Chetan Bhagat: #Indiens Politikern sind #weibliche #Wählerstimmen ziemlich egal

 

Aus dem englischen Original von Chetan Bhagat
übersetzt von Melanie Beaven

Warum ist es unwahrscheinlich, dass die Verwirklichung der Frauengleichberechtigung [in Indien] von der Politik ausgehen wird? … Nun, [weil] nur diejenigen [Regierungs-] Schritte in Richtung Gleichberechtigung der Frau eine Chance haben, realisiert zu werden, die nicht zu einem Konflikt mit Männern führen… …Schritte, die sich nicht auf den großartigen indischen Mann auswirken. 

Voting for Delhi Assembly [Auch] wenn man Frauen ausbilden kann, wie kann man sicherstellen, dass Arbeitgeber keinerlei Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen Bewerbern machen? Es ist vielleicht möglich, einen weiblichen Fötus vor der Abtreibung zu retten, aber wie kann man dafür sorgen, dass dieses Kind später genauso gut aufgezogen wird wie ein männliches Kind? Es gibt womöglich Polizisten, die einen Sexualtäter festnehmen können, aber wie kann man Gruppen von Männern daran hindern, Frauen in Bussen anzüglich anzugrinsen und ihnen die Fahrt unerträglich zu machen? Wie erklärt man Männern, dass eine Frau das Recht hat, attraktive Kleidung zu tragen, oder vielleicht sogar sexy auszusehen, ohne dass ihr unterstellt wird „es“ zu wollen? Dies sind unbequeme Fragen und die Antwort liegt in der Veränderung des Verhaltens und der Einstellung von Männern.

Indische Männer müssen lernen, dass das Land [auch] den Frauen gehört. Sie werden akzeptieren müssen, dass es für sie eventuell weniger Karrierechancen geben wird, weil Frauen einige von diesen für sich in Anspruch nehmen werden… Männer müssen lernen, mit einem gewissen Gefühl der Machtlosigkeit zu leben, wenn sie von einer Frau abgelehnt werden [anderenfalls handelt es sich um Stalking und sexuelle Belästigung!]. Bis all dies geschieht, werden Frauen nicht gleichgestellt sein. Leider wird sich kein Politiker der Männer annehmen, um dies in die Realität umzusetzen. Politiker wollen den „Aam admi“, den indischen Durchschnittsmann, für sich gewinnen [und nicht die „Aam aurat“ – die indische Durchschnittsfrau!]. 

Daher, meine Damen, verlassen Sie sich bitte nicht auf Politiker, wenn es darum geht, Dinge für Sie zu verändern… Wenn es Ihnen ernst ist mit Ihrer Gleichberechtigung, müssen Sie selbst aktiv werden.  Frauen müssen einige der oben angeführten Sachen selbst umsetzen und Männer dazu bringen, sich zu ändern – jweils einen zur Zeit. Setzen Sie sich durch, geben Sie nicht nach und seien Sie nicht zu eifrig damit, Männer zufrieden zu stellen. Wenn Sie Ungleichheit akzeptieren, schaden Sie den Frauen im Allgemeinen – und somit der Hälfte der Nation.

Dies ist ein bearbeiteter Auszug aus Chetan Bhagats Essay „Das neue Wählerpotenzial für der Politiker: Die Durchschnittsfrau“. Sie können das gesamte Essay (auf Englisch) hier lesen. 

ZUM AUTOR

chetan-bhagatChetan Bhagat ist Schriftsteller und Kolumnist.
Seine Website finden Sie unter www.chetanbhagat.com.
Er twittert unter @chetan_bhagat.
 
 
 
 

ZUR ÜBERSETZERIN

Melanie Beaven wurde in Hamburg geboren und lebt seit 2004 in England. Sie hat verschiedene Übersetzungstätigkeiten ausgeführt, unter anderem auch Texte über das babylonische Justizsystem. Sie ist Diakonin in der Methodistischen Kirche in Großbritannien; ihre Interessensschwerpunkte sind Feministische Theologie und der interreligiöse Dialog.

Indira Jaising: Was hindert indische Gerichte daran, Frauen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen?

indira jaisinghvon Indira Jaising
(Indiens stellvertretender Oberstaatsanwältin)

Hiermit protestiere ich aufs Heftigste gegen die Kommentare des Richters [Kirubakaran], mit denen er ausgedrückt hat, dass Frauen für die Verbrechen, die ihnen angetan wurden, selbst verantwortlich sind. Die logische Schlussfolgerung wäre, dass Frauen, um zu vermeiden, vergewaltigt zu werden, besser zu Hause blieben.

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Wenn Scheidung für eine #indische #Frau Freiheit statt Schande bedeutet

 

arth posterVon Mallika Sharma
Aus dem englischen
Original übersetzt von Jacqueline Knorr

„Arth“ heißt „Bedeutung“ und der Film, der sich um das Leben des Ehepaares Inder und Pooja dreht, versucht, die Bedeutung ihrer Ehe im Zusammenhang mit ihren individuellen Bedürfnissen und Persönlichkeiten zu untersuchen. Dieser Film aus dem Jahr 1982 von Regisseur Mahesh Bhatt ist wahscheinlich einer der wenigen indischen Filme, der einen solchen introspektiven Einblick in die Ehe und die Individuen, aus der sie besteht, wagt. Ich denke, es ist eines der besten Werke von Bhatt.

Der sich stetig abmühende Filmemacher Inder hat eine außereheliche Affäre mit der etablierten Schauspielerin Kavita. Inders Frau Pooja ist Hausfrau. Ein kleines Haus zu besitzen ist alles, was sie für ihren Mann und sich möchte. Sie bedrängt Inder, eine Möglichkeit zu finden, um aus der Mietwohnung ausziehen zu können. Die an Schizophrenie leidende Kavita ist launisch und unsicher und extrem besitzergreifend gegenüber Inder. Mit Kavitas Hilfe schafft es Inder, ein Haus für Pooja zu kaufen. Als Gegenleistung verspricht er Kavita, sich bald von seiner Frau scheiden zu lassen.Pooja jedoch wurde glaubhaft gemacht, dass Inder einen großen Filmauftrag an Land gezogen und mit dem Vorschuss das Haus anbezahlt habe. Sie ist überglücklich und begeistert und beginnt eifrig, ihr neues Zuhause einzurichten. Nachdem ihr Traum nach 7 langen Jahren wahr wird, hat sie endlich das Gefühl, angekommen zu sein und dass jetzt alles gut wird. Aber ihre Freude ist nur von kurzer Dauer, denn sie findet bald heraus, das Inder eine Affäre mit Kavita hat.

mass weddingPooja fleht Inder an, Kavita zu vergessen und verspricht ihm einen Neuanfang. Allerdings steckt Inder inzwischen knietief in einer Beziehung mit Kavita. Er schaltet für Poojas ergreifendes Flehen auf taube Ohren und läßt sie im Stich. Zum Abschied erteilt er ihr die Erlaubnis, im neuen Haus bleiben zu dürfen. Pooja verbringt einige Tage in Unglauben und Selbstverleugnung und kämpft hart, um sich mit der schmerzhaften Realität abzufinden. Nachdem sie die meiste Zeit ihres Lebens als Inders Schatten gelebt hat, kann sie sich nicht vorstellen, ohne seine Unterstützung zu leben. Schließlich reißt sie sich zusammen und zieht aus dem Haus aus. Von da an beginnt sie ihre Reise als eine unabhängige Frau, welches der Höhepunkt des Films ist.

Pooja findet einen Job und eine Unterkunft für sich und ist zum ersten Mal mit der „großen, bösen Welt“ konfrontiert. Irgendwann schafft sie es, Fuß zu fassen und lernt einen tollen Typen namens ‚Raj‘ kennen. Raj hilft Pooja mit seiner optimistischen Art und seinem heiteren Gemüt, sich langsam von den Leiden ihrer Ehe zu erholen. Gerade als Pooja in Bezug auf ihre Arbeit und ihre neu gewonnene Freundschaft mit Raj auf einem neuen Höhepunkt ihres Lebens ist, steht Inder mit den Scheidungspapieren vor der Türe. Dieser letzte Stoß befreit Pooja weiter und hilft ihr in ihrer neu gewonnenen Selbstständigkeit anzukommen. Schließlich wird Inder von Kavita verlassen. Hilflos und reuemütig geht er zu Pooja zurück und bittet um Vergebung. Pooja ist nicht mehr verbittert und sie braucht Inder nicht mehr. Was folgt, ist die wunderschöne und beispielhafte Darstellung von Würde, Überzeugung und mentaler Stärke einer Frau.

