Wenn Scheidung für eine #indische #Frau Freiheit statt Schande bedeutet

 

arth posterVon Mallika Sharma
Aus dem englischen
Original übersetzt von Jacqueline Knorr

„Arth“ heißt „Bedeutung“ und der Film, der sich um das Leben des Ehepaares Inder und Pooja dreht, versucht, die Bedeutung ihrer Ehe im Zusammenhang mit ihren individuellen Bedürfnissen und Persönlichkeiten zu untersuchen. Dieser Film aus dem Jahr 1982 von Regisseur Mahesh Bhatt ist wahscheinlich einer der wenigen indischen Filme, der einen solchen introspektiven Einblick in die Ehe und die Individuen, aus der sie besteht, wagt. Ich denke, es ist eines der besten Werke von Bhatt.

Der sich stetig abmühende Filmemacher Inder hat eine außereheliche Affäre mit der etablierten Schauspielerin Kavita. Inders Frau Pooja ist Hausfrau. Ein kleines Haus zu besitzen ist alles, was sie für ihren Mann und sich möchte. Sie bedrängt Inder, eine Möglichkeit zu finden, um aus der Mietwohnung ausziehen zu können. Die an Schizophrenie leidende Kavita ist launisch und unsicher und extrem besitzergreifend gegenüber Inder. Mit Kavitas Hilfe schafft es Inder, ein Haus für Pooja zu kaufen. Als Gegenleistung verspricht er Kavita, sich bald von seiner Frau scheiden zu lassen.Pooja jedoch wurde glaubhaft gemacht, dass Inder einen großen Filmauftrag an Land gezogen und mit dem Vorschuss das Haus anbezahlt habe. Sie ist überglücklich und begeistert und beginnt eifrig, ihr neues Zuhause einzurichten. Nachdem ihr Traum nach 7 langen Jahren wahr wird, hat sie endlich das Gefühl, angekommen zu sein und dass jetzt alles gut wird. Aber ihre Freude ist nur von kurzer Dauer, denn sie findet bald heraus, das Inder eine Affäre mit Kavita hat.

mass weddingPooja fleht Inder an, Kavita zu vergessen und verspricht ihm einen Neuanfang. Allerdings steckt Inder inzwischen knietief in einer Beziehung mit Kavita. Er schaltet für Poojas ergreifendes Flehen auf taube Ohren und läßt sie im Stich. Zum Abschied erteilt er ihr die Erlaubnis, im neuen Haus bleiben zu dürfen. Pooja verbringt einige Tage in Unglauben und Selbstverleugnung und kämpft hart, um sich mit der schmerzhaften Realität abzufinden. Nachdem sie die meiste Zeit ihres Lebens als Inders Schatten gelebt hat, kann sie sich nicht vorstellen, ohne seine Unterstützung zu leben. Schließlich reißt sie sich zusammen und zieht aus dem Haus aus. Von da an beginnt sie ihre Reise als eine unabhängige Frau, welches der Höhepunkt des Films ist.

Pooja findet einen Job und eine Unterkunft für sich und ist zum ersten Mal mit der „großen, bösen Welt“ konfrontiert. Irgendwann schafft sie es, Fuß zu fassen und lernt einen tollen Typen namens ‚Raj‘ kennen. Raj hilft Pooja mit seiner optimistischen Art und seinem heiteren Gemüt, sich langsam von den Leiden ihrer Ehe zu erholen. Gerade als Pooja in Bezug auf ihre Arbeit und ihre neu gewonnene Freundschaft mit Raj auf einem neuen Höhepunkt ihres Lebens ist, steht Inder mit den Scheidungspapieren vor der Türe. Dieser letzte Stoß befreit Pooja weiter und hilft ihr in ihrer neu gewonnenen Selbstständigkeit anzukommen. Schließlich wird Inder von Kavita verlassen. Hilflos und reuemütig geht er zu Pooja zurück und bittet um Vergebung. Pooja ist nicht mehr verbittert und sie braucht Inder nicht mehr. Was folgt, ist die wunderschöne und beispielhafte Darstellung von Würde, Überzeugung und mentaler Stärke einer Frau.

