Gujarat, haben ein maroderes Geschlechterverhältnis als die Staaten mit den schlimmsten Alphabetisierungsniveaus wie Uttar Pradesh und Bihar.

Außerdem tendieren ländliche Gebiete in Indien, die in den Bereichen Bildung und Entwicklung weit hinter den städtischen Gebieten zurückbleiben, dazu, ein besseres Geschlechterverhältnis als die städtischen Gebiete zu haben.

Zudem hatten die 150 Bezirke Indiens, die offiziell von der Regierung als „am wenigsten entwickelt “ eingestuft wurden, weit bessere Geschlechterverhältnisse als die anderen, vergleichsweise stärker entwickelten Bezirke. Im Jahr 2001 gaben die Daten der Bezirksspiegel an, dass die meisten gebildeten Bezirke mit dem größten Zugang zu Technologie ein schlechteres Geschlechterverhältnis als die Bezirke mit den niedrigsten Alphabetisierungsniveaus hatten. Dieser Trend wurde in der Volkszählung von 2011 noch offensichtlicher. Während z.B. im Gebiet von Uttar Pradesh die 10 Bezirke mit dem höchsten Alphabetisierungsniveau bei Kindern ein Geschlechterverhältnis von 887 Mädchen zu 1.000 Jungen hatten, gab es in den 10 Bezirken mit dem niedrigsten Alphabetisierungsniveau ein Geschlechterverhältnis von 937 Mädchen zu 1.000 Jungen, ein Unterschied von 50 Frauen pro 1.000 Männer . Die selben Trends herrschten in anderen Bezirken: Gujarat, Rajasthan, Bihar, Haryana und West Bengalen.

Die ausgedehnte Studie von 2011​​, die von Prabhat Jha geleitet und im Lancet veröffentlicht wurde, zeigte, dass in den letzten zwei Jahrzehnten die drastischste Verschlimmerung bei den Geschlechterverhältnissen in Indien innerhalb der 20% der Bevölkerung stattfand, die zu den reichsten und gebildetsten Gebieten gehören

Während im Jahr 1991 das Verhältnis der Geschlechter bei zweitgeborenen Kindern, bei dem das erstgeborene ein Mädchen ist, noch bei etwa 850 Mädchen auf 1.000 Jungen bei den reichsten 20% Indiens lag, war dieses Verhältnis bis 2011 auf 750 gesunken und lag in Familien, in denen Frauen eine Bildung von 10 Jahren oder mehr hatten, mit 700 sogar noch niedriger. Vergleichsweise zeigen die ärmsten 20 % der Bevölkerung des Landes, der Schicht, in der die Frauen ungebildet und Analphabeten sind, das beste Geschlechterverhältnis. Im Durchschnitt gab es entweder keine Veränderung in den letzten 2 Jahrzehnten oder in manchen Fällen scheinbar sogar eine Verbesserung des Geschlechterverhältnisses im Zensus 2011 gegenüber den Daten aus dem Jahr 1991.

Würden Bildung und Einkommen von Frauen etwas verändern? Leider nicht! Diese Studie zeigt auch, dass in Haushalten, in denen Frauen eine bessere Bildung und ein höheres Einkommen haben, mit großer Wahrscheinlichkeit die weitaus höhere Bereitschaft besteht, ihre Töchter durch Geschlechtsselektion loszuwerden als in ärmeren Familien, in denen Frauen keine Ausbildung haben, vor allem dann, wenn sie bereits ein Mädchen haben.

Es ist wichtig anzumerken, dass es nicht die Frauen sind, die die Entscheidungen treffen, die Töchter loszuwerden, sondern die Familien! Frauen werden oft geschlagen und gewaltsam zu diesen Abtreibungen gezwungen. Auch die Tötung von neugeborenen Mädchen ist oft nicht die Entscheidung der Mutter, sondern die der Familie.