Indian-women-Bharat-India-Wallpaper- ProudPoojas erfolglose Ehe wird zum Sprungbrett für die Realisierung ihres „Selbst“. Sie nimmt ihre erschütternde Erfahrung als positiven Schritt und findet schließlich ihre eigene Identität. Sie lehnt den Heiratsantrag des sehr willigen Raj ab und überwindet damit alle Schranken weiblicher Machtlosigkeit.

Im Indien der 80er Jahre war Scheidung immer noch ein Tabu und wurde herablassend betrachtet. Unter dem sozialen Druck der Gesellschaft, ihre Ehe und die sogenannte „Familienehre“ intakt zu halten, mußten Frauen Belästigungen, Gewalt, Demütigung und vieles mehr ertragen. Viele Frauen hatten so wie Pooja untreue Ehemänner und blieben trotzdem in ihren Ehen, weil sie finanziell von ihren Ehemännern abhängig waren.

Sicherlich zerstört dieser bahnbrechende Film das Bild, dass eine Scheidung mit Schmach verbunden ist und ermutigt jede indische Frau, ihre Individualität zu schätzen und sie sich zu bewahren. Er legt auch die die Bedeutung der Eigenständigkeit von Frauen dar und macht ihnen Mut, auf eigenen Füßen zu stehen, so dass sie größere Wahl- und Handlungsfreiheit haben. Dieser Film ermutigt hoffentlich jede Pooja, mit ähnlichen Vorurteilen und Stereotypen zu brechen und die wahre „arth“ (Bedeutung) des Lebens zu entdecken, ohne jemals Gefühl zu haben, die Unterstützung eines Mannes zu benötigen.

© „The 50 Million Missing Campaign“. Alle Rechte vorbehalten. Bitte beachten Sie bei Weitergabe unsere Hinweise zum Copyright.

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Mallika Sharma hat einen Abschluss im Bereich Finanzen und Investitionen von der Universität Edinburgh in Schottland. Derzeit leitet sie das von ihrer Familie geführte Exportunternehmen. Sie ist begeisterte Reisende und unersättliche Leserin. Sie spielt Tennis und lernt Klavierspielen. Sie mag es, über viele Fragen aus einer geschlechtsspezifischen Perspektive zu schreiben. Sie blogt auf http://mallikasharma3489.blogspot.in/

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Jacqueline Knorr ist vor 9 Jahen von Berlin in die Karibik ausgewandert und ist heute eine freischaffende Stewardess auf privaten Jachten in der Karibik und in Europa. Momentan ist sie unter anderem damit beschäftigt, ein schwimmendes Gästehaus auf St. Maarten zu bauen, um mit einem Teil des Profits das lokale Tierheim und andere Wohltätigkeitsorganisationen zu unterstützen.

Wenn Indiens Oberster Gerichtshof entscheidet, dass vorehelicher #Sex für #Frauen unmoralisch ist

Aus dem englischen Original übersetzt von Tina Sternberg

virginitytest

Jungfräulichkeitstests sind eine Beleidigung für die Würde der Frau

Eine 2013 durchgeführte Studie der India Today Group und dem Marktforschungsinstitut MDRA zu den sexuellen Gepflogenheiten und der sexuellen Einstellung von Männern und Frauen in Indien hat Erstaunliches zutage gefördert. Sie offenbart, dass trotz der zunehmenden Verbreitung vorehelichen Geschlechtsverkehrs unter Männern und Frauen, 77% der Männer angeben, sie würden keine Frau heiraten, die keine Jungfrau mehr ist! Vor Massenhochzeiten, die die Regierung für arme Familien organisiert, werden die Bräute gezwungen, sich durch einen Jungfräulichkeitstest zu qualifizieren!

Im Januar 2014 hat der Oberste Gerichtshof in Neu-Delhi verfügt, dass eine erwachsene Frau, die vorehelichen Sex hat, …dies auf eigenes Risiko  tut … [und]  sie verstehen muss, dass sie sich einem Akt hingibt, der nicht nur unmoralisch ist, sondern auch gegen die Lehre jeder Religion verstößt.

In einem Artikel mit dem Titel „Braut und Vorurteil“ im Magazin India Today untersucht Rita Banerji, warum indische Männer so grundkonservativ bleiben, selbst innerhalb gebildeter Kreise. Außerdem führt sie aus, warum die Fixierung auf die Jungfräulichkeit der Frau als grundlegende Wahrnehmung der weiblichen Sexualität auch ein Grund für andere Formen sexueller Einschränkungen und Gewalttätigkeiten ist, die sich in Indien gegen Frauen richten.

Den vollständigen englischsprachigen Artikel können Sie hier nachlesen: http://indiatoday.intoday.in/story/india-today-group-mdra-2013-sex-survey-virginity-sexuality-marriage/1/328135.html (Die deutsche Übersetzung finden Sie hier: http://wp.me/p3pTPS-nu)



ZUR AUTORIN

Rita Banerji ist Autorin, Frauenrechtsaktivistin und Begründerin von “The 50 Million Missing”, einer Kampagne zur Beendung des Völkermords am weiblichen Geschlecht in Indien. Ihr Buch „Sex and Power: Defining History Shaping Societies“ ist ein historischer und gesellschaftlicher Blick darauf, wie die Beziehung von Geschlecht und Macht in Indien zum anhaltenden weiblichen Genderzid führte. Ihre Webseite ist zu finden unter www.ritabanerji.com. Sie bloggt auf Revolutions in my Space und twittert auf @Rita_Banerji.

 

ZUR ÜBERSETZERIN

Tina Sternberg hat nach ihrem Studium der Literatur und Medien acht Monate in Indien gelebt. Die oft brutalen Widersprüche zwischen zukunftsorientierter Zivilisation und altertümlicher Kultur gehen ihr seither nicht mehr aus dem Kopf.

Ein Leben in #Angst – Normalität für #Frauen in #Indien ?

Aus dem englischen Original übersetzt von Andrea Wlazik

Eine Frage, die häufig an unsere Kampagne herangetragen wird, ist: Gewalt gegen Frauen gibt es in allen Gesellschaften. Warum also sollen wir unser Augenmerk ausgerechnet auf Indien richten?

Wir möchten Ihnen hier Frauen aus den Großstädten Indiens vorstellen, die über die Angst berichten, mit der sie tagtäglich konfrontiert sind. Lesen Sie selbst und fragen sie sich:

Ist das normal? 

Ist das die Art, wie auch gebildete, berufstätige Frauen in London, New York, Singapur, ja selbst in Peking leben? 

Was sagt das aus über die Gewalt, mit der Frauen in Indien leben, die sie tolerieren und vor der sie häufig die Augen verschließen?

Sreemati Mukherjee (Hochschulstudentin):

this world belongs to women tooFrauen, die nach der Abenddämmerung unterwegs sind, sollten Sicherheitsvorkehrungen treffen. Es gibt so viele Vergewaltigungen und Belästigungen. Jeden zweiten Tag ist etwas in den Schlagzeilen. Deshalb regen meine Eltern sich richtig auf, wenn ich nicht wie vereinbart spätestens um 20 Uhr daheim bin. Dann rufen sie mich an, um sich zu vergewissern, dass ich in Sicherheit bin. Um die gegebene Situation zu verändern, hat meine Hochschule sich ein Aufklärungsprogramm zur Sicherheit von Frauen ausgedacht und Dresscodes für Studentinnen verhängt. Wenn wir noch spät in der Schule bleiben müssen, bestehen unsere Lehrer darauf, dass wir in Gruppen nach Hause gehen.

Tanya Choudhuri (Immobilienmaklerin):

Früher kam ich um Acht nach Hause. Aber jetzt muss ich früh zu Hause sein, weil mein Vater… sich große Sorgen macht, wenn es später wird. Die Zeitungen sind voll von Nachrichten über Frauen, die von Motorradgangs belästigt oder von Taxifahrern vergewaltigt werden. Er sagt, es sei auch egal, wenn ich mit fünf Frauen in unserer Fahrgemeinschaft unterwegs bin. Diese Gangs könnten uns ganz leicht überwältigen und die Polizei schaut weg. Es macht keinen Unterschied, dass unser Ministerpräsident eine Frau ist. Bislang war noch kein Politiker Vergewaltigungsopfern gegenüber besonders einfühlsam.

