„The 50 Million Missing Campaign“ bittet um Ihre Stimme für den Katerva Public Award



Liebe Freunde,

wir sind hocherfreut, Sie darüber informieren zu können, dass The 50 Million Missing Campaign, die Kampagne zur Beendung des Genderzids am weiblichen Geschlecht in Indien, einer der Finalisten des „Katerva Award 2013“ in der Kategorie „Gleichberechtigung der Geschlechter“ ist. Der „Katerva Award“ honoriert zukunftsweisende Projekte aus der ganzen Welt und wird auch „der Nobelpreis der Zukunftsfähigkeit“ genannt. Katerva lädt nun die Öffentlichkeit ein, den Finalisten zu wählen, der ihrer Meinung nach der Welt am Meisten zu geben hat.

An dieser Stelle brauchen wir Ihre Unterstützung! Bitte geben Sie Ihre Stimme für den „Katerva Public Award“ der The 50 Million Missing Campaign.



VOTE US PEOPLES CHOICE Um zur Abstimmung zu gelangen, gehen sie auf die Website von Katerva und klicken Sie dann oben auf der Seite auf VOTE! Anschließend klicken Sie bitte auf das rote Häkchen in der Mitte der Seite.

Dann haben Sie die Möglichkeit, sich einzuloggen oder zu registrieren. Dies nimmt nur wenig Zeit in Anspruch und ist notwendig, um Doppelstimmen zu vermeiden und sogenannte „Trolle“ abzuschrecken.

Wir danken für Ihre Bemühungen!

Noch bis zum 28. März 2014 können Sie uns Ihre Stimme geben. Sollten Sie Probleme beim Einloggen haben, twittern Sie Katerva an auf @Katerva oder uns auf @50millionmissin.

Seit ihrer Gründung in 2006 funktioniert The 50 Million Missing Campaign ‚zero-fund‘ d.h. komplett spendenfrei und nur auf der Grundlage ehrenamtlicher Arbeit. Außerdem sind wir die einzige aus den Wurzeln der Bevölkerung heraus entstandene Lobby, die als globale Menschenrechtsnothilfe auf die offizielle Rechenschaftspflicht und behördliches Handeln gegen den Völkermord am weiblichen Geschlecht drängt.

Um mehr über unsere ‚zero-fund‘-Politik und unsere verschiedenen Projekte zu erfahren, klicken Sie bitte hier.

Um mehr über die drei Hauptziele der Kampagne zu erfahren, klicken Sie hier.

Um zu erfahren, wie 20% der Frauen aus Indien ausgelöscht wurden, klicken Sie hier.

Wir danken Ihnen ganz herzlich für Ihre Unterstützung! Der einzige Grund dafür, dass wir in den letzten 7 Jahren unermüdlich daran arbeiten konnten, dass eine der unserer Meinung nach gröbsten Menschenrechtsverletzungen dieses Jahrhunderts beendet wird, sind unsere rund 500.000 Unterstützer aus über 200 Ländern. Ihre Unterstützung ist unsere Antriebskraft!

Die Administratoren der The 50 Million Missing Campaign

Rita Banerji

Manvendra Bhangui

Caroline Martin

Roxane Metzger

Girendra Singh

Lars-Gunnar Svärd

Andrea Wlazik

Warum das Ausmaß des Völkermords an Indiens Frauen mit Wohlstand und Bildung zunimmt

 

Foto: Divyesh Sejpal ©. Alle Rechte vorbehalten.

Aus dem englischen Original von Rita Banerji
übersetzt von Jacqueline Knorr

Der mit Abstand größte Mythos über den Völkermord
an Indiens Frauen ist, dass er das Ergebnis von Analphabetismus und Armut ist.

Die meisten Leute denken, wenn sie Schulen bauen, Menschen bilden, Mädchen ausbilden und Arbeitsplätze schaffen, dann werden die Menschen nicht ihre weiblichen Kleinkinder töten oder ihre Töchter durch geschlechtsselektive Abtreibung beseitigen.

DIE REALITÄT ZEIGT JEDOCH, DASS GENAU DAS GEGENTEIL DER FALL IST.

Wenn in Indien Reichtum in einen Haushalt, eine Gemeinde, ein Dorf oder ein Gebiet fließt und zusammen mit dem wirtschaftlichen Wohlstand weitere Annehmlichkeiten wie Schulen und Kliniken dazu kommen, dann sieht man einen gleichzeitigen Rückgang des Frauenanteils innerhalb dieses speziellen Haushalts, der Gemeinde, des Dorfs oder des Gebiets!  „Wirtschaftlicher Erfolg scheint den Wunsch nach einem Sohn  auch an Orten zu verbreiten, die einmal neutral zum Geschlecht ihrer Kinder standen“  beobachtet die indische Demographin Alaka Basu.

Mit anderen Worten: Je mehr Wohlstand und Bildung es gibt, desto ausgeprägter ist der weibliche Genderzid! Das ist eine Beobachtung, die einzelne Forscher und Sozialwissenschaftler in Indien gemacht haben, die bis jetzt aber völlig ignoriert wurde.

Allerdings zeigen die jüngsten Daten von Indiens Volkszählung in 2011 und eine unabhängige Studie, welche in der bekannten medizinischen Fachzeitschrift Lancet ebenfalls im Jahr 2011 veröffentlicht wurde, und die auf einer auf Masse angelegten Datenerhebung und-analyse basierte, das oben erwähnte Muster so deutlich, dass es unmöglich ignoriert werden kann.

Indiens Volkszählung von 2011 zeigt, dass es die höchste Anzahl Eliminierungen von Mädchen durch Geschlechtsselektion und Kindstötung nicht in den ärmsten Gegenden Indiens, sondern in den reichsten Bundesstaaten, wie in Punjab und Haryana, und in den wohlhabendsten Städten wie Delhi und Chandigarh gibt. Auch hier sieht man wieder das Muster von Analphabetismus und Bildung.

Die Staaten mit der höheren Alphabetisierungsrate, wie Maharashtra und Gujarat, haben ein maroderes Geschlechterverhältnis als die Staaten mit den schlimmsten Alphabetisierungsniveaus wie Uttar Pradesh und Bihar.

Außerdem tendieren ländliche Gebiete in Indien, die in den Bereichen Bildung und Entwicklung weit hinter den städtischen Gebieten zurückbleiben, dazu, ein besseres Geschlechterverhältnis als die städtischen Gebiete zu haben.

Zudem hatten die 150 Bezirke Indiens, die offiziell von der Regierung als „am wenigsten entwickelt “ eingestuft wurden, weit bessere Geschlechterverhältnisse als die anderen, vergleichsweise stärker entwickelten Bezirke. Im Jahr 2001 gaben die Daten der Bezirksspiegel an, dass die meisten gebildeten Bezirke mit dem größten Zugang zu Technologie ein schlechteres Geschlechterverhältnis als die Bezirke mit den niedrigsten Alphabetisierungsniveaus hatten. Dieser Trend wurde in der Volkszählung von 2011 noch offensichtlicher. Während z.B. im Gebiet von Uttar Pradesh die 10 Bezirke mit dem höchsten Alphabetisierungsniveau bei Kindern ein Geschlechterverhältnis von 887 Mädchen zu 1.000 Jungen hatten, gab es in den 10 Bezirken mit dem niedrigsten Alphabetisierungsniveau ein Geschlechterverhältnis von 937 Mädchen zu 1.000 Jungen, ein Unterschied von 50 Frauen pro 1.000 Männer . Die selben Trends herrschten in anderen Bezirken: Gujarat, Rajasthan, Bihar, Haryana und West Bengalen.

