Unsere Antwort auf den Brief: „Mein #Ehemann und seine Familie haben versucht, mich zu töten!“

domestic violence is crime

Häusliche Gewalt ist ein Verbrechen!

Aus dem englischen Original übersetzt von Melanie Beaven

„The 50 Million Missing Campaign“ erhält viele eMails von indischen Frauen, die ihre Probleme mitteilen und um Rat fragen.

Vor zwei Tagen erhielten wir den Brief einer jungen Frau, der uns sehr erschüttert hat. Der geschilderte Fall ist nicht außergewöhnlich und wir haben ähnliche Dinge gehört, die sich in vielen Häusern Indiens abspielen. Daher veröffentlichen wir diesen Brief (Name und Anschrift sind uns bekannt) einschließlich unseres Rats, den wir dieser jungen Frau und allen Frauen in ähnlichen Situationen geben.

Bitte befolgen Sie unseren Rat!

Nachstehend ist der Brief, den wir von der jungen Frau erhalten haben:

Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Im Moment bin ich völlig aufgelöst und kann keinen klaren Gedanken darüber fassen, was ich als nächstes tun soll. Welche Entscheidung soll ich jetzt treffen? Heute haben mein Schwager und seine Frau zusammen versucht, mich umzubringen, und mein Mann hat ihnen ebenfalls geholfen. Seit meiner Hochzeit haben sie mich ständig gequält. Unsere Hochzeit fand am _/_/2012 statt. Ich hätte nie gedacht, dass man versuchen würde, mich zu töten. In meiner Familie gibt es niemanden, der mir helfen könnte. Mein Vater ist verstorben und meiner Mutter geht es nicht gut. Ich habe zwei jüngere Brüder. Sie sind sehr enttäuscht über den Ausgang meiner Ehe. Ich habe Angst, dass sie sich dazu entscheiden, niemals zu heiraten. Ich möchte auf keinen Fall eine Scheidung, denn danach wird mein Leben wertlos sein. Aber was soll ich jetzt anfangen? Mein Schwiegervater hat mir heute versichert, dass dies nie mehr vorkommen wird. Soll ich ihm vertrauen und meiner Ehe noch eine Chance geben? Er hat mir auch versprochen, dass er mich zusammen mit meinem Mann in ein anderes Haus bringen wird, in dem er dann auch leben wird. Ich habe ihn direkt darum gebeten, dass er bei uns bleiben soll. Bitte helfen Sie mir.

 

Dies ist unser Rat an die junge Frau und alle Frauen in ähnlichen Situationen:

Ihr Ehemann und Schwiegerfamilie haben sich zusammengeschlossen, um Sie zu töten! Hierbei handelt es sich im Sinne des Gesetzes um ein schweres Verbrechen, da unter Vorsatz gehandelt wurde. Wenn diese Menschen Fremde oder Nachbarn wären, würden Sie ihnen dann jemals wieder vertrauen? Würden Sie deren Haus betreten, wenn Sie eingeladen wären? Nein, das würden Sie nicht. Denn Sie würden ihnen nicht Ihr Leben anvertrauen. Also warum setzen Sie mit Ihrem Mann und seiner Familie Ihre Sicherheit und Ihr Leben aufs Spiel? Vor dem Gesetz sind Ihr Mann und Ihre Schwiegerfamilie Kriminelle. Sie sollten mit anderen Verbrechern im Gefängnis sitzen. Würden Sie einem Mann vertrauen, der wegen versuchten Mordes im Gefängnis sitzt? Wie schwer die Lage im Haus Ihrer Mutter auch sein mag, es ist im Moment Ihre beste Möglichkeit. Ihr Leben und Ihre Sicherheit sind wichtiger als Ihre Ehe. Ein Heim und eine Ehe sollen Sicherheit und Geborgenheit bieten. Aber ein Haus und eine Ehe, wo Sie misshandelt werden und man versucht, Sie zu töten, ist kein Heim und diese Leute sind nicht Ihre Familie. Dieser Ort ist schlimmer als die Hölle. Sie machen sich Sorgen, wie sich dies auf Ihre Brüder auswirken wird. Wenn Sie länger in dem Haus und der Ehe verbleiben, lehren Sie Ihre Brüder etwas viel Schlimmeres. Sie geben Ihren jüngeren Brüdern zu verstehen, dass auch sie ihre Frauen misshandeln und gegen sie Mordversuche unternehmen können. Indem Sie die Situation verlassen, werden Sie Ihren jüngeren Brüdern klar machen, dass sie so nicht mit ihren Frauen, oder jedem anderen Menschen, umgehen können. Sie werden ihren Brüdern zeigen, dass es sich hierbei um kriminelles Verhalten handelt. Sie möchten nicht, dass Ihre Brüder zu Kriminellen heranwachsen wie Ihr Mann und seine Familie. Wir raten Ihnen, unverzüglich die folgenden fünf Schritte zu unternehmen:

1) Machen Sie Ihre Sicherheit und den Schutz Ihres Lebens zu Ihrer obersten Priorität

2) Packen Sie einige notwendige Dinge und verlassen Sie das Haus Ihres Mannes ruhig und zügig, ohne jemandem etwas zu sagen, und gehen Sie zum Haus Ihrer Mutter.

3) Auf Sie wird Druck von Ihrer Verwandtschaft, Nachbarn usw. ausgeübt werden, damit Sie zu Ihrem Mann zurückkehren. SPRECHEN Sie mit niemandem und hören Sie niemandem zu.

4) Ihr Mann und die Schwiegerfamilie werden versuchen, Sie zurück zu bringen, um zu verhindern, dass Sie bei der Polizei Anzeige erstatten. Sprechen Sie nicht mit ihnen und hören Sie nicht zu. Vermeiden Sie jeglichen Kontakt mit ihnen.

4) Erstatten Sie unverzüglich Anzeige (FIR) gegen Ihren Mann und seine Familie. Geben Sie alle Namen und Einzelheiten zu Protokoll, einschließlich Datum und Uhrzeit des Mordversuchs und der vorangegangenen Quälereien.

5) Stabilisieren Sie Ihr Leben, finden Sie Trost und Liebe bei Ihrer Mutter und Ihren Brüdern und wenn Sie dann stark genug sind, reichen Sie die Scheidung ein.

 

ZUR ÜBERSETZERIN
Melanie Beaven wurde in Hamburg geboren und lebt seit 2004 in England. Sie hat verschiedene Übersetzungstätigkeiten ausgeführt, unter anderem auch Texte über das babylonische Justizsystem. Sie ist Diakonin in der Methodistischen Kirche in Großbritannien; ihre Interessensschwerpunkte sind Feministische Theologie und der interreligiöse Dialog.