Weiterhin stellte sich heraus, dass wenn der Wohlstand in der Nachbarschaft oder im Staat steigt, mitgiftbedingte Gewalt und Tötungen ebenfalls ansteigen.

Verstehen Sie mich diesbezüglich bitte nicht falsch! Ich plädiere hier nicht gegen Bildung oder gegen kommunale Entwicklung. Ich glaube im Gegenteil, dass Allgemeinbildung und ein grundlegend zivilisierter Lebensstandard für die Mehrheit – beides Dinge, bei denen Indien so hoffnungslos versagt hat – ausschlaggebend für die Entwicklung Indiens hin zu einer modernen Demokratie sind.

Das Problem, das ich hier auf den Punkt zu bringen versuche, ist das Problem der öffentlichen Wahrnehmung der Ursachen von Indiens weiblichem Genozid. Und das Fazit ist, dass Bildung und Wirtschaft selbst nicht die Lösung sind, weil Armut und Analphabetismus nicht die Ursachen für den weiblichen Genozid sind! 

Das Foto oben, das von einem kleinen Mädchen, welches über ihre Schiefertafel gebeugt ist, ruft sofort eine positive Reaktion in uns hervor, weil es für uns symbolisch Unabhängigkeit, Entscheidungsfreiheit und Fortschritt repräsentiert. Die Realität ist allerdings: Bildung und Geld sind mächtige Werkzeuge, aber obwohl wir sie den Menschen geben und hoffen, dass sie es für eine konstruktive Änderung einsetzen, können wir nicht bestimmen, wie Individuen und Gemeinschaften letztlich ENTSCHEIDEN, sie zu nutzen. Im Zusammenhang mit dem Völkermord an Indiens Frauen wurden diese Werkzeuge äußerst destruktiv eingesetzt. Warum ?

  1. Geld und Bildung erhöhen das Wissen über und den Zugang zu verschiedenen Mitteln und neuen Technologien, um potenzielle Töchter zu beseitigen. Hinzu kommt, dass  Menschen, die mehr Geld und Bildung besitzen, das System viel besser verstehen und wissen, wie sie es umgehen können. Sie haben auch die Mittel und Kontakte, um die Polizei und Regierungsbeamte zu bestechen, um mit jeder Art von Verbrechen, sei es Tötung weiblicher Föten, eines weiblichen Säuglings oder der Mord an einer Frau der Mitgift wegen, durchzukommen. Haben Sie sich jemals gefragt, warum die Menschen, die für Mitgiftmorde und weibliche Kindestötung im Gefängnis sitzen, immer die Armen sind?

  2. Je besser eine Familie wirtschaftlich gestellt ist und je mehr Bildung sie ihrer Tochter mitgibt, desto höher ist die Summe, die bei der Hochzeit als Mitgift von der Familie der Braut zu zahlen erwartet wird. Von daher ist die soziale „Strafe“ der Mitgift  weit höher, wenn die Tochter einen Universitätsabschluss bekommt und arbeitet, als wenn sie einfach nur Abitur hat. Weil wohlhabendere Familien das Gefühl haben, eine höhere Mitgift zahlen zu müssen, ist auch ihre Motivation größer, Töchter früh los zu werden. Umgekehrt betrachtet, warum sollte eine gebildete Mittelklasse-Familie überhaupt Mitgift für ihre Tochter zahlen wollen, wenn diese sich gut selbst erhalten könnte? Weil die Familie glaubt, dass wenn die Tochter verheiratet ist und Mitgift bekommen hat, sie ihr keine weiteren Besitztümer geben müssen und somit alles an den Sohn gehen kann!

  3. Je besser eine Familie situiert ist und je gebildeter ihr Sohn ist, desto größer ist der Betrag, den die Familie als Mitgift für ihren Sohn erwartet. In der Tat erhöht jeder Bildungs- oder Berufsabschluss (als Anwalt, Ingenieur oder Arzt ) des Sohnes erheblich den Reichtum, den er durch die Mitgift in die Familie bringt. Oft ist die Forderung der Mitgift fast zehnmal höher als das Jahresgehalt des Bräutigams – es ist der Familien-Jackpot! 