Die ausgedehnte Studie von 2011​​, die von Prabhat Jha geleitet und im Lancet veröffentlicht wurde, zeigte, dass in den letzten zwei Jahrzehnten die drastischste Verschlimmerung bei den Geschlechterverhältnissen in Indien innerhalb der 20% der Bevölkerung stattfand, die zu den reichsten und gebildetsten Gebieten gehören

Während im Jahr 1991 das Verhältnis der Geschlechter bei zweitgeborenen Kindern, bei dem das erstgeborene ein Mädchen ist, noch bei etwa 850 Mädchen auf 1.000 Jungen bei den reichsten 20% Indiens lag, war dieses Verhältnis bis 2011 auf 750 gesunken und lag in Familien, in denen Frauen eine Bildung von 10 Jahren oder mehr hatten, mit 700 sogar noch niedriger. Vergleichsweise zeigen die ärmsten 20 % der Bevölkerung des Landes, der Schicht, in der die Frauen ungebildet und Analphabeten sind, das beste Geschlechterverhältnis. Im Durchschnitt gab es entweder keine Veränderung in den letzten 2 Jahrzehnten oder in manchen Fällen scheinbar sogar eine Verbesserung des Geschlechterverhältnisses im Zensus 2011 gegenüber den Daten aus dem Jahr 1991.

Würden Bildung und Einkommen von Frauen etwas verändern? Leider nicht! Diese Studie zeigt auch, dass in Haushalten, in denen Frauen eine bessere Bildung und ein höheres Einkommen haben, mit großer Wahrscheinlichkeit die weitaus höhere Bereitschaft besteht, ihre Töchter durch Geschlechtsselektion loszuwerden als in ärmeren Familien, in denen Frauen keine Ausbildung haben, vor allem dann, wenn sie bereits ein Mädchen haben.

Es ist wichtig anzumerken, dass es nicht die Frauen sind, die die Entscheidungen treffen, die Töchter loszuwerden, sondern die Familien! Frauen werden oft geschlagen und gewaltsam zu diesen Abtreibungen gezwungen. Auch die Tötung von neugeborenen Mädchen ist oft nicht die Entscheidung der Mutter, sondern die der Familie.

Weiterhin stellte sich heraus, dass wenn der Wohlstand in der Nachbarschaft oder im Staat steigt, mitgiftbedingte Gewalt und Tötungen ebenfalls ansteigen.

Verstehen Sie mich diesbezüglich bitte nicht falsch! Ich plädiere hier nicht gegen Bildung oder gegen kommunale Entwicklung. Ich glaube im Gegenteil, dass Allgemeinbildung und ein grundlegend zivilisierter Lebensstandard für die Mehrheit – beides Dinge, bei denen Indien so hoffnungslos versagt hat – ausschlaggebend für die Entwicklung Indiens hin zu einer modernen Demokratie sind.

Das Problem, das ich hier auf den Punkt zu bringen versuche, ist das Problem der öffentlichen Wahrnehmung der Ursachen von Indiens weiblichem Genozid. Und das Fazit ist, dass Bildung und Wirtschaft selbst nicht die Lösung sind, weil Armut und Analphabetismus nicht die Ursachen für den weiblichen Genozid sind! 

Das Foto oben, das von einem kleinen Mädchen, welches über ihre Schiefertafel gebeugt ist, ruft sofort eine positive Reaktion in uns hervor, weil es für uns symbolisch Unabhängigkeit, Entscheidungsfreiheit und Fortschritt repräsentiert. Die Realität ist allerdings: Bildung und Geld sind mächtige Werkzeuge, aber obwohl wir sie den Menschen geben und hoffen, dass sie es für eine konstruktive Änderung einsetzen, können wir nicht bestimmen, wie Individuen und Gemeinschaften letztlich ENTSCHEIDEN, sie zu nutzen. Im Zusammenhang mit dem Völkermord an Indiens Frauen wurden diese Werkzeuge äußerst destruktiv eingesetzt. Warum ?

  1. Geld und Bildung erhöhen das Wissen über und den Zugang zu verschiedenen Mitteln und neuen Technologien, um potenzielle Töchter zu beseitigen. Hinzu kommt, dass  Menschen, die mehr Geld und Bildung besitzen, das System viel besser verstehen und wissen, wie sie es umgehen können. Sie haben auch die Mittel und Kontakte, um die Polizei und Regierungsbeamte zu bestechen, um mit jeder Art von Verbrechen, sei es Tötung weiblicher Föten, eines weiblichen Säuglings oder der Mord an einer Frau der Mitgift wegen, durchzukommen. Haben Sie sich jemals gefragt, warum die Menschen, die für Mitgiftmorde und weibliche Kindestötung im Gefängnis sitzen, immer die Armen sind?

  2. Je besser eine Familie wirtschaftlich gestellt ist und je mehr Bildung sie ihrer Tochter mitgibt, desto höher ist die Summe, die bei der Hochzeit als Mitgift von der Familie der Braut zu zahlen erwartet wird. Von daher ist die soziale „Strafe“ der Mitgift  weit höher, wenn die Tochter einen Universitätsabschluss bekommt und arbeitet, als wenn sie einfach nur Abitur hat. Weil wohlhabendere Familien das Gefühl haben, eine höhere Mitgift zahlen zu müssen, ist auch ihre Motivation größer, Töchter früh los zu werden. Umgekehrt betrachtet, warum sollte eine gebildete Mittelklasse-Familie überhaupt Mitgift für ihre Tochter zahlen wollen, wenn diese sich gut selbst erhalten könnte? Weil die Familie glaubt, dass wenn die Tochter verheiratet ist und Mitgift bekommen hat, sie ihr keine weiteren Besitztümer geben müssen und somit alles an den Sohn gehen kann!

  3. Je besser eine Familie situiert ist und je gebildeter ihr Sohn ist, desto größer ist der Betrag, den die Familie als Mitgift für ihren Sohn erwartet. In der Tat erhöht jeder Bildungs- oder Berufsabschluss (als Anwalt, Ingenieur oder Arzt ) des Sohnes erheblich den Reichtum, den er durch die Mitgift in die Familie bringt. Oft ist die Forderung der Mitgift fast zehnmal höher als das Jahresgehalt des Bräutigams – es ist der Familien-Jackpot! 

