Ein Leben in #Angst – Normalität für #Frauen in #Indien ?

Aus dem englischen Original übersetzt von Andrea Wlazik

Eine Frage, die häufig an unsere Kampagne herangetragen wird, ist: Gewalt gegen Frauen gibt es in allen Gesellschaften. Warum also sollen wir unser Augenmerk ausgerechnet auf Indien richten?

Wir möchten Ihnen hier Frauen aus den Großstädten Indiens vorstellen, die über die Angst berichten, mit der sie tagtäglich konfrontiert sind. Lesen Sie selbst und fragen sie sich:

Ist das normal? 

Ist das die Art, wie auch gebildete, berufstätige Frauen in London, New York, Singapur, ja selbst in Peking leben? 

Was sagt das aus über die Gewalt, mit der Frauen in Indien leben, die sie tolerieren und vor der sie häufig die Augen verschließen?

Sreemati Mukherjee (Hochschulstudentin):

this world belongs to women tooFrauen, die nach der Abenddämmerung unterwegs sind, sollten Sicherheitsvorkehrungen treffen. Es gibt so viele Vergewaltigungen und Belästigungen. Jeden zweiten Tag ist etwas in den Schlagzeilen. Deshalb regen meine Eltern sich richtig auf, wenn ich nicht wie vereinbart spätestens um 20 Uhr daheim bin. Dann rufen sie mich an, um sich zu vergewissern, dass ich in Sicherheit bin. Um die gegebene Situation zu verändern, hat meine Hochschule sich ein Aufklärungsprogramm zur Sicherheit von Frauen ausgedacht und Dresscodes für Studentinnen verhängt. Wenn wir noch spät in der Schule bleiben müssen, bestehen unsere Lehrer darauf, dass wir in Gruppen nach Hause gehen.

Tanya Choudhuri (Immobilienmaklerin):

Früher kam ich um Acht nach Hause. Aber jetzt muss ich früh zu Hause sein, weil mein Vater… sich große Sorgen macht, wenn es später wird. Die Zeitungen sind voll von Nachrichten über Frauen, die von Motorradgangs belästigt oder von Taxifahrern vergewaltigt werden. Er sagt, es sei auch egal, wenn ich mit fünf Frauen in unserer Fahrgemeinschaft unterwegs bin. Diese Gangs könnten uns ganz leicht überwältigen und die Polizei schaut weg. Es macht keinen Unterschied, dass unser Ministerpräsident eine Frau ist. Bislang war noch kein Politiker Vergewaltigungsopfern gegenüber besonders einfühlsam.

T.S. Ravikant (Führungskraft bei einem multinationalen Unternehmen):

Meine Tochter ist fünf Jahre alt und ich suche verzweifelt nach einem Job im Ausland. Indien ist kein Land für Frauen.

Vidya (Maschinenbaustudentin)

Ich habe es vermieden, mit ihm [dem Fahrer einer Auto-Riksha, der ihr persönliche Fragen stellte] zu reden. Als wir ankamen, sah ich, dass sein Reißverschluss geöffnet war!

Sromona Mukherjee (Studentin):

enough is enoughVon dem Moment an, an dem ich das Haus verlasse, muss ich meiner Umgebung gegenüber vorsichtig sein. Früher begann meine Sperrstunde um 21 Uhr, aber jetzt bestehen meine Eltern darauf, dass ich gegen 18 oder 19 Uhr nach  Hause komme. Das zeigt, wie besorgt sie immerzu sind. Kürzlich wurde eine Handy-App auf den Markt gebracht, die einem helfen soll, im Notfall Menschen zu erreichen, die in der Nähe sind. Ich denke, dass diese App sehr effektiv sein kann. Ein Pfefferspray mitzunehmen, kann ebenfalls helfen. Obwohl mein Institut bislang noch keine Sicherheitvorkehrungen getroffen hat, um sexueller Belästigung auf dem Universitätsgelände vorzubeugen, bin ich sicher, dass sie jetzt, wo die Gewalt in den Städten zunimmt, Maßnahmen ergreifen werden.

