Fordern Sie die Freigabe von Taslima Nasreens Fernsehserie über Frauenrechte in Indien

Aus dem englischen Original übersetzt von Andrea Wlazik

Wie kommt man auf die Idee, dass eine Fernsehserie über die verschiedenen Belange, die Frauen in Indien belasten, religiöse Gefühle verletzen könnte und verboten werden muss?

taslima_nasreenDie Ausstrahlung der von der feministischen Autorin Taslima Nasreen als Drehbuch verfassten (bengalischen) Serie „Dusahobas“, was so viel bedeutet wie „unerträgliches Zusammenleben“, wurde aufgrund des Drucks von islamischen Klerikern in West Bengalen „auf unbestimmte Zeit verschoben“, obwohl sie sendefertig war.

Abdul Aziz von der religiösen Gruppierung Milli Ittehad Parishad erzählt, dass die Gruppierung an die Produzenten geschrieben und diese aufgefordert hätte, Taslimas Namen und Empfehlung aus dem Mehrteiler zu entfernen, obwohl Taslima das Drehbuch für Serie geschrieben hat. Aziz sagt: „Es wurde uns erzählt, dass es ein paar Szenen in der Serie gibt, die unsere Gefühle verletzen könnten.“, ohne weiter auszuführen, in welcher Art genau der Mehrteiler verletzend für die Gefühle von Muslimen in Indien sind.

Tatsächlich geht es in dieser Show nicht um den Islam, sondern um Themen, die Frauen aller Religionen und kulturellen Gemeinschaften in Indien betreffen – Themen wie Mitgift, Mitgiftgewalt, sexuelle Gewalt und das Unterbinden von Bildung. Belange, mit denen die indische Gesellschaft  sich über Massenmedien, wie das Fernsehen, auseinandersetzen muss. Laut Taslima Nasreen basiert die Handlung auf drei Schwestern. Eine von ihnen hat einen dunklen Teint und vermag es wegen der kulturellen Vorurteile gegen Frauen mit dunklerer Haut nicht, einen Bräutigam zu finden. Ihr Vater kann es sich nicht leisten, Mitgift zu zahlen. Die andere Schwester ist  ein Opfer sexueller Gewalt und die dritte ist Studentin.  „Die Geschichte dreht sich um diese drei Schwestern. Deshalb haben die muslimischen Fundamentalisten nichts zu befürchten. Hier geht in keiner Weise gegen Fundamentalismus.”  erklärt Taslima.

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Szene aus der Serie

West Bengalen, ehemals der sicherste Staat für Frauen in Indien, verzeichnet heute, unter der Regierung einer Frau, Ministerpräsidentin Mamata Banerjee, die höchste Rate an Verbrechen gegen Frauen in Indien. Dies hat viel zu tun mit Frau Banerjees Unterstützung einer frauenfeindlichen Kultur und dem patriarchalischen Trend, der ihre Beliebtheit auf Kosten der Frauenrechte aufrecht erhält – eine Schande für Westbengalen und für Indien!  Wir müssen an unsere weiblichen Führungskräfte höhere Anforderungen stellen.

Fordern Sie, dass Taslima Nasreens Fernsehserie über Frauenrechte sofort zur Ausstrahlung freigegeben wird!

Schicken Sie eine Mail an Ministerpräsidentin Mamata Banerjee at : cm-wb@nic.in

Oder kontaktieren Sie das Parlamentsmitglied Derek O’ Brien als Vertreter von Frau Banerjees Regierung per Twitter @quizderek

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„Amu“: Indiens Weckruf zur Erinnerung an die 1984 an den Sikh begangenen Vergewaltigungen und Morde

von Rita Banerji

Aus dem englischen Original übersetzt von Melanie Beaven

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Bitte beachten Sie: Die DVD zu diesem Film ist (mit englischem und anderssprachigen Untertiteln) weltweit bei amazon.com und anderen Internetseiten verfügbar.

Es gibt einen Grund, weswegen ich den Film „Amu“ (2005, Regie: Sonali Bose) gewählt habe, um unsere Serie „Gender in Bollywood @ 100“ zu starten. Als die Social Media im Dezember 2012 von Nachrichten über die Proteste anlässlich der Vergewaltigung in Delhi überschwemmt wurden, erhielt unsere Kampagne etliche Anfragen, warum Indien sich über die Vergewaltigungen und Tötungen von Sikh-Frauen in Delhi in Schweigen hüllte.