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Chetan Bhagat: #Indiens Politikern sind #weibliche #Wählerstimmen ziemlich egal

 

Aus dem englischen Original von Chetan Bhagat
übersetzt von Melanie Beaven

Warum ist es unwahrscheinlich, dass die Verwirklichung der Frauengleichberechtigung [in Indien] von der Politik ausgehen wird? … Nun, [weil] nur diejenigen [Regierungs-] Schritte in Richtung Gleichberechtigung der Frau eine Chance haben, realisiert zu werden, die nicht zu einem Konflikt mit Männern führen… …Schritte, die sich nicht auf den großartigen indischen Mann auswirken. 

Voting for Delhi Assembly [Auch] wenn man Frauen ausbilden kann, wie kann man sicherstellen, dass Arbeitgeber keinerlei Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen Bewerbern machen? Es ist vielleicht möglich, einen weiblichen Fötus vor der Abtreibung zu retten, aber wie kann man dafür sorgen, dass dieses Kind später genauso gut aufgezogen wird wie ein männliches Kind? Es gibt womöglich Polizisten, die einen Sexualtäter festnehmen können, aber wie kann man Gruppen von Männern daran hindern, Frauen in Bussen anzüglich anzugrinsen und ihnen die Fahrt unerträglich zu machen? Wie erklärt man Männern, dass eine Frau das Recht hat, attraktive Kleidung zu tragen, oder vielleicht sogar sexy auszusehen, ohne dass ihr unterstellt wird „es“ zu wollen? Dies sind unbequeme Fragen und die Antwort liegt in der Veränderung des Verhaltens und der Einstellung von Männern.

Indische Männer müssen lernen, dass das Land [auch] den Frauen gehört. Sie werden akzeptieren müssen, dass es für sie eventuell weniger Karrierechancen geben wird, weil Frauen einige von diesen für sich in Anspruch nehmen werden… Männer müssen lernen, mit einem gewissen Gefühl der Machtlosigkeit zu leben, wenn sie von einer Frau abgelehnt werden [anderenfalls handelt es sich um Stalking und sexuelle Belästigung!]. Bis all dies geschieht, werden Frauen nicht gleichgestellt sein. Leider wird sich kein Politiker der Männer annehmen, um dies in die Realität umzusetzen. Politiker wollen den „Aam admi“, den indischen Durchschnittsmann, für sich gewinnen [und nicht die „Aam aurat“ – die indische Durchschnittsfrau!]. 

Daher, meine Damen, verlassen Sie sich bitte nicht auf Politiker, wenn es darum geht, Dinge für Sie zu verändern… Wenn es Ihnen ernst ist mit Ihrer Gleichberechtigung, müssen Sie selbst aktiv werden.  Frauen müssen einige der oben angeführten Sachen selbst umsetzen und Männer dazu bringen, sich zu ändern – jweils einen zur Zeit. Setzen Sie sich durch, geben Sie nicht nach und seien Sie nicht zu eifrig damit, Männer zufrieden zu stellen. Wenn Sie Ungleichheit akzeptieren, schaden Sie den Frauen im Allgemeinen – und somit der Hälfte der Nation.

Dies ist ein bearbeiteter Auszug aus Chetan Bhagats Essay „Das neue Wählerpotenzial für der Politiker: Die Durchschnittsfrau“. Sie können das gesamte Essay (auf Englisch) hier lesen. 

ZUM AUTOR

chetan-bhagatChetan Bhagat ist Schriftsteller und Kolumnist.
Seine Website finden Sie unter www.chetanbhagat.com.
Er twittert unter @chetan_bhagat.
 
 
 
 

ZUR ÜBERSETZERIN

Melanie Beaven wurde in Hamburg geboren und lebt seit 2004 in England. Sie hat verschiedene Übersetzungstätigkeiten ausgeführt, unter anderem auch Texte über das babylonische Justizsystem. Sie ist Diakonin in der Methodistischen Kirche in Großbritannien; ihre Interessensschwerpunkte sind Feministische Theologie und der interreligiöse Dialog.

Warum herrscht bei indischen Filmen Verwirrung über Sex, Vergewaltigung und Prostitution?

Aus dem englischsprachigen Originalartikel von Rita Banerji übersetzt von Melanie Beaven

jism posterWährend die pornographische Aufmachung weiblicher Sexualität unverblümt zum Verkauf schwierig abzusetzender indischer Filme verwendet wird, gehören weibliche Libido und Sex mit einem Partner, den sich eine Frau selbst ausgewählt hat, immer noch zu „umstrittenen“ Themen in Indiens Kinos. Zwangsehen werden nicht als Vergewaltigung porträtiert. Die Verheiratung eines Vergewaltigungsopfers an ihren Vergewaltiger wird oftmals als eine Form von Gerechtigkeit angesehen. Und Eltern, die ihre Töchter zur Prostitution zwingen, werden nicht als Zuhälter betrachtet. In einem Artikel, in dem sie einen kritischen Blick darauf wirft, wie Bollywood-Filme Themen wie Vergewaltigung, einvernehmlichen Sex und Prostitution behandeln, argumentiert Rita Banerji, dass indische Filme versäumen, diese Angelegenheiten in sinnvoller Weise zu adressieren, weil die Filmemacher – so wie der Rest der indischen Gesellschaft – es nicht geschafft haben, Frauenrechte und die Selbstbestimmung der Frau über ihren Körper und ihre Sexualität zu befürworten.

Unten finden Sie zwei Auszüge aus dem Artikel. Der vollständige (englische) Artikel befindet sich hier: http://www.genderforum.org/issues/gender-and-contemporary-film/bollywood-baffled-over-sex-rape-and-prostitution/

Auszüge aus “Bollywood steht Sex, Vergewaltigung und Prostitution ratlos gegenüber” in Gender Forum Issue 46 (2013), Absätze 21 und 22.