Somit ist die Realität über weiblichen Völkermord, mit der wir uns auseinandersetzen müssen, wenn wir eine effektive Lösung finden wollen, folgende: Beim weiblichen Genozid geht es nicht Armut oder Analphabetismus. Weiblicher Genozid ist Ausübung von Macht und Kraft, so wie es alle Völkermorde sind. Es geht hier um die soziale und strafrechtliche Verfolgung einer Zielgruppe, bestehend aus den Mächtigen – wie bei allen Völkermorden. Die Gründe für den weiblichen Genozid und die Lösungen um diesen zu beenden, sind nicht anders, als für den Völkermord an irgendeiner anderen Gruppe Menschen!

© „The 50 Million Missing Campaign“. Alle Rechte vorbehalten. Bitte beachten Sie bei Weitergabe unsere Hinweise zum Copyright.

ZUR AUTORIN
rita.banerji.photoRita Banerji ist Autorin, Frauenrechtsaktivistin und Begründerin der „The 50 Million Missing Campaign“, einer Kampagne zur Beendung des Völkermords am weiblichen Geschlecht in Indien. Ihr Buch „Sex and Power: Defining History Shaping Societies ist ein historischer und gesellschaftlicher Blick darauf, wie die Beziehung von Geschlecht und Macht in Indien zum anhaltenden weiblichen Genderzid führte. Ihre Webseite ist zu finden unter www.ritabanerji.com. Sie bloggt auf Revolutions in my Space und twittert auf @Rita_Banerji

ZUM FOTOGRAFEN
Divyesh Sejpal ist preisgekrönter Fotograf und Mitglied der
The 50 Million Missing Campaign’s Photographers’ Group, die weltweit von mehr als 2300 Fotografen unterstützt wird. Um weitere seiner Arbeiten zu sehen, klicken Sie hier.

ZUR ÜBERSETZERIN
Jacqueline Knorr ist vor 9 Jahen von Berlin in die Karibik ausgewandert und ist heute eine freischaffende Stewardess auf privaten Jachten in der Karibik und in Europa. Momentan ist sie unter anderem damit beschäftigt, ein schwimmendes Gästehaus auf St. Maarten zu bauen, um mit einem Teil des Profits das lokale Tierheim und andere Wohltätigkeitsorganisationen zu unterstützen.

Soraya Nulliah: Meine Kunst erzählt die Wahrheit über Gewalt, die ich erfahren und überlebt habe

Aus dem englischen Original übersetzt von Laura Gerber

Soraya Nulliah

In 2006 hielt die feministische Künstlerin Soraya Nulliah am Nina Haggerty Centre in Edmonton, Kanada, eine Ausstellung mit dem Titel „Shakti“. Das hinduistische Wort Shakti steht für die weibliche Verkörperung der Kraft. Sorayas Absicht war es, Shakti zu beschwören, indem sie ihre Kunst nutzte, um Aufmerksamkeit zum Thema Gewalt gegen indische Frauen zu wecken. Eine der Besprechungen zu ihrer Ausstellung betont: „Unter den üppigen Farben und Texturen verbirgt sich eine traurige Thematik: Die Realität der Gewalt gegen Frauen…”Die Gründerin der Kampagne „The 50 Million Missing“, Rita Banerji, führte kürzlich ein Interview mit Soraya Nulliah, das wir hier in diesem speziellen Beitrag präsentieren. Um mehr über Soraya und ihre Kunst zu erfahren, besuchen Sie ihre Homepage www.sorayanulliah.com

Rita: Ihre Familie ist indischer Herkunft, aber Sie sind in Südafrika und Kanada aufgewachsen und leben nun in den Vereinigten Staaten. Warum wählten Sie das Thema „Gewalt gegen indische Frauen“ für Ihre Malerei und Ihre Ausstellung? 

„Standing at the edge of grace” von Soraya Nulliah

SORAYA: Ich bin eine indische Frau und Überlebende einer missbräuchlichen und gewalttätigen Kindheit. Deshalb ist die Thematik der Gewalt in erster Linie eine persönliche Thematik für mich. Ich weiss wie es ist, ein misshandeltes Kind zu sein, stets in Angst zu leben, gedemütigt und entmachtet. Rita, ich erinnere mich sogar jetzt noch ganz genau, so viele Jahre später: Eines Tages (ich war ungefähr siebzehn Jahre alt), nachdem mein Vater mich verprügelt hatte, kam meine „Mutter” in mein Zimmer und sagte: „Soraya… wir müssen uns damit abfinden… wir sind indische Frauen.”  Und ich sagte zu ihr: „Du entscheidest, Dich damit abzufinden… ich nicht.”

Ich verbrachte ungefähr 4-5 Monate in einer Notunterkunft für Jugendliche, weil „Zuhause“ kein sicherer Ort für mich war (ich besuchte noch die weiterführende Schule). Da war meine „Mutter”, die mich hätte beschützen müssen und erzählte mir, ich solle Misshandlungen akzeptieren. Diese Schlüsselerfahrung veränderte mich, weil ich realisierte, dass mein Schweigen mich nicht schützt; es schwächt mich.

Wärend dieses Thema für mich ein persönliches ist, weiß ich auch, dass es für so viele Andere eine allgemeine Erfahrung ist, besonders für Frauen indischer Gemeinden. Jede einzelne meiner Freundinnen in der indisch-kanadischen Gemeinde kam entweder aus einer gewalttätigen Familie, lebte in einer gewalttätigen Ehe oder beides.

Alles, wogegen sich Deine Kampagne gegen den Genderzid (geschlechtsspezifischer Völkermord) an Frauen in Indien richtet, passiert auch indischen Frauen ausserhalb Indiens! Als ich in Kanada zur Universität ging, gab es einen Vorfall in der Nähe unseres Wohnortes. Ein indischer Mann ging ins Untergeschoss und schug seiner Ehefrau den Kopf ab, während ihre Kinder im oberen Stock waren!! In den sechs Wochen meiner Ausstellung kamen drei indische Frauen in Vancouver ums Leben. Eine Geschichte, die mich wütend machte und mir die Tränen in die Augen trieb, war die einer jungen schwangeren Frau, die bereits eine Tochter hatte. Sie wurde tot und verkohlt aufgefunden, während ihr Mann sie über Wochen nicht einmal als vermisst gemeldet hatte. Es stellte sich heraus, dass sie eine weitere Tochter erwartete!! Gewalt ist eine alltägliche Realität für indische Frauen, und auch wenn wir schweigend leiden und denken (hoffen?), unser Schweigen werde uns retten; das tut es nicht.

Rita: Was hat Sie veranlasst, eine andere Antwort auf diese Gewalt zu geben? Letzten Endes sind Sie in derselben Gemeinde aufgewachsen, mit kulturellen Zwängen, mit denen auch die anderen indischen Frauen aus Auswanderungsgemeinden aufgewachsen sind. Wenn es sich um eine alternative Sichtweise, um einen anderen Umgang mit Gewalt handeln würde, den Sie durch die westliche Gesellschaft erlernt haben, in der Sie lebten, dann sind doch andere indischstämmige Frauen den selben Einflüssen ausgesetzt. Ich bin immer wieder überrascht, dass diese am Ende auf Gewalt reagieren wie Frauen in Indien es tun: sie tolerieren und rationalisieren die Gewalt. Wie kommt es also zu Ihrer davon abweichenden Reaktion?

