Wenn ein Unternehmen, das gegen #Vergewaltigung kämpft, diese erhält

robert de niro thinkAus dem englischen Original  von Rita Banerji
übersetzt von Andrea Wlazik

Im November kursierte im Internet ein Artikel über ein fingiertes „Rape Festival“ (Vergewaltigungsfestival), der für Aufregung sorgte, weil er Vergewaltigung zum Gespött zu machen schien.

Die Ironie ist, dass zur selben Zeit die Premiere einer Veranstaltung mit Größen wie Robert De Niro und anderen berühmten Gästen, das „THINK“ Festival in Goa, genau dies tat – es spottete Vergewaltigung und Vergewaltigungsopfern!

Das „THINK“ Festival wurde von Tehelka organisiert, einer von Indiens radikalsten liberalen Zeitschriften. Für Indien aber ist diese Institution mehr als das. Das Wort „Tehelka“ ist Synonym geworden für Revolution und öffentliche Forderung nach Gerechtigkeit und Gleichberechtigung.

Tehelkas Reichweite ist immens. Sie haben enormen Einfluss, sowohl national als auch international. Ihr THINK Festival dieses Jahr prahlte mit Gästen und Rednern wie Robert De Niro, Amitabh Bachchan, Medha Patkar, Garry Kasparov, Tina Brown, Mary Kom, John Pilger und vielen anderen.

meira paibisVergewaltigung war eines der großen Themen des diesjährigen THINK Festivals.  Überlebende von Vergewaltigungen und Aktivisten aus Indien sprachen auf einer Plattform mit Namen „The Beast in Our Midst (Die Bestie in unserer Mitte). Rednerinnen waren unter anderem Suzette Jordan, die mit vorgehaltener Waffe vergewaltigt wurde und nun Überlebende berät, obwohl sie selbst nach wie vor für Gerechtigkeit kämpft; Harish Iyerwho, die als Kind von Verwandten vergewaltigt wurde und darüber sprach, dass Vergewaltiger nicht immer Fremde sind, sondern oft jene, die wir kennen und denen wir vertrauen; Sandhya, ein 16 Jahre altes Opfer einer Gruppenvergewaltigung, deren Mutter auch gruppenvergewaltigt und ermordet wurde, nachdem ihre Familie Anzeige erstattet hatte; Ima Ngambi, Mitglied von Meira Paibis, einer Gruppe von Müttern, die sich entblößten um gegen die systematischen Vergewaltigungen und die Gewalt gegen Frauen von Seiten der indischen Armee in Manipur zu protestieren; Schwester Jesme, die den systematischen sexuellen Missbrauch von Nonnen in der katholischen Kirche in Indien aufdeckte und Manisha Devi, die darüber sprach, dass der schlimmste Teil der Vergewaltigung die Art ist, wie Justiz, Polizei und soziale Systeme den Opfern weiteres Unrecht zufügen.

Und es gab einen weiteren Vergewaltigungsfall, der sich während des Festivals anbahnte und der einige Tage später ins Licht der Öffentlichkeit treten sollte. Er schockte die Nation und zwang sie, zu hinterfragen, warum Tehelka das, wogegen sie nach eigener Aussage kämpfen, aufrechterhalten.

Tarun Tejpal, der Gründer, Herausgeber und Hauptgesellschafter von Tehelka, entkleidete bei zwei Gelegenheiten im Laufe des Festivals eine jüngere Tehelka-Journalistin gewaltsam und belästigte sie sexuell. Die Journalistin war als Begleitung für Robert De Niro während des Festivals eingeteilt worden. Es scheint, als hätte Tejpal einen Besuch in De Niros Zimmer zum Vorwand genommen, um das Opfer in den Aufzug zu lotsen, wo der Vorfall stattfand. Als sie sich widersetzte und ihn anflehte, aufzuhören, sagte er zu ihr, dass dies der beste Weg sei, ihren Job zu behalten. Einzelheiten des Angriffs, die später in einer internen Mail enthüllt wurden, welche ins Internet durchsickerte, zeigten eindeutig, dass die Art des Angriffs [das Einführen von Fingern in die Vagina] nach Indiens neuem Gesetz, demgemäß jede Form der Penetration eine Vergewaltigung darstellt, als Vergewaltigung einzustufen ist.

