Ist die kulturelle Voreingenommenheit indischer Feministinnen mitschuldig an der Vernichtung von Indiens Frauen?

von Rita Banerji

Aus dem englischen Original übersetzt
von Alexander Ohnmeiß

[Die zitierten Textstellen sind Auszüge aus Rita Banerjis Artikel „Why Kali Won’t Rage: A Critique of Indian Feminism“  (Warum sich Kali nicht erzürnt: Eine kritische Abhandlung zur indischen Frauenbewegung), herausgebracht im „Gender Forum“, Ausgabe 38, 2012.]

Innerhalb von drei Generationen hat Indien systematisch und gezielt mehr als 50 Millionen Frauen seiner Bevölkerung vernichtet – diese Zahl entspricht in etwa der Bevölkerung von Schweden, Österreich, der Schweiz, Belgien und Portugal zusammen (Banerji, Female Genocide). In 20 Jahren wird Indien 20 % des Frauenanteils seiner Gesamtbevölkerung vernichtet haben (Sinha K., In 20 Years). Diese werden bis dahin den immer weiter um sich greifenden Tötungspraktiken zum Opfer gefallen sein: selektive Abtreibung weiblicher Föten, Tötung weiblicher Nachkommen durch die eigenen Eltern, Tötung der unter 5-jährigen Mädchen durch vorsätzliche Vernachlässigung, Brautgeldmorde, „Ehren“-Morde und die fahrlässige Gefährdung von Frauenleben durch vielfache und erzwungene Abtreibungen weiblicher Föten.


Warum hat all dies noch keine offene Rebellion von Indiens Frauenrechtsbewegung verursacht? Und warum steht der Völkermord an Indiens Frauen und Mädchen nicht auf der Tagesordnung globaler Frauen- oder Menschenrechtsbewegungen?

Banerji behauptet, Indiens eigene feministische Bewegung sei verantwortlich für die Entpolitisierung der Unterdrückung der Frauen in Indien. Sie erklärt außerdem, dass die weltweit bekannten indischen Feministinnen, die an der Spitze von Indiens Frauenbewegung stehen, der Weltöffentlichkeit gegenüber darauf bestehen, dass die Lage der Frauen in Indien nicht wie in westlichen Kulturkreisen als Machtkampf mit politischem Hintergrund ausgelegt werden könne, sondern als Teil und im Kontext von Indiens Kultur akzeptiert und behandelt werden müsse.

Als Beispiel führt Banerji Chitnis an, die Direktorin des wichtigsten Programms für Frauenstudien in Indien, dem „Center of Women’s Studies“ am Tata Institut für Sozialwissenschaften. Warum glaubt Chitnis, dass sich die politische Perspektive der westlichen Frauenbewegung im Hinblick auf Frauenrechte und -unterdrückung nicht auch auf die Lage der Frauen in Indien übertragen lässt?

In „Feminism in India“, einer „Sammlung der einflussreichsten Schriftstücke mit Bezug auf das Konzept der Frauenrechtsbewegung in Indien“ (Chaudhuri 1), beschreibt Suma Chitnis wie ihr bei der Teilnahme an einem internationalen Seminar zum Thema Geschlechterrollen in Kanada plötzlich bewusst wurde, dass während die Frauenrechtlerinnen aus westlichen Kulturkreisen eine „zornige Tirade“ gegen die Patriarchate in ihren jeweiligen Ländern anstimmten, sie selbst einen solchen Zorn gegen das Patriarchat in ihrem eigenen Land nicht empfinden konnte. Weiter beschreibt sie, wie Indiens Frauen im Allgemeinen „Missbilligung für den [westlichen] feministischen Zorn“ empfänden und „Verwirrung ob der [westlich] feministischen Fixierung auf das Patriarchat […] insbesondere auf Männer als hauptverantwortliche Unterdrücker“ (Chitnis 8-10).