Dies bezieht sich auf einen Vorfall aus dem Jahr 1984, als nach der Ermordung von Premierministerin Indira Gandhi durch ihre beiden Sikh Bodyguards vier Tage lang unkontrollierte und organisierte Übergriffe auf Sikhs in Delhi und anderen Teilen Indiens ausgeübt wurden. Da die Sikh eine winzige Gemeinschaft sind, die zwei Prozent der Bevölkerung ausmachen und an ihren Turbanen und anderer Kleidung einfach zu erkennen sind, wurden sie eine leichte Zielscheibe. Über 4.000 Sikhs wurden getötet, hunderte Frauen wurden massenvergewaltigt, Wohnhäuser und Geschäfte niedergebrannt.

Einem Bericht des CBI (Indiens zentrale Ermittlungsbehörde) zufolge wurde das Massaker von der Polizei und der Zentralregierung, die damals unter der Leitung von Indira Gandhis Sohn Rajiv Gandhi stand, genehmigt und organisiert. Wahllisten wurden dazu genutzt, Wohnsitze und Geschäfte von Sikhs zu lokalisieren. Diese wurden mit einem „S“ gekennzeichnet. Reichlich mit Waffen, Benzin usw. ausgestattete Lynchmobs machten sich dann auf den Weg zu diesen „Zielen“, um zu vergewaltigen und zu töten. Organisierte Vergewaltigungen und gewalttätige Übergriffe an Sikh-Frauen im ländlichen Punjab setzten sich sogar noch nach 1984 fort. Wie Human Rights Watch 29 Jahre später feststellt, hat die indische Regierung die Verantwortlichen immer noch nicht strafrechtlich verfolgt. Tatsächlich wurden Politiker von Rajiv Gandhis Kongresspartei, der unter dem Vorsitz seiner Witwe derzeit regierenden Partei, wie zu erwarten freigesprochen!

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Ein Opfer von 1984

Jedenfalls zeigen die Kommentare, die auf unserer Seite von Sikh-Frauen hinterlassen wurden: Indien hat sich seltsamerweise und unentschuldbar über die Vergewaltigungen und Tötungen von Frauen während des Sikh-Massakers von 1984 ausgeschwiegen. Sogar intellektuelle „Liberale“ in Indien, die ähnliche staatlich genehmigte Vergewaltigungen und Massaker gegen Muslime in Gujarat im Jahr 2002 wütend verurteilt hatten, schweigen über das Sikh-Pogrom aus dem Jahr 1984.

Am beunruhigendsten finde ich, dass die junge Generation in Indien – also diejenigen, die zu jung sind, um sich an 1984 zu erinnern, oder die erst später geboren wurden – diesem Kapitel von Indiens Menschenrechtsgeschichte völlig ahnungslos gegenüber steht! Wie kann eine Nation so etwas so schnell vergessen?

Der Film Amu ist ein Weckruf für Indiens Gedächtnisschwund. Es ist die Geschichte einer 21 Jahre alten indischen Frau namens Kaju, die in den USA aufwuchs und während eines Verwandtenbesuchs in Indien über ein dunkles Geheimnis ihrer Vergangenheit stolpert. Sie entdeckt, dass sie adoptiert wurde – etwas, das sie bisher nicht wusste. Als sie tiefer in die Suche nach einer Antwort einsteigt, erfährt sie vom Sikh-Massaker in 1984 und dessen Bedeutung für ihr Leben und ihre Adoption.

Aus mehreren Gründen hat dieser Film eine persönliche Saite in mir berührt. Zum einen habe ich eine starke emotionale Verbindung, da ich meine Kindheit unter Sikh-Nachbarn und -Freunden in kleinen Städten in Punjab verbracht habe. Zum anderen habe ich eine eigenartige Parallele zu Kajus Prozess der Wahrheitsfindung über 1984 entdeckt.

Ein Junge, der lebendig verbrannte

Als 1984 das Pogrom geschah, hatte meine Familie Punjab schon verlassen, aber sporadische Übergriffe fanden in ganz Indien statt. Damals war ich 16 Jahre alt und ich erinnere mich, dass die Schule vorzeitig schloss und wir alle eilig nach Hause geschickt wurden. Uns wurde gesagt, dass Hindus und Sikhs miteinander kämpften und dass es überall „Krawalle“ gäbe, ein Ausdruck, der immer noch offiziell von der Regierunge verwendet wird, um die Tatsache, dass es sich um ein gezieltes Massaker handelte, zu verschleiern. Damals gab es natürlich kein Internet und der einzige Fernsehkanal in Indien war im Besitz der Regierung und wurde von ihr kontrolliert. Auch wenn ich heute zurückblicke und die Zeitungsarchive durchsehe, um herauszufinden, warum ich damals nichts von dem wusste, was ich heute weiß, wird mir klar, dass sogar die Zeitungsnachrichten Indiens kräftig zensiert waren.