T.S. Ravikant (Führungskraft bei einem multinationalen Unternehmen):

Meine Tochter ist fünf Jahre alt und ich suche verzweifelt nach einem Job im Ausland. Indien ist kein Land für Frauen.

Vidya (Maschinenbaustudentin)

Ich habe es vermieden, mit ihm [dem Fahrer einer Auto-Riksha, der ihr persönliche Fragen stellte] zu reden. Als wir ankamen, sah ich, dass sein Reißverschluss geöffnet war!

Sromona Mukherjee (Studentin):

enough is enoughVon dem Moment an, an dem ich das Haus verlasse, muss ich meiner Umgebung gegenüber vorsichtig sein. Früher begann meine Sperrstunde um 21 Uhr, aber jetzt bestehen meine Eltern darauf, dass ich gegen 18 oder 19 Uhr nach  Hause komme. Das zeigt, wie besorgt sie immerzu sind. Kürzlich wurde eine Handy-App auf den Markt gebracht, die einem helfen soll, im Notfall Menschen zu erreichen, die in der Nähe sind. Ich denke, dass diese App sehr effektiv sein kann. Ein Pfefferspray mitzunehmen, kann ebenfalls helfen. Obwohl mein Institut bislang noch keine Sicherheitvorkehrungen getroffen hat, um sexueller Belästigung auf dem Universitätsgelände vorzubeugen, bin ich sicher, dass sie jetzt, wo die Gewalt in den Städten zunimmt, Maßnahmen ergreifen werden.

Alkananda Somayajula, (Studentin der Massenkommunikation):

Jedes Mädchen, das ich kenne, hat schon schreckliche Erfahrungen mit sexueller Belästigung in den Straßen der Stadt durchgemacht. Das ist nicht nur unangenehm, sondern auch Furcht erregend. Eine Frau muss hundertmal nachdenken, wenn sie rausgehen will, nachdem es dunkel geworden ist. Ich wünschte nur, die Regierung würde etwas tun, um Sicherheit – nicht nur die von Frauen, sondern die aller ihrer Bürger – zu gewährleisten.

Paramita Bhattacharya (Universitätsstudentin):

Die jüngste Gruppenvergewaltigung einer 21-Jährigen war für uns alle ein regelrechter Schock. Seit ich studiere und die meiste Zeit alleine unterwegs bin, vermeide ich es, ein Taxi zu nehmen. Wenn ich keine andere Wahl habe, notiere ich mir das Kennzeichen. Außerdem vermeide ich nächtliche Unternehmungen mit Freunden und habe immer eine Notrufnummer im Handy gespeichert. Meine Eltern wurden immer besorgter, wenn ich spät draußen war. Sie haben mich angerufen, um sich zu vergewissern, dass ich unversehrt bin. Die vielen Vergewaltigungsfälle haben in meinem Institut zu einer neuen Form von Bewusstsein geführt. Wachen sind an den Toren aufgestellt. Unsere Lehrer ermahnen uns immer zur Vorsicht.

Tanya Sen (BPO Angestellte)

Ein Gefühl von Hilflosigkeit erfasst mich jeden Tag, wenn ich in der Nähe der U-Bahn auf Autorikshas warte und wenn ich alleine rausgehe. Meine Ausbildung, meine wirtschaftliche Unabhängigkeit, der Selbstverteidigungskurs und das Pfefferspray könnten vielleicht auch nicht helfen. Ich weiß, dass auch ich jederzeit ein Opfer werden kann.

Sangita B. (Angestellte):

Ich wurde geärgert, es wurden anzügliche Bemerkungen gemacht, einmal wurde meine Hand angegrapscht und ich wurde sogar schon bedroht. All das auf den Hauptstraßen an verschiedenen Stellen in der Stadt.

Nilesh P Kolapkar, (Geschäftsführerin einer Speisegaststätte im Großraum Mumbai):

Selbst in den belebten Stadteilen besuchen Frauen Restaurants oder Clubs nur in Begleitung von männlichen Freunden oder in großen Gruppen mit 5-6 Männern, anstatt wie früher zu zweit oder zu dritt. Ich habe zudem festgestellt, dass wenn solche Gruppen das Restaurant verlassen, die Frauen zuerst abgesetzt werden. Frauen, die Nachts alleine zum Restaurant fahren, sind definitiv weniger geworden. Außerdem gehen Mädchen, die in Gruppen kommen, spätestens um 22 Uhr oder 22:30 Uhr. Früher hätten sie bis nach Mitternacht hier herumgehangen.

Manali Basu, (Hochschulstudentin):

dont tell your daughter not to go outIch fühle mich hier nicht mehr sicher. Nichts hat sich geändert seit dem 16. Dezember 2012. Nichts ist dafür getan worden, dass sich Frauen in unserem Land sicherer fühlen können. Vorfälle von Belästigung, sexueller Belästigung und Vergewaltigung sind jeden Tag in den Schlagzeilen zu finden. Meine Eltern fühlen sich hilflos, wenn sie die Zeitungen lesen. Das erklärt, warum sie wollen, dass ich bei Sonnenuntergang zu Hause bin. Die Leute protestieren auf sozialen Netzwerken, organisieren Demonstrationen, benutzen schwarze Punkte…aber vermag all dies, Verbrechen zu verhindern? Wir können auch nicht zu Hause sitzen und die Männer verantwortlich machen! Es gibt keine Lösung. Eine Freundin von mir wurde einmal belästigt. Niemand half ihr. Mädchen sollten immer Schweizer Armeemesser und Pfefferspray bei sich tragen. Leider hat mein Institut keine Vorsichtsmaßnahmen ergrifen, um die Sicherheit der Studentinnen zu gewährleisten. Ich hoffe, das werden sie noch tun.

[Die obenstehenden Aussagen sind Auszüge von Aussagen, die in folgenden Medien publiziert wurden: The Times of India (Kalkutta), Business Economics, Indian Express (Bangalore), DNA, The Times of India (Hyderabad), Times of India (Mumbai).

ZUM ÜBERSETZER
Andrea Wlazik ist gelernte Fremdsprachenkorrespondentin. Sie arbeitet als freiberufliche Texterin und Übersetzerin und koordiniert den deutschen Blog der „The 50 Million Missing Campaign“. Sie ist außerdem Initiatorin der von der Kampagne unabhängigen deutschen Facebook-Gruppe „Femizid in Indien“.

Farooq Abdullah: Indiens #feministische #Revolution beginnt! Dies ist erst der Anfang!

Aus dem englischen Original übersetzt von Andrea Wlazik

Farooq Abdullah bei der Eröffnung einer Frauenbank

Als Indiens Minister, Farooq Abdullah, ins Parlament eintrat, sagte er: „Ich habe Angst, mit Frauen zu sprechen. Tatsächlich möchte ich nicht einmal eine weibliche Sekretärin haben. Gott bewahre, wenn es eine Beschwerde gegen mich geben und ich im Gefängnis enden würde. So ist die Lage heutzutage. Es stimmt, dass Vergewaltigungsfälle zugenommen haben… aber irgendwo muss auch mal Schluss sein.“

Dies war seine Antwort auf zwei aktuelle Fälle, in denen eine für die Zeitschrift Tehelka tätige Journalistin und eine Jurastudentin im Praktikum, die für einen Richter vom Obersten Gerichtshof arbeitete, Beschwerde eingereicht hatten, weil ihre Vorgesetzten sie am Arbeitsplatz sexuell belästigt und genötigt hatten. Diese beiden Fälle sorgten für einen Aufschrei in der breiten Öffentlichkeit und in den Medien. Tehelkas Gründer, Tarun Tejpal, ist jetzt wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung in Haft genommen worden. Und ein Ausschuss des Obersten Gerichtshofs hat beschlossen, dass der betreffende Richter Ganguly verantwortlich ist für „unwillkommene verbale und non-verbale Handlungsweisen sexueller Natur“ in einem Hotelzimmer im Dezember letzten Jahres. Die öffentlichen Stimmen für rechtliche Schritte gegen den Richter werden zunehmend lauter.

Obwohl das indische Gesetz gegen sexuelle Belästigung (das Vishakha-Gesetz) 15 Jahre alt ist, hatten bislang die wenigsten Institutionen, inklusive dem Obersten Gerichtshof, verbindliche Vorschriften/Richtlinien, die nötig gewesen wären, um mit Beschwerden wegen sexueller Belästigung umzugehen.