Das Opfer vertraute sich sofort drei Kolleginnen an und Tejpals Tochter, die eine gute Freundin des Opfers war, alle anwesend beim Festival. Einige Tage später beschwerte sie sich bei Shoma Choudhary, Tehelkas leitender Redakteurin, einer hitzköpfigen Feministin, die – ebenso wie Tejpal – scharf gegen Vergewaltigung und Gewalt an Frauen in Indien geschrieben und gesprochen hatte.

indian army rape usTejpal gesteht grundsätzlich die Vergewaltigung in einer Mail, einer Art Entschuldigung an das Opfer, in der er den Versuch eingesteht, eine „sexuelle Liaison“ mit ihr zu „forcieren“, obwohl sie sich verweigerte. In einer anderen Mail tat er den Vorfall ab als „Geplänkel“ eines Betrunkenen und teilte mit, er würde dafür Buße tun, indem er sich 6 Monate lang vom Firmensitz fernhalten würde. In seiner Mail an das Opfer schrieb Tejpal: „Du bist eine junge Frau, auf die ich sehr stolz war, als Tochter eines Kollegen und dann als Kollegin in unserer Firma. Ich habe gesehen, wie Du aufgewachsen und beruflich zu einer sehr integeren und vielversprechenden Journalistin gereift bist. Darum zerreisst es mich unbeschreiblich, zu sehen, dass ich diese langjährige vertrauens- und respektvolle Beziehung zwischen uns verletzt habe und ich entschuldige mich vorbehaltlos für diesen rechtlichen Fehltritt, der bei zwei Gelegenheiten, am 7. November und 8. November 2013, dazu geführt hat, dass ich versuchte, eine sexuelle Liaison mit Dir zu beginnen, trotz Deines eindeutigen Widerwillens gegen diese Art von Aufmerksamkeit von mir. Jetzt habe ich das Gefühl, dass ich meine Position als Herausgeber ausgenutzt habe, um Dir meine Aufmerksamkeit aufzuzwingen und ich bestätige, dass ich einmal auf Deinen Hinweis, ich sei Dein Boss, sagte „Das macht es einfacher“…

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Tejpal mit De Niro und Bachchan beim THINK-Festival

Was dann folgte, ist noch empörender. Die beiden zentralen Autoritätspersonen bei Tehelka, Tejpal und Choudhary, gingen in die Offensive und versuchten, die Anklage zu vereiteln. Sie änderten ihre Haltung und nutzten jede schmutzige Strategie, die alle Vergewaltiger und deren Komplizen nutzen, auch die, das Opfer zu diskreditieren und zu verleumden.

Der Vergewaltigungsprozess gegen Tejpal ist im Grunde genommen wasserdicht. Die Einzelheiten der Aussage des Opfers sind gleich geblieben. Sie wurden von anderen beim Festival anwesenden Angestellten bestätigt und teilweise untermauert durch Filmmaterial der Überwachungskamera aus dem Hotel, in dem der Vorfall stattfand. Und Tejpal, der sich zunächst der Verhaftung entzog und sich aus seinem Versteck heraus nur über Shoma Choudary und seine Anwälte äußerte, ist mittlerweile wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung inhaftiert

Da es sich um eine Vergewaltigung von Schutzbefohlenen handelt, begangen durch eine Autoritätsperson, de Macht über das Opfer hat, erwarten Tejpal  mindestens 10 Jahre HaftIronischerweise wird das anzuwendende Gesetz (Section 376 C), das Tejpal und Tehelka zum Schutz von Vergewaltigungsopfern in Indien vorangetrieben haben, nun von Tejpals Anwälten als „drakonisch“ bezeichnet.

sandhyaSuzette Jordan, Überlebende einer Gruppenvergewaltigung und Rednerin beim THINK Festival, erzählte, wie verärgert sie ist.  Sie sagte, sie fühle sich regelrecht „betrogen“. In einem Interview mit NDTV erklärte sie, sie fühle sich „schmutzig“ und benutzt. Für sie sähe es aus, als hätte man sie auf die Bühne gestellt, nur um sich über sie lustig zu machen!