„I have a story to tell” von Soraya Nulliah

SORAYA: Es wäre sehr schwierig, die Gewalt zu beschreiben, die ich in meiner ursprünglichen „Familie” erlebt habe. Nicht nur die körperlichen, auch die konstanten Angriffe auf meinen Verstand, mein Herz und meinen Geist. Es ließ mich zerschmettert, gebrochen zurück und bürdete mir die schwere Last der Scham auf, die nicht meine war. Sehr früh gelobte ich mir SELBST feierlich, wenn ich irgendwann in der Lage wäre, würde ich mein Leben nicht so leben.

Meine „Mutter“ ist eine Frau mit einer gebrochenen Psyche… schwach und heuchlerisch. Schon früh entschied ich mich ganz bewusst, nie so zu werden wie sie. Da ich keine Mentoren oder Vorbilder hatte, suchte ich diese aktiv außerhalb meiner Familie und Gesellschaft. Bald schon stieß ich auf Frauen wie Dr. Clarissa Pinkola Estes, Audre Lorde, Alice Walker und Toni Morrison. Ihre Bücher zeigten mir einen anderen, mutigeren Weg und eine andere Art zu leben.

Rita: Ihre Ausstellung hatte anfänglich mit enormem Widerstand sowohl von der indischen Einwanderergemeinde als auch von den westlichen Pendants zu kämpfen. Können Sie darüber etwas erzählen?

„Seeker of the brave” von Soraya Nulliah

SORAYA: Die Reaktion der indischen Gesellschaft war völlige und äußerste Ablehnung!!  Ich war auf diese Reaktion irgendwie gefasst, dennoch war ich schockiert über ihre Intensität und ihren Umfang. Zwei Vorkommnisse fallen mir nach all der Zeit immer noch ein. Einige ältere indische Frauen aus dem „feministischen“ Umfeld in Kanada, die während des Zuhörens die ganze Situation verächtlich abstritten. Manche von ihnen hatten mehrere Doktortitel im Bereich der Frauenforschung. Und da war diese sehr gebildete Frau, die einem indisch-kanadische Frauenverband vorstand. Als ich sie um Unterstützung bat, wurde sie sehr ärgerlich und sagte, dass sie zwar mit mir übereinstimme, dies aber nicht öffentlich tun werde und dass sie die Mitteilung über meine Kunstausstellung nicht unterstützen werde!!

Der zweite Vorfall betraf einen „Journalisten” der Wildrose Times of Alberta (eine indisch-kanadische Zeitung). Er interviewte mich über zwei Stunden lang. Ich sprach über weibliche Kindstötungen, Mitgiftmorde, Witwenverbrennungen, geschlechtsselektive Abtreibungen etc. Ich gab ihm Fakten und Statistiken. Als dann der Artikel publiziert wurde, hatte er absolut keinen Bezug zu dem, was ich gesagt hatte!!  Stattdessen schrieb er einen nichts sagenden Artikel, der kaum bis gar nicht auf Tatsachen basierte. 

Rita:  Ich verstehe, warum die indische Gesellschaft so reagieren kann, aber wie kommt es zu der Abwehr in der westlichen Reaktion?

„Art heals” von Soraya Nulliah

SORAYA: Einige der westlichen Medien, wie die Edmonton Sun newspaper und Shaw T.V, behandelten meine Ausstellung sehr ausführlich und berichteten leidenschaftlich über die Aspekte, die ich angesprochen hatte. Aber hinsichtlich der allgemeinen westlichen Reaktion, waren mehrere Faktoren im Spiel.

1. Indische Menschen im Westen sprechen nicht über die Gewalt in ihrer Familie und Gesellschaft, nicht einmal Feministinnen und Studentinnen.  Da existiert eine tief verwurzelte Verleugnung. Vermutlich sind sich deshalb die meisten Menschen im Westen dieser Fakten nicht einmal bewusst!!

2. Ich denke außerdem, dass westliche Feministinnen das Problem nicht wirklich erfassen, weil der weibliche Genozid Indiens subversiv und unsichtbar ist, eingehüllt in die irrsinnigste Verleugnung überhaupt. Ich denke, es ist fast unmöglich, die Zahlen, die Unmenschlichkeit und den Irrsinn des Ganzen zu erfassen. Diejenigen aus dem Westen, die dies wissen, hoffen wahrscheinlich auf einen magischen Weg, dies zu beenden, weil es zu beängstigend wäre, die Realität zu akzeptieren.

3. Ich glaube, es spielen auch Rassismus und Kolonialismus eine Rolle, wenn man die Gewalt gegen Frauen in anderen Kulturen betrachtet. Die westliche Ansicht über den weiblichen Genozid in Indien ist, dass es sich hierbei um eine kulturelle Angelegenheit handelt und nicht um Menschenrechte. Irgendwie sind wir uns alle einig, dass es in Auschwitz und Rwanda um Verletzungen der Menschenrechte ging. Aber wenn Völkermord geschlechtsbedingt ist, scheinen die Menschen anders darüber zu denken. Dies weist darauf hin, dass gleichgültig was wir im Westen behaupten, weibliches Leben einfach nicht so viel wert ist wie Männliches. Und wenn dieses weibliche Leben nicht weiß ist, dann hat es möglicherweise noch weniger Wert – so verbindet sich Frauenfeindlichkeit mit Rassismus.

Rita: Auf einigen Ihrer Bilder halten die Frauen den Blick gesenkt, ihre Köpfe sind verschleiert und nach unten geneigt. Auf anderen blicken sie auf, mit offenen Augen, die Köpfe unverhüllt. Gibt es dafür eine Erklärung?

SORAYA: Die geschlossenen Augen und der gesenkte Kopf beziehen sich darauf, wie wir weltweit in indischen Gemeinden die Gewalt, die wir Frauen antun, vollständig verleugnen. Die Frauen mit den offenen und unerschrockenen, manchmal zornigen Augen, drücken aus, wie wir die Gewalt sehen, sie bestätigen, sie infrage stellen und Wege finden müssen, uns SELBST stark zu machen.

Rita: Die meisten Ihrer Bilder zeigen eine einzelne indische Frau. Warum ist das so?

SORAYA: Auf meinen Bildern ist eine einzelne Frau, weil ich mich selbst so sehe. Ich stehe immer alleine, am Rand von Kulturen und Gesellschaften; nirgendwo vollständig dazugehörig.

Rita: Glauben Sie, dass weiblichen Künstlern und auch Schriftstellern mit einer gewissen öffentlichen Ablehnung begegnet wird, wenn sie den Zorn auf die Gewalt an Frauen in ihrer kreativen Arbeit offen ausdrücken?

SORAYA: Ja, das empfinde ich kulturübergreifend so. Frauen werden generell nicht darin unterstützt, ihre Wut auszudrücken. Vor allem nicht von anderen Frauen!!