Indian-women-Bharat-India-Wallpaper- ProudPoojas erfolglose Ehe wird zum Sprungbrett für die Realisierung ihres „Selbst“. Sie nimmt ihre erschütternde Erfahrung als positiven Schritt und findet schließlich ihre eigene Identität. Sie lehnt den Heiratsantrag des sehr willigen Raj ab und überwindet damit alle Schranken weiblicher Machtlosigkeit.

Im Indien der 80er Jahre war Scheidung immer noch ein Tabu und wurde herablassend betrachtet. Unter dem sozialen Druck der Gesellschaft, ihre Ehe und die sogenannte „Familienehre“ intakt zu halten, mußten Frauen Belästigungen, Gewalt, Demütigung und vieles mehr ertragen. Viele Frauen hatten so wie Pooja untreue Ehemänner und blieben trotzdem in ihren Ehen, weil sie finanziell von ihren Ehemännern abhängig waren.

Sicherlich zerstört dieser bahnbrechende Film das Bild, dass eine Scheidung mit Schmach verbunden ist und ermutigt jede indische Frau, ihre Individualität zu schätzen und sie sich zu bewahren. Er legt auch die die Bedeutung der Eigenständigkeit von Frauen dar und macht ihnen Mut, auf eigenen Füßen zu stehen, so dass sie größere Wahl- und Handlungsfreiheit haben. Dieser Film ermutigt hoffentlich jede Pooja, mit ähnlichen Vorurteilen und Stereotypen zu brechen und die wahre „arth“ (Bedeutung) des Lebens zu entdecken, ohne jemals Gefühl zu haben, die Unterstützung eines Mannes zu benötigen.

© „The 50 Million Missing Campaign“. Alle Rechte vorbehalten. Bitte beachten Sie bei Weitergabe unsere Hinweise zum Copyright.

ZUR AUTORIN

Mallika Sharma hat einen Abschluss im Bereich Finanzen und Investitionen von der Universität Edinburgh in Schottland. Derzeit leitet sie das von ihrer Familie geführte Exportunternehmen. Sie ist begeisterte Reisende und unersättliche Leserin. Sie spielt Tennis und lernt Klavierspielen. Sie mag es, über viele Fragen aus einer geschlechtsspezifischen Perspektive zu schreiben. Sie blogt auf http://mallikasharma3489.blogspot.in/

ZUR ÜBERSETZERIN
Jacqueline Knorr ist vor 9 Jahen von Berlin in die Karibik ausgewandert und ist heute eine freischaffende Stewardess auf privaten Jachten in der Karibik und in Europa. Momentan ist sie unter anderem damit beschäftigt, ein schwimmendes Gästehaus auf St. Maarten zu bauen, um mit einem Teil des Profits das lokale Tierheim und andere Wohltätigkeitsorganisationen zu unterstützen.

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Warum das Ausmaß des Völkermords an Indiens Frauen mit Wohlstand und Bildung zunimmt

 

Foto: Divyesh Sejpal ©. Alle Rechte vorbehalten.

Aus dem englischen Original von Rita Banerji
übersetzt von Jacqueline Knorr

Der mit Abstand größte Mythos über den Völkermord
an Indiens Frauen ist, dass er das Ergebnis von Analphabetismus und Armut ist.

Die meisten Leute denken, wenn sie Schulen bauen, Menschen bilden, Mädchen ausbilden und Arbeitsplätze schaffen, dann werden die Menschen nicht ihre weiblichen Kleinkinder töten oder ihre Töchter durch geschlechtsselektive Abtreibung beseitigen.

DIE REALITÄT ZEIGT JEDOCH, DASS GENAU DAS GEGENTEIL DER FALL IST.