In ihrem Kündigungsschreiben an Tehelkas leitende Redakteurin, Shoma Chaudhuri, schreibt das Opfer: “Während der letzten Jahre haben wir [bei Tehelka] gemeinsam die Rechte von Frauen verteidigt, über Vergewaltigung von Untergebenen und sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz geschrieben und uns scharf ausgesprochen gegen die Kultur der Schuldigsprechung von Opfern, die taktische emotionale Einschüchterung und den Rufmord an jenen, die es wagen, sich gegen sexuelle Gewalt auszusprechen. Jetzt, da ich selbst Opfer eines solchen Verbrechens bin, bin ich erschüttert darüber, dass der Chefredakteur von Tehelka und Sie – in Ihrer Eigenschaft als leitende Redakteurin – auf genau diese Taktiken der Einschüchterung, des Rufmords und der Verleumdung zurückgreifen… In Bezug auf die Abläufe seit dem 7. November hat nicht nur Mr. Tejpal mir gegenüber als Arbeitgeber versagt, sondern Tehelka hat versagt gegenüber Frauen, Angestellten, Journalistinnen und Feministen gleichermaßen.

Dieser Vergewaltigungsfall scheint ein Wespennest zu sein, bestehend aus einer Reihe schmutziger Geheimnisse, inklusive der Anhäufung von Reichtümern seitens der Top-Bosse durch geheime, undurchsichtige Unternehmenszusammenschlüsse. Und während Tehelkas Aktieneigner reiche Dividenden abschöpften, wurden die Angestellten schäbig behandelt. Es wird berichtet, dass sie keinerlei Grundsicherung, wie Krankenversicherung, Abfindung und Altersvorsorge, bekanen. Oft hatten die Gehälter 2-3 Monaten Verspätung. 

Indiens Liberale und die führenden Feministinnen, die Teil von Tehelkas elitärem selbstgerechtem Netzwerk sind, das behauptet, die Frauenrechte zu schützen, sind entweder still oder sie kommen mit aller Kraft hervor und beschweren sich bitterlich über die „übertriebene“ öffentliche Empörung oder über die Medienwirksamkeit dieses Falls. Viele dieser Feministinnen haben versichert, dass Shoma Chaudhuri nicht als Komplizin an dem von Tejpal begangenen Verbrechen der Vergewaltigung und dessen Vertuschung anzusehen ist.

Das beunruhigt mich am meisten. Warum weigern sich mit Tejpal befreundete Feministinnen und Liberale, sowohl in Indien als auch im Westen, diese Vergewaltigung zu sehen oder so zornig zu verurteilen, wie sie es normalerweise in anderen Fällen tun würden? Warum erkennen sie Shoma Chaudhuris Komplizenschaft daran nicht? Warum sind sie über diesen Vorfall nicht so aufgebracht, zornig und beunruhigt wie die vergewaltigte Journalistin und andere Vergewaltigungsopfer, die an diesem Festival teilgenommen haben? Warum beugen sie sich, ignorieren und/oder verteidigen ihn?

Tejpal-1Wie tief geht die wirtschafliche Ausbeutung von Vergewaltigung und von Gewalt an Frauen als „soziale Fälle“? Sind diese unter den NGOs und Organisationen, unter Feministen und Liberalen nun zu Themen geworden, die persönlich und wirtschaftlich leicht auszubeuten sind? Ist Tehelka nur die Spitze des Eisbergs? Ist es das, was einen Großteil der Feministen, Liberalen, Aktivisten und Intellektuellen an der Tehelka-Vergewaltigung so verunsichert?