Tatsächlich wurde sogar der Film „Amu“ stark zensiert, obwohl er erst im Jahr 2005 herausgegeben wurde. Auf dem Cover meiner „Amu“-DVD heißt es: „Die indische Zensurbehörde hat wichtige Zeilen des Filmdialogs herausgeschnitten, was auf die Teilhaberschaft der Regierung an dem Genozid hinweist, und hat ein „A“-Zertifikat mit Begründung „warum sollten junge Menschen Geschichte kennen, die besser begraben und vergessen wäre“  herausgegeben.“

Es macht mir wirklich Angst daran zu denken, dass ich eine von denen gewesen sein könnte, die von der Regierung in einen Dornröschenschlaf versetzt wurden. Zwei Jahre nach dem Sikh-Massaker zog ich in die USA, um ans College zu gehen und als ich schließlich zurück kehrte, gab es noch ein weiteres, ähnliches staatlich genehmigtes Pogrom einer anderen Minderheit. Es waren die Massenvergewaltigungen und das Massaker an Muslimen im Staat Gujarat aus dem Jahr 2002. Ich war schockiert und konnte nicht glauben, dass so etwas in Indien passieren könnte, bis ein älterer Herr mich darauf hinwies, dass dies schon einmal geschehen sei – 1984!!

Es gibt es eine bestimmte Szene in „Amu“, die mich immer noch verfolgt und mit einer Frage zurücklässt. Es ist die Szene mit der Frau, die Selbstmord begeht, nachdem sie vergewaltigt wurde. Und ich frage mich, wie viele weitere dieser Frauen es gab in 1984 und auch noch später, als die Vergewaltigungen von Sikh-Frauen fortgesetzt wurden? Dort, wo Vergewaltigung oftmals als patriarchalische Waffe der Gewalt gegen Frauen eingesetzt wird, werden vergewaltigte Frauen in Indien oftmals doppelt zum Opfer. Einmal durch die Männer und Systeme, von denen sie attackiert werden. Und einmal durch die Männer ihrer eigenen Gemeinschaft, die vergewaltigte Frauen als „verdorbene“ Sexualobjekte ansehen. In Gesellschaften wie der Sikh-Gemeinschaft wurde die Aussonderung von Vergewaltigungsopfern mittels Mord oder Selbstmord als „ehrbare“ Tat angesehen. Ich habe kürzlich den Artikel eines Mannes gelesen, der darüber sprach, wie stolz er auf seine Schwestern war, die ihrem Vater ihre Hälse zur Enthauptung dargeboten hätten!

justice for sikhs murdered_ tortured_ missing_ jailed_ raped by the indian govtIch hoffe, dass es Frauen geben wird, die tapfer genug sind, um genauso Zeugnis über ihre Vergewaltiger abzulegen, wie die Zeugen, die mutig vorgetreten sind, um gegen Politiker und andere Leute auszusagen, die zu den Übergriffen und Morden von 1984 aufgerufen hatten. Und der Rest von uns, in Indien und in der gesamten Welt, muss aufwachen und sie auf jedem Schritt dieses Weges unterstützen, bis ihnen Gerechtigkeit widerfährt!

©  Die Kampagne „50 Million Missing“ (50 Millionen verschwunden). Alle Rechte vorbehalten. Bitte beachten Sie bei Weitergabe unsere Hinweise zum Copyright.

ZUR AUTORIN

Rita Banerji ist Autorin, Frauenrechtsaktivistin und Begründerin von „50 Million Missing“  (50 Millionen fehlen), einer Kampagne zur Beendung des Völkermords am weiblichen Geschlecht in Indien. Ihr Buch  Sex and Power: Defining History Shaping Societies ist ein historischer und gesellschaftlicher Blick darauf, wie die Beziehung von Geschlecht und Macht in Indien zum anhaltenden weiblichen Genderzid führte. Ihre Webseite ist zu finden unter www.ritabanerji.com. Sie bloggt auf  Revolutions in my Space und twittert auf @Rita_Banerji

ZUR ÜBERSETZERIN
Melanie Beaven wurde in Hamburg geboren und lebt seit 2004 in England. Sie hat verschiedene Übersetzungstätigkeiten ausgeführt, unter anderem auch Texte über das babylonische Justizsystem. Sie ist Diakonin in der Methodistischen Kirche in Großbritannien; ihre Interessensschwerpunkte sind Feministische Theologie und der interreligiöse Dialog.

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