Wenn in Indien Reichtum in einen Haushalt, eine Gemeinde, ein Dorf oder ein Gebiet fließt und zusammen mit dem wirtschaftlichen Wohlstand weitere Annehmlichkeiten wie Schulen und Kliniken dazu kommen, dann sieht man einen gleichzeitigen Rückgang des Frauenanteils innerhalb dieses speziellen Haushalts, der Gemeinde, des Dorfs oder des Gebiets!  „Wirtschaftlicher Erfolg scheint den Wunsch nach einem Sohn  auch an Orten zu verbreiten, die einmal neutral zum Geschlecht ihrer Kinder standen“  beobachtet die indische Demographin Alaka Basu.

Mit anderen Worten: Je mehr Wohlstand und Bildung es gibt, desto ausgeprägter ist der weibliche Genderzid! Das ist eine Beobachtung, die einzelne Forscher und Sozialwissenschaftler in Indien gemacht haben, die bis jetzt aber völlig ignoriert wurde.

Allerdings zeigen die jüngsten Daten von Indiens Volkszählung in 2011 und eine unabhängige Studie, welche in der bekannten medizinischen Fachzeitschrift Lancet ebenfalls im Jahr 2011 veröffentlicht wurde, und die auf einer auf Masse angelegten Datenerhebung und-analyse basierte, das oben erwähnte Muster so deutlich, dass es unmöglich ignoriert werden kann.

Indiens Volkszählung von 2011 zeigt, dass es die höchste Anzahl Eliminierungen von Mädchen durch Geschlechtsselektion und Kindstötung nicht in den ärmsten Gegenden Indiens, sondern in den reichsten Bundesstaaten, wie in Punjab und Haryana, und in den wohlhabendsten Städten wie Delhi und Chandigarh gibt. Auch hier sieht man wieder das Muster von Analphabetismus und Bildung.

Die Staaten mit der höheren Alphabetisierungsrate, wie Maharashtra und Gujarat, haben ein maroderes Geschlechterverhältnis als die Staaten mit den schlimmsten Alphabetisierungsniveaus wie Uttar Pradesh und Bihar.

Außerdem tendieren ländliche Gebiete in Indien, die in den Bereichen Bildung und Entwicklung weit hinter den städtischen Gebieten zurückbleiben, dazu, ein besseres Geschlechterverhältnis als die städtischen Gebiete zu haben.

Zudem hatten die 150 Bezirke Indiens, die offiziell von der Regierung als „am wenigsten entwickelt “ eingestuft wurden, weit bessere Geschlechterverhältnisse als die anderen, vergleichsweise stärker entwickelten Bezirke. Im Jahr 2001 gaben die Daten der Bezirksspiegel an, dass die meisten gebildeten Bezirke mit dem größten Zugang zu Technologie ein schlechteres Geschlechterverhältnis als die Bezirke mit den niedrigsten Alphabetisierungsniveaus hatten. Dieser Trend wurde in der Volkszählung von 2011 noch offensichtlicher. Während z.B. im Gebiet von Uttar Pradesh die 10 Bezirke mit dem höchsten Alphabetisierungsniveau bei Kindern ein Geschlechterverhältnis von 887 Mädchen zu 1.000 Jungen hatten, gab es in den 10 Bezirken mit dem niedrigsten Alphabetisierungsniveau ein Geschlechterverhältnis von 937 Mädchen zu 1.000 Jungen, ein Unterschied von 50 Frauen pro 1.000 Männer . Die selben Trends herrschten in anderen Bezirken: Gujarat, Rajasthan, Bihar, Haryana und West Bengalen.