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ZUR AUTORIN
rita.banerji.photoRita Banerji ist Autorin, Frauenrechtsaktivistin und Begründerin von „The 50 Million Missing“, einer Kampagne zur Beendung des Völkermords am weiblichen Geschlecht in Indien. Ihr Buch Sex and Power: Defining History Shaping Societies ist ein historischer und gesellschaftlicher Blick darauf, wie die Beziehung von Geschlecht und Macht in Indien zum anhaltenden weiblichen Genderzid führte. Ihre Webseite ist zu finden unter www.ritabanerji.com. Sie bloggt auf Revolutions in my Space und twittert auf @Rita_Banerji

ZUM ÜBERSETZER
Andrea Wlazik ist gelernte Fremdsprachenkorrespondentin. Sie arbeitet als freiberufliche Texterin und Übersetzerin und koordiniert den deutschen Blog der „The 50 Million Missing Campaign“. Sie ist außerdem Initiatorin der von der Kampagne unabhängigen deutschen Facebook-Gruppe Femizid in Indien“.

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Ist die kulturelle Voreingenommenheit indischer Feministinnen mitschuldig an der Vernichtung von Indiens Frauen?

von Rita Banerji

Aus dem englischen Original übersetzt
von Alexander Ohnmeiß

[Die zitierten Textstellen sind Auszüge aus Rita Banerjis Artikel „Why Kali Won’t Rage: A Critique of Indian Feminism“  (Warum sich Kali nicht erzürnt: Eine kritische Abhandlung zur indischen Frauenbewegung), herausgebracht im „Gender Forum“, Ausgabe 38, 2012.]

Innerhalb von drei Generationen hat Indien systematisch und gezielt mehr als 50 Millionen Frauen seiner Bevölkerung vernichtet – diese Zahl entspricht in etwa der Bevölkerung von Schweden, Österreich, der Schweiz, Belgien und Portugal zusammen (Banerji, Female Genocide). In 20 Jahren wird Indien 20 % des Frauenanteils seiner Gesamtbevölkerung vernichtet haben (Sinha K., In 20 Years). Diese werden bis dahin den immer weiter um sich greifenden Tötungspraktiken zum Opfer gefallen sein: selektive Abtreibung weiblicher Föten, Tötung weiblicher Nachkommen durch die eigenen Eltern, Tötung der unter 5-jährigen Mädchen durch vorsätzliche Vernachlässigung, Brautgeldmorde, „Ehren“-Morde und die fahrlässige Gefährdung von Frauenleben durch vielfache und erzwungene Abtreibungen weiblicher Föten.


Warum hat all dies noch keine offene Rebellion von Indiens Frauenrechtsbewegung verursacht? Und warum steht der Völkermord an Indiens Frauen und Mädchen nicht auf der Tagesordnung globaler Frauen- oder Menschenrechtsbewegungen?

Banerji behauptet, Indiens eigene feministische Bewegung sei verantwortlich für die Entpolitisierung der Unterdrückung der Frauen in Indien. Sie erklärt außerdem, dass die weltweit bekannten indischen Feministinnen, die an der Spitze von Indiens Frauenbewegung stehen, der Weltöffentlichkeit gegenüber darauf bestehen, dass die Lage der Frauen in Indien nicht wie in westlichen Kulturkreisen als Machtkampf mit politischem Hintergrund ausgelegt werden könne, sondern als Teil und im Kontext von Indiens Kultur akzeptiert und behandelt werden müsse.

Als Beispiel führt Banerji Chitnis an, die Direktorin des wichtigsten Programms für Frauenstudien in Indien, dem „Center of Women’s Studies“ am Tata Institut für Sozialwissenschaften. Warum glaubt Chitnis, dass sich die politische Perspektive der westlichen Frauenbewegung im Hinblick auf Frauenrechte und -unterdrückung nicht auch auf die Lage der Frauen in Indien übertragen lässt?

In „Feminism in India“, einer „Sammlung der einflussreichsten Schriftstücke mit Bezug auf das Konzept der Frauenrechtsbewegung in Indien“ (Chaudhuri 1), beschreibt Suma Chitnis wie ihr bei der Teilnahme an einem internationalen Seminar zum Thema Geschlechterrollen in Kanada plötzlich bewusst wurde, dass während die Frauenrechtlerinnen aus westlichen Kulturkreisen eine „zornige Tirade“ gegen die Patriarchate in ihren jeweiligen Ländern anstimmten, sie selbst einen solchen Zorn gegen das Patriarchat in ihrem eigenen Land nicht empfinden konnte. Weiter beschreibt sie, wie Indiens Frauen im Allgemeinen „Missbilligung für den [westlichen] feministischen Zorn“ empfänden und „Verwirrung ob der [westlich] feministischen Fixierung auf das Patriarchat […] insbesondere auf Männer als hauptverantwortliche Unterdrücker“ (Chitnis 8-10).

