Warum werden indische Frauen dafür getötet, dass sie Mädchen zur Welt bringen?



girl hateAus dem englischen Original übersetzt von Andrea Wlazik 

Am 18. Oktober 2013 wurde in der indischen Stadt Gurdaspur die seit knapp 2 Jahren verheiratete junge Sandeep Kaur von ihrem Ehemann und dessen Familie zu Tode gefoltert. Der Grund dafür war, dass sie ein Mädchen zur Welt gebracht hatte!

Einen Tag später, am 19. Oktober 2013, wurde in Varanasi, einer von Indiens heiligsten Städten, die 27 Jahre alte Aarti, die seit 8 Jahren mit Sanjiv Kumar Singh verheiratet war, in ein Zimmer gesperrt und  verprügelt. Ihr Kopf wurde mit einer Eisenstange eingeschlagen, anschließend wurde sie mit Kerosin übergossen. Aarti hatte sich geweigert, dem Druck ihres Ehemanns und ihrer Schwiegereltern nachzugeben, die von ihr verlangten, den weiblichen Fötus abzutreiben, den sie in sich trug. Sie brachte das Mädchen zur Welt. Die Nachbarn brachen ein, als sie das Schreien des Babys hörten und brachten Aarti ins Krankenhaus, wo sie immer noch um ihr Leben kämpft.

Dies sind nur zwei Vorfälle an zwei aufeinanderfolgenden Tagen im Oktober 2013! Wie viele Frauen in Indien werden getötet, weil sie Mädchen zur Welt bringen?

Verantwortlich für das Geschlecht des Kindes sind grundsätzlich die Männer. Natürlich wissen Männer das. Trotzdem töten sie immer noch. Verstehen Sie warum?

 

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Wenn #Mütter ihre Töchter #töten

Aus dem englischen Original übersetzt von Melanie Beaven

Dieses Foto zeigt eine Frau mit ihren zweieiigen Zwillingen – einem Jungen und einem Mädchen.

Wenn man sich die Babys auf diesem Foto anschaut, ist unschwer zu erkennen, welches der beiden das Mädchen ist. Es ist das Baby auf der rechten Seite, zum Skelett abgemagert und nur halb so groß wie ihr Bruder. Sie starb einen Tag nachdem dieses Foto aufgenommen wurde.

Die Mutter hatte auf Anraten ihrer Familie entschieden, nur den Jungen zu stillen, nicht aber das Mädchen. Achten Sie darauf, wie zärtlich sie den Kopf des Jungen hält. Das Mädchen wird nicht gehalten. Nicht einmal die Flasche wird festgehalten! Die Körpersprache der Mutter Mehr von diesem Beitrag lesen

Karishmas Großmutter versuchte, sie zu töten

Karishma wenige Wochen vor ihrem zweiten Geburtstag

Aus dem englischen Original übersetzt von Andrea Wlazik

Einer der herzzerreißendsten Fälle für die „The 50 Million Missing Campaign“ ist der von Karishma. Karishma kam im Dezember 2008 per Kaiserschnitt zur Welt. Ihre Geburt brachte ihre Großmutter väterlicherseits zur Weißglut. Ärgerlich verkündete diese: „Ein Mädchen! Ich werde ihr Salz in den Mund tun, um sie zu töten!“

Millionen kleiner Mädchen unter 6 Jahren sterben in Indien durch absichtliche Vernachlässigung, willentlich herbeigeführtes Verhungern, Gewalt und häufig auch durch vorsätzlichen Mord. Getötet werden sie offensichtlich aus Rache dafür, dass sie als Mädchen geboren wurden. Lesen Sie hier unseren Beitrag „Woran sterben Indiens kleine Mädchen?“

Jede ländliche Region Indiens hat ihre eigene althergebrachte Methode, ihre Mädchen zu töten. Im Westen ist es doodh-peeti (Milch trinken), was bedeutet, dass das Baby in einem Kübel Milch ertränkt wird. Im Osten von Indien, wie zum Beispiel in Bengalen, woher Karishma kommt, wird Salz in den Mund des Babys getan und dieser für eine Minute geschlossen gehalten.

Tatsächlich wurden, nur wenige Monate bevor wir dieses Foto von ihr machten, im Wohnort von Karishmas Vater gesund geborene Drillingsmädchen innerhalb eines Tages für tot erklärt. Die Autopsieberichte bestätigten, dass die Familie sie durch Salz im Mund getötet hatte. In einem anderen kürzlich bekannt gewordenen Fall warf ein Vater sein Neugeborenes innerhalb von 12 Stunden nach der Geburt aus einem Zug.

Glücklicherweise lebte Karishma während der ersten vier Monate ihres Lebens im Haus ihrer Großeltern mütterlicherseits, wo sich gut um sie gekümmert wurde. Sobald sie aber ins Haus ihres Vaters zurück kam, versuchte dessen Mutter, Karishma Salz in den Mund zu stecken. Ihre Mutter konnte Karishma retten, musste sie sich aber auf den Rücken binden und überall hin mitnehmen, sogar auf die Toilette.