Die ausgedehnte Studie von 2011​​, die von Prabhat Jha geleitet und im Lancet veröffentlicht wurde, zeigte, dass in den letzten zwei Jahrzehnten die drastischste Verschlimmerung bei den Geschlechterverhältnissen in Indien innerhalb der 20% der Bevölkerung stattfand, die zu den reichsten und gebildetsten Gebieten gehören

Während im Jahr 1991 das Verhältnis der Geschlechter bei zweitgeborenen Kindern, bei dem das erstgeborene ein Mädchen ist, noch bei etwa 850 Mädchen auf 1.000 Jungen bei den reichsten 20% Indiens lag, war dieses Verhältnis bis 2011 auf 750 gesunken und lag in Familien, in denen Frauen eine Bildung von 10 Jahren oder mehr hatten, mit 700 sogar noch niedriger. Vergleichsweise zeigen die ärmsten 20 % der Bevölkerung des Landes, der Schicht, in der die Frauen ungebildet und Analphabeten sind, das beste Geschlechterverhältnis. Im Durchschnitt gab es entweder keine Veränderung in den letzten 2 Jahrzehnten oder in manchen Fällen scheinbar sogar eine Verbesserung des Geschlechterverhältnisses im Zensus 2011 gegenüber den Daten aus dem Jahr 1991.

Würden Bildung und Einkommen von Frauen etwas verändern? Leider nicht! Diese Studie zeigt auch, dass in Haushalten, in denen Frauen eine bessere Bildung und ein höheres Einkommen haben, mit großer Wahrscheinlichkeit die weitaus höhere Bereitschaft besteht, ihre Töchter durch Geschlechtsselektion loszuwerden als in ärmeren Familien, in denen Frauen keine Ausbildung haben, vor allem dann, wenn sie bereits ein Mädchen haben.

Es ist wichtig anzumerken, dass es nicht die Frauen sind, die die Entscheidungen treffen, die Töchter loszuwerden, sondern die Familien! Frauen werden oft geschlagen und gewaltsam zu diesen Abtreibungen gezwungen. Auch die Tötung von neugeborenen Mädchen ist oft nicht die Entscheidung der Mutter, sondern die der Familie.

Weiterhin stellte sich heraus, dass wenn der Wohlstand in der Nachbarschaft oder im Staat steigt, mitgiftbedingte Gewalt und Tötungen ebenfalls ansteigen.

Verstehen Sie mich diesbezüglich bitte nicht falsch! Ich plädiere hier nicht gegen Bildung oder gegen kommunale Entwicklung. Ich glaube im Gegenteil, dass Allgemeinbildung und ein grundlegend zivilisierter Lebensstandard für die Mehrheit – beides Dinge, bei denen Indien so hoffnungslos versagt hat – ausschlaggebend für die Entwicklung Indiens hin zu einer modernen Demokratie sind.

Das Problem, das ich hier auf den Punkt zu bringen versuche, ist das Problem der öffentlichen Wahrnehmung der Ursachen von Indiens weiblichem Genozid. Und das Fazit ist, dass Bildung und Wirtschaft selbst nicht die Lösung sind, weil Armut und Analphabetismus nicht die Ursachen für den weiblichen Genozid sind! 

Das Foto oben, das von einem kleinen Mädchen, welches über ihre Schiefertafel gebeugt ist, ruft sofort eine positive Reaktion in uns hervor, weil es für uns symbolisch Unabhängigkeit, Entscheidungsfreiheit und Fortschritt repräsentiert. Die Realität ist allerdings: Bildung und Geld sind mächtige Werkzeuge, aber obwohl wir sie den Menschen geben und hoffen, dass sie es für eine konstruktive Änderung einsetzen, können wir nicht bestimmen, wie Individuen und Gemeinschaften letztlich ENTSCHEIDEN, sie zu nutzen. Im Zusammenhang mit dem Völkermord an Indiens Frauen wurden diese Werkzeuge äußerst destruktiv eingesetzt. Warum ?