Chitnis sinniert, möglicherweise hätten Geschichte und Kultur einen Anteil daran, dass „die Belange der Frauen in Indien andere sind, als die der Frauen im Westen“. Sie erinnert daran, dass Indien geschichtlich „immer [eine] in hohem Maße hierarchisch[e Gesellschaft]“ gewesen sei und dass diese Hierarchien durch Gebräuche und soziale Verhaltensregeln aufrecht erhalten wurden. Sie bemerkt weiterhin, dass im Gegensatz zum Westen, wo größter Wert auf Individualität und persönliche Freiheit gelegt würde, die Inder Werte wie Unterwürfigkeit,  „Selbstaufgabe“ und „die Spiritualisierung des Selbst“ schätzten. Mit anderen Worten: Indiens Gesellschaft sei in soziologischer wie in psychologischer Hinsicht angepasst an die Idee einer Ordnung durch soziale Schichten. Und das, was einem Außenstehenden als eine Geschlechterhierarchie erscheine, würde von Indern ganz einfach als Beachtung der Kultur angesehen. Zudem sei das, was von westlichen Beobachtern als Aufgabe der eigenen Individualität betrachtet werden könne, für indische Frauen vielmehr eine Priorisierung der Familie und Gemeinschaft gegenüber dem Individuum. Insofern sähen sie es als eine bewusste Entscheidung zugunsten des Allgemeinwohls.

Chitnis rechtfertigt diese Sichtweise der indischen Frauenbewegung, indem sie anführt, dass die indische Verfassung im Zuge der Unabhängigkeitserklärung „Frauen eine vollständige politische Gleichstellung mit Männern einräumte. [Und] deshalb indische Frauen nicht das gleiche Unrecht hätten ertragen müssen, unter dem Frauen im Westen wegen der […] Diskrepanz zwischen politischen Idealen und der Realität leiden mussten. Sie behauptet, seit der Unabhängigkeit im Jahr 1947 hätte die indische Regierung durch ihre Serie von Fünf-Jahres-Plänen für „das Wohlergehen der Frauen“ gesorgt – und zwar in solchem Maße, dass in einem Vergleich mit anderen Ländern, Indien bezüglich der gesetzlichen Bestimmungen zugunsten der Frauen „voraussichtlich als eines der fortschrittlichsten Länder hervorgehen würde“. Chitnis empfindet dies als einen der Hauptgründe weshalb indische Frauen nicht so aufgebracht sind, wie ihre westlichen Pendants. Abschließend schreibt sie, dass indische Frauen „die gesetzlichen Absicherungen und Einrichtungen für Chancengleichheit sähen, die für sie im Prinzip schon zugänglich seien und für die [von der westlichen Frauenbewegung] noch gekämpft werde“. (Chitnis 9, 11, 17).

Banerji zitiert außerdem Madhu Kishwar, die Herausgeberin und Gründerin des „Manushi“. Dieses Journal ist international anerkannt als Indiens führende „Feministen“-Publikation, welche für sich den Anspruch formuliert, Fragen „in Bezug auf Frauen und Gesellschaft“ zu behandeln.