Selten treten Frauen in Indien so vor, wie in diesen beiden Fällen, was Männer in Top-Positionen zu verunsichern scheint. Man hört bereits von Zeitschriften, die keine weiblichen Journalisten einstellen wollen. Und in Anwaltskanzleien wird gemunkelt, dass die Annahme
weiblicher Praktikantinnen vermieden werden soll!

Die Botschaft, die diese Männer auszusenden scheinen, ist:  Sexuelle Ausbeutung von Frauen gehört zu den Vergünstigungen für Männer am Arbeitsplatz! Entweder die Frauen beugen sich oder wir schließen Euch allesamt vom Arbeitsmarkt aus!

Indiens Frauen müssen zusammenhalten und kämpfen. Diese beiden Frauen haben den Weg aufgezeigt! Und es müssen noch mehr Frauen vortreten!

revolution movementMit nichts weniger dürfen wir uns zufriedengeben, als mit beruflicher Chancengleichheit und Gleichberechtigung in Sachen Menschenwürde und Menschenrechte, sowohl an unseren Arbeitsplätzen, als auch in unserem Zuhause.


LASST UNS DIESE REVOLUTION VORANBRINGEN!



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Andrea Wlazik ist gelernte Fremdsprachenkorrespondentin. Sie arbeitet als freiberufliche Texterin und Übersetzerin und koordiniert den deutschen Blog der „The 50 Million Missing Campaign“. Sie ist außerdem Initiatorin der von der Kampagne unabhängigen deutschen Facebook-Gruppe Femizid in Indien“.

Wenn ein Unternehmen, das gegen #Vergewaltigung kämpft, diese erhält

robert de niro thinkAus dem englischen Original  von Rita Banerji
übersetzt von Andrea Wlazik

Im November kursierte im Internet ein Artikel über ein fingiertes „Rape Festival“ (Vergewaltigungsfestival), der für Aufregung sorgte, weil er Vergewaltigung zum Gespött zu machen schien.

Die Ironie ist, dass zur selben Zeit die Premiere einer Veranstaltung mit Größen wie Robert De Niro und anderen berühmten Gästen, das „THINK“ Festival in Goa, genau dies tat – es spottete Vergewaltigung und Vergewaltigungsopfern!

Das „THINK“ Festival wurde von Tehelka organisiert, einer von Indiens radikalsten liberalen Zeitschriften. Für Indien aber ist diese Institution mehr als das. Das Wort „Tehelka“ ist Synonym geworden für Revolution und öffentliche Forderung nach Gerechtigkeit und Gleichberechtigung.

Tehelkas Reichweite ist immens. Sie haben enormen Einfluss, sowohl national als auch international. Ihr THINK Festival dieses Jahr prahlte mit Gästen und Rednern wie Robert De Niro, Amitabh Bachchan, Medha Patkar, Garry Kasparov, Tina Brown, Mary Kom, John Pilger und vielen anderen.

meira paibisVergewaltigung war eines der großen Themen des diesjährigen THINK Festivals.  Überlebende von Vergewaltigungen und Aktivisten aus Indien sprachen auf einer Plattform mit Namen „The Beast in Our Midst (Die Bestie in unserer Mitte). Rednerinnen waren unter anderem Suzette Jordan, die mit vorgehaltener Waffe vergewaltigt wurde und nun Überlebende berät, obwohl sie selbst nach wie vor für Gerechtigkeit kämpft; Harish Iyerwho, die als Kind von Verwandten vergewaltigt wurde und darüber sprach, dass Vergewaltiger nicht immer Fremde sind, sondern oft jene, die wir kennen und denen wir vertrauen; Sandhya, ein 16 Jahre altes Opfer einer Gruppenvergewaltigung, deren Mutter auch gruppenvergewaltigt und ermordet wurde, nachdem ihre Familie Anzeige erstattet hatte; Ima Ngambi, Mitglied von Meira Paibis, einer Gruppe von Müttern, die sich entblößten um gegen die systematischen Vergewaltigungen und die Gewalt gegen Frauen von Seiten der indischen Armee in Manipur zu protestieren; Schwester Jesme, die den systematischen sexuellen Missbrauch von Nonnen in der katholischen Kirche in Indien aufdeckte und Manisha Devi, die darüber sprach, dass der schlimmste Teil der Vergewaltigung die Art ist, wie Justiz, Polizei und soziale Systeme den Opfern weiteres Unrecht zufügen.

Und es gab einen weiteren Vergewaltigungsfall, der sich während des Festivals anbahnte und der einige Tage später ins Licht der Öffentlichkeit treten sollte. Er schockte die Nation und zwang sie, zu hinterfragen, warum Tehelka das, wogegen sie nach eigener Aussage kämpfen, aufrechterhalten.

Tarun Tejpal, der Gründer, Herausgeber und Hauptgesellschafter von Tehelka, entkleidete bei zwei Gelegenheiten im Laufe des Festivals eine jüngere Tehelka-Journalistin gewaltsam und belästigte sie sexuell. Die Journalistin war als Begleitung für Robert De Niro während des Festivals eingeteilt worden. Es scheint, als hätte Tejpal einen Besuch in De Niros Zimmer zum Vorwand genommen, um das Opfer in den Aufzug zu lotsen, wo der Vorfall stattfand. Als sie sich widersetzte und ihn anflehte, aufzuhören, sagte er zu ihr, dass dies der beste Weg sei, ihren Job zu behalten. Einzelheiten des Angriffs, die später in einer internen Mail enthüllt wurden, welche ins Internet durchsickerte, zeigten eindeutig, dass die Art des Angriffs [das Einführen von Fingern in die Vagina] nach Indiens neuem Gesetz, demgemäß jede Form der Penetration eine Vergewaltigung darstellt, als Vergewaltigung einzustufen ist.

Das Opfer vertraute sich sofort drei Kolleginnen an und Tejpals Tochter, die eine gute Freundin des Opfers war, alle anwesend beim Festival. Einige Tage später beschwerte sie sich bei Shoma Choudhary, Tehelkas leitender Redakteurin, einer hitzköpfigen Feministin, die – ebenso wie Tejpal – scharf gegen Vergewaltigung und Gewalt an Frauen in Indien geschrieben und gesprochen hatte.

indian army rape usTejpal gesteht grundsätzlich die Vergewaltigung in einer Mail, einer Art Entschuldigung an das Opfer, in der er den Versuch eingesteht, eine „sexuelle Liaison“ mit ihr zu „forcieren“, obwohl sie sich verweigerte. In einer anderen Mail tat er den Vorfall ab als „Geplänkel“ eines Betrunkenen und teilte mit, er würde dafür Buße tun, indem er sich 6 Monate lang vom Firmensitz fernhalten würde. In seiner Mail an das Opfer schrieb Tejpal: „Du bist eine junge Frau, auf die ich sehr stolz war, als Tochter eines Kollegen und dann als Kollegin in unserer Firma. Ich habe gesehen, wie Du aufgewachsen und beruflich zu einer sehr integeren und vielversprechenden Journalistin gereift bist. Darum zerreisst es mich unbeschreiblich, zu sehen, dass ich diese langjährige vertrauens- und respektvolle Beziehung zwischen uns verletzt habe und ich entschuldige mich vorbehaltlos für diesen rechtlichen Fehltritt, der bei zwei Gelegenheiten, am 7. November und 8. November 2013, dazu geführt hat, dass ich versuchte, eine sexuelle Liaison mit Dir zu beginnen, trotz Deines eindeutigen Widerwillens gegen diese Art von Aufmerksamkeit von mir. Jetzt habe ich das Gefühl, dass ich meine Position als Herausgeber ausgenutzt habe, um Dir meine Aufmerksamkeit aufzuzwingen und ich bestätige, dass ich einmal auf Deinen Hinweis, ich sei Dein Boss, sagte „Das macht es einfacher“…

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Tejpal mit De Niro und Bachchan beim THINK-Festival

Was dann folgte, ist noch empörender. Die beiden zentralen Autoritätspersonen bei Tehelka, Tejpal und Choudhary, gingen in die Offensive und versuchten, die Anklage zu vereiteln. Sie änderten ihre Haltung und nutzten jede schmutzige Strategie, die alle Vergewaltiger und deren Komplizen nutzen, auch die, das Opfer zu diskreditieren und zu verleumden.