Somit ist die Realität über weiblichen Völkermord, mit der wir uns auseinandersetzen müssen, wenn wir eine effektive Lösung finden wollen, folgende: Beim weiblichen Genozid geht es nicht Armut oder Analphabetismus. Weiblicher Genozid ist Ausübung von Macht und Kraft, so wie es alle Völkermorde sind. Es geht hier um die soziale und strafrechtliche Verfolgung einer Zielgruppe, bestehend aus den Mächtigen – wie bei allen Völkermorden. Die Gründe für den weiblichen Genozid und die Lösungen um diesen zu beenden, sind nicht anders, als für den Völkermord an irgendeiner anderen Gruppe Menschen!

© „The 50 Million Missing Campaign“. Alle Rechte vorbehalten. Bitte beachten Sie bei Weitergabe unsere Hinweise zum Copyright.

ZUR AUTORIN
rita.banerji.photoRita Banerji ist Autorin, Frauenrechtsaktivistin und Begründerin der „The 50 Million Missing Campaign“, einer Kampagne zur Beendung des Völkermords am weiblichen Geschlecht in Indien. Ihr Buch „Sex and Power: Defining History Shaping Societies ist ein historischer und gesellschaftlicher Blick darauf, wie die Beziehung von Geschlecht und Macht in Indien zum anhaltenden weiblichen Genderzid führte. Ihre Webseite ist zu finden unter www.ritabanerji.com. Sie bloggt auf Revolutions in my Space und twittert auf @Rita_Banerji

ZUM FOTOGRAFEN
Divyesh Sejpal ist preisgekrönter Fotograf und Mitglied der
The 50 Million Missing Campaign’s Photographers’ Group, die weltweit von mehr als 2300 Fotografen unterstützt wird. Um weitere seiner Arbeiten zu sehen, klicken Sie hier.

ZUR ÜBERSETZERIN
Jacqueline Knorr ist vor 9 Jahen von Berlin in die Karibik ausgewandert und ist heute eine freischaffende Stewardess auf privaten Jachten in der Karibik und in Europa. Momentan ist sie unter anderem damit beschäftigt, ein schwimmendes Gästehaus auf St. Maarten zu bauen, um mit einem Teil des Profits das lokale Tierheim und andere Wohltätigkeitsorganisationen zu unterstützen.

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45 Tage nach ihrer Hochzeit wurde sie getötet: Anshus Geschichte

Aus dem englischen Original übersetzt von Matthew Brown

Dies ist die Geschichte der 23-jährigen Anshu Singh, die am 25. Januar 2010 nur 45 Tage nach ihrer Hochzeit von ihrem Ehemann und ihren Schwiegereltern ermordet wurde. Ihre Geschichte ist ein düsteres Zeugnis für die Tatsache, dass Mitgifterpressungen und -morde auch in den wohlhabenden und gebildeten Schichten der indischen Gesellschaft vorkommen. Und unter diesen Verbrechern finden sich auch Polizeibeamte!

Dieser Fall ist noch nicht abgeschlossen und wir sind in Kontakt mit Girendra Singh, Anshus Vater, der die 50 Million Missing Campaign um Unterstützung gebeten hat. Klicken Sie hier um zu unserer flickr-Diskussion und dem Update Forum zu Anshu`s Fall zu gelangen. Wenn Sie möchten, können Sie dort Ihre Kommentare und Vorschläge anbringen.

Da die Familie Singh darauf drängt, dass Anshus Mörder gesucht und bestraft wird, wird sie Opfer verschiedenster Formen von Schikanen. Falls Sie sich in Delhi aufhalten und Herrn Singh in irgend einer Weise bei seinem Fall unterstützen können, wenden Sie sich bitte direkt an ihn oder kontaktieren Sie uns.