 

daminiIn 2012 erlangte der Film Damini in Indien eine spezielle Bedeutung, denn der Name der Hauptdarstellerin war auch der Name des jungen Opfers der berüchtigten Gruppenvergewaltigung in einem Bus in Delhi. Ebenso wie Damini im Film hatte das Vergewaltigungsopfer aus Delhi beherzt dafür gekämpft, dass die Vergewaltiger zur Rechenschaft gezogen wurden. Im Film jedoch kämpft Damini darum, dass einer anderen Frau Gerechtigkeit widerfährt – einer jungen Angestellten im Haushalt ihrer Schwiegerfamilie – deren Gruppenvergewaltigung durch ihren Schwager und dessen Freunde sie Zeuge wird. Die Angestellte erliegt später ihren Verletzungen. Im Licht eben dieser sozio-sexuellen Bedeutung des Films und der Rolle Damini ist dieser bestimmte Moment dieses Films eigenartig verblüffend. [Vor Daminis Hochzeit mit einem Mann, den sie gerne hat, lebt sie mit ihren Eltern und ihrer Schwester]. Daminis Eltern sind besorgt, da es ihnen nicht möglich ist, die Mitgift aufzubringen, die Männer erwarten, um die Töchter zu heiraten. Zwischenzeitlich entscheidet Devika, Daminis Schwester, dass sie heimlich einen Mann namens Birju heiraten wird, um ihren Eltern die Mühe zu ersparen, einen passenden Mann zu finden und eine große Mitgift zu entrichten. Das Problem ist, dass Birju nicht nur eine schädliche Persönlichkeit hat – er ist ein missbräuchlicher Alkoholiker mit krimineller Vergangenheit – sondern er hat Devika über Monate hinweg nachgestellt, sie sexuell belästigt und terrorisiert. Devika erkärt einer verwirrten Damini, dass der Grund für Ihre Entscheidung der Umstand sei, dass er der einzige Mann zu sein scheint, der sie will und dass sie eine Möglichkeit sucht, zu leben, d. h. verheiratet sein, ein Sexualleben und eine Familie zu haben. Damini verteidigt Devikas Aktion gegenüber ihren Eltern, die ihrerseits mehr über die „Schande“ besorgt zu sein scheinen, die Devika ihnen durch das Ausreißen bei den Nachbarn beschert hat, als über die psychopathische Persönlichkeit des Mannes, den Devika geheiratet hat. Damini erinnert die Eltern an die zahlreichen Erniedrigungen, die Devika erleiden musste, wenn von den Eltern ausgewählte Heiratskandidaten sie abgelehnt hatten, und dass Devika – anders als andere ledige Frauen, die sich umbringen, wenn die Eltern nicht in der Lage sind, die nötige Mitgift zu beschaffen – die Wahl getroffen hat, ihr Leben zu leben! Dies weist auf die unglaubliche sexuelle Frustration hin, die sich in ledigen Frauen aufgrund der ihnen aufgebürdeten kulturellen Beschränkungen aufbaut. Aber man kann nicht umhin zu fragen, ob – wenn dies die Weise ist, auf die Frauen in Indien beabsichtigen zu heiraten – sie nicht gleichzeitig größere Freiheiten haben sollten, um Männer zu treffen und Beziehungen vor der Ehe zu erkunden, so dass sie zu einer größeren und besseren Auswahl an Kandidaten Zugang haben?

Absätze 39 und 34

Matrubhoomi-A-Nation-Without-Women-2003-223x300Diese Sicht auf Vergewaltigung und weibliche Sexualität erlaubt verschiedene andere kulturspezifische und systematische Formen sexueller Gewalt an Frauen. Eine dieser Praktiken in Indien ist der „Brauthandel“, wie im Film Matrubhoomi (Die Nation ohne Frauen) dargestellt wird. Im Endeffekt ist dies eine Form der kulturell sanktionierten Gruppenvergewaltigung und des Frauenhandels. Aufgrund der zügellosen und frauenfeindlichen Praxis des Tötens weiblicher Babys und Föten gibt es Gegenden in Indien, in denen Männer keine Ehefrauen finden können und dann dazu übergehen, „Bräute“ aus entlegenen Regionen zu kaufen. Allerdings wird die gekaufte „Braut“ wie ein sexueller Besitz zur Benutzung aller Männer in der Familie behandelt, ungeachtet dessen, wen sie geheiratet hat. In diesem Film sieht sich Kali, die eine sorgenfreie und frohe Kindheit verbracht hat, nach ihrer Hochzeit in einer albtraumartigen Hölle gefangen, als sie Tag und Nacht von allen Männer in der Familie, einschließlich ihrer vier Schwager und ihres Schwiegervaters, vergewaltigt wird. Später wird sie gefesselt in einem Kuhstall wahllos abwechselnd von Männern aus dem Dorf vergewaltigt. Der wohl schockierendste Aspekt ihre Geschichte ist der Umstand, dass ihr Vater, sobald er von den Plänen ihrer Schwiegerfamilie Wind bekomment hatte, einfach eine finanzielle Abgeltung vereinbart hat. Die Reaktion der vielfach vergewaltigten Kalki im Film Matrubhoomi ist besonders verblüffend. Kalkis sorgenfreie und fröhliche Kindheit wird dargestellt. Ihr Vater versuchte die Tatsache, dass sie ein Mädchen war, zu verbergen, indem er sie Jungenkleider tragen ließ, so dass notgeile Männer nicht versuchten, sie anzugrapschen. Dies schien ihr tatsächlich mehr Bewegungsfreiheit zu gewähren und sie konnte Wälder durchstreifen, Entdeckungen machen, singen und über Mauern springen. Wie würde eine solche Frau reagieren, wenn sie plötzlich gefangen gehalten würde und wiederholt von verschiedenen Männern vergewaltigt würde? Wie würde ihre körperliche, psychologische und emotionale Reaktion aussehen? Mit Ausnahme einer Situation wesentlich später im Film, in der sie einen erfolglosen Fluchtversuch unternimmt, wird Kalki als fast vollkommen passiv dargestellt. Sie ist nicht nur eine Sexsklavin im Haus, sondern auch eine Haussklavin, die sich allem mit mechanischer Distanz unterwirft. Dies ist keine unerwartet Reaktion gefangen gehaltener Gewaltopfer, aber sie entwickelt sich erst mit der Zeit, wenn Körper und Seele gebrochen sind. Insbesondere mit einer Persönlichkeit wie wir sie in Kalki zuerst beobachten können, würden wir von ihr erwarten Widerstand zu leisten, wild zurück zu schlagen, ihre Missbraucher zur Rede zu stellen, sich von ihrem Vater verraten zu fühlen, gekränkt, furchtsam und traurig zu sein. Aber wir sehen keine dieser Reaktionen in Kalki. Könnte es sich hierbei um ein Versehen des Regisseurs handeln? Bis zu einem gewissen Grade vielleicht. Die Vorstellung von Matrubhoomi ist offensichtlich eine, vielleicht sogar narzistische, männerzentrierte Sicht. Sie interessiert sich nur dafür, wie Männer fühlen – für deren sexuelle Frustrationen und Ängste, deren Ärger und tödliche Feindschaft untereinander im harten Wettbewerb um eine Partnerin. In gewisser Weise ist es ironisch, dass der männliche Narzismus, der Frauen bei der Geburt vernichtet und die Überlebenden weiterhin entmenschlicht und zu einer Ware macht, nicht in der Lage ist, über sich selbst, das eigene Ego, die eigenen Interessen und Emotionen, hinweg zu sehen – auch dann nicht, wenn er den Versuch unternimmt, sich über ein kreatives Medium mit diesen Problemen auseinander zu setzen. Es scheint unwichtig zu fragen, wie sie sich fühlt und was sie wohl denken mag.