  1. Geld und Bildung erhöhen das Wissen über und den Zugang zu verschiedenen Mitteln und neuen Technologien, um potenzielle Töchter zu beseitigen. Hinzu kommt, dass  Menschen, die mehr Geld und Bildung besitzen, das System viel besser verstehen und wissen, wie sie es umgehen können. Sie haben auch die Mittel und Kontakte, um die Polizei und Regierungsbeamte zu bestechen, um mit jeder Art von Verbrechen, sei es Tötung weiblicher Föten, eines weiblichen Säuglings oder der Mord an einer Frau der Mitgift wegen, durchzukommen. Haben Sie sich jemals gefragt, warum die Menschen, die für Mitgiftmorde und weibliche Kindestötung im Gefängnis sitzen, immer die Armen sind?

  2. Je besser eine Familie wirtschaftlich gestellt ist und je mehr Bildung sie ihrer Tochter mitgibt, desto höher ist die Summe, die bei der Hochzeit als Mitgift von der Familie der Braut zu zahlen erwartet wird. Von daher ist die soziale „Strafe“ der Mitgift  weit höher, wenn die Tochter einen Universitätsabschluss bekommt und arbeitet, als wenn sie einfach nur Abitur hat. Weil wohlhabendere Familien das Gefühl haben, eine höhere Mitgift zahlen zu müssen, ist auch ihre Motivation größer, Töchter früh los zu werden. Umgekehrt betrachtet, warum sollte eine gebildete Mittelklasse-Familie überhaupt Mitgift für ihre Tochter zahlen wollen, wenn diese sich gut selbst erhalten könnte? Weil die Familie glaubt, dass wenn die Tochter verheiratet ist und Mitgift bekommen hat, sie ihr keine weiteren Besitztümer geben müssen und somit alles an den Sohn gehen kann!

  3. Je besser eine Familie situiert ist und je gebildeter ihr Sohn ist, desto größer ist der Betrag, den die Familie als Mitgift für ihren Sohn erwartet. In der Tat erhöht jeder Bildungs- oder Berufsabschluss (als Anwalt, Ingenieur oder Arzt ) des Sohnes erheblich den Reichtum, den er durch die Mitgift in die Familie bringt. Oft ist die Forderung der Mitgift fast zehnmal höher als das Jahresgehalt des Bräutigams – es ist der Familien-Jackpot! 

Somit ist die Realität über weiblichen Völkermord, mit der wir uns auseinandersetzen müssen, wenn wir eine effektive Lösung finden wollen, folgende: Beim weiblichen Genozid geht es nicht Armut oder Analphabetismus. Weiblicher Genozid ist Ausübung von Macht und Kraft, so wie es alle Völkermorde sind. Es geht hier um die soziale und strafrechtliche Verfolgung einer Zielgruppe, bestehend aus den Mächtigen – wie bei allen Völkermorden. Die Gründe für den weiblichen Genozid und die Lösungen um diesen zu beenden, sind nicht anders, als für den Völkermord an irgendeiner anderen Gruppe Menschen!

© „The 50 Million Missing Campaign“. Alle Rechte vorbehalten. Bitte beachten Sie bei Weitergabe unsere Hinweise zum Copyright.

ZUR AUTORIN
rita.banerji.photoRita Banerji ist Autorin, Frauenrechtsaktivistin und Begründerin der „The 50 Million Missing Campaign“, einer Kampagne zur Beendung des Völkermords am weiblichen Geschlecht in Indien. Ihr Buch „Sex and Power: Defining History Shaping Societies ist ein historischer und gesellschaftlicher Blick darauf, wie die Beziehung von Geschlecht und Macht in Indien zum anhaltenden weiblichen Genderzid führte. Ihre Webseite ist zu finden unter www.ritabanerji.com. Sie bloggt auf Revolutions in my Space und twittert auf @Rita_Banerji

ZUM FOTOGRAFEN
Divyesh Sejpal ist preisgekrönter Fotograf und Mitglied der
The 50 Million Missing Campaign’s Photographers’ Group, die weltweit von mehr als 2300 Fotografen unterstützt wird. Um weitere seiner Arbeiten zu sehen, klicken Sie hier.