Chitnis sinniert, möglicherweise hätten Geschichte und Kultur einen Anteil daran, dass „die Belange der Frauen in Indien andere sind, als die der Frauen im Westen“. Sie erinnert daran, dass Indien geschichtlich „immer [eine] in hohem Maße hierarchisch[e Gesellschaft]“ gewesen sei und dass diese Hierarchien durch Gebräuche und soziale Verhaltensregeln aufrecht erhalten wurden. Sie bemerkt weiterhin, dass im Gegensatz zum Westen, wo größter Wert auf Individualität und persönliche Freiheit gelegt würde, die Inder Werte wie Unterwürfigkeit,  „Selbstaufgabe“ und „die Spiritualisierung des Selbst“ schätzten. Mit anderen Worten: Indiens Gesellschaft sei in soziologischer wie in psychologischer Hinsicht angepasst an die Idee einer Ordnung durch soziale Schichten. Und das, was einem Außenstehenden als eine Geschlechterhierarchie erscheine, würde von Indern ganz einfach als Beachtung der Kultur angesehen. Zudem sei das, was von westlichen Beobachtern als Aufgabe der eigenen Individualität betrachtet werden könne, für indische Frauen vielmehr eine Priorisierung der Familie und Gemeinschaft gegenüber dem Individuum. Insofern sähen sie es als eine bewusste Entscheidung zugunsten des Allgemeinwohls.

Chitnis rechtfertigt diese Sichtweise der indischen Frauenbewegung, indem sie anführt, dass die indische Verfassung im Zuge der Unabhängigkeitserklärung „Frauen eine vollständige politische Gleichstellung mit Männern einräumte. [Und] deshalb indische Frauen nicht das gleiche Unrecht hätten ertragen müssen, unter dem Frauen im Westen wegen der […] Diskrepanz zwischen politischen Idealen und der Realität leiden mussten. Sie behauptet, seit der Unabhängigkeit im Jahr 1947 hätte die indische Regierung durch ihre Serie von Fünf-Jahres-Plänen für „das Wohlergehen der Frauen“ gesorgt – und zwar in solchem Maße, dass in einem Vergleich mit anderen Ländern, Indien bezüglich der gesetzlichen Bestimmungen zugunsten der Frauen „voraussichtlich als eines der fortschrittlichsten Länder hervorgehen würde“. Chitnis empfindet dies als einen der Hauptgründe weshalb indische Frauen nicht so aufgebracht sind, wie ihre westlichen Pendants. Abschließend schreibt sie, dass indische Frauen „die gesetzlichen Absicherungen und Einrichtungen für Chancengleichheit sähen, die für sie im Prinzip schon zugänglich seien und für die [von der westlichen Frauenbewegung] noch gekämpft werde“. (Chitnis 9, 11, 17).

Banerji zitiert außerdem Madhu Kishwar, die Herausgeberin und Gründerin des „Manushi“. Dieses Journal ist international anerkannt als Indiens führende „Feministen“-Publikation, welche für sich den Anspruch formuliert, Fragen „in Bezug auf Frauen und Gesellschaft“ zu behandeln.

Madhu Kishwar bestätigt in derselben Textsammlung (“Feminism in India”) Chitnis Ansicht und fügt hinzu, dass „der Idee von Rechten und Würde der Frau […] in Indien eine viel längere Geschichte individueller Selbstbestimmung der Frauen zu Grunde liegt [als im Westen]. Dies glaubt sie, werde bewiesen durch Indiens Traditionen in der Verehrung von Göttinnen, in der die “Shakti” oder Kraft anerkannt werde als Verkörperung des Weiblichen. Kishwar ist sicher, dass dies in Wirklichkeit „die indische Gesellschaft weitaus aufnahmefähiger macht für die Selbstbehauptung und die Stärken der Frauen, als es westliche Gesellschaften sind. Dies, argumentiert sie, sei auch der Grund dafür, dass in Indien – anders als im Westen – Männer eine historische Rolle in der Frauenrechtsbewegung spielten. Sie führt an, dass während der britischen Kolonialzeit Männer sogar eine Vorreiterstellung übernommen hätten bei der Abschaffung von Praktiken wie der Sati (Witwenverbrennung) sowie bei der Einführung von Gesetzen, die Witwen eine Wiederverheiratung ermöglichten. Kishwar kommt zu dem Schluss, dass Indiens Männer durch die traditionelle Göttinnenverehrung der Vorstellung von Frauen in Machtpositionen gegenüber sozial eingestellt seien. Dies sei eine der Hauptursachen dafür, dass die Frauenbewegung in Indien „anders als im Westen, wo den Frauen in ihrem Vorhaben Gleichberechtigung zu erreichen von den meisten politisch aktiven Männern erbitterte Feindseligkeit entgegen gebracht wurde, keinen Beigeschmack eines Geschlechterkrieges erfahren hätte (35-36).