Madhu Kishwar bestätigt in derselben Textsammlung (“Feminism in India”) Chitnis Ansicht und fügt hinzu, dass „der Idee von Rechten und Würde der Frau […] in Indien eine viel längere Geschichte individueller Selbstbestimmung der Frauen zu Grunde liegt [als im Westen]. Dies glaubt sie, werde bewiesen durch Indiens Traditionen in der Verehrung von Göttinnen, in der die “Shakti” oder Kraft anerkannt werde als Verkörperung des Weiblichen. Kishwar ist sicher, dass dies in Wirklichkeit „die indische Gesellschaft weitaus aufnahmefähiger macht für die Selbstbehauptung und die Stärken der Frauen, als es westliche Gesellschaften sind. Dies, argumentiert sie, sei auch der Grund dafür, dass in Indien – anders als im Westen – Männer eine historische Rolle in der Frauenrechtsbewegung spielten. Sie führt an, dass während der britischen Kolonialzeit Männer sogar eine Vorreiterstellung übernommen hätten bei der Abschaffung von Praktiken wie der Sati (Witwenverbrennung) sowie bei der Einführung von Gesetzen, die Witwen eine Wiederverheiratung ermöglichten. Kishwar kommt zu dem Schluss, dass Indiens Männer durch die traditionelle Göttinnenverehrung der Vorstellung von Frauen in Machtpositionen gegenüber sozial eingestellt seien. Dies sei eine der Hauptursachen dafür, dass die Frauenbewegung in Indien „anders als im Westen, wo den Frauen in ihrem Vorhaben Gleichberechtigung zu erreichen von den meisten politisch aktiven Männern erbitterte Feindseligkeit entgegen gebracht wurde, keinen Beigeschmack eines Geschlechterkrieges erfahren hätte (35-36).

Banerji weist darauf hin, dass diese Ansichten zur geschlechtsspezifischen Machtverteilung, die unter den führenden Feministinnen in Indien herrschen, nicht nur politisch inkorrekt sind, sondern auch extrem unrealistisch. Vor allem wenn man die zugrundeliegenden Fakten bedenkt, die sich aus dem anhaltenden Völkermord am weiblichen Geschlecht in Indien ergeben. Sie sagt:

Ungeachtet der Gesetze, der Verfassung, Göttinenverehrung und männlicher Feministen – die alltägliche Realität für Frauen in Indien ist ein Skandal! Während Indien astronomischen Wachstum in Industrie und Wohlstand erfahren hat und nun im Begriff ist, sich zur weltweit drittgrößten Wirtschaftsmacht aufzuschwingen (Sinha, P.), ist die Lage für die indischen Frauen als Bevölkerungsschicht, die theoretisch gesehen die Hälfte der Nation ausmacht, erschreckend rückschrittlich.

2010 veröffentlichte das Weltwirtschaftsforum seinen Global Gender Gap Report. Dort war Indien auf Rang 112 von insgesamt 134 Ländern zu finden (Murti). Der Bericht bewertete den unterschiedlichen Zugang von Männer und Frauen zu wirtschaftlichen Mitteln und Möglichkeiten in den einzelnen Ländern. Dabei wurden wirtschaftliche Gegebenheiten, Ausbildung, politische Teilnahme, Gesundheit und Überlebensrate als Faktoren berücksichtigt. Ordnet man die Länder ihrer Reihenfolge entsprechend nach den Faktoren „wirtschaftliche Beteiligung“ und „Jobmöglichkeiten für Frauen“, findet man Indien auf Platz 128 – nur 6 Nationen sind schlechter platziert. Selbst in Indiens florierendem Unternehmenssektor, der professionellen Schicht mit hoher Ausbildung, liegt das jährliche Durchschnittseinkommen für Frauen mit 1.185 US-Dollar bei weniger als einem Drittel des Durchschnittseinkommens für Männer, welches bei 3.698 US-Dollar liegt (Nagrajan). Indien weist darüber hinaus eine der höchsten Analphabeten-Raten weltweit unter der weiblichen Bevölkerung auf und 2006 waren nach Schätzung der Weltbank über 50 Prozent von Indiens über 15-jährigen Mädchen und Frauen nicht des Lesens und Schreibens mächtig (Business Standard). Allerdings ist auch diese Zahl noch irreführend, da „zur Bewertung von effektiver Lese- und Schreibfähigkeit in Indien auch jede, die ihren eigenen Namen schreiben kann, zählt – [ wenn also] […] Sita die vier Buchstaben ihres Namens lesen und schreiben kann [zählt sie] […] zur Kategorie der des Lesens und Schreibens Fähigen“ (Bhaskar). An die 50% Prozent aller Mädchen in Indien werden vor ihrem 18. Lebensjahr von ihren Familien verheiratet und so steuert Indien ganz allein ein Drittel aller Kindsbräute der Welt bei (Sinha K., UNGA).