© Gender Forum Issue 46 (2013) · ISSN 1613-1878.  All rights reserved.

ZUR AUTORIN

Rita Banerji ist Autorin, Frauenrechtsaktivistin und Begründerin von “50 Million Missing”  (50 Millionen fehlen), einer Kampagne zur Beendung des Völkermords am weiblichen Geschlecht in Indien. Ihr Buch  ‘Sex and Power: Defining History Shaping Societies‘ ist ein historischer und gesellschaftlicher Blick darauf, wie die Beziehung von Geschlecht und Macht in Indien zum anhaltenden weiblichen Genderzid führte. Ihre Webseite ist zu finden unter www.ritabanerji.com. Sie bloggt auf  Revolutions in my Space und twittert auf @Rita_Banerji


ZUR ÜBERSETZERIN

Melanie Beaven wurde in Hamburg geboren und lebt seit 2004 in England. Sie hat verschiedene Übersetzungstätigkeiten ausgeführt, unter anderem auch Texte über das babylonische Justizsystem. Sie ist Diakonin in der Methodistischen Kirche in Großbritannien; ihre Interessensschwerpunkte sind Feministische Theologie und der interreligiöse Dialog.

Sohaila Abdulali: #Vergewaltigt zu werden war furchtbar, aber am Leben zu sein ist wichtiger

Aus dem englischen Original übersetzt von Melanie Beaven

sohailaSohaila Abdulali ist eine aus Indien stammende Autorin und Journalistin, die derzeit in den USA lebt. Im Jahr 1980, im Alter von 17 Jahren, überlebte sie eine brutale Gruppenvergewaltigung in Indien. Drei Jahre später schrieb sie im indischen Magazin „Manushi“ über ihr Erlebnis. Einen Auszug aus ihrem Artikel finden Sie weiter unten.

Sohailas persönlicher Erfahrungsbericht ist unbeschreiblich mutig! Frauen in Indien, sogar jene aus der gebildeten Mittelschicht, zeigen aufgrund der Assoziation mit „Schande“ Vergewaltigungen weder an, noch machen sie anderweitig öffentlich auf diese aufmerksam.

Aber Sohaila diskutiert noch einen weiteren Aspekt. Einen Aspekt, den zu thematisieren sich Medien und Frauenforen in Indien sogar angesichts der aktuell extrem eskalierenden Gewalt gegen Frauen scheuen. Konfrontiert mit einer Gruppe gewalttätiger Männer, entscheidet sich Sohaila zu überleben. Dem Bericht über das Vergewaltigungsopfer von Delhi zufolge, schien die Gewalt gegen sie zu eskalieren, als sie einen der Vergewaltiger biss und versuchte, sich zu wehren. Tatsächlich enthüllten die fünf Männer, die Ende August eine Fotojournalistin in Mumbai ebenfalls gruppenvergewaltigt hatten, dass sie geplant hatten, die Fotografin und ihre Kollegin zu ermorden, hätten diese versucht, Widerstand zu leisten. Sohaila stellt die Frage, warum eine Frau, die sich einer Gruppe gewalttätiger Männer gegenüber sieht, nicht alles tun sollte, um zu überleben?

Wir sollten hinterfragen: Warum diskutieren Frauenforen und Medien nicht darüber, anstatt Selbstverteidigung und Pfefferspray als effektive Mittel zur Abwehr von Banden bewaffneter Vergewaltiger zu propagieren? Warum erfährt in Indien die Frau höhere Bewunderung, die bei dem Versuch stirbt, irrationale und frauenfeindliche gesellschaftliche Ansichten von „Ehre“ zu verteidigen? Die Mutter einer Rechtsanwältin, die 2012 in ihrer Wohnung in Mumbai von einem Wachmann des Sicherheitsdienstes angegriffen und getötet wurde, während sie seine Vergewaltigungsversuche abwehrte, erzählte bestimmt und mit einem gewissen Stolz Millionen von Fernsehzuschauern, sie wolle Indien wissen lassen, dass ihre Tochter nicht vergewaltigt worden sei. Sie sei im Kampf für ihre „Ehre“ gestorben!

Wie viele Frauen in Indien, die sich Vergewaltigern gegenüber sehen, sorgen sich mehr um die vermeintliche „Schande“ einer Vergewaltigung, als darum, ihr Leben zu retten?

Sohaila ungefähr zur Zeit des Vorfalls

von Sohaila Abdulali

Ich wurde [im Jahr 1980] im Alter von 17 Jahren gruppenvergewaltigt. Es war das Jahr, in dem Frauengruppen [in Indien] begannen, eine Verbesserung des Strafgesetzes im Hinblick auf Vergewaltigung zu fordern.

Ich war mit meinem Freund Rashid zusammen. Wir waren spazieren gegangen und befanden uns etwa 1½ Meilen (ca. 2,5 Kilometer) von meinem Zuhause in einer Vorstadt von Bombay entfernt. Wir wurden von vier mit einer Sichel bewaffneten Männern angegriffen. Wir wurden getrennt, wir schrien und sie vergewaltigten mich, während sie Rashid als Geisel hielten. Sollte einer von uns Widerstand leisten, würde dem anderen Schaden zugefügt. Dies war eine wirksame Taktik.