Rita: Wie war es, in Südafrika unter einem Apartheidsregime aufzuwachen? War Ihnen bewusst, was Apartheid für Ihr Leben bedeutete? Haben Sie in irgendeiner Form Auswirkungen der Apartheid auf Ihr Leben als indisches Mädchen gespürt?

„Sister Outsider Lorde“ by Soraya Nulliah

SORAYA: Ich denke, ich habe die Auswirkungen der Apartheid auf mein Leben nicht wirklich verstanden, bis wir nach Kanada auswanderten.  Damals war ich 12. Ich kannte nichts anderes, deshalb schien es mir „normal“. Unter der Apartheidsregierung waren viele der Wahlmöglichkeiten, die wir für selbstverständlich erachten, nicht gegeben. Wir konnten nur in bestimmten Bezirken wohnen und spezielle Schulen besuchen. Nicht-Weiße durften nicht wählen, keine öffentlichen Ämter bekleiden, es gab sogar Bezirke in Südafrika, in die wir nicht reisen durften. Eines der größten Übel der Apartheid (und davon gab es einige) waren die Mauern, die rund um unseren Verstand und unsere Herzen hochgezogen wurden; es wurde uns vorgeschrieben, wen wir lieben oder heiraten konnten und mit wem wir befreundet sein durften. Wir hatten keinen freien Zugang zu Wissen und Büchern. Wir konnten nicht einmal über Nelson Mandela, die ANC oder irgend eine Art Politik diskutieren. Erst ab den Wahrheits- und Versöhnungsverhandlungen, da war ich Mitte Zwanzig, begann ich zu erfassen,  was es bedeutet, unter einem Naziregime aufzuwachsen.

Rita: Wie hat Ihre Kindheit unter dem Apartheitsregime Ihre Ansichten bezüglich Rasse und Volk beeinflusst?

SORAYA: Unter dem Apartheidsregime wurde man über seine Rasse definiert – in jedem Sinn dieses Wortes. Sie war in jedes offizielle Dokument gestempelt und dadurch war man in seinen Lebensentscheidungen stark eingeschränkt. Man hat nicht mehr die Person gesehen – nur noch ihre Rasse. Die einzige Person, die sich für mich aus meiner Kindheit hervorhebt, war eine afrikanische Frau, die unsere Nanny war, die mich ehrlich liebte, mich hegte und pflegte. Ich liebte sie sehr und sah in unserer Beziehung weder ihre Rasse noch ihre „Andersartigkeit“. Sie bemutterte mich vom dem Moment an, als ich geboren wurde, solange bis wir Südafrika verließen. Es war die einzige wirklich nährende Beziehung meiner Kindheit – vielleicht sogar meines ganzen Lebens.  Auch in indischen Gemeinden gibt es offenen Rassismus. Ich bin mir nicht sicher, ob er vom Kastensystem herrührt. Aber da gibt es all diese Unterteilungen. Und Hautfarbe ist auch für Inder ein Thema, die können die rassistischsten Kommentare über dunklere Haut abgeben.

Rita: Und welchen Einfluss hatte die Apartheid auf Ihre Ansichten zum weiblichen Genderzid in Indien?

SORAYA: Unter einem Apartheidsregime aufzuwachsen, erweckte in mir einen starken Wunsch danach, die Wahrheit auszusprechen und für Gerechtigkeit aufzustehen. Ich sehe keine meiner persönlichen Freiheiten in einer Demokratie als selbstverständlich an. So ist es nicht nur ein Recht, sondern auch eine Pflicht, die Wahrheit auszusprechen. In der Apartheid zu leben, lehrte mich, dass das „Persönliche“ politisch ist.

Rita: Sie haben Indien besucht. Was sind einige Ihre einprägsamsten Erinnerungen? Wozu hatten Sie einen Bezug und bei was fühlten Sie sich total fremd und unbehaglich?

„Shakti Music” von Soraya Nulliah

SORAYA: Als ich 30 wurde, reiste ich 4 Monate alleine durch Indien. Das war in vielerlei Hinsicht ein Wendepunkt für mich, weil es mich zurück zu meinem wahren SELBST brachte.  Manche der Dinge, zu denen ich ganz einfach einen Bezug bekam, waren Gebräuche, wie z.B. mit meinen Fingern von einem Bananenblatt zu essen, Tempel zu besuchen und überall lautstark indische Musik zu hören. Diese Dinge mögen oberflächlich scheinen, sind aber tatsächlich davon entfernt. Sie haben mich mit den Erinnerungen an meine früheste Kindheit und an meine Vorfahren in Verbindung gebracht.

Was mir merkwürdig vorkam, war der Mangel an Frauen in der Öffentlichkeit. Wohin ich auch ging, Frauen wurden versteckt und nahmen nicht am öffentlichen Leben teil. Und ich war entsetzt, über die Art wie manche Männer in der Öffentlichkeit zu mir kamen und mich begrapschten!! Dies schien aufgrund der Tatsache, dass ich alleine in der Öffentlichkeit war, ein akzeptiertes Verhalten zu sein, obwohl ich mich immer sehr konservativ mit indischen Gewändern kleidete.

Rita: Wie haben die unterschiedlichen Kulturen und Länder, in denen Sie gelebt haben, Sie darin beeinflusst, das Individuum zu werden, das Sie heute sind?

„Truth-Teller” von Soraya Nulliah

SORAYA:   Meine Identität war unzähligen Einflüssen unterworfen – Indien, Südafrika und Kanada. Sie sind wie Fäden, die zusammen einen reichverzierten und kunterbunten Webteppich formen. Wenn ich barfuß in einem Ashram sitze, fühle ich mich genauso wohl, wie wenn ich an einem Umzug für Schwulenrechte teilnehme.

Aber ich bin auch in jeder dieser Kulturen eine „Außenseiterin“, keiner von ihnen vollständig angepasst. Es war manches Mal eine schmerzhafte und einsame Erfahrung, eine „Außenseiterin“ zu sein. Auf der anderen Seite hat es mir aber auch einige wertvolle Dinge mit auf den Weg gegeben. Wie z.B.:

  1. Es gibt keine Straße, der gefolgt werden muss, deshalb habe ich die Freiheit, meinen eigenen Weg zu machen.
  2. Ich kann meinem SELBST treu sein, weil ich nicht nach der Bestätigung suche, irgendwo hineinzupassen.
  3. Es steht mir frei, von jeder Tradition anzunehmen, was mir gefällt und abzulehnen, was ich nicht will. Diese Freiheit gibt mir ungeheure Kraft, mein eigenes Lebensmodel zu gestalten.
  4. Ich kann gefährlich sein! Ich kann meine Meinung kund tun und die Wahrheit sagen.
  5. Ich kann einen einzigartigen Beitrag zur Welt leisten, weil ich gezwungen bin, quer zu denken.

Rita: Was hat es für Sie bedeutet, Ihre Tochter Tara aufzuziehen, insbesondere im Zusammenhang mit den anderen Dingen, über die Sie im Interview gesprochen haben?