ZUR ÜBERSETZERIN
Jacqueline Knorr ist vor 9 Jahen von Berlin in die Karibik ausgewandert und ist heute eine freischaffende Stewardess auf privaten Jachten in der Karibik und in Europa. Momentan ist sie unter anderem damit beschäftigt, ein schwimmendes Gästehaus auf St. Maarten zu bauen, um mit einem Teil des Profits das lokale Tierheim und andere Wohltätigkeitsorganisationen zu unterstützen.

Todesstrafe für die Gruppenvergewaltiger von Delhi – unvollständige Gerechtigkeit?

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Die vier Verurteilten

Aus dem englischen Original übersetzt von Jacqueline Knorr

Neun Monate nach der brutalen Vergewaltigung und Körperverletzung einer Universitätsstudentin in einem Bus in Delhi ist am 10. September 2013 ein indisches Gericht zu einem Schuldspruch gelangt. Es entschied, dass vier der sechs beteiligten Männer der Vergewaltigung und des Mordes schuldig sind und bekräftigte, dass es deren Vorsatz war, das Opfer zu töten. Das Gericht wies darauf hin, dass das Malträtieren ihres Körpers mit einer Eisenstange, der Rauswurf aus einem fahrenden Bus und der Versuch, sie zu überfahren, eine Tötungsabsicht darstellt.

Das Gericht hat die vier Männer am 13. September nach indischem Gesetz, welches die Todesstrafe in „den seltensten der seltenen Fälle“ erlaubt, zum Tode verurteilt.  Ein weiterer beteiligter Mann, derjenige, der die Eisenstange benutzt hatte und der brutalste der Bande war, wurde als Jugendlicher eingestuft und bekam dem indischen Recht entsprechend eine milde Strafe von dreu Jahren in einer Besserungsanstalt. Der sechste Mann, der im Gefängnis verstorben war, hatte augenscheinlich Selbstmord begangen. 

Dennoch bleiben Fragen offen. Und da sich dieser Fall von den unteren zu den oberen Gerichtshöfen bewegt, hoffen wir, dass die Öffentlichkeit und die Medien nach Antworten auf die unten aufgeführten, unbeantworteten Fragen drängen werden. 

Die Antworten auf diese Fragen sind aus zwei Gründen sehr wichtig:

1) Um sicherzustellen, dass dem Opfer volle Gerechtigkeit wiederfährt. Das bedeutet, dass alle, die von der Zeit des Vorfalls bis zum Zeitpunkt ihres Todes beteiligt waren, rechtlich für ihre Rolle zur Verantwortung gezogen werden.

2) Um sicherzustellen, dass dieser Fall wirklich ein Wendepunkt für eine größere Veränderung ist, die die sozialen, politischen, Straf-, Rechts- und Justizsysteme aufrüttelt, welche die eskalierende Gewalt gegen Frauen in Indien nicht nur tolerieren, sondern sie auch durch ungezügelte Frauenfeindlichkeit, Apathie und Korruption aufrechterhalten.

HIER SIND DIE FRAGEN:

1) ROLLE DER POLIZEI: Der männliche Freund des Opfers, der auch zusammen geschlagen wurde und der der einzige überlebende Augenzeuge in diesem Fall ist, hatte in späteren Interviews darüber berichtet, dass die Polizei 45 Minuten nach dem Hilferuf am Tatort eintraf. Er erzählte, dass die Polizeibeamten längere Zeit herumstanden und untereinander darüber diskutierten, welcher Bezirk für diesen Fall zuständig sei, während das Opfer auf der Straße lag und verblutete! Die Polizei hat dies unverfroren geleugnet. Wenn das Gericht die Aussage des Überlebenden bezüglich der Angeklagten akzeptiert, sollte es dann nicht auch seine Aussage über die Polizei akzeptieren? Ist es rechtlich nicht relevant, festzustellen, warum die Polizei die Zeugenaussage zurückgewiesen hat, warum die Beamten beim Anblick des Zustandes des Opfers nicht sofort einen Krankenwagen gerufen hat und warum das Opfer nicht in das am Nächsten gelegene Krankenhaus gebracht wurde? Hat diese Verzögerung eine Rolle hinsichtlich des Blutverlusts des Opfers und der Verschlechterung ihres Zustandes gespielt und hätte entsprechendes Handeln ihre Überlebenschancen beeinflusst?