Sie konnten sich nicht entscheiden, ob sie uns töten sollten oder nicht. Wir haben alles versucht, was in unserer Macht stand, um am Leben zu bleiben. Mein Ziel war zu leben und das war wichtiger als alles andere. Zuerst habe ich mich körperlich gegen die Angreifer gewehrt. Später, als ich auf den Boden gedrückt wurde, wehrte ich mich verbal. Ärger und Schreien zeigte keine Wirkung und so fing ich an, ziemlich verrücktes Zeug zu schwafeln – über Liebe und Mitleid. Ich sprach von Menschlichkeit und der Tatsache, dass ich ein menschliches Wesen sei und dass sie dies auch seien – tief in ihrem Innersten. Sie waren etwas sanfter danach, zumindest diejenigen, die mich nicht gerade vergewaltigten. Ich sagte einem von ihnen, dass ich am nächsten Tag zurück kommen und mich mit ihm – dem Vergewaltiger – treffen würde, wenn er sicherstellen könne, dass weder Rashid noch ich getötet würden. Diese Worte kosteten mich mehr als ich beschreiben kann, aber zwei Leben hingen am seidenen Faden. Ich wäre höchstens mit einem sehr, sehr scharfen Instrument zurückgekehrt, das sicher gestellt hätte, dass er nie wieder hätte vergewaltigen können.

Nach gefühlt jahrelanger Folter (ich glaube, ich wurde zehnmal vergewaltigt, aber ich hatte solche Schmerzen, dass ich nach einer Weile den Überblick verlor), wurden wir freigelassen unter einer langen Moralpredigt darüber, dass ich, da ich alleine mit einem Jungen zusammen war, eine unmoralische Hure sei. Dies regte sie mehr auf als alles andere. Sie handelten die ganze Zeit so, als täten sie mir einen Gefallen, indem sie mir eine Lektion erteilten. Ihr Verhalten war fanatischste Selbstgerechtigkeit.

Sie brachten uns den Berg hinunter und folgten uns eine Weile sichelschwingend. Endlich kamen wir zu Hause an – gebrochen, verletzt, erschüttert. Es war ein so unglaubliches Gefühl loszulassen und aufzuhören, um unsere Leben zu feilschen. Hysterisch weinend brachen wir zusammen.

Ich hatte den Vergewaltigern fest versprochen, niemandem von dem Vorfall zu erzählen, aber sobald ich zu Hause war, sagte ich meinem Vater, er solle die Polizei rufen. Er war genau wie ich darauf bedacht, sie festnehmen zu lassen. Ich hätte alles unternommen, nur damit nicht jemand anderes das gleiche wie ich durchmachen müsste. Die Polizisten waren unsensibel, herablassend und irgendwie schafften sie es, aus mir die schuldige Partei zu machen. Als sie mich fragten, was passiert sei, erklärte ich es ihnen sehr direkt und sie waren empört darüber, dass ich kein verschüchtertes, errötendes Opfer war. Als sie sagten, dass dies an die Öffentlichkeit käme, meinte ich, das sei schon in Ordnung. Mir ist es ehrlich nie in den Sinn gekommen, dass Rashid oder ich beschuldigt werden könnten. Als die Polizisten erklärten, dass ich zu meinem eigenen „Schutz“ in ein Heim für jugendliche Straftäter gehen müsse, war ich Willens, mit Zuhältern und Vergewaltigern zu leben, nur um meine Angreifer einer gerechten Strafe zuzuführen.

Bald musste ich feststellen, dass Gerechtigkeit für Frauen im Rechtssystem einfach nicht existiert. Als sie uns fragten, was wir auf dem Berg gesucht hätten, wurde ich ungehalten. Ich schrie auf, als sie Rashid fragten, warum er denn „untätig“ gewesen sei. Konnten sie nicht verstehen, dass sein Widerstand für mich nur weitere Qualen bedeutet hätte? Als sie danach fragten, welche Kleidung ich getragen hätte und warum es keine sichtbaren Spuren an Rashids Körper gäbe (er hatte innere Blutungen dadurch erlitten, dass der Sichelgriff wiederholt in seinen Magen gestoßen worden war), brach ich vor Kummer und Entsetzen zusammen. Mein Vater warf die Polizei aus dem Haus, nachdem er ihnen gründlich die Meinung gesagt hatte. So also sah die Unterstützung aus, die ich von der Polizei erhielt. Es wurde keine Anklage erhoben. Die Polizei nahm einen Bericht auf, der besagte, dass wir spazierengegangen und „verspätet“ zurück gekehrt seien.

Es vergeht [auch nach drei Jahren] kein einziger Tag, an dem ich nicht von den Geschehnissen heimgesucht werde [wurde]. Unsicherheit, Verwundbarkeit, Furcht, Zorn, Hilflosigkeit – gegen all dies habe ich ständig zu kämpfen. Manchmal, wenn ich die Straße entlang gehe und hinter mir Schritte höre, bricht mir der Schweiß aus und ich muss mir auf die Lippe beißen, damit ich nicht schreie. Ich zucke unter freundlichen Berührungen zusammen. Ich kann enge Halstücher nicht ausstehen, die sich wie Hände um meinen Hals anfühlen. Ich schrecke vor einem bestimmten Blick zurück, der in Männeraugen erscheint – dieser Blick ist so oft da.

Gleichzeitig bin ich mir der Fehlvorstellungen sehr bewusst, die Menschen über Vergewaltigung, Vergewaltiger und Überlebende von Vergewaltigungen haben. Mir ist außerdem bewusst geworden, welches Stigma den Überlebenden anhängt. Wieder und wieder haben Leute angedeutet, dass der Tod vielleicht doch besser gewesen wäre, als der Verlust dieser so wertvollen „Jungfräulichkeit“.

Ich weise das zurück. Mein Leben ist viel zu wertvoll.

Ich habe für mein Leben gekämpft und gewonnen. Keine noch so negative Reaktion hindert mich daran, dies als positiv zu empfinden. Vergewaltigt zu werden war so schrecklich, dass ich es nicht auszudrücken vermag. Aber ich denke, dass ich am Leben bin, ist wichtiger.

Wenn einer Frau das Recht verwehrt wird, so zu empfinden, ist etwas sehr verkehrt in unserem Wertesystem.

Sohailas Bericht ist Teil der Projektserie „Freedom“ im Rahmen der Kampagne „The 50 Million Missing“, für das Ende der Gewalt gegen Frauen. KLICKEN SIE HIER, um weitere persönliche Lebensberichte anderer indischer Frauen und Männer in unserer Serie „Freedom“ zu lesen.

ZUR AUTORIN
Sohaila Abdulali ist eine in Indien geborene Journalistin, die derzeit in den USA lebt. Sie hat zum Thema „sexuelle Gewalt“ geforscht und darüber zahlreiche öffentliche Vorträge gehalten. Sie ist leitende Redakteurin des
Ubuntu Education Fund, einem international tätigen gemeinnützigen Verein (NGO), für Kinder in Südafrika. Ihre Website ist www.sohailaink.com.