Karishmas Bruder ist drei Jahre älter als sie. Er wird verehrt und verhätschelt wie ein kleiner Prinz. Tatsächlich ist Karishmas Vater, obwohl er aus einem Dorf stammt, keinesfalls arm. Ihr Großvater ist Leiter des Panchayat  (dörfliche Rechtsinstanz) und Besitzer großer Ländereien und Obstplantagen. Er hat außerdem einen Handyshop eröffnet und eine Motorrad-Ausstellung. Trotzdem war Karishma unerwünscht. Sie wurde behandelt, als sei sie nicht anwesend. Sie musste in der Nähe ihrer Mutter auf dem Boden liegen, während diese für die Familie kochte und putzte. Niemand nahm sie jemals hoch oder schmuste mit ihr.  Sie wurde nicht nur vernachlässigt und ignoriert, man ließ sie absichtlich hungern. Interessanterweise gab auch ihre Mutter, die sie jederzeit hätte füttern können, ihr nichts zu essen. Sie gaben ihr nicht einmal einen Namen. Den Namen Karishma (Wunder) gab ihr Rita Banerji, die Gründerin der Kampagne „50 Million Missing“, viel später, bestürzt darüber, dass ein beinahe zwei Jahre altes Kind noch keinen Namen hat. Karishmas Vater und seine Familie weigerten sich, der Mutter Geld zu geben, um Milch oder Medikamente für Karishma zu kaufen.

Sie war noch kein Jahr alt, als ihre Großmutter väterlicherseits, die Karishmas Mutter ständig körperlich misshandelte, begann, auch Karishma zu misshandeln. Mit der Zeit wurden die Schläge so heftig, dass es vorkam, dass Karishma vor Schmerz das Bewusstsein verlor. Oft war sie übersät mit Blutergüssen. Die Großmutter brachte sogar Karishmas Bruder bei, sie zu würgen. Sie sagte zu ihm: „Wenn Du Deine Schwester tötest, werden wir Dich noch mehr lieben.

Im April 2010 zogen Karishma und ihre Mutter zurück ins Haus der Großeltern mütterlicherseits. Karishma war extrem unterernährt. Der untersuchende Arzt meinte, wäre es noch ein paar Monate so weiter gegangen, hätte sie nicht überlebt. Es überrascht nicht, dass in Indien die Sterblichkeitsrate für Mädchen unter 5 Jahren 75% höher liegt als bei Jungen im gleichen Alter.

Karishma wurde von ihren Großeltern mütterlicherseits herzlich und mit offenen Armen empfangen. Sie überhäuften sie mit Liebe und Fürsorge, so wie jedes Kind es verdient und braucht. Ihre Großmutter, Sandya, kochte und zerstampfte ihr jeden Tag Gemüse, um ihr die Ernährung zu geben, die ihr all die Monate verweigert wurde. Sandya brachte Karishma jeden Morgen zu einem kleinen Kindergarten, wo Karishma endlich mit anderen Kindern spielen und ein normales, gesundes Umfeld genießen konnte. Sie blühte auf, trat eifrig in Kontakt mit anderen Menschen und schien ein glückliches Kind zu sein.

Dann, am 30. Mai 2010, entschied Karishmas Mutter plötzlich, zu ihrem Ehemann und ihrer Schwiegerfamilie zurück zu kehren. Diese Reaktion ist leider häufig bei Frauen, die häusliche Misshandlung erfahren, sogar dann, wenn sie so viel Unterstützung und Anleitung bekommen wie Karishmas Mutter.

Sie sprach mit Rita Banerji und war sich bewusst, dass Karishmas Leben in Gefahr war. Wenn sie Karishma aber zurücklassen würde, würden ihr deswegen weitere Misshandlungen im Haus ihrer Schwiegerfamilie widerfahren. Karishmas Mutter entschied: Sie war bereit, das Leben ihrer Tochter zu opfern, um ihre Ehe, so unglücklich und erniedrigend diese auch war, aufrecht zu erhalten. Eine Gruppe Anwälte ging zum Haus von Karishmas Vater und sagte Karishmas Mutter, dass sie gekommen seien, um sie und ihre Kinder in eine sichere Unterkunft zu bringen und dass kein Gesetz der Welt sie davon abhalten würde. Aber Karishmas Mutter meinte, sie wolle bei ihrem Ehemann leben und ihn nicht verlassen, ehe er seine Erlaubnis dazu geben würde. Es war sehr schmerzlich für die Anwälte, die Kampagne „50 Million Missing“ und Karishmas Großeltern, da wir es alle gerne gesehen hätten, wenn sie ein neues Leben begonnen hätte. Wir hätten sie in jeder Hinsicht unterstützt – mit Beratungen, Schulungen, einem sicheren Zuhause und einem neuen Job.