2)  ROLLE DES KRANKENHAUSES: Im Krankenhaus wurden das Opfer und ihr Freund auf dem Boden des Krankenhauses abgeladen, wo sie lange ohne Kleidung lagen, blutend und der Kälte ausgeliefert, bevor sie medizinische Hilfe erhielten. Man gab ihnen noch nicht einmal eine Decke, mit der sie sich hätten zudecken können. Hat diese Verzögerung eine Rolle hinsichtlich des Blutverlusts des Opfers und der Verschlechterung ihres Zustandes gespielt und hätte entsprechendes Handeln ihre Überlebenschancen beeinflusst?

3) ROLLE DER POLITIK: Nachdem das Opfer operiert und stabilisiert worden war und gerade erst in der Lage war zu kommunizieren, wurde sie einer aufreibenden Polizeivernehmung ausgesetzt – zweimal! Beide Vernehmungen waren nahezu identisch und anscheinend wurde diese Doppelbefragung von einem Ego-Zusammenstoß zwischen verschiedenen Büros verursacht. Warum wurde das Opfer in ihrem kritischen Zustand dazu gebracht, ihre Aussage zu wiederholen, wenn doch eine Aussage ausgereicht hätte? Welche Auswirkungen auf ihren Zustand hatte diese Art Stress, der ihr so kaltschnäuzig auferlegt wurde?

4) ROLLE DER REGIERUNG: Das Opfer wurde gegen den Rat der Ärzte, die sie von Anfang an betreut hatten, in ein Krankenenhaus in Singapur verlegt. Reisen, vor allem Flugreisen, waren für jemanden in ihrem Zustand nicht anzuraten. Es wurde uns gesagt, dass dies nicht von ihren Ärzten entschieden worden war, sondern durch Regierungsbeamte. Warum war sich über den Rat des Ärzteteams, das sie ursprünglich stabilisiert hatte, hinweggesetzt worden? Wer sind die Behörden und Beamten, die direkt an dieser Entscheidung beteiligt waren und warum haben sie diese Entscheidung getroffen? Die Familie des Opfers ist arm und nicht gebildet und musste sich mit dem abfinden, was man ihnen erzählte. Was genau wurde der Familie gesagt? Hätte das Opfer eine wohlhabende Familie gehabt, die sich private Ärzte, starke Anwälte und Rechtsberater hätte leisten können, was wäre unter den gleichen Umständen geschehen?