SORAYA: Die Erfahrung der Mutterschaft war eine sehr mächtige, die mich nachhaltig verändert hat. Ich neige dazu, ziemlich besorgt zu sein, weil Mädchen in vielerlei Hinsicht verwundbarer sind als Jungen: Kindesmissbrauch und -entführung, mangelndes Selbstwertgefühl, schlechtere Zensuren und weniger Interesse an Mathematik und Wissenschaften in einem bestimmten Alter usw. Aber dass ich eine Tochter habe, gibt mir auch die Möglichkeit, eine starke und kraftvolle Frau heranzuziehen. Ich weiß, dass sie alleine dadurch, dass sie mich genau beobachtet und mir nacheifert, lernt eine Frau zu sein. Das macht mir Mut und inspiriert mich, stärker zu sein.

Rita: Erleben Sie Ihre Kindheit durch sie noch einmal? Spiegelt sich das in der Art wieder, wie Sie Ihre Tochter erziehen?

Soraya mit Tara

SORAYA: Ganz sicher erlebe ich durch sie meine Kindheit noch einmal und zwar sowohl im positiven als auch im negativen Sinn. Einerseits macht es mir besonders bewusst, wie missbräuchlich und mangelhaft meine Kindheit wirklich war. Erinnerungen und Misshandlungen, die ich in den hintersten Winkel meines SELBST verbannt hatte, kommen schichtweise zum Vorschein. Und es verstärkt sich das Gefühl eines Mangels an Fürsorge und Bindung, den ich durch meine biologische „Mutter“ erfahren hatte. Auf der anderen Seite hat es für mich etwas Gutes, weil ich die positiven Aspekte des Kindseins nie erfahren durfte: Im Herzen bin ich ein echtes Kind und ich liebe es, mit Tara magische und wundersame Welten zu erschaffen.

Rita: Was werden Sie ihr erzählen, wenn sie groß wird?`Was sind die Dinge, die alle Mütter ihren Töchtern erzählen oder für sie tun sollten?

Tara – eine kleine Erdenbürgerin

SORAYA: Ich werde Tara von meiner Reise erzählen, wenn sie älter ist. Mein Mann Tim und ich wollen Tara zu einer starken und unabhängigen Frau erziehen, mit einem guten SELBSTbewusstsein und dem Verständnis ihrer Wurzeln in beiden Kulturen, der indischen und der afro-amerikanischen. Wir wollen, dass sie weiß, dass sie bedingungslos geliebt wird. Sie wird ihre eigenen Fehler machen und auch wenn ich dazu neige, sie zu beschützen, weiß ich doch, dass das der Weg zu Individualisierung und Stärke ist.

Ich denke, es ist egal, was Mütter ihren Töchtern über Gewalt erzählen, wenn sie diese tolerieren, verleugnen und als Entschuldigung für ihr eigenes Leben benutzen. Kinder achten mehr auf unsere Taten als auf unsere Worte. Anstatt die Unantastbarkeit der Ehe um jeden Preis aufrecht zu erhalten, sollte es unser Ziel sein, eine sichere und nährende Umgebung für uns selbst und für unsere Kinder zu schaffen.

Ich denke ferner, dass es wichtig ist, dass Frauen ein Leben außer dem als Mutter und Ehefrau haben sollten. Ich denke, es ist unerlässlich, dass wir unser Selbstwertgefühl und unser Selbstverständnis aufbauen. Dies wiederum wird sich auf unsere Familien im Allgemeinen und auf unsere Töchter im Speziellen übertragen. Und auch wenn ich gerne glauben würde, dass Bildung etwas daran ändert, wie Frauen auf Gewalt reagieren, denke ich nicht, dass dem so ist. Weil ich glaube, das eigentliche Problem rührt daher, dass man von seinem SELBST getrennt ist.

Rita: Ihre Arbeit ist sehr wichtig, Soraya.  Die Gewalt an Frauen in Indien, ihr Genderzid, übertrifft jede Gewalt, die einer anderen menschlichen Gruppe jemals angetan wurde. Und Sie als Künstlerin, als Mensch und Mitglied dieser Gruppe, sind der lebende Beweis für diese Gewalt in Ihrem bisherigen Leben. Ihre Kunst ist es, mit der Sie Zeugnis darüber ablegen – für jetzt und für später folgende Generationen. Ihr Zorn ist ein berechtigter Anspruch. Wenn Sie diesen Anspruch ausdrückten und die Welt würde befremdet reagieren, was würden Sie der Welt antworten?

„Claim my Story” von Soraya Nulliah

SORAYA: Wenn mein Zorn (oder meine Angst oder Kraft) die Welt befremdet, sei’s drum! Wichtig ist, dass ich nicht befremdet von mir SELBST bin. Meine Kunst handelt nicht vom Genderzid oder von der Gewalt gegen Frauen, aber ich hoffe, dass sie Zeugnis ablegt über unsere gemeinsame menschliche Erfahrung. Dass man sich an meine Arbeit überhaupt erinnert, darum geht es. Unsere Reisen sind alle gleichermaßen sowohl höchst persönlicher als auch universeller Natur. Wir alle leiden unter Erfahrungen, die uns gebrochen und verletzlich zurücklassen, dennoch sind wir unverwüstlich und zuversichtlich. Die wahre Schönheit liegt darin, dass wir uns auf unserem Weg behaupten.

© „The 50 Million Missing Campaign“. Alle Rechte vorbehalten. Bitte beachten Sie bei Weitergabe unsere Hinweise zum Copyright.

45 Tage nach ihrer Hochzeit wurde sie getötet: Anshus Geschichte

Aus dem englischen Original übersetzt von Matthew Brown

Dies ist die Geschichte der 23-jährigen Anshu Singh, die am 25. Januar 2010 nur 45 Tage nach ihrer Hochzeit von ihrem Ehemann und ihren Schwiegereltern ermordet wurde. Ihre Geschichte ist ein düsteres Zeugnis für die Tatsache, dass Mitgifterpressungen und -morde auch in den wohlhabenden und gebildeten Schichten der indischen Gesellschaft vorkommen. Und unter diesen Verbrechern finden sich auch Polizeibeamte!

Dieser Fall ist noch nicht abgeschlossen und wir sind in Kontakt mit Girendra Singh, Anshus Vater, der die 50 Million Missing Campaign um Unterstützung gebeten hat. Klicken Sie hier um zu unserer flickr-Diskussion und dem Update Forum zu Anshu`s Fall zu gelangen. Wenn Sie möchten, können Sie dort Ihre Kommentare und Vorschläge anbringen.

Da die Familie Singh darauf drängt, dass Anshus Mörder gesucht und bestraft wird, wird sie Opfer verschiedenster Formen von Schikanen. Falls Sie sich in Delhi aufhalten und Herrn Singh in irgend einer Weise bei seinem Fall unterstützen können, wenden Sie sich bitte direkt an ihn oder kontaktieren Sie uns.

Anshu war die mittlere von drei Schwestern. Sie war klug, ehrgeizig und gebildet. Zum Zeitpunkt des Mordes war sie für ein multinationales Unternehmen in Delhi tätig. Sie hatte ihren Mann durch die Arbeit kennengelernt und sie waren bereits drei ​​Jahre miteinander ausgegangen, bevor sie heirateten.