Banerji macht in ihrem Artikel weiterhin deutlich, dass es entscheidend sei, dass die indische Frauenbewegung die Realität der Frauenfeindlichkeit akzeptiere, die sich für die fehlende Gleichberechtigung und Unterdrückung der Frauen und Mädchen in Indiens Gesellschaft verantwortlich zeichne. Und dass diese Frauenfeindlichkeit die primäre Ursache für die gezielte Massenvernichtung von Frauen in Indien sei. Sie führt weiterhin an, wie bei allen Fällen von Genozid habe auch dieser Genozid an den Frauen Indiens seine Wurzeln in einem irrationalen, kulturbedingten Hass gegen eine ausgemachte Zielgruppe, und dies müsse anerkannt werden.

Es ist nun vielfach erwiesen, dass diese existentielle Ungleichheit, der Indiens Frauen begegnen, von ungezügeltem Frauenhass angefacht wird. Einem Frauenhass, der den Frauen nicht nur einen ebenbürtigen Lebensstil verwehrt, sondern ihnen auch das grundlegendste aller Menschenrechte verwehrt – das Recht zu leben. Eine in 2001 durchgeführte globale Umfrage der Thomson Reuters Stiftung identifiziert Indien als weltweit viertgefährlichstes Land für Frauen (Chowdhury)….

Dies kennzeichnet einen Frauenhass, der selbst vor Kleinkindern und Mädchen nicht Halt macht. Ein Bericht der UNICEF aus dem Jahr 2007 wies eine unnatürlich hohe Sterblichkeitsrate bei Mädchen unter 5 Jahren auf, ungefähr 40% höher als bei Jungen im gleichen Alter. Dies ließ sich zurückführen auf vorsätzliche Vernachlässigung und böswillige Verweigerung von Nahrung und Medikamenten, gleichzusetzen mit fahrlässiger Tötung (UNICEF 12).

Eine in 2011 vom „Indian Council of Medical Research“ und der „Harvard School of Public Health“ initiierte Studie ergab, dass in Indien Mädchen unter 5 Jahren mit einer um 21 % höheren Wahrscheinlichkeit den Tod fanden als Jungen im gleichen Alter und dass weibliche Kleinkinder im Alter von einem Jahr oder jünger sogar mit einer um 50 % höheren Wahrscheinlichkeit starben als männliche Kleinkinder der gleichen Altersgruppe. Die Ursache für diese hohen Sterblichkeitsraten waren gewalttätige Übergriffe in ihrem eigenen Zuhause.

Der Schätzung dieses Berichts zufolge sind in den letzten zwei Jahrzehnten mehr als 1,8 Millionen Mädchen unter 6 Jahren durch häusliche Gewalt ums Leben gekommen. Der Leiter der Forschungen, Jay Silverman, sagte: „Wenn du als Mädchen in eine Familie in Indien hineingeboren wirst, in der deiner Mutter Gewalt angetan wird, stehen deine Chancen, deine frühe Kindheit zu überleben, bedeutend schlechter. Erschreckenderweise stellt diese häusliche Gewalt keine Gefahr für dein Leben dar, wenn du das Glück hast, als Junge geboren worden zu sein..“ (Sinha K., Violence at Home).

ZUR AUTORIN

Rita Banerji ist Autorin, Frauenrechtsaktivistin und Begründerin der „The 50 Million Missing“  Campaign (50 Millionen verschwunden), einer Kampagne zur Beendung des Völkermords am weiblichen Geschlecht in Indien. Ihr Buch  Sex and Power: Defining History Shaping Societies ist ein historischer und gesellschaftlicher Blick darauf, wie die Beziehung von Geschlecht und Macht in Indien zum anhaltenden weiblichen Genderzid führte. Ihre Webseite ist zu finden unter www.ritabanerji.com. Sie bloggt auf  Revolutions in my Space and twittert auf @Rita_Banerji.

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