Anshu war die mittlere von drei Schwestern. Sie war klug, ehrgeizig und gebildet. Zum Zeitpunkt des Mordes war sie für ein multinationales Unternehmen in Delhi tätig. Sie hatte ihren Mann durch die Arbeit kennengelernt und sie waren bereits drei ​​Jahre miteinander ausgegangen, bevor sie heirateten.

Zunächst gab es einige Einwände seitens der Familie des Mannes, weil sie aus verschiedenen Gemeinden kamen. Aber Anshus Vater sagte: „Wenn die beiden sich lieben, warum sollten wir ihnen im Weg stehen?

Vor der Hochzeit hatte Herr Singh die Familie des Bräutigams darüber informiert, dass er zwar nicht die Absicht habe, ihnen eine Mitgift zu zahlen, er aber seiner Tochter einige Haushaltsgegenstände schenken wolle, so wie er es bei seiner älteren Tochter getan hatte um ihr einen guten Start in die Ehe zu ermöglichen.

Der Familie des Bräutigams war es lieber, dass er ihnen das Geld gab, damit sie die Sachen selbst kaufen konnten. Ihre Einkaufsliste wurde immer länger und so zahlte Herr Singh am Ende ungefähr 350.000 Rupien (knapp 9.000 USD).

Als Herr Singh um Einsicht in die Belege bat, um zu prüfen, dass dafür tatsächlich die angegebenen Dinge gekauft worden waren, konnten sie keine Belege vorzeigen. Es folgten einige Unannehmlichkeiten und Anshu begann, sich in ihrer Ehe unwohl zu fühlen. Herr Singh dachte: „Das Geld spielt keine Rolle. Was viel wichtiger ist, ist dass dies vielleicht nicht der richtige Mann für Anshu ist.“ Doch die Familie des Bräutigams überzeugte Anshu, dass alles ein Missverständnis gewesen sei wäre, und Herr Singh gab den Wünschen seiner Tochter nach.

Fast direkt nach der Hochzeit begannen Anshus Schwiegereltern, wegen der Mitgift Druck auf Herrn Singh auszuüben. Sie verlangten ständig Geld für dieses und jenes und erwarteten von Anshu, dass sie das Geld beschaffen solle. Einmal forderten sie auf einen Schlag 500.000 Rupien (ca. 12500 USD) für die Ausbildung ihres jüngeren Sohnes. Außerdem wollten sie Geld für die Beförderung von Anshus Schwiegervater und dessen Anstellung in einer anderen Region des Landes. Der Schwiegervater ist Polizist und in der neuen Anstellung hätte er mehr verdient. Um aber die Beförderung zu bekommen,  musste er seine Vorgesetzten bestechen. Herr Singh begann zu begreifen, dass es diesen Menschen nur um Geld ging.

Anshu und ihr Mann hatten eine eigene Wohnung gemietet, aber jeden Abend nach der Arbeit mussten sie zu den Schwiegereltern kommen und bei ihnen essen. Abends und an den Wochenenden sollte Anshu dort den Haushalt machen und das Abendessen kochen. Das Paar nutzte seine Wohnung nur zum Übernachten. Es war eine seltsame Vereinbarung,  auf die der Ehemann und die Schwiegereltern bestanden.

Als nach vier Wochen Ehe die Geldforderungen nicht weniger wurden, wollte Anshu ihren Vater nicht länger beunruhigen oder belasten. Deshalb nahm sie ein Darlehen auf um ihre Schwiegereltern zu befriedigen. Sie konnte diesen Kredit aufnehmen, da sie einen guten Job in einem multinationalen Konzern hatte und ihre Schwiegereltern waren sich dessen bewusst.