Zunächst gab es einige Einwände seitens der Familie des Mannes, weil sie aus verschiedenen Gemeinden kamen. Aber Anshus Vater sagte: „Wenn die beiden sich lieben, warum sollten wir ihnen im Weg stehen?

Vor der Hochzeit hatte Herr Singh die Familie des Bräutigams darüber informiert, dass er zwar nicht die Absicht habe, ihnen eine Mitgift zu zahlen, er aber seiner Tochter einige Haushaltsgegenstände schenken wolle, so wie er es bei seiner älteren Tochter getan hatte um ihr einen guten Start in die Ehe zu ermöglichen.

Der Familie des Bräutigams war es lieber, dass er ihnen das Geld gab, damit sie die Sachen selbst kaufen konnten. Ihre Einkaufsliste wurde immer länger und so zahlte Herr Singh am Ende ungefähr 350.000 Rupien (knapp 9.000 USD).

Als Herr Singh um Einsicht in die Belege bat, um zu prüfen, dass dafür tatsächlich die angegebenen Dinge gekauft worden waren, konnten sie keine Belege vorzeigen. Es folgten einige Unannehmlichkeiten und Anshu begann, sich in ihrer Ehe unwohl zu fühlen. Herr Singh dachte: „Das Geld spielt keine Rolle. Was viel wichtiger ist, ist dass dies vielleicht nicht der richtige Mann für Anshu ist.“ Doch die Familie des Bräutigams überzeugte Anshu, dass alles ein Missverständnis gewesen sei wäre, und Herr Singh gab den Wünschen seiner Tochter nach.

Fast direkt nach der Hochzeit begannen Anshus Schwiegereltern, wegen der Mitgift Druck auf Herrn Singh auszuüben. Sie verlangten ständig Geld für dieses und jenes und erwarteten von Anshu, dass sie das Geld beschaffen solle. Einmal forderten sie auf einen Schlag 500.000 Rupien (ca. 12500 USD) für die Ausbildung ihres jüngeren Sohnes. Außerdem wollten sie Geld für die Beförderung von Anshus Schwiegervater und dessen Anstellung in einer anderen Region des Landes. Der Schwiegervater ist Polizist und in der neuen Anstellung hätte er mehr verdient. Um aber die Beförderung zu bekommen,  musste er seine Vorgesetzten bestechen. Herr Singh begann zu begreifen, dass es diesen Menschen nur um Geld ging.

Anshu und ihr Mann hatten eine eigene Wohnung gemietet, aber jeden Abend nach der Arbeit mussten sie zu den Schwiegereltern kommen und bei ihnen essen. Abends und an den Wochenenden sollte Anshu dort den Haushalt machen und das Abendessen kochen. Das Paar nutzte seine Wohnung nur zum Übernachten. Es war eine seltsame Vereinbarung,  auf die der Ehemann und die Schwiegereltern bestanden.

Als nach vier Wochen Ehe die Geldforderungen nicht weniger wurden, wollte Anshu ihren Vater nicht länger beunruhigen oder belasten. Deshalb nahm sie ein Darlehen auf um ihre Schwiegereltern zu befriedigen. Sie konnte diesen Kredit aufnehmen, da sie einen guten Job in einem multinationalen Konzern hatte und ihre Schwiegereltern waren sich dessen bewusst.

Ihr Ehemann wurde übergriffig. Zunächst war er verbal ausfallend, aber bald begann er auch, sie regelmäßig zu schlagen. Als Herr Singh das herausfand, war er sehr aufgebracht und wollte, dass seine Tochter ihren Mann verlässt. Er sagt: „Ich sprach mit Anshu. Sie war ein starkes Mädchen und sie versicherte mir, dass sie mit der Situation fertig werden würde.

Am Tag bevor Anshu starb, am 25. Januar 2010 , schrieb sie eine letzte SMS an ihre Schwester: „Shivank (ihr Mann) hat sich nach der Hochzeit völlig verändert. Er ist nicht mehr die Person, die er vorher war. Er ist kein guter Mensch.

Was auch immer an diesem Tag geschah, ist vermutlich entscheidend für das Verständnis der Ursache des Mordes an Anshu. Viele Fragen bleiben unbeantwortet. Welches Ereignis veranlasste sie plötzlich zu der Erkenntnis, dass ihr Mann sich geändert habe? Wenn sie nun überzeugt war, dass er kein „guter Mensch“ sei, hatte sie bereits Pläne gemacht, ihn zu verlassen, und hatte sie ihm das auch gesagt? Wenn sie sich von ihrem Mann hätte scheiden lassen, hätte sie von seiner Familie das erpresste Geld zurückverlangen können. Sicherlich hätte diese den Betrag in Höhe mehrerer tausend Dollars nicht zahlen wollen.

Es wird vermutet, dass Anshu, als sie an jenem schicksalhaften Abend von der Arbeit zurückkam, zuerst in ihre eigene Wohnung ging. Der Schlüssel ihres Mannes war wahrscheinlich an angeheuerte Schläger weitergegeben worden, die sie dort angreifen und töten sollten. Es wird angenommen, dass 2-3 Personen beteiligt waren. Herr Singh sagt, dass die Autopsie-Berichte zeigen, dass Anshu vor ihrem Tod brutal mißhandelt wurde, und dass die Todesursache Asphyxie (Sauerstoffmangel) aufgrund Erhängens war.

Möglicherweise war es die Absicht ihrer Mörder, einen Selbstmord durch Erhängen zu inszenieren. Aber der Ehemann und Schwiegereltern entschieden später am Abend anders. Sie nahmen Anshus Körper ab und legten sie auf das Bett.

Dann riefen sie Herrn Singh an und teilten ihm mit, dass Anshu sich nicht wohl fühle und möglicherweise ohnmächtig geworden war. Herr Singh kam direkt und er sah sofort, dass sie seit geraumer Zeit tot war. Die Singh Familie war schockiert. Ihre Tochter war kaum einen Monat verheiratet! Ein traumatisierter Herr Singh sagt: „Es ging alles so schnell. Sie war erst  45 Tage verheiratet und nun ist sie fort. Wir hätten nie gedacht, dass uns so etwas passieren kann. Anshu war ein junges, fröhliches und modernes Mädchen mit so vielen Träumen. Sie war intelligent und stark. Ich glaube nicht, dass sie je daran gedacht hätte, dass ihr so etwas zustoßen könnte.

Anshus Ehemann befindet sich derzeit in Untersuchungshaft. Ihre Schwiegereltern haben sich abgesetzt. Anshus Schwiegervater war bei der Polizei. Auf sein Drängen hin waren die ermittelnden Polizeibeamten sehr nachlässig bei ihren Untersuchungen. Sie haben nicht einmal den mutmaßlichen Tatort abgesperrt. Durch das Versagen der Polizei beim sichern der Beweise, ist die Angst groß, dass Anshu vor Gericht keine Gerechtigkeit widerfahren wird.