Frauen kehren oft zu ihrem Ehemann und der Schwiegerfamilie zurück, selbst wenn ihr Leben in Gefahr ist, eine kulturell bedingte Reaktion in Indien. Man sagt, dass der rechtmäßige Platz der Frau bei ihrem Ehemann ist, egal wie gut oder schlecht dieser auch sein mag. Dies gilt auch für gebildete Frauen, für Arbeiterinnen und weibliche Fachkräfte in Indien. Viele von denen, die sich vielleicht scheiden lassen, empfinden das als einen Akt der Schande. Man wird kaum eine indische Frau finden, die offen darüber spricht, wie sie eine von Gewalt geprägte Ehe überlebt hat.

Unsere Sorge gilt jetzt vorrangig Karishma. Ihre Mutter ist erwachsen und wir können sie nicht zwingen, ihren Ehemann und ihre Schwiegerfamilie gegen ihren Willen zu verlassen. Leider hat die arme Karishma weder eine Wahl noch wird sie angehört zu dem, was ihr eigenes Leben und ihre Sicherheit betrifft. Unsere Angst ist, dass wenn sie bis zum Alter von 5-6 Jahren überlebt, ihre Großeltern sie ins Sexgewerbe verkaufen könnten, damit sie später nicht die Mitgift für sie zahlen müssen. Unglücklicherweise gibt es kein Gesetz in Indien, das den Staat rechtlich dazu befugt, einzuschreiten, wenn das Leben eines Kindes im Haus seiner Eltern gefährdet ist. Solange nicht beide Elternteile sie freiwillig herausgeben, können wir keine Vorkehrungen für ihre Adoption treffen. Auf jeden Fall bleiben wir in Kontakt mit Sandya, Karishmas Großmutter mütterlicherseits, die oft das Dorf besucht, in dem ihre Tochter mit ihrem Mann und der Schwiegerfamilie lebt, nur um Karishma zu sehen und sich zu vergewissern, dass es ihr gut geht.

© Die Kampagne „50 Million Missing“ (50 Millionen verschwunden). Alle Rechte vorbehalten. Bitte beachten Sie bei Weitergabe unsere Hinweise zum Copyright.

ZUR AUTORIN

Rita Banerji ist Autorin und Frauenrechtsaktivistin und Begründerin der „The 50 Million Missing Campaign“, einer Kampagne zur Beendung des Völkermords am weiblichen Geschlecht in Indien. Ihr Buch „Sex and Power: Defining History Shaping Societies“ ist ein historischer und gesellschaftlicher Blick darauf, wie die Beziehung von Geschlecht und Macht in Indien zum anhaltenden weiblichen Genderzid führte. Ihre Webseite ist zu finden unter www.ritabanerji.com. Sie bloggt auf Revolutions in my Space und twittert auf @Rita_Banerji

ZUR ÜBERSETZERIN
Andrea Wlazik ist gelernte Fremdsprachenkorrespondentin. Sie arbeitet als freiberufliche Texterin und Übersetzerin und koordiniert den deutschen Blog der„The 50 Million Missing Campaign“. Sie ist außerdem Initiatorin der von der Kampagne unabhängigen deutschen Facebook-Gruppe Femizid in Indien und schreibt Artikel für die Netzfrauen.

Neera Chopra: Ich beschützte meine Tochter, so wie es alle Eltern tun sollten!

Aus dem englischen Original übersetzt von Laura Gerber

Miss-India-World-Pooja-Chopra Zur “Miss India World” gekrönt wurde Pooja Chopra im Jahr 2009. Als sie ihren Titel in Empfang nahm, sagte sie:  „Heute stehe ich als Miss India hier und weiß nicht einmal, ob meinem Vater bewusst ist, dass ich es bin, seine Tochter, die aufgebrochen ist, um die Welt zu erobern – mit einer Krone auf meinem Kopf.”

Die Wahrheit ist, dass Pooja Chopra eines von Millionen kleiner Mädchen hätte sein können, welche in Indien nach ihrer Geburt umgebracht werden, nur weil sie als Mädchen zur Welt gekommen sind! Sie lebt, weil ihre Mutter, Neera Chopra, sich weigerte, dem Druck ihre Tochter zu töten, nachzugeben und statt dessen entschied, die große Bürde auf sich zu nehmen, die es bedeutete, ihre Töchter zu beschützen und aufzuziehen.

Die meisten Menschen vermuten, dass Armut und Analphabetismus Eltern in Indien zwingen ihre Töchterchen umzubringen. Doch dies ist ein Trugschluss! Tatsache ist, dass die einzige Schicht, in der sich die Relation der Geschlechter normal entwickelt, die der Ärmsten 20% ist. Je mehr Wohlstand eine Familie besitzt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich ihrer Mädchen entledigt! (Für weitere Informationen klicken Sie hier. Mehr von diesem Beitrag lesen

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