Der Vergewaltigungsprozess gegen Tejpal ist im Grunde genommen wasserdicht. Die Einzelheiten der Aussage des Opfers sind gleich geblieben. Sie wurden von anderen beim Festival anwesenden Angestellten bestätigt und teilweise untermauert durch Filmmaterial der Überwachungskamera aus dem Hotel, in dem der Vorfall stattfand. Und Tejpal, der sich zunächst der Verhaftung entzog und sich aus seinem Versteck heraus nur über Shoma Choudary und seine Anwälte äußerte, ist mittlerweile wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung inhaftiert

Da es sich um eine Vergewaltigung von Schutzbefohlenen handelt, begangen durch eine Autoritätsperson, de Macht über das Opfer hat, erwarten Tejpal  mindestens 10 Jahre HaftIronischerweise wird das anzuwendende Gesetz (Section 376 C), das Tejpal und Tehelka zum Schutz von Vergewaltigungsopfern in Indien vorangetrieben haben, nun von Tejpals Anwälten als „drakonisch“ bezeichnet.

sandhyaSuzette Jordan, Überlebende einer Gruppenvergewaltigung und Rednerin beim THINK Festival, erzählte, wie verärgert sie ist.  Sie sagte, sie fühle sich regelrecht „betrogen“. In einem Interview mit NDTV erklärte sie, sie fühle sich „schmutzig“ und benutzt. Für sie sähe es aus, als hätte man sie auf die Bühne gestellt, nur um sich über sie lustig zu machen!

In ihrem Kündigungsschreiben an Tehelkas leitende Redakteurin, Shoma Chaudhuri, schreibt das Opfer: “Während der letzten Jahre haben wir [bei Tehelka] gemeinsam die Rechte von Frauen verteidigt, über Vergewaltigung von Untergebenen und sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz geschrieben und uns scharf ausgesprochen gegen die Kultur der Schuldigsprechung von Opfern, die taktische emotionale Einschüchterung und den Rufmord an jenen, die es wagen, sich gegen sexuelle Gewalt auszusprechen. Jetzt, da ich selbst Opfer eines solchen Verbrechens bin, bin ich erschüttert darüber, dass der Chefredakteur von Tehelka und Sie – in Ihrer Eigenschaft als leitende Redakteurin – auf genau diese Taktiken der Einschüchterung, des Rufmords und der Verleumdung zurückgreifen… In Bezug auf die Abläufe seit dem 7. November hat nicht nur Mr. Tejpal mir gegenüber als Arbeitgeber versagt, sondern Tehelka hat versagt gegenüber Frauen, Angestellten, Journalistinnen und Feministen gleichermaßen.

Dieser Vergewaltigungsfall scheint ein Wespennest zu sein, bestehend aus einer Reihe schmutziger Geheimnisse, inklusive der Anhäufung von Reichtümern seitens der Top-Bosse durch geheime, undurchsichtige Unternehmenszusammenschlüsse. Und während Tehelkas Aktieneigner reiche Dividenden abschöpften, wurden die Angestellten schäbig behandelt. Es wird berichtet, dass sie keinerlei Grundsicherung, wie Krankenversicherung, Abfindung und Altersvorsorge, bekanen. Oft hatten die Gehälter 2-3 Monaten Verspätung. 

Indiens Liberale und die führenden Feministinnen, die Teil von Tehelkas elitärem selbstgerechtem Netzwerk sind, das behauptet, die Frauenrechte zu schützen, sind entweder still oder sie kommen mit aller Kraft hervor und beschweren sich bitterlich über die „übertriebene“ öffentliche Empörung oder über die Medienwirksamkeit dieses Falls. Viele dieser Feministinnen haben versichert, dass Shoma Chaudhuri nicht als Komplizin an dem von Tejpal begangenen Verbrechen der Vergewaltigung und dessen Vertuschung anzusehen ist.

Das beunruhigt mich am meisten. Warum weigern sich mit Tejpal befreundete Feministinnen und Liberale, sowohl in Indien als auch im Westen, diese Vergewaltigung zu sehen oder so zornig zu verurteilen, wie sie es normalerweise in anderen Fällen tun würden? Warum erkennen sie Shoma Chaudhuris Komplizenschaft daran nicht? Warum sind sie über diesen Vorfall nicht so aufgebracht, zornig und beunruhigt wie die vergewaltigte Journalistin und andere Vergewaltigungsopfer, die an diesem Festival teilgenommen haben? Warum beugen sie sich, ignorieren und/oder verteidigen ihn?

Tejpal-1Wie tief geht die wirtschafliche Ausbeutung von Vergewaltigung und von Gewalt an Frauen als „soziale Fälle“? Sind diese unter den NGOs und Organisationen, unter Feministen und Liberalen nun zu Themen geworden, die persönlich und wirtschaftlich leicht auszubeuten sind? Ist Tehelka nur die Spitze des Eisbergs? Ist es das, was einen Großteil der Feministen, Liberalen, Aktivisten und Intellektuellen an der Tehelka-Vergewaltigung so verunsichert?


© The 50 Million Missing Campaign“.Alle Rechte vorbehalten. Bitte beachten Sie bei Weitergabe unsere Hinweise zum Copyright.

ZUR AUTORIN
rita.banerji.photoRita Banerji ist Autorin, Frauenrechtsaktivistin und Begründerin von „The 50 Million Missing“, einer Kampagne zur Beendung des Völkermords am weiblichen Geschlecht in Indien. Ihr Buch Sex and Power: Defining History Shaping Societies ist ein historischer und gesellschaftlicher Blick darauf, wie die Beziehung von Geschlecht und Macht in Indien zum anhaltenden weiblichen Genderzid führte. Ihre Webseite ist zu finden unter www.ritabanerji.com. Sie bloggt auf Revolutions in my Space und twittert auf @Rita_Banerji

ZUM ÜBERSETZER
Andrea Wlazik ist gelernte Fremdsprachenkorrespondentin. Sie arbeitet als freiberufliche Texterin und Übersetzerin und koordiniert den deutschen Blog der „The 50 Million Missing Campaign“. Sie ist außerdem Initiatorin der von der Kampagne unabhängigen deutschen Facebook-Gruppe Femizid in Indien“.

Sind #Vergewaltigung und #sexuelle Nötigung am #Arbeitsplatz „interne“ Angelegenheiten?

Aus dem englischen Original übersetzt von Andrea Wlazik

Diesen Monat wurde Indien erschüttert von zwei Anzeigen wegen sexueller Nötigung von Frauen, die für Institutionen arbeiten, die an vorderster Front für das Recht der Frau auf Sicherheit kämpfen.

Eine Rechtsanwältin, die während ihres letzten Jahres an der juristischen Fakultät als Praktikantin bei einem Richter des Obersten Gerichtshofs von Delhi tätig war, wurde von diesem sexuell genötigt. In einem Blogbeitrag schrieb sie: „Der letzte Dezember war bedeutsam für die Frauenbewegung im Land – es schien, als würde beinahe die komplette Bevölkerung spontan aufstehen gegen die Gewalt an Frauen und die Ungerechtigkeiten einer scheinbar gleichgültigen Regierung.
In der eigenartigen Situationsironie, mit der unsere Welt voll ist, waren die Proteste Kulisse meines eigenen Erlebens. Als Praktikantin während der Winterferien in meinem letzten Jahr an der Universität passierte ich zu dieser Zeit erschöpft Polizeiabsperrungen in Delhi, um einem renommierten, kürzlich pensionierten Richter des Obersten Gerichtshofs zu assistieren, für den ich schon in meinem vorletzten Semester gearbeitet hatte.  Der Lohn für meinen angebotenen Fleiß waren sexuelle Übergriffe (nicht körperlich verletzend, aber dennoch vergewaltigend) von einem Mann, der alt genug ist, um mein Großvater zu sein. Ich möchte nicht in die schmutzigen Details gehen. Es reicht, zu sagen, dass meine Erinnerung daran noch blieb, lange nachdem ich den Raum verlassen hatte, ja tatsächlich immer noch bei mir ist.” [Klicken Sie hier um ihren vollständigen Bericht zu lesen].