Banerji weist darauf hin, dass diese Ansichten zur geschlechtsspezifischen Machtverteilung, die unter den führenden Feministinnen in Indien herrschen, nicht nur politisch inkorrekt sind, sondern auch extrem unrealistisch. Vor allem wenn man die zugrundeliegenden Fakten bedenkt, die sich aus dem anhaltenden Völkermord am weiblichen Geschlecht in Indien ergeben. Sie sagt:

Ungeachtet der Gesetze, der Verfassung, Göttinenverehrung und männlicher Feministen – die alltägliche Realität für Frauen in Indien ist ein Skandal! Während Indien astronomischen Wachstum in Industrie und Wohlstand erfahren hat und nun im Begriff ist, sich zur weltweit drittgrößten Wirtschaftsmacht aufzuschwingen (Sinha, P.), ist die Lage für die indischen Frauen als Bevölkerungsschicht, die theoretisch gesehen die Hälfte der Nation ausmacht, erschreckend rückschrittlich.

2010 veröffentlichte das Weltwirtschaftsforum seinen Global Gender Gap Report. Dort war Indien auf Rang 112 von insgesamt 134 Ländern zu finden (Murti). Der Bericht bewertete den unterschiedlichen Zugang von Männer und Frauen zu wirtschaftlichen Mitteln und Möglichkeiten in den einzelnen Ländern. Dabei wurden wirtschaftliche Gegebenheiten, Ausbildung, politische Teilnahme, Gesundheit und Überlebensrate als Faktoren berücksichtigt. Ordnet man die Länder ihrer Reihenfolge entsprechend nach den Faktoren „wirtschaftliche Beteiligung“ und „Jobmöglichkeiten für Frauen“, findet man Indien auf Platz 128 – nur 6 Nationen sind schlechter platziert. Selbst in Indiens florierendem Unternehmenssektor, der professionellen Schicht mit hoher Ausbildung, liegt das jährliche Durchschnittseinkommen für Frauen mit 1.185 US-Dollar bei weniger als einem Drittel des Durchschnittseinkommens für Männer, welches bei 3.698 US-Dollar liegt (Nagrajan). Indien weist darüber hinaus eine der höchsten Analphabeten-Raten weltweit unter der weiblichen Bevölkerung auf und 2006 waren nach Schätzung der Weltbank über 50 Prozent von Indiens über 15-jährigen Mädchen und Frauen nicht des Lesens und Schreibens mächtig (Business Standard). Allerdings ist auch diese Zahl noch irreführend, da „zur Bewertung von effektiver Lese- und Schreibfähigkeit in Indien auch jede, die ihren eigenen Namen schreiben kann, zählt – [ wenn also] […] Sita die vier Buchstaben ihres Namens lesen und schreiben kann [zählt sie] […] zur Kategorie der des Lesens und Schreibens Fähigen“ (Bhaskar). An die 50% Prozent aller Mädchen in Indien werden vor ihrem 18. Lebensjahr von ihren Familien verheiratet und so steuert Indien ganz allein ein Drittel aller Kindsbräute der Welt bei (Sinha K., UNGA).