Ihr Ehemann wurde übergriffig. Zunächst war er verbal ausfallend, aber bald begann er auch, sie regelmäßig zu schlagen. Als Herr Singh das herausfand, war er sehr aufgebracht und wollte, dass seine Tochter ihren Mann verlässt. Er sagt: „Ich sprach mit Anshu. Sie war ein starkes Mädchen und sie versicherte mir, dass sie mit der Situation fertig werden würde.

Am Tag bevor Anshu starb, am 25. Januar 2010 , schrieb sie eine letzte SMS an ihre Schwester: „Shivank (ihr Mann) hat sich nach der Hochzeit völlig verändert. Er ist nicht mehr die Person, die er vorher war. Er ist kein guter Mensch.

Was auch immer an diesem Tag geschah, ist vermutlich entscheidend für das Verständnis der Ursache des Mordes an Anshu. Viele Fragen bleiben unbeantwortet. Welches Ereignis veranlasste sie plötzlich zu der Erkenntnis, dass ihr Mann sich geändert habe? Wenn sie nun überzeugt war, dass er kein „guter Mensch“ sei, hatte sie bereits Pläne gemacht, ihn zu verlassen, und hatte sie ihm das auch gesagt? Wenn sie sich von ihrem Mann hätte scheiden lassen, hätte sie von seiner Familie das erpresste Geld zurückverlangen können. Sicherlich hätte diese den Betrag in Höhe mehrerer tausend Dollars nicht zahlen wollen.

Es wird vermutet, dass Anshu, als sie an jenem schicksalhaften Abend von der Arbeit zurückkam, zuerst in ihre eigene Wohnung ging. Der Schlüssel ihres Mannes war wahrscheinlich an angeheuerte Schläger weitergegeben worden, die sie dort angreifen und töten sollten. Es wird angenommen, dass 2-3 Personen beteiligt waren. Herr Singh sagt, dass die Autopsie-Berichte zeigen, dass Anshu vor ihrem Tod brutal mißhandelt wurde, und dass die Todesursache Asphyxie (Sauerstoffmangel) aufgrund Erhängens war.

Möglicherweise war es die Absicht ihrer Mörder, einen Selbstmord durch Erhängen zu inszenieren. Aber der Ehemann und Schwiegereltern entschieden später am Abend anders. Sie nahmen Anshus Körper ab und legten sie auf das Bett.

Dann riefen sie Herrn Singh an und teilten ihm mit, dass Anshu sich nicht wohl fühle und möglicherweise ohnmächtig geworden war. Herr Singh kam direkt und er sah sofort, dass sie seit geraumer Zeit tot war. Die Singh Familie war schockiert. Ihre Tochter war kaum einen Monat verheiratet! Ein traumatisierter Herr Singh sagt: „Es ging alles so schnell. Sie war erst  45 Tage verheiratet und nun ist sie fort. Wir hätten nie gedacht, dass uns so etwas passieren kann. Anshu war ein junges, fröhliches und modernes Mädchen mit so vielen Träumen. Sie war intelligent und stark. Ich glaube nicht, dass sie je daran gedacht hätte, dass ihr so etwas zustoßen könnte.

Anshus Ehemann befindet sich derzeit in Untersuchungshaft. Ihre Schwiegereltern haben sich abgesetzt. Anshus Schwiegervater war bei der Polizei. Auf sein Drängen hin waren die ermittelnden Polizeibeamten sehr nachlässig bei ihren Untersuchungen. Sie haben nicht einmal den mutmaßlichen Tatort abgesperrt. Durch das Versagen der Polizei beim sichern der Beweise, ist die Angst groß, dass Anshu vor Gericht keine Gerechtigkeit widerfahren wird.

Alle 20 Minuten wird in Indien eine junge, verheiratete Frau wie Anshu von ihrem Ehemann und dessen Familie vorsätzlich kaltblütig ermordet. Diese Art Verbrechen gerät mehr und mehr außer Kontrolle!