Der andere Vorfall betrifft Tehelka, verehrt als Indiens politisch radikalste, offenste Zeitschrift, die sich selbst für institutionelle Transparanz rühmt und dafür, dass sie für die Unterdrückten kämpft. Eine junge Journalistin von Tehelka hat den Gründer und Herausgeber Tarun Tejpal beschuldigt, sie bei einer Veranstaltung in Goa, die von der Zeitschrift organisiert wurde, zweimal sexuell genötigt zu haben. Details ihrer Beschwerde zufolge, die sie per Mail an die Redaktionsleiterin geschickt hatte und die an soziale Netzwerke durchgesickert war, scheint es, als sei dieser Vorfall nach der in diesem Jahr in Indien verabschiedeten neuen gesetzlichen Definition als Vergewaltigung einzustufen. Tejpal antwortet darauf, dass er sich als seine Form von Buße für 6 Monate von der Zeitschrift zurück gezogen hat. Seine leitende Redakteurin, Shoma Chaudhury, eine feministische Journalistin, die von Newsweek als eine der „150 women who shake the world“ (150 Frauen, die die Welt aufrütteln) aufgeführt wird, hat viele verärgert. Die Leute sehen es als Mittäterschaft, dass sie Tejpal und sein Unternehmen gedeckt hat. [Hier ist Tejpals Anschreiben.]

Als Antwort auf die Anzeige der Anwältin, hat der Oberste Gerichtshof eine Jury aus 3 Richtern zusammengestellt, die in der Angelegenheit ermitteln soll. Derselbe Richter hat auch schon andere Anwältinnen angegriffen. Tehelka will ebenfalls ein internes Komitee bilden, um das zu untersuchen, was Chaudhury als „interne Angelegenheit“ bezeichnet. Chaudhury besteht außerdem darauf, dass es sich hier nicht um ein Verbrechen handelt, obwohl das Schreiben der Angestellten ihr klar zu verstehen gibt, dass Tejpal diese mit Gewalt ausgezogen und ihr trotz ihres Protests seine Finger in die Vagina gezwungen hat, was nach indischem Gesetz eine klare Klassifizierung als Vergewaltigung darstellt.

Aber sind dies wirklich „interne Angelegenheiten“, die der Oberste Gerichtshof und eines von Indiens größten und mächtigsten Medienhäusern hinter geschlossenen Türen diskutieren, beurteilen und verwerfen kann?

Wie stehen die Chancen, dass der Gerechtigkeit Genüge getan wird? Und noch wichtiger: Wird dies für alle anderen Institutionen in Indien als Beispiel dienen dazu, wie man mit sexueller Nötigung umgeht?

Auszug eines Artikels von Shoma Choudhury zum Thema „Vergewaltigung in Indien“ vom Dezember 2012


ZUM ÜBERSETZER
Andrea Wlazik ist gelernte Fremdsprachenkorrespondentin. Sie arbeitet als freiberufliche Texterin und Übersetzerin und koordiniert den deutschen Blog der „The 50 Million Missing Campaign“. Sie ist außerdem Initiatorin der von der Kampagne unabhängigen deutschen Facebook-Gruppe Femizid in Indien“.

11 Sicherheitstipps für Frauen, die alleine in Indien leben oder reisen

Aus dem englischen Original übersetzt von Alexander Ohnmeiß

Foto: Sirengsongs. Alle Rechte vorbehalten.

Da immer mehr indische Frauen in ihrem Job reisen müssen oder bis in die späten Stunden im Büro beschäftigt sind, ist die persönliche Sicherheit zum wichtigsten Anliegen berufstätiger Frauen in Indien geworden.

Eine kürzlich erhobene Umfrage hat ergeben, dass
94 % der indischen Frauen sich nicht sicher fühlen dabei, in Indien alleine zu leben, alleine zu reisen oder alleine in einem Hotel zu sein. Von denjenigen, die außerhalb von Indien unterwegs waren, sagen die meisten, sie würden sich in westlichen Ländern alleine auf Reisen oder in Hotels sicher fühlen! Sexuelle Belästigung auf offener Straße, Handgreiflichkeiten und Verfolgung werden in Indien als „normaler“ Teil des alltäglichen Lebens angesehen und von Frauen wird erwartet, sich damit zu arrangieren.  Und obwohl die meisten Vergewaltigungen in Indien niemals gemeldet werden, oder die gemeldeten von der Polizei nicht schriftlich aufgenommen werden, ist Vergewaltigung immer noch das am schnellsten wachsende Gewaltverbrechen im heutigen Indien. Außerdem wird ein alamierender Anstieg der Anzahl gemeldeter Vergewaltigungen an weiblichen Touristen verzeichnet.

Hier sind 11 Tipps der „The 50 Million Missing Campaign“ zur Sicherheit aller allein reisender und allein lebender Frauen in Indien:

1. Obwohl es keinen Grund dafür geben sollte, dass man als Frau nicht alleine lebt oder reist, ist es eine Tatsache, dass es für Singlefrauen in Indien sicherer sein könnte, mit wenigstens einer oder zwei weiteren Personen zu wohnen oder unterwegs zu sein. Wenn Sie in männlicher Begleitung sind, verringert sich in der Regel die Wahrscheinlichkeit, sexuell genötigt oder belästigt zu werden. (Wir sagen hier nicht, dass es so sein sollte! Es beschneidet das Recht der Frauen auf Bewegungsfreiheit und ist grundlegend sexistisch. Aber es ist eine Sicherheitsvorkehrung, die in Indien bis zu einem gewissen Grad funktioniert.)

2. Falls Sie im Auftrag Ihres Arbeitgebers unterwegs sind oder aus beruflichen Gründen in eine andere Stadt gezogen sind, bitten Sie Ihr Unternehmen oder Ihre Organisation – um Ihrer persönlichen Sicherheit willen – die Vorkehrungen für Ihren Aufenthalt über bekannte lokale Kontakte abzuwickeln. Oder erfragen Sie bekannte und vertrauenswürdige Kontaktpersonen, über die Sie die Angelegenheit selbst regeln können.  Sollten Sie in einem Hotel absteigen, vergewissern Sie sich, dass Ihre Zimmertüre mit einem Riegel oder einer Kette von INNEN geschlossen werden kann und halten Sie die Türe immer verschlossen und verriegelt, sobald Sie im Zimmer sind. Führen Sie immer einen tragbaren Türstopper mit sich und setzen Sie diesen nachts auf jeden Fall ein, oder verwenden Sie andere Objekte, die sich als Türstopper eignen. Sollten Sie im Erdgeschoss oder im ersten Stock übernachten, stellen Sie sicher, dass die Fenster vergittert sind. Lassen Sie auf gar keinen Fall Ihre Balkontüre über Nacht offen stehen während Sie schlafen. Sollten Sie Essen oder anderes auf’s Zimmer bestellen, lassen Sie die Türe nicht offen stehen und bitten Sie das Servicepersonal nicht herein. Warten Sie auf dessen Anklopfen und nehmen Sie die Lieferung an der Türe in Empfang.

3. Machen Sie den Punkt „Sicherheit“ bei der Planung Ihres Reise- oder Mietbudgets zur obersten Priorität. Je niedriger der Preis, desto höher ist in den meisten Fällen das Sicherheitsrisiko. Vielleicht erscheint es wie ein gutes, billiges Angebot – für die Miete eines Hauses, Appartements, Hotelzimmers, für Reiseleiter, Transportmittel, Tour-Pauschale, etc. – ABER je undurchsichtiger das Angebot, desto größer wird Ihr Sicherheitsrisiko. Besser bedient sind Sie mit einem bekannten Reiseziel, Veranstalter, Hotel, etc. Oder Sie folgen Empfehlungen Ihnen persönlich bekannter ALLEINSTEHENDER FRAUEN. (Denken Sie daran, für Männer ist es einfach nicht  das Selbe!)

4. Nehmen Sie niemals Essen und Trinken von Fremden an (vor allem nicht in Bussen, Zügen und in Hotels), auch wenn sie Ihnen freundlich erscheinen und sehr beharrlich sind. Es gab Fälle, in denen die angebotenen Speisen und Getränke mit Drogen versetzt waren. Die unvorsichtigen Reisenden wurden dann ausgeraubt und/oder sexuell missbraucht. Besuchen Sie Bars und Restaurants, die stark frequentiert werden (auf diese Weise ist auch Ihr Essen frischer  :) ) und was immer Sie trinken, bestehen Sie auf eine versiegelte Flasche (untersuchen Sie das Siegel gründlich). 

5. Speziell für weibliche Touristen aus westlichen Ländern: Vermeiden Sie jede Art von Körperkontakt mit Männern, die Sie gerade erst kennengelernt haben und auch mit jenen, die Sie seit ein paar Tagen kennen. Umarmungen und Händeschütteln sind tabu. Bleiben Sie stattdessen beim üblichen ‚Namaste’.