ZUR ÜBERSETZERIN
Melanie Beaven wurde in Hamburg geboren und lebt seit 2004 in England. Sie hat verschiedene Übersetzungstätigkeiten ausgeführt, unter anderem auch Texte über das babylonische Justizsystem. Sie ist Diakonin in der Methodistischen Kirche in Großbritannien; ihre Interessensschwerpunkte sind Feministische Theologie und der interreligiöse Dialog.

Sunitha Choudhury: Als Kindsbraut floh sie, um ihr Schicksal selbst zu bestimmen

Aus dem englischen Original übersetzt von Melanie Beaven

Foto: Amrit Dhillon

Sollten Sie jemals nach Delhi kommen, dürfen Sie diese indische Frau nicht verpassen!

Sunitha Choudhury, die erste Frau hinter dem Steuer einer Motor-Rikscha, verdient sicherlich Anerkennung für den Job, den sie tagtäglich ausübt. Sie navigiert auf den Straßen Delhis, der laut Regierungsstudien für Frauen unsichersten Stadt Indiens. Was aber Sunitha zu einer noch beeindruckenderen Persönlichkeit macht, sind ihr Lebensweg und die Kämpfe, die sie durchzustehen hatte, um dorthin zu gelangen, wo sie heute ist.

Sunithas Geschichte offenbart, dass sie seit ihrer Kindheit Opfer beinahe jeder Art ´von Grauen geworden ist, dem Mädchen und Frauen in Indien begegnen. Und immer wenn sie niedergeschlagen wurde, sich wieder aufrappelte und auf die Füße stellte, war da niemand, an den sie sich hätte wenden können. Keine Familie, keine Nachbarn, keine Freunde, keine gemeinnützigen Vereine oder Wohltätigkeitsverbände. Sunitha hat diesen Kampf alleine gefochten! Vollkommen auf sich selbst gestellt! Und am Ende ist sie als Siegerin hervor gegangen!

Die Kindsbraut

Sunitha war eine Kindsbraut [Lesen Sie unseren Beitrag über Indiens Kindsbräute!] Im Alter von zwölf Jahren wurde sie mit einem Mann aus Meerut verheiratet, einem Alkoholiker. Ihre Kindheit wurde zu einem Albtraum aus Vergewaltigung und Brutalität. Wie es so oft der Fall ist, wurde sie auch von ihrer Schwiegerfamilie emotional und körperlich misshandelt, weil diese mehr Mitgift haben wollte. Ihre Eltern erlaubten ihr nicht, nach Hause zurück zu kehren und rieten ihr, mit dem Missbrauch und den Misshandlungen leben zu lernen. Einmal bezog Sunitha brutale Gruppenschläge von ihrer Schwiegerfamilie. In Todesangst, und noch ein Teenager, entschied sie sich, nach Delhi zu fliehen. Mittlerweile schwanger und ohne jede finanziellen Mittel sah sie schnell ein, dass das Leben auf der Straße sogar noch unsicherer war. Schließlich bekam sie einen Putzjob in einer Klinik, deren Besitzer ihr erlaubte, im Gebäude zu übernachten. Dies war die sicherste Möglichkeit, die sich ihr bot. Einige Monate später brachte sie ihr Baby zur Welt, welches allerdings verstarb.

Ein Wendepunkt

Während sie weiter in der Klinik arbeitete, kam es zu einem weiteren Wendepunkt in ihrem Leben, einem Vorfall, der sie dazu brachte, Motor-Rikscha-Fahrerin werden zu wollen. Es passierte, als sie eines Abends ein Unfallopfer auf der Straße fand. Es war niemand da, der hätte helfen können, also rief sie einen Wagen und brachte den Mann zum Krankenhaus. Obwohl er schwer verletzt war, konnte sein Leben gerettet werden. Sie entschied, dass sie anderen Leuten einen ähnlichen Dienst erweisen wollte. Und tatsächlich hat sie, seitdem sie Motor-Rikscha-Fahrerin ist, schon viele Male angehalten, um Unfallopfern zu helfen, sie zum Krankenhaus zu fahren und deren Verwandte zu kontaktieren.

Auf ihren eigenen Rädern

Allerdings war es eine gewaltige Aufgabe für sie, eine Lizenz zu bekommen. Keine Frau hatte jemals zuvor einen Antrag gestellt und Beamte der staatlichen Verkehrsbehörde wimmelten sie zwei Jahre lang ab. Sie aber gab nicht auf und so mussten die Beamte schließlich ihre Meinung ändern. Im Jahr 2003 erhielt sie ihre Lizenz und besuchte die Fahrschule des Institute for Driving, Trainig and Research (IDTR). Aber auch als lizensierte Fahrerin hatte sie Schwierigkeiten, Eigentümer davon zu überzeugen, ihr ein Fahrzeug zu vermieten. Anderthalb Jahre lang fuhr sie Leihrikschas und entschied dann, dass sie mehr Freiheit bräuchte. In 2004 beantragte sie einen Kredit und erwarb ihre eigene dreirädrige Motor-Rikscha!

Kontrolle übernehmen

Somit muss sie nun nicht mehr fremde Autos erbetteln und leihen und kann sich außerdem noch einer anderen Leidenschaft hingeben. „Wenn ich ein Opfer auf der Straße sehe, will ich die Person ins Krankenhaus bringen. Dafür bin ich früher mit anderen Motor-Rikscha-Fahrern aneinander geraten, die sich in nichts hineinziehen lassen wollten. Also dachte ich mir, dass es einfacher für mich würde, wenn ich mein eigenes Fahrzeug hätte.

Es ist kein leichter Job. Manchmal wird sie dafür verspottet, dass sie „Männerarbeit“ verrichtet, aber gleichzeitig wird sie auch bewundert. „Frauen erzählen mir, dass sie sich wesentlich sicherer mit mir fühlen, denn ich trinke und rauche nicht. Sie sagen, dass sie bei männlichen Fahrern Angst haben, denn manchmal sind diese betrunken und fahren zu unbesonnen. Sogar spät nachts fühlen sie sich sicher mit mir.