Die „50 Million Missing Campaign“ will sicherstellen, dass Anshus Geschichte in unseren Herzen und Köpfen lebendig bleibt, dass der Gerechtigkeit Genüge getan wird und Anshu nicht ein weiteres namenloses Opfer in einer langen Reihe tausender junger indischen Frauen ist, die ähnlich gestorben sind wie sie. Wir werden in regelmäßigen Abständen den Link zu diesem Artikel öffentlich machen und bitten Sie, dasselbe zu tun. Bitte helfen Sie, Anshus Geschichte lebendig zu halten.

Der 50MM hat außerdem eine WAR ON DOWRY (Kampf der Mitgift) Bewegung auf Facebook gestartet. Lassen Sie uns gemeinsam kämpfen!

© Die Kampagne „50 Million Missing“ (50 Millionen verschwunden). Alle Rechte vorbehalten. Bitte beachten Sie bei Weitergabe unsere Hinweise zum Copyright.

ZUM ÜBERSETZER

Matthew Brown wurde in der Nähe von Chicago geboren und wuchs an den Stränden von Los Angeles auf. Er begann seine Weltreisen mit einer Punk-Rock-Band und entwickelte auf diesen Reisen seinen Geschmack für multikulturelle Kunst, Medien und Literatur. Nach seinem erfolgreichen Abschluss an der California State University Long Beach setzte er sein Engagement für Kunst und Literatur fort und unterstützte die Gründer der Bilingual Foundation of the Arts und des Carmen Zapata Theatre. Zur Zeit wohnt er in Coesfeld (Deutschland) und arbeitet freiberuflich als Künstler und Schriftsteller.

Catharine MacKinnon: Der Völkermord an Frauen ist ein Verstoß gegen internationales Menschenrecht

Aus dem englischen Original übersetzt von Andrea Wlazik

Wenn es um das internationale  Verbrechen des Völkermords geht, wird die geschlechtsspezifische Vernichtung der Frauen weitestgehend ignoriert. Kein internationales Strafgesetz erkennt das an, was Diana Russell “Femizid” nennt — die Vernichtung von Frauen als Gruppe oder als Mitglieder einer Gruppe…

[Wie auch immer…] Genozid (Völkermord) ist schlimmer als Krieg.  Er kann in einer Zivilgesellschaft unter Zivilisten, abseits jeglicher bewaffneter Auseinandersetzung stattfinden (und tut dies auch). Sein spezifischer Zweck ist es, die Existenz eines Menschen zu beenden. Er ist eine gewalttätige Form der Diskriminierung. 

Er ist eine durch systematische Gewalt verursachte extreme Ungleichheit. 

[Weil jedoch]…diese Misshandlungen durch Vertraute [z.B. in einer Beziehung – Eltern, Ehemann, Verwandte] zugefügt werden…werden sie nicht als Menschenrechtsverletzung wahrgenommen.

Die Welt muss erkennen, dass Gewalt gegen Frauen Menschenrechte verletzt [und dass] wenn die Welt darüber (über Genozid) sagt „Nie wieder!“ – nicht im Krieg, nicht im Frieden – sie es dieses Mal auch so meint. Wird das Wort „Frau“ letztlich wie das Wort „Jude“ eine Bedeutung bekommen, die für tatsächliche Misshandlung steht, die nie vergessen werden kann…, …zu einem Überbegriff für das, was keinem menschlichen Wesen angetan werden darf?

Catharine MacKinnon ist amerikanische Rechtsanwältin, weltweit bekannte Frauenrechtsaktivistin und Professorin der Rechtswissenschaften. Ihr bahnbrechendes Buch von 1979 „Sexual Harassment of Working Women“ (Sexuelle Belästigung von berufstätigen Frauen), das sexuelle Belästigung als Diskriminierung gemäß § VII des United States Civil Rights Act von 1964 definiert, bildete später die Basis der US-Rechtssprechung gegen sexuelle Belästigung. Sie hat zur Bildung des schwedischen Modells zum Umgang mit dem Thema Prostitution beigetragen. Außerdem ist sie Sonderberaterin für Gleichbehandlungsfragen der Staatsanwaltschaft des International Criminal Court in Den Haag. Der obenstehende Text ist ein Auszug aus ihrem Buch „ Are Women Human?“ (Sind Frauen Menschen?).