6. Augenkontakt mit unbekannten Männern sollte nur kurz und niemals vertraulich sein. Direkter Augenkontakt gepaart mit einem Lächeln ist auch nicht ratsam. Dies wird oft falsch interpretiert. Bei der Wortwahl können Sie zwanglos sein, aber Ihre Körpersprache sollte distanziert und wachsam sein.

7. Wenn Sie in Low-Budget-Hotels wohnen oder sich an öffentlichen Plätzen, einem Markt, auf dem Dorf, etc. aufhalten, tragen Sie weitgeschnittene Kleidung und versuchen Sie, Arme und Beine bedeckt zu halten. Das könnte (oder könnte auch nicht!) dabei helfen, gaffende männliche Blicke oder Belästigungen zu vermeiden!

8. Vermeiden Sie jegliche Fortbewegung in der Nacht. Steigen Sie niemals in ein Taxi oder Auto, in dem mehr als ein Mann sitzt. Setzen Sie sich auf einen Platz neben der Tür und steigen Sie sofort aus, wenn weitere Männer zusteigen. Fahren Sie niemals bei einem Fremden mit und nehmen Sie eine solche Einladung niemals an, auch wenn er noch so freundlich erscheint. Schauen Sie sich auf Zugreisen Ihre Mitreisenden im Abteil aufmerksam an. Sollten Sie sich nicht ganz sicher fühlen, bleiben Sie auf der Hut – nicht einschlafen. Wenn Sie irgendwo nach dem Weg suchen, fragen Sie jemanden. Aber gehen Sie niemals mit, wenn jemand sagt: „Follow me, I will show you“ (Folgen Sie mir, ich zeige es Ihnen). Folgen Sie der Beschreibung und kontrollieren Sie sie durch Nachfragen bei anderen Leuten, die Ihnen begegnen, um sicher zu gehen, dass Sie auf dem richtigen Weg sind. Stimmen Sie niemals zu, sich mit Leuten, die Sie kaum kennen, in einem Haus oder Hotel zu treffen. Wenn Sie sich treffen und reden müssen, bitten Sie darum, sich in einem Café o.ä. Ihrer Wahl zu treffen. Kommen und gehen Sie getrennt.

9. Setzen Sie Grenzen mit Ihrer Körpersprache. In der Regel loten Männer, die es auf eine Gelegenheit für eine scheinbar „unbeabsichtigte“ Berührung oder ungebetenen Körperkontakt anlegen, zuerst Ihre Grenzen aus. Sie setzen sich zum Beispiel einfach zu nahe neben Sie oder berühren Ihre Hand. Indische Frauen werden dabei oft ängstlich und nervös und sind nicht in der Lage, ihre Stimme zu erheben. Frauen aus dem Ausland sind häufig besorgt, sie könnten unfreundlich, rassistisch oder arrogant wirken. Aber die Regel für Sicherheit ist in diesem Fall die gleiche für alle Frauen, egal wo auf der Welt sie sich befinden: WENN DU DICH UNBEHAGLICH FÜHLST, DANN IST ES NICHT O.K.  Auf vollen Plätzen zeigen Sie Ihre persönlichen Grenzen ausdrücklich auf. Gehen Sie weg oder entziehen Sie Ihre Hand. Sollten die Aufdringlichkeiten andauern, sagen Sie laut und bestimmt „Do not touch me!“ (Fassen Sie mich nicht an!)  Wirken Sie niemals zögerlich oder entschuldigend. Wenn Sie sich aber an einem abgelegenen Ort mit wenig anderen Passanten befinden, verhalten Sie sich nicht zu bestimmt oder aggressiv. Versuchen Sie nur, so schnell wie  möglich wegzukommen.

10. Vermeiden Sie überlaufene Plätze – wie Busse und Festivals. Dort nutzen Männer häufig die Gelegenheit, Frauen zu belästigen. Hüten Sie sich in solchen Situationen besonders vor direkter und wütender Konfrontation.  Menschenansammlungen in Indien sind bekanntlich unberechenbar. Indische Frauen beschweren sich oft nicht, weil die Menge anfängt, ihnen selbst die Schuld zu geben. Halten Sie sich bei einem Festival am Rand der Menschenmenge auf.  In einem Bus oder auf dem Markt erheben Sie Ihre Stimme und fragen Sie höflich aber bestimmt “What are you doing?” („Was machen Sie da?). Und vergessen Sie nicht: Schuldgefühle funktionieren besser als Zorn.

11. Die goldene Sicherheitsregel für Frauen ungeachtet des Aufenthaltsorts:

Achten sie jederzeit aufmerksam auf Ihre Umgebung und auf die Leute um Sie herum.

Verlassen Sie sich auf Ihr Bauchgefühl und hinterfragen Sie es nicht. (Es ist besser, sich geirrt zu haben und sicher zu sein, als sich zu irren und und es bedauern zu müssen!)

Handeln Sie intelligent und gemäß ihrer Beobachtungen und Instinkte.

 

ZUM FOTOGRAFEN
Sirensongs ist Gründungsmitglied und Mitwirkender der The 50 Million Missing Campaign Fotografen Gruppe auf Flickr.  Diese wird von 2400 Fotografen aus aller Welt unterstützt. Um weitere ihrer Werke zu sehen, klicken Sie bitte hier.

Sohaila Abdulali: #Vergewaltigt zu werden war furchtbar, aber am Leben zu sein ist wichtiger

Aus dem englischen Original übersetzt von Melanie Beaven

sohailaSohaila Abdulali ist eine aus Indien stammende Autorin und Journalistin, die derzeit in den USA lebt. Im Jahr 1980, im Alter von 17 Jahren, überlebte sie eine brutale Gruppenvergewaltigung in Indien. Drei Jahre später schrieb sie im indischen Magazin „Manushi“ über ihr Erlebnis. Einen Auszug aus ihrem Artikel finden Sie weiter unten.

Sohailas persönlicher Erfahrungsbericht ist unbeschreiblich mutig! Frauen in Indien, sogar jene aus der gebildeten Mittelschicht, zeigen aufgrund der Assoziation mit „Schande“ Vergewaltigungen weder an, noch machen sie anderweitig öffentlich auf diese aufmerksam.

Aber Sohaila diskutiert noch einen weiteren Aspekt. Einen Aspekt, den zu thematisieren sich Medien und Frauenforen in Indien sogar angesichts der aktuell extrem eskalierenden Gewalt gegen Frauen scheuen. Konfrontiert mit einer Gruppe gewalttätiger Männer, entscheidet sich Sohaila zu überleben. Dem Bericht über das Vergewaltigungsopfer von Delhi zufolge, schien die Gewalt gegen sie zu eskalieren, als sie einen der Vergewaltiger biss und versuchte, sich zu wehren. Tatsächlich enthüllten die fünf Männer, die Ende August eine Fotojournalistin in Mumbai ebenfalls gruppenvergewaltigt hatten, dass sie geplant hatten, die Fotografin und ihre Kollegin zu ermorden, hätten diese versucht, Widerstand zu leisten. Sohaila stellt die Frage, warum eine Frau, die sich einer Gruppe gewalttätiger Männer gegenüber sieht, nicht alles tun sollte, um zu überleben?

Wir sollten hinterfragen: Warum diskutieren Frauenforen und Medien nicht darüber, anstatt Selbstverteidigung und Pfefferspray als effektive Mittel zur Abwehr von Banden bewaffneter Vergewaltiger zu propagieren? Warum erfährt in Indien die Frau höhere Bewunderung, die bei dem Versuch stirbt, irrationale und frauenfeindliche gesellschaftliche Ansichten von „Ehre“ zu verteidigen? Die Mutter einer Rechtsanwältin, die 2012 in ihrer Wohnung in Mumbai von einem Wachmann des Sicherheitsdienstes angegriffen und getötet wurde, während sie seine Vergewaltigungsversuche abwehrte, erzählte bestimmt und mit einem gewissen Stolz Millionen von Fernsehzuschauern, sie wolle Indien wissen lassen, dass ihre Tochter nicht vergewaltigt worden sei. Sie sei im Kampf für ihre „Ehre“ gestorben!

Wie viele Frauen in Indien, die sich Vergewaltigern gegenüber sehen, sorgen sich mehr um die vermeintliche „Schande“ einer Vergewaltigung, als darum, ihr Leben zu retten?