Sie ist furchtlos, manchmal übernimmt sie auch Nachtschichten. Sie trägt ihr Haar kurz und kleidet sich in T-Shirts und Hosen. Nicht nur, weil das bequemer und praktischer für die Arbeit ist als z.B. ein Sari oder Salwar-Kameez, die traditionelle Kleidung für Frauen in Indien. Sunitha erklärt: „Es ist von Vorteil für mich, auszusehen wie ein Junge. Nachts rufen mir Fahrgäste zu ‚Hey Bruder, setz mich da oder dort ab‘.

Die Zukunft erträumen

Ihr nächstes Ziel ist es, ein Mitglied des Parlaments zu werden. Sie möchte die Armen vertreten. „Ich werde ihnen sagen, dass ich eine von ihnen bin. Ich verstehe ihren Wunsch nach Arbeit, Wohnraum, Ausbildung und Wasser. Es ist nicht möglich, seine Würde zu wahren, wenn man so lebt wie die Armen.“ sagt sie.

Außerdem möchte sie anderen Frauen das Fahren von Motor-Rikschas beibringen und sie an ihren Beruf heranführen. Sie möchte das für andere Frauen, was sie in ihrem eigenen Leben erreicht hat. „Ich fühle mich wie eine Königin, wenn ich in der Stadt umherfahre.“ sagt sie. „Ich bin Herrin über mein Schicksal, ich verdiene meinen eigenen Lebensunterhalt und bin glücklich… Und obwohl ich eine Frau bin, bin ich viel mutiger als die meisten Männer.



© „The 50 Million Missing Campaign“. Alle Rechte vorbehalten. Bitte beachten Sie bei Weitergabe unsere Hinweise zum Copyright.


ZUR ÜBERSETZERIN

Melanie Beaven wurde in Hamburg geboren und lebt seit 2004 in England. Sie hat verschiedene Übersetzungstätigkeiten ausgeführt, unter anderem auch Texte über das babylonische Justizsystem. Sie befindet sich derzeit in der Ausbildung zur Diakonin und beschäftigt sich im Rahmen ihres Studiums besonders mit feministischer Theologie.

Wenn #Mütter ihre Töchter #töten

Aus dem englischen Original übersetzt von Melanie Beaven

Dieses Foto zeigt eine Frau mit ihren zweieiigen Zwillingen – einem Jungen und einem Mädchen.

Wenn man sich die Babys auf diesem Foto anschaut, ist unschwer zu erkennen, welches der beiden das Mädchen ist. Es ist das Baby auf der rechten Seite, zum Skelett abgemagert und nur halb so groß wie ihr Bruder. Sie starb einen Tag nachdem dieses Foto aufgenommen wurde.

Die Mutter hatte auf Anraten ihrer Familie entschieden, nur den Jungen zu stillen, nicht aber das Mädchen. Achten Sie darauf, wie zärtlich sie den Kopf des Jungen hält. Das Mädchen wird nicht gehalten. Nicht einmal die Flasche wird festgehalten! Die Körpersprache der Mutter Mehr von diesem Beitrag lesen

„Amu“: Indiens Weckruf zur Erinnerung an die 1984 an den Sikh begangenen Vergewaltigungen und Morde

von Rita Banerji

Aus dem englischen Original übersetzt von Melanie Beaven

amu

Bitte beachten Sie: Die DVD zu diesem Film ist (mit englischem und anderssprachigen Untertiteln) weltweit bei amazon.com und anderen Internetseiten verfügbar.

Es gibt einen Grund, weswegen ich den Film „Amu“ (2005, Regie: Sonali Bose) gewählt habe, um unsere Serie „Gender in Bollywood @ 100“ zu starten. Als die Social Media im Dezember 2012 von Nachrichten über die Proteste anlässlich der Vergewaltigung in Delhi überschwemmt wurden, erhielt unsere Kampagne etliche Anfragen, warum Indien sich über die Vergewaltigungen und Tötungen von Sikh-Frauen in Delhi in Schweigen hüllte.

Dies bezieht sich auf einen Vorfall aus dem Jahr 1984, als nach der Ermordung von Premierministerin Indira Gandhi durch ihre beiden Sikh Bodyguards vier Tage lang unkontrollierte und organisierte Übergriffe auf Sikhs in Delhi und anderen Teilen Indiens ausgeübt wurden. Da die Sikh eine winzige Gemeinschaft sind, die zwei Prozent der Bevölkerung ausmachen und an ihren Turbanen und anderer Kleidung einfach zu erkennen sind, wurden sie eine leichte Zielscheibe. Über 4.000 Sikhs wurden getötet, hunderte Frauen wurden massenvergewaltigt, Wohnhäuser und Geschäfte niedergebrannt.

Einem Bericht des CBI (Indiens zentrale Ermittlungsbehörde) zufolge wurde das Massaker von der Polizei und der Zentralregierung, die damals unter der Leitung von Indira Gandhis Sohn Rajiv Gandhi stand, genehmigt und organisiert. Wahllisten wurden dazu genutzt, Wohnsitze und Geschäfte von Sikhs zu lokalisieren. Diese wurden mit einem „S“ gekennzeichnet. Reichlich mit Waffen, Benzin usw. ausgestattete Lynchmobs machten sich dann auf den Weg zu diesen „Zielen“, um zu vergewaltigen und zu töten. Organisierte Vergewaltigungen und gewalttätige Übergriffe an Sikh-Frauen im ländlichen Punjab setzten sich sogar noch nach 1984 fort. Wie Human Rights Watch 29 Jahre später feststellt, hat die indische Regierung die Verantwortlichen immer noch nicht strafrechtlich verfolgt. Tatsächlich wurden Politiker von Rajiv Gandhis Kongresspartei, der unter dem Vorsitz seiner Witwe derzeit regierenden Partei, wie zu erwarten freigesprochen!

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Ein Opfer von 1984

Jedenfalls zeigen die Kommentare, die auf unserer Seite von Sikh-Frauen hinterlassen wurden: Indien hat sich seltsamerweise und unentschuldbar über die Vergewaltigungen und Tötungen von Frauen während des Sikh-Massakers von 1984 ausgeschwiegen. Sogar intellektuelle „Liberale“ in Indien, die ähnliche staatlich genehmigte Vergewaltigungen und Massaker gegen Muslime in Gujarat im Jahr 2002 wütend verurteilt hatten, schweigen über das Sikh-Pogrom aus dem Jahr 1984.

Am beunruhigendsten finde ich, dass die junge Generation in Indien – also diejenigen, die zu jung sind, um sich an 1984 zu erinnern, oder die erst später geboren wurden – diesem Kapitel von Indiens Menschenrechtsgeschichte völlig ahnungslos gegenüber steht! Wie kann eine Nation so etwas so schnell vergessen?