Banerji macht in ihrem Artikel weiterhin deutlich, dass es entscheidend sei, dass die indische Frauenbewegung die Realität der Frauenfeindlichkeit akzeptiere, die sich für die fehlende Gleichberechtigung und Unterdrückung der Frauen und Mädchen in Indiens Gesellschaft verantwortlich zeichne. Und dass diese Frauenfeindlichkeit die primäre Ursache für die gezielte Massenvernichtung von Frauen in Indien sei. Sie führt weiterhin an, wie bei allen Fällen von Genozid habe auch dieser Genozid an den Frauen Indiens seine Wurzeln in einem irrationalen, kulturbedingten Hass gegen eine ausgemachte Zielgruppe, und dies müsse anerkannt werden.

Es ist nun vielfach erwiesen, dass diese existentielle Ungleichheit, der Indiens Frauen begegnen, von ungezügeltem Frauenhass angefacht wird. Einem Frauenhass, der den Frauen nicht nur einen ebenbürtigen Lebensstil verwehrt, sondern ihnen auch das grundlegendste aller Menschenrechte verwehrt – das Recht zu leben. Eine in 2001 durchgeführte globale Umfrage der Thomson Reuters Stiftung identifiziert Indien als weltweit viertgefährlichstes Land für Frauen (Chowdhury)….

Dies kennzeichnet einen Frauenhass, der selbst vor Kleinkindern und Mädchen nicht Halt macht. Ein Bericht der UNICEF aus dem Jahr 2007 wies eine unnatürlich hohe Sterblichkeitsrate bei Mädchen unter 5 Jahren auf, ungefähr 40% höher als bei Jungen im gleichen Alter. Dies ließ sich zurückführen auf vorsätzliche Vernachlässigung und böswillige Verweigerung von Nahrung und Medikamenten, gleichzusetzen mit fahrlässiger Tötung (UNICEF 12).

Eine in 2011 vom „Indian Council of Medical Research“ und der „Harvard School of Public Health“ initiierte Studie ergab, dass in Indien Mädchen unter 5 Jahren mit einer um 21 % höheren Wahrscheinlichkeit den Tod fanden als Jungen im gleichen Alter und dass weibliche Kleinkinder im Alter von einem Jahr oder jünger sogar mit einer um 50 % höheren Wahrscheinlichkeit starben als männliche Kleinkinder der gleichen Altersgruppe. Die Ursache für diese hohen Sterblichkeitsraten waren gewalttätige Übergriffe in ihrem eigenen Zuhause.

Der Schätzung dieses Berichts zufolge sind in den letzten zwei Jahrzehnten mehr als 1,8 Millionen Mädchen unter 6 Jahren durch häusliche Gewalt ums Leben gekommen. Der Leiter der Forschungen, Jay Silverman, sagte: „Wenn du als Mädchen in eine Familie in Indien hineingeboren wirst, in der deiner Mutter Gewalt angetan wird, stehen deine Chancen, deine frühe Kindheit zu überleben, bedeutend schlechter. Erschreckenderweise stellt diese häusliche Gewalt keine Gefahr für dein Leben dar, wenn du das Glück hast, als Junge geboren worden zu sein..“ (Sinha K., Violence at Home).

ZUR AUTORIN

Rita Banerji ist Autorin, Frauenrechtsaktivistin und Begründerin der „The 50 Million Missing“  Campaign (50 Millionen verschwunden), einer Kampagne zur Beendung des Völkermords am weiblichen Geschlecht in Indien. Ihr Buch  Sex and Power: Defining History Shaping Societies ist ein historischer und gesellschaftlicher Blick darauf, wie die Beziehung von Geschlecht und Macht in Indien zum anhaltenden weiblichen Genderzid führte. Ihre Webseite ist zu finden unter www.ritabanerji.com. Sie bloggt auf  Revolutions in my Space and twittert auf @Rita_Banerji.

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Ist Menstruation ein Verbrechen?

Aus dem englischen Original übersetzt von Tina Sternberg

Foto: Ramendra Singh Bhadauria ©
Die Gottheit Kamakya von Assam in Ostindien
während ihrer Menstruation

Im Dezember 2010 hat die Kriminalpolizei im Auftrag der Landesregierung von Kerala, Indien, gegen die indische Schauspielerin Jayamala ermittelt und sie offiziell dafür angeklagt, das indische Gesetz verletzt zu haben.