ZUM ÜBERSETZER
Andrea Wlazik ist gelernte Fremdsprachenkorrespondentin. Sie arbeitet als freiberufliche Texterin und Übersetzerin und koordiniert den deutschen Blog der Kampagne „50 Million Missing“ (50 Millionen verschwunden). Sie ist außerdem Initiatorin der von der Kampagne unabhängigen deutschen Facebook-Gruppe Femizid in Indien“.

Diana Russell: Femizid ist ein tödliches Hassdelikt gegen Frauen

Aus dem englischen Original übersetzt von Sönke Rickertsen

Ausgehend von den Hexenverbrennungen der Vergangenheit über den heute noch in vielen Gesellschaften weit verbreiteten Brauch der weiblichen Kindstötungen bis zu den Hinrichtungen von Frauen aufgrund sogenannter Ehre, müssen wir realisieren, dass Femizid schon seit sehr langer Zeit praktiziert wird…

Femizide sind hassmotivierte Morde, die typischerweise trivialisiert und entpolitisiert werden…

So wie bei den an Afro-Amerikanern und anderen Minderheiten verübten Morden unterschieden werden muss, ob es sich um rassistisch motivierte Verbrechen handelt oder nicht, müssen Morde an Frauen unterteilt werden in jene, die „femizid”, also frauenfeindlich motiviert sind und jene, auf die dies nicht zutrifft.

Die in Indien, China und vielen anderen Ländern verübten Massenmorde am weiblichen Geschlecht sind bezeichnend für Genderzid (geschlechtsspezifischen Völkermord) bzw. weiblichen Genozid (Völkermord). Frauen müssen einfordern, dass alle unsere partriarchalischen Regierungen diese Verbrechen bestrafen wie jeden anderen Völkermord!

Dr. Diana Russell ist eine der weltweit wegweisenden Forscher und Expertin zum Thema Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Sie war 1976 Mitorganisatorin des ersten International Tribunal on Crimes against Women (Internationaler Untersuchungsausschuss zu Gewalt gegen Frauen) in Brüssel. Zudem redefinierte sie den Begriff  „Femizid” als tödliches, hassmotiviertes Verbrechen gegen Frauen und Mädchen und kämpft seit 40 Jahren für die offizielle Anerkennung dessen. Sie hat zahlreiche Bücher über Vergewaltigung, Femizid, Inzest und die Auswirkungen von Pornografie auf Gewalt gegen Frauen veröffentlicht. Ihre Website ist DianaRussell.com   Ihr Twitterkontakt ist @DianaEHRussell.

 
ZUM ÜBERSETZER

Sönke Rickertsen ist freischaffender Schriftsteller, Sänger, Musiker und Künstler. Er lebt in Melbourne, Australien und kann über Facebook kontaktiert werden.

Interview mit Rita Banerji über den anhaltenden Völkermord an indischen Frauen

rita banerjiRita Banerji, Gründerin der „The 50 Million Missing Campaign“ hat kürzlich in einem Interview mit Menschenrechte.eu  nachfolgende Fragen zum fortgesetzten Völkermord am weiblichen Geschlecht in Indien beantwortet:

  • In der Kampagne „50 Millionen fehlen“ wird die Bezeichnung „Femizid“ benutzt. Was bedeutet dies? Gibt es irgendeine Beziehung zwischen „Femizid“ und „Genozid“?

  • Warum bezieht sich die Kampagne auf Indien und nicht auf China? Gibt es nicht ein ähnliches Problem in China? Die indische Regierung hat es 1984 verboten, das Geschlecht von Kindern vor ihrer Geburt feststellen zu lassen. Warum sagen Sie, dass die indische Regierung nicht genug getan hat – was könnte und sollte die indische Regierung tun, um den Femizid zu stoppen?