Der Film Amu ist ein Weckruf für Indiens Gedächtnisschwund. Es ist die Geschichte einer 21 Jahre alten indischen Frau namens Kaju, die in den USA aufwuchs und während eines Verwandtenbesuchs in Indien über ein dunkles Geheimnis ihrer Vergangenheit stolpert. Sie entdeckt, dass sie adoptiert wurde – etwas, das sie bisher nicht wusste. Als sie tiefer in die Suche nach einer Antwort einsteigt, erfährt sie vom Sikh-Massaker in 1984 und dessen Bedeutung für ihr Leben und ihre Adoption.

Aus mehreren Gründen hat dieser Film eine persönliche Saite in mir berührt. Zum einen habe ich eine starke emotionale Verbindung, da ich meine Kindheit unter Sikh-Nachbarn und -Freunden in kleinen Städten in Punjab verbracht habe. Zum anderen habe ich eine eigenartige Parallele zu Kajus Prozess der Wahrheitsfindung über 1984 entdeckt.

Ein Junge, der lebendig verbrannte

Als 1984 das Pogrom geschah, hatte meine Familie Punjab schon verlassen, aber sporadische Übergriffe fanden in ganz Indien statt. Damals war ich 16 Jahre alt und ich erinnere mich, dass die Schule vorzeitig schloss und wir alle eilig nach Hause geschickt wurden. Uns wurde gesagt, dass Hindus und Sikhs miteinander kämpften und dass es überall „Krawalle“ gäbe, ein Ausdruck, der immer noch offiziell von der Regierunge verwendet wird, um die Tatsache, dass es sich um ein gezieltes Massaker handelte, zu verschleiern. Damals gab es natürlich kein Internet und der einzige Fernsehkanal in Indien war im Besitz der Regierung und wurde von ihr kontrolliert. Auch wenn ich heute zurückblicke und die Zeitungsarchive durchsehe, um herauszufinden, warum ich damals nichts von dem wusste, was ich heute weiß, wird mir klar, dass sogar die Zeitungsnachrichten Indiens kräftig zensiert waren.

Tatsächlich wurde sogar der Film „Amu“ stark zensiert, obwohl er erst im Jahr 2005 herausgegeben wurde. Auf dem Cover meiner „Amu“-DVD heißt es: „Die indische Zensurbehörde hat wichtige Zeilen des Filmdialogs herausgeschnitten, was auf die Teilhaberschaft der Regierung an dem Genozid hinweist, und hat ein „A“-Zertifikat mit Begründung „warum sollten junge Menschen Geschichte kennen, die besser begraben und vergessen wäre“  herausgegeben.“

Es macht mir wirklich Angst daran zu denken, dass ich eine von denen gewesen sein könnte, die von der Regierung in einen Dornröschenschlaf versetzt wurden. Zwei Jahre nach dem Sikh-Massaker zog ich in die USA, um ans College zu gehen und als ich schließlich zurück kehrte, gab es noch ein weiteres, ähnliches staatlich genehmigtes Pogrom einer anderen Minderheit. Es waren die Massenvergewaltigungen und das Massaker an Muslimen im Staat Gujarat aus dem Jahr 2002. Ich war schockiert und konnte nicht glauben, dass so etwas in Indien passieren könnte, bis ein älterer Herr mich darauf hinwies, dass dies schon einmal geschehen sei – 1984!!

Es gibt es eine bestimmte Szene in „Amu“, die mich immer noch verfolgt und mit einer Frage zurücklässt. Es ist die Szene mit der Frau, die Selbstmord begeht, nachdem sie vergewaltigt wurde. Und ich frage mich, wie viele weitere dieser Frauen es gab in 1984 und auch noch später, als die Vergewaltigungen von Sikh-Frauen fortgesetzt wurden? Dort, wo Vergewaltigung oftmals als patriarchalische Waffe der Gewalt gegen Frauen eingesetzt wird, werden vergewaltigte Frauen in Indien oftmals doppelt zum Opfer. Einmal durch die Männer und Systeme, von denen sie attackiert werden. Und einmal durch die Männer ihrer eigenen Gemeinschaft, die vergewaltigte Frauen als „verdorbene“ Sexualobjekte ansehen. In Gesellschaften wie der Sikh-Gemeinschaft wurde die Aussonderung von Vergewaltigungsopfern mittels Mord oder Selbstmord als „ehrbare“ Tat angesehen. Ich habe kürzlich den Artikel eines Mannes gelesen, der darüber sprach, wie stolz er auf seine Schwestern war, die ihrem Vater ihre Hälse zur Enthauptung dargeboten hätten!

justice for sikhs murdered_ tortured_ missing_ jailed_ raped by the indian govtIch hoffe, dass es Frauen geben wird, die tapfer genug sind, um genauso Zeugnis über ihre Vergewaltiger abzulegen, wie die Zeugen, die mutig vorgetreten sind, um gegen Politiker und andere Leute auszusagen, die zu den Übergriffen und Morden von 1984 aufgerufen hatten. Und der Rest von uns, in Indien und in der gesamten Welt, muss aufwachen und sie auf jedem Schritt dieses Weges unterstützen, bis ihnen Gerechtigkeit widerfährt!

©  Die Kampagne „50 Million Missing“ (50 Millionen verschwunden). Alle Rechte vorbehalten. Bitte beachten Sie bei Weitergabe unsere Hinweise zum Copyright.

ZUR AUTORIN

Rita Banerji ist Autorin, Frauenrechtsaktivistin und Begründerin von „50 Million Missing“  (50 Millionen fehlen), einer Kampagne zur Beendung des Völkermords am weiblichen Geschlecht in Indien. Ihr Buch  Sex and Power: Defining History Shaping Societies ist ein historischer und gesellschaftlicher Blick darauf, wie die Beziehung von Geschlecht und Macht in Indien zum anhaltenden weiblichen Genderzid führte. Ihre Webseite ist zu finden unter www.ritabanerji.com. Sie bloggt auf  Revolutions in my Space und twittert auf @Rita_Banerji

ZUR ÜBERSETZERIN
Melanie Beaven wurde in Hamburg geboren und lebt seit 2004 in England. Sie hat verschiedene Übersetzungstätigkeiten ausgeführt, unter anderem auch Texte über das babylonische Justizsystem. Sie ist Diakonin in der Methodistischen Kirche in Großbritannien; ihre Interessensschwerpunkte sind Feministische Theologie und der interreligiöse Dialog.

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