Ihr Verbrechen besteht offenbar darin, einem Geschlecht anzugehören, das menstruiert!

Jayamala wurde unter Berufung auf Paragraph 295 des indischen Strafgesetzbuchs für „vorsätzliche und niederträchtige Handlungen mit dem Ziel, die Gefühle einer Schicht durch Beleidigung ihrer Religion oder religiösen Überzeugungen zu verletzen“ angeklagt.

Worin bestand Jayamalas „vorsätzliche und niederträchtige“ Handlung?

Ihr Verbrechen war es, im Alter von 18 Jahren einen bestimmten Tempel zu besuchen, um dort zu beten – das war vor etwa 23 Jahren.

Und warum „verletzt” dieser simple Akt der religiösen Hingabe einige Menschen? Warum haben sie ihn als „Beleidigung” empfunden? 

Weil in diesem speziellen Tempel – wie in so vielen in Indien – eine alte Regel gilt: Frauen, die menstruieren, dürfen den Tempel nicht betreten. Menstruierende Mädchen und Frauen werden in den meisten Teilen Indiens als „unrein“ und „verschmutzend“ betrachtet – wie etwa ein Müllhaufen, ein faulender Kompost oder giftige Abgase. Es heißt, dass menstruierende Frauen die Umgebung, die sie betreten, verschmutzen. Und weil der Tempel ein heiliger Ort ist, besteht die einzige Möglichkeit ihn ‚sauber’ zu halten darin, Verschmutzern den Zugang zu verwehren. Um zu gewährleisten, dass kein Verschmutzer den Tempel betritt, hat der Tempel ein Gesetz erlassen, dass keine Frau zwischen 10 und 50 Jahren (den Menstruationsjahren) am heiligen Schrein beten darf.

Indem sie also gegen dieses Gesetz verstoßen hat, hat Jayamala im Alter von 18 Jahren (vor mehr als 23 Jahren) den Tempel beschmutzt, hat die „Gefühle“ der Öffentlichkeit „beleidigt“ und „verletzt“ und musste Polizei und Justiz gegenüber Rechenschaft ablegen.

Ihr „Verbrechen” wurde entdeckt als im Tempel eine routinemäßige astrologische Untersuchung der Rituale bei der Gottesanbetung stattfand. Diese Untersuchung hat ergeben, dass die heiligen Zeremonien gestört wurden, weil einige Frauen das Heiligtum betreten hatten. Aus Angst vor den Konsequenzen hat die arme Jayamala ihr „Verbrechen“ zugegeben und gesagt, sie habe den Tempel „aus Versehen“ betreten, als sie von der Menschenmenge hineingeschoben wurde.

Dies führte zu weiteren Untersuchungen der Kriminalpolizei im Auftrag der Landesregierung!

Sie befanden, Jayamala habe unmöglich hineingedrängt werden können, weil die Tempelstufen zum Heiligtum  hinauf führten. Die Polizei schloss daraus, dass sie gelogen hatte und klagte sie wegen Falschaussage an, unter Berufung auf Paragraph 295 des indischen Strafgesetzbuchs für „vorsätzliche und niederträchtige Handlungen mit dem Ziel, die Gefühle einer Schicht durch Beleidigung ihrer Religion oder religiösen Überzeugungen zu verletzen“.

Abgesehen von einem kleinen Teil der indischen Bevölkerung, der frustriert an den Nägeln kaut angesichts der unfassbaren Engstirnigkeit und des Verstoßes gegen das Recht eines jeden Menschen, frei zu beten, gibt es in Indien wenig öffentliche Sympathie für Jayamala.  Wie  ein Journalist in einer bekannten englischen Zeitung in Indien festgestellt hat: „Ist es möglich, moderne Kategorien wie das Recht der Geschlechter in Glaubensfragen streng auszulegen? Können wir eine gefestigte Tradition im Namen der Gleichstellung der Geschlechter aufheben? Genau genommen werden es viele Gläubige -Frauen eingeschlossen- ablehnen, eine Geschlechterfrage in diesen Brauch hinein zu interpretieren. Es gibt nichts Sexistisches an dieser Praxis, denn der Tempel erlaubt ja den Eintritt von Mädchen unter 10 und Frauen über 50 Jahren. Eine gesetzliche Intervention wird diese Situation vermutlich nicht ändern, da es sich um eine Angelegenheit von Tradition und Glauben handelt.“