Alle 20 Minuten wird in Indien eine junge, verheiratete Frau wie Anshu von ihrem Ehemann und dessen Familie vorsätzlich kaltblütig ermordet. Diese Art Verbrechen gerät mehr und mehr außer Kontrolle!

Die „50 Million Missing Campaign“ will sicherstellen, dass Anshus Geschichte in unseren Herzen und Köpfen lebendig bleibt, dass der Gerechtigkeit Genüge getan wird und Anshu nicht ein weiteres namenloses Opfer in einer langen Reihe tausender junger indischen Frauen ist, die ähnlich gestorben sind wie sie. Wir werden in regelmäßigen Abständen den Link zu diesem Artikel öffentlich machen und bitten Sie, dasselbe zu tun. Bitte helfen Sie, Anshus Geschichte lebendig zu halten.

Der 50MM hat außerdem eine WAR ON DOWRY (Kampf der Mitgift) Bewegung auf Facebook gestartet. Lassen Sie uns gemeinsam kämpfen!

© Die Kampagne „50 Million Missing“ (50 Millionen verschwunden). Alle Rechte vorbehalten. Bitte beachten Sie bei Weitergabe unsere Hinweise zum Copyright.

ZUM ÜBERSETZER

Matthew Brown wurde in der Nähe von Chicago geboren und wuchs an den Stränden von Los Angeles auf. Er begann seine Weltreisen mit einer Punk-Rock-Band und entwickelte auf diesen Reisen seinen Geschmack für multikulturelle Kunst, Medien und Literatur. Nach seinem erfolgreichen Abschluss an der California State University Long Beach setzte er sein Engagement für Kunst und Literatur fort und unterstützte die Gründer der Bilingual Foundation of the Arts und des Carmen Zapata Theatre. Zur Zeit wohnt er in Coesfeld (Deutschland) und arbeitet freiberuflich als Künstler und Schriftsteller.

Catharine MacKinnon: Der Völkermord an Frauen ist ein Verstoß gegen internationales Menschenrecht

Aus dem englischen Original übersetzt von Andrea Wlazik

Wenn es um das internationale  Verbrechen des Völkermords geht, wird die geschlechtsspezifische Vernichtung der Frauen weitestgehend ignoriert. Kein internationales Strafgesetz erkennt das an, was Diana Russell “Femizid” nennt — die Vernichtung von Frauen als Gruppe oder als Mitglieder einer Gruppe…

[Wie auch immer…] Genozid (Völkermord) ist schlimmer als Krieg.  Er kann in einer Zivilgesellschaft unter Zivilisten, abseits jeglicher bewaffneter Auseinandersetzung stattfinden (und tut dies auch). Sein spezifischer Zweck ist es, die Existenz eines Menschen zu beenden. Er ist eine gewalttätige Form der Diskriminierung. 

Er ist eine durch systematische Gewalt verursachte extreme Ungleichheit. 

[Weil jedoch]…diese Misshandlungen durch Vertraute [z.B. in einer Beziehung – Eltern, Ehemann, Verwandte] zugefügt werden…werden sie nicht als Menschenrechtsverletzung wahrgenommen.

Die Welt muss erkennen, dass Gewalt gegen Frauen Menschenrechte verletzt [und dass] wenn die Welt darüber (über Genozid) sagt „Nie wieder!“ – nicht im Krieg, nicht im Frieden – sie es dieses Mal auch so meint. Wird das Wort „Frau“ letztlich wie das Wort „Jude“ eine Bedeutung bekommen, die für tatsächliche Misshandlung steht, die nie vergessen werden kann…, …zu einem Überbegriff für das, was keinem menschlichen Wesen angetan werden darf?

Catharine MacKinnon ist amerikanische Rechtsanwältin, weltweit bekannte Frauenrechtsaktivistin und Professorin der Rechtswissenschaften. Ihr bahnbrechendes Buch von 1979 „Sexual Harassment of Working Women“ (Sexuelle Belästigung von berufstätigen Frauen), das sexuelle Belästigung als Diskriminierung gemäß § VII des United States Civil Rights Act von 1964 definiert, bildete später die Basis der US-Rechtssprechung gegen sexuelle Belästigung. Sie hat zur Bildung des schwedischen Modells zum Umgang mit dem Thema Prostitution beigetragen. Außerdem ist sie Sonderberaterin für Gleichbehandlungsfragen der Staatsanwaltschaft des International Criminal Court in Den Haag. Der obenstehende Text ist ein Auszug aus ihrem Buch „ Are Women Human?“ (Sind Frauen Menschen?).

ZUM ÜBERSETZER
Andrea Wlazik ist gelernte Fremdsprachenkorrespondentin. Sie arbeitet als freiberufliche Texterin und Übersetzerin und koordiniert den deutschen Blog der Kampagne „50 Million Missing“ (50 Millionen verschwunden). Sie ist außerdem Initiatorin der von der Kampagne unabhängigen deutschen Facebook-Gruppe Femizid in Indien“.

Indiens #Kindsbräute

Von Rita Banerji

Aus dem englischen Original übersetzt von Bhupinder Punia

Foto: Sumita Roy©. Alle Rechte vorbehalten.


Sumita Roy machte nebenstehendes Foto von dieser kleinen Braut, einem Kind, wahrscheinlich nicht älter als 10-12 Jahre alt, in Uttarkashi. Ironischerweise war Sumita mit ihrem Ehemann dort auf ihrer eigenen Hochzeitsreise. Während des Mittagsessens in einem kleinen Hotel kam die Hochzeitsgesellschaft rein.

Sumita sagt: „Es war keine Freude im Gesicht des kleinen Mädchens, wie man es bei frisch verheiraten Frauen erwarten würde. Stattdessen sah sie traurig, vielleicht sogar erschrocken aus. Es war, als dächte sie „Was kommt als Nächstes? Eine große Frage an die Welt, mit der sie jetzt würde umgehen müssen, unwissend und ohne eine Ahnung vom Leben.

1/3 aller „Kindsbräute“ der Welt leben in Indien.

Trotz der Tatsache, dass dies illegal ist, gibt es mindestens 25 Millionen „Kindsbräute“ in Indien. Laut einem UNICEF Bericht aus dem Mehr von diesem Beitrag lesen

Wenn #Mütter ihre Töchter #töten

Aus dem englischen Original übersetzt von Melanie Beaven

Dieses Foto zeigt eine Frau mit ihren zweieiigen Zwillingen – einem Jungen und einem Mädchen.

Wenn man sich die Babys auf diesem Foto anschaut, ist unschwer zu erkennen, welches der beiden das Mädchen ist. Es ist das Baby auf der rechten Seite, zum Skelett abgemagert und nur halb so groß wie ihr Bruder. Sie starb einen Tag nachdem dieses Foto aufgenommen wurde.

Die Mutter hatte auf Anraten ihrer Familie entschieden, nur den Jungen zu stillen, nicht aber das Mädchen. Achten Sie darauf, wie zärtlich sie den Kopf des Jungen hält. Das Mädchen wird nicht gehalten. Nicht einmal die Flasche wird festgehalten! Die Körpersprache der Mutter Mehr von diesem Beitrag lesen

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