  • Gibt es wirklich 50 Millionen Frauen, oder handelt es sich hier nur um eine Schätzung? Die Anzahl der vermissten Frauen entsteht durch Abtreibung, Tötungen von Kindern und Mitgiftmorden. Wie ist die relative Bedeutsamkeit dieser verschiedenen Ursachen? Gibt es weitere Ursachen?

  • Haben Sie irgendeine Erklärung dafür, warum die Position der Frauen in Indien nach wie vor so gering zu sein scheint, dass die Gesellschaft den Femizid duldet? Können Sie uns etwas über Widerstand in Indien gegen den Femizid berichten?

  • Wie reagieren die Vereinten Nationen und andere Mitglieder der internationalen Gemeinschaft?  Können Sie uns etwas erzählen über die Kampagne gegen den Femizid in Indien? Beschäftigt sich Ihre Kampagne vorwiegend damit, Informationen zur Verfügung zu stellen oder gibt es weitere politische Aktivitäten oder Proteste? Gibt es eine internationale Zusammenarbeit?

  • Sind Sie optimistisch oder pessimistisch, dass es gelingen wird, den Femizid in Indien zu beenden? Wenn Sie glauben, die Kampagne wird erfolgreich sein, wie lang wird es Ihrer Vermutung nach dauern?

  • Was können unsere Leserinnen und Leser tun, um den Femizid in Indien zu stoppen?

 Das vollständige Interview finden Sie hier.

Indiens #Kindsbräute

Von Rita Banerji

Aus dem englischen Original übersetzt von Bhupinder Punia

Foto: Sumita Roy©. Alle Rechte vorbehalten.


Sumita Roy machte nebenstehendes Foto von dieser kleinen Braut, einem Kind, wahrscheinlich nicht älter als 10-12 Jahre alt, in Uttarkashi. Ironischerweise war Sumita mit ihrem Ehemann dort auf ihrer eigenen Hochzeitsreise. Während des Mittagsessens in einem kleinen Hotel kam die Hochzeitsgesellschaft rein.

Sumita sagt: „Es war keine Freude im Gesicht des kleinen Mädchens, wie man es bei frisch verheiraten Frauen erwarten würde. Stattdessen sah sie traurig, vielleicht sogar erschrocken aus. Es war, als dächte sie „Was kommt als Nächstes? Eine große Frage an die Welt, mit der sie jetzt würde umgehen müssen, unwissend und ohne eine Ahnung vom Leben.

1/3 aller „Kindsbräute“ der Welt leben in Indien.

Trotz der Tatsache, dass dies illegal ist, gibt es mindestens 25 Millionen „Kindsbräute“ in Indien. Laut einem UNICEF Bericht aus dem Mehr von diesem Beitrag lesen

„#Ehrenmorde“ – Eine Analyse

Aus dem englischen Original übersetzt von Matthew Brown

Alle paar Tage wird irgendwo in Indien ein junges Mädchen oder eine junge Frau von ihrer Familie oder der Gemeinde getötet, wegen des scheinbar schrecklichen Verbrechens, verliebt zu sein.

Viele dieser außergerichtlichen Tötungen (oder „Ehrenmorde“) werden von der Dorfjustiz, genannt Khap Panchayats, unterstützt. Obwohl die Khap Panchayats nicht offizieller behördlicher Natur sind, agieren sie außerhalb des indischen Systems von Recht und Ordnung und führen eine tyrannische Machtherrschaft über die Gemeinden, einschließlich der Polizei.

Hier ein Auszug (aus India Today) aus einem Gespräch, das ein Undercover-Journalist mit einem Polizisten führte. Es ging um ein Mädchen aus einem Dorf, das mit seinem Freund weggelaufen war. Mehr von diesem Beitrag lesen
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