Die Vorstellung, menstruierende Frauen seien „unrein“ und „verschnutzend“ wird von den meisten Menschen aus allen Schichten innerhalb der indischen Gesellschaft aufrecht erhalten – auf dem Land und in den Städten, gebildet und ungebildet, reich und arm. Oft wird es Frauen verboten, bestimmte Räume im Haus zu betreten, sich bestimmten Menschen zu nähern und sich an bestimmten Aktivitäten zu beteiligen. In einigen Haushalten werden sie in gesonderten Räumen isoliert untergebracht. Wenn sie versehentlich etwas tun, das ihnen nicht erlaubt ist, oder einen Ort betreten, den sie nicht betreten sollen, muss ein Reinigungsritual durchgeführt werden, um den Ort zu säubern. Sogar Gandhi hat gesagt, dass die Menstruation aufgrund der weiblichen Sexualität eine Manifestation für die entstellte Seele der Frau sei. Er glaubte daran, dass eine Frau automatisch aufhören würde zu menstruieren, wenn ihre Seele rein wäre.

Wo liegt der Ursprung dieses Wahnsinns?

Könnte es Angst sein?

Eine tiefe, morbide, kollektive, psychotische Angst – eine Angst, die tief in der Geschichte und Kultur Indiens verwurzelt ist?

Einige der altertümlichen Texte Indiens, wie etwa die mehr als 2000 Jahre alten vedischen Schriften, berichten „Menstruationsblut wurde als bösestes Zeichen für die Macht der Frau angesehen. Man glaubte, dass die Braut des Mondgottes es während der Hochzeit schaffte, ihren Bräutigam in ihrem rot- und lilafarbenen Brautkleid einzufangen und ihm ein ewiges Mal aufzuerlegen, das ihn für immer in ihren Bann schloss… Das Menstruationsblut wurde als wildes und böses Tier betrachtet,  … das einen Mann verbrennen, beißen, kratzen, vergiften und sogar töten kann. Das Blut, das beim Reißen des Jungfernhäutchens austritt, wurde als ähnlich gefährlich [für den Mann] betrachtet. Nach der Hochzeitsnacht wurde das blutbefleckte Brautkleid an den Priester übergeben, der es zerriss und in die zeremoniellen Flammen warf, um die Braut von ihren bösen Kräften zu befreien.” (Rita Banerji, Sex and Power, Penguin Global, 2009, pg.49)

Die Frage heißt deshalb: Ist es diese Angst,  diese tief verwurzelte Angst vor der weiblichen Sexualität, die nicht nur einzelnen Vorfällen wie der Kriminalisierung von Jamayalas Akt der Gottesverehrung, sondern auch dem übergeordneten Problem der systematischen Gewalt gegenüber Mädchen und Frauen in Indien zugrunde liegt?

Ist es diese kollektive, historische Angst vor der weiblichen Sexualität, die diese vollkommen irrationale, systematische Massenvernichtung von Frauen in Indien antreibt?

50 Millionen Frauen erbarmungslos ausgerottet innerhalb von drei Generationen! Das ist beispiellos!

Wenn man die Völkermorde dieser Welt betrachtet, zeichnet sich ein absolut  irrationaler Hass und eine ebenso starke Angst vor der diskriminierten Gruppe erkennbar als treibende Kraft ab.

Ist es nicht Zeit für Indien, dieser Angst ins Auge zu blicken? Sie anzuerkennen? Und zu lernen, wie eine fortschrittliche Nation damit umzugehen?

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ZUR ÜBERSETZERIN

Tina Sternberg hat nach ihrem Studium der Literatur und Medien acht Monate in Indien gelebt. Die oft brutalen Widersprüche zwischen zukunftsorientierter Zivilisation und altertümlicher Kultur gehen ihr seither nicht mehr aus dem Kopf.

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