Sohaila ungefähr zur Zeit des Vorfalls

von Sohaila Abdulali

Ich wurde [im Jahr 1980] im Alter von 17 Jahren gruppenvergewaltigt. Es war das Jahr, in dem Frauengruppen [in Indien] begannen, eine Verbesserung des Strafgesetzes im Hinblick auf Vergewaltigung zu fordern.

Ich war mit meinem Freund Rashid zusammen. Wir waren spazieren gegangen und befanden uns etwa 1½ Meilen (ca. 2,5 Kilometer) von meinem Zuhause in einer Vorstadt von Bombay entfernt. Wir wurden von vier mit einer Sichel bewaffneten Männern angegriffen. Wir wurden getrennt, wir schrien und sie vergewaltigten mich, während sie Rashid als Geisel hielten. Sollte einer von uns Widerstand leisten, würde dem anderen Schaden zugefügt. Dies war eine wirksame Taktik.

Sie konnten sich nicht entscheiden, ob sie uns töten sollten oder nicht. Wir haben alles versucht, was in unserer Macht stand, um am Leben zu bleiben. Mein Ziel war zu leben und das war wichtiger als alles andere. Zuerst habe ich mich körperlich gegen die Angreifer gewehrt. Später, als ich auf den Boden gedrückt wurde, wehrte ich mich verbal. Ärger und Schreien zeigte keine Wirkung und so fing ich an, ziemlich verrücktes Zeug zu schwafeln – über Liebe und Mitleid. Ich sprach von Menschlichkeit und der Tatsache, dass ich ein menschliches Wesen sei und dass sie dies auch seien – tief in ihrem Innersten. Sie waren etwas sanfter danach, zumindest diejenigen, die mich nicht gerade vergewaltigten. Ich sagte einem von ihnen, dass ich am nächsten Tag zurück kommen und mich mit ihm – dem Vergewaltiger – treffen würde, wenn er sicherstellen könne, dass weder Rashid noch ich getötet würden. Diese Worte kosteten mich mehr als ich beschreiben kann, aber zwei Leben hingen am seidenen Faden. Ich wäre höchstens mit einem sehr, sehr scharfen Instrument zurückgekehrt, das sicher gestellt hätte, dass er nie wieder hätte vergewaltigen können.

Nach gefühlt jahrelanger Folter (ich glaube, ich wurde zehnmal vergewaltigt, aber ich hatte solche Schmerzen, dass ich nach einer Weile den Überblick verlor), wurden wir freigelassen unter einer langen Moralpredigt darüber, dass ich, da ich alleine mit einem Jungen zusammen war, eine unmoralische Hure sei. Dies regte sie mehr auf als alles andere. Sie handelten die ganze Zeit so, als täten sie mir einen Gefallen, indem sie mir eine Lektion erteilten. Ihr Verhalten war fanatischste Selbstgerechtigkeit.

Sie brachten uns den Berg hinunter und folgten uns eine Weile sichelschwingend. Endlich kamen wir zu Hause an – gebrochen, verletzt, erschüttert. Es war ein so unglaubliches Gefühl loszulassen und aufzuhören, um unsere Leben zu feilschen. Hysterisch weinend brachen wir zusammen.

Ich hatte den Vergewaltigern fest versprochen, niemandem von dem Vorfall zu erzählen, aber sobald ich zu Hause war, sagte ich meinem Vater, er solle die Polizei rufen. Er war genau wie ich darauf bedacht, sie festnehmen zu lassen. Ich hätte alles unternommen, nur damit nicht jemand anderes das gleiche wie ich durchmachen müsste. Die Polizisten waren unsensibel, herablassend und irgendwie schafften sie es, aus mir die schuldige Partei zu machen. Als sie mich fragten, was passiert sei, erklärte ich es ihnen sehr direkt und sie waren empört darüber, dass ich kein verschüchtertes, errötendes Opfer war. Als sie sagten, dass dies an die Öffentlichkeit käme, meinte ich, das sei schon in Ordnung. Mir ist es ehrlich nie in den Sinn gekommen, dass Rashid oder ich beschuldigt werden könnten. Als die Polizisten erklärten, dass ich zu meinem eigenen „Schutz“ in ein Heim für jugendliche Straftäter gehen müsse, war ich Willens, mit Zuhältern und Vergewaltigern zu leben, nur um meine Angreifer einer gerechten Strafe zuzuführen.

Bald musste ich feststellen, dass Gerechtigkeit für Frauen im Rechtssystem einfach nicht existiert. Als sie uns fragten, was wir auf dem Berg gesucht hätten, wurde ich ungehalten. Ich schrie auf, als sie Rashid fragten, warum er denn „untätig“ gewesen sei. Konnten sie nicht verstehen, dass sein Widerstand für mich nur weitere Qualen bedeutet hätte? Als sie danach fragten, welche Kleidung ich getragen hätte und warum es keine sichtbaren Spuren an Rashids Körper gäbe (er hatte innere Blutungen dadurch erlitten, dass der Sichelgriff wiederholt in seinen Magen gestoßen worden war), brach ich vor Kummer und Entsetzen zusammen. Mein Vater warf die Polizei aus dem Haus, nachdem er ihnen gründlich die Meinung gesagt hatte. So also sah die Unterstützung aus, die ich von der Polizei erhielt. Es wurde keine Anklage erhoben. Die Polizei nahm einen Bericht auf, der besagte, dass wir spazierengegangen und „verspätet“ zurück gekehrt seien.

Es vergeht [auch nach drei Jahren] kein einziger Tag, an dem ich nicht von den Geschehnissen heimgesucht werde [wurde]. Unsicherheit, Verwundbarkeit, Furcht, Zorn, Hilflosigkeit – gegen all dies habe ich ständig zu kämpfen. Manchmal, wenn ich die Straße entlang gehe und hinter mir Schritte höre, bricht mir der Schweiß aus und ich muss mir auf die Lippe beißen, damit ich nicht schreie. Ich zucke unter freundlichen Berührungen zusammen. Ich kann enge Halstücher nicht ausstehen, die sich wie Hände um meinen Hals anfühlen. Ich schrecke vor einem bestimmten Blick zurück, der in Männeraugen erscheint – dieser Blick ist so oft da.

Gleichzeitig bin ich mir der Fehlvorstellungen sehr bewusst, die Menschen über Vergewaltigung, Vergewaltiger und Überlebende von Vergewaltigungen haben. Mir ist außerdem bewusst geworden, welches Stigma den Überlebenden anhängt. Wieder und wieder haben Leute angedeutet, dass der Tod vielleicht doch besser gewesen wäre, als der Verlust dieser so wertvollen „Jungfräulichkeit“.

Ich weise das zurück. Mein Leben ist viel zu wertvoll.

Ich habe für mein Leben gekämpft und gewonnen. Keine noch so negative Reaktion hindert mich daran, dies als positiv zu empfinden. Vergewaltigt zu werden war so schrecklich, dass ich es nicht auszudrücken vermag. Aber ich denke, dass ich am Leben bin, ist wichtiger.

Wenn einer Frau das Recht verwehrt wird, so zu empfinden, ist etwas sehr verkehrt in unserem Wertesystem.

Sohailas Bericht ist Teil der Projektserie „Freedom“ im Rahmen der Kampagne „The 50 Million Missing“, für das Ende der Gewalt gegen Frauen. KLICKEN SIE HIER, um weitere persönliche Lebensberichte anderer indischer Frauen und Männer in unserer Serie „Freedom“ zu lesen.

ZUR AUTORIN
Sohaila Abdulali ist eine in Indien geborene Journalistin, die derzeit in den USA lebt. Sie hat zum Thema „sexuelle Gewalt“ geforscht und darüber zahlreiche öffentliche Vorträge gehalten. Sie ist leitende Redakteurin des
Ubuntu Education Fund, einem international tätigen gemeinnützigen Verein (NGO), für Kinder in Südafrika. Ihre Website ist www.sohailaink.com.

ZUR ÜBERSETZERIN
Melanie Beaven wurde in Hamburg geboren und lebt seit 2004 in England. Sie hat verschiedene Übersetzungstätigkeiten ausgeführt, unter anderem auch Texte über das babylonische Justizsystem. Sie ist Diakonin in der Methodistischen Kirche in Großbritannien; ihre Interessensschwerpunkte sind Feministische Theologie und der interreligiöse Dialog.

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