5)  ROLLE DER KORRUPTION: Warum war der Angeklagte Ram Singh, der im Gefängnis scheinbar Selbstmord begangen hat, nicht in Einzelhaft unter Selbstmordbeobachtung verwahrt worden? Ram Singh hatte einen vorausgehenden kriminellen HintergrundEr hatte offenbar eine Frau belästigt und sie gezwungen, ihn zu  heiraten. Diese Frau wurde dann unter ungeklärten Umständen innerhalb eines Jahres umgebracht. Wie stehen die Chancen, dass ein solcher Soziopath Selbstmord begeht? Könnte Ram Singh ermordet worden sein, wie es seine Anwälte behauptet haben, weil er Informationen preisgeben wollte, die verschwiegen werden mussten? Wie konnte ein Mann mit einem solchen kriminellen Hintergrund eingestellt werden um diesen Bus zu fahren, der offenbar auch Schulkinder transportierte? Der Bus wurde mit Zulassungen betrieben, die illegal durch Transportbeamte ausgestellt worden waren und die Papiere für den Bus sind angeblich „verloren gegangen“? Wer war an der Vergabe der illegalen Lizenzen für diese Busse beteiligt?  Ist es nicht anhand des Musters dieses Angriffs, der Art und Weise wie das Paar in den Bus gelockt und dann angegriffen wurde, wahrscheinlich, dass in diesen Bus, wie vielleicht in viele weitere illegal betriebene Busse in der Stadt, bereits andere ahnungslose Frauen ähnlich gelockt und dann überfallen wurden? Aufgrund der kulturellen Barriere, des „Klassenschweigens“, ist es höchst unwahrscheinlich, dass betroffene Frauen, besonders wenn sie eine Hochschulausbildung haben, aus der Mittelklasse stammen und/oder arbeiten, solche Angriffe melden würden. Bei dem jüngsten Massenvergewaltigungsangriff auf eine Foto-Journalistin in Mumbai ist ganz klar, dass die „Bande“ es auch auf andere Frauen abgesehen hatte. Hätte Ram Singh im Delhi-Fall eine Aussage machen können, die dies bestätigt hätte? In welchem Rahmen waren der Polizei und den Betreibern des Busses diese Informationen bekannt?

5) ROLLE DER GERICHTE: Dieser Prozess zog sich trotz eines Schnellverfahrens über 9 Monate hin, bevor es zu einer Verurteilung kam und ein Urteil gesprochen wurde. Das war schon „schneller“ als die meisten Fälle in Indien, die sich über Jahre hinziehen. Einer der Gründe war die massive Mobilisierung der Öffentlichkeit sowie der nationalen und internationalen Medien, die ununterbrochen den Druck auf die Weiterführung dieses Falles aufrecht erhielten. Trotzdem können die indischen Gerichte schneller handeln! Dies wird zum Beispiel am Fall der Schweizer Touristin, die Mitte März in Indien vergewaltigt worden war, deutlich. In der Dunkelheit des Waldes, wo der Angriff Mitten in der Nacht geschah, konnte sie ummöglich die Gesichter ihrer Peiniger gesehen haben. Aber es wurden nicht nur alle Angreifer verfolgt und verhaftet, sie wurden auch innerhalb von nur 4 Monaten zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Warum also hat es im Delhi-Fall trotz Zeugenaussagen und Identifizierung der Vergewaltiger durch die beiden Opfer länger gedauert?

© „The 50 Million Missing Campaign“. Alle Rechte vorbehalten. Bitte beachten Sie bei Weitergabe unsere Hinweise zum Copyright.

ZUR ÜBERSETZERIN

Jacqueline Knorr ist vor 9 Jahen von Berlin in die Karibik ausgewandert und ist heute eine freischaffende Stewardess auf privaten Jachten in der Karibik und in Europa. Momentan ist sie unter anderem damit beschäftigt, ein schwimmendes Gästehaus auf St. Maarten zu bauen, um mit einem Teil des Profits das lokale Tierheim und andere Wohltätigkeitsorganisationen zu unterstützen.

Husband Eaters! Das Schicksal von Indiens Witwen

Aus dem englischen Original übersetzt von Jacqueline Knorr

Um die Online-Fotoausstellung zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild. Copyright Claude Renault© .

Was bedeutet es, in einem Land, in dem Millionen von Frauen ihr Leben durch Kindstötungen, Frauen- , Mitgift- oder „Ehren-„Morde verlieren, eine Frau zu sein, die ihren Ehemann überlebt hat (genannt auch Husband Eater = Ehemännerfresser). Was bedeutet es, eine Witwe in Indien zu sein?

Die Stadt Vrindavan in Nordindien wird manchmal als „Stadt der Witwen“ bezeichnet, weil sie Tausende von Witwen beherbergt, die aus ganz Indien hergezogen sind. Es folgt ein Auszug aus einem Artikel von Neha Dixit, in dem sie eine herzzerreißende Beschreibung davon gibt, wie das Leben für die Witwen in Vrindavan ist.
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