Alkananda Somayajula, (Studentin der Massenkommunikation):

Jedes Mädchen, das ich kenne, hat schon schreckliche Erfahrungen mit sexueller Belästigung in den Straßen der Stadt durchgemacht. Das ist nicht nur unangenehm, sondern auch Furcht erregend. Eine Frau muss hundertmal nachdenken, wenn sie rausgehen will, nachdem es dunkel geworden ist. Ich wünschte nur, die Regierung würde etwas tun, um Sicherheit – nicht nur die von Frauen, sondern die aller ihrer Bürger – zu gewährleisten.

Paramita Bhattacharya (Universitätsstudentin):

Die jüngste Gruppenvergewaltigung einer 21-Jährigen war für uns alle ein regelrechter Schock. Seit ich studiere und die meiste Zeit alleine unterwegs bin, vermeide ich es, ein Taxi zu nehmen. Wenn ich keine andere Wahl habe, notiere ich mir das Kennzeichen. Außerdem vermeide ich nächtliche Unternehmungen mit Freunden und habe immer eine Notrufnummer im Handy gespeichert. Meine Eltern wurden immer besorgter, wenn ich spät draußen war. Sie haben mich angerufen, um sich zu vergewissern, dass ich unversehrt bin. Die vielen Vergewaltigungsfälle haben in meinem Institut zu einer neuen Form von Bewusstsein geführt. Wachen sind an den Toren aufgestellt. Unsere Lehrer ermahnen uns immer zur Vorsicht.

Tanya Sen (BPO Angestellte)

Ein Gefühl von Hilflosigkeit erfasst mich jeden Tag, wenn ich in der Nähe der U-Bahn auf Autorikshas warte und wenn ich alleine rausgehe. Meine Ausbildung, meine wirtschaftliche Unabhängigkeit, der Selbstverteidigungskurs und das Pfefferspray könnten vielleicht auch nicht helfen. Ich weiß, dass auch ich jederzeit ein Opfer werden kann.

Sangita B. (Angestellte):

Ich wurde geärgert, es wurden anzügliche Bemerkungen gemacht, einmal wurde meine Hand angegrapscht und ich wurde sogar schon bedroht. All das auf den Hauptstraßen an verschiedenen Stellen in der Stadt.

Nilesh P Kolapkar, (Geschäftsführerin einer Speisegaststätte im Großraum Mumbai):

Selbst in den belebten Stadteilen besuchen Frauen Restaurants oder Clubs nur in Begleitung von männlichen Freunden oder in großen Gruppen mit 5-6 Männern, anstatt wie früher zu zweit oder zu dritt. Ich habe zudem festgestellt, dass wenn solche Gruppen das Restaurant verlassen, die Frauen zuerst abgesetzt werden. Frauen, die Nachts alleine zum Restaurant fahren, sind definitiv weniger geworden. Außerdem gehen Mädchen, die in Gruppen kommen, spätestens um 22 Uhr oder 22:30 Uhr. Früher hätten sie bis nach Mitternacht hier herumgehangen.

Manali Basu, (Hochschulstudentin):

dont tell your daughter not to go outIch fühle mich hier nicht mehr sicher. Nichts hat sich geändert seit dem 16. Dezember 2012. Nichts ist dafür getan worden, dass sich Frauen in unserem Land sicherer fühlen können. Vorfälle von Belästigung, sexueller Belästigung und Vergewaltigung sind jeden Tag in den Schlagzeilen zu finden. Meine Eltern fühlen sich hilflos, wenn sie die Zeitungen lesen. Das erklärt, warum sie wollen, dass ich bei Sonnenuntergang zu Hause bin. Die Leute protestieren auf sozialen Netzwerken, organisieren Demonstrationen, benutzen schwarze Punkte…aber vermag all dies, Verbrechen zu verhindern? Wir können auch nicht zu Hause sitzen und die Männer verantwortlich machen! Es gibt keine Lösung. Eine Freundin von mir wurde einmal belästigt. Niemand half ihr. Mädchen sollten immer Schweizer Armeemesser und Pfefferspray bei sich tragen. Leider hat mein Institut keine Vorsichtsmaßnahmen ergrifen, um die Sicherheit der Studentinnen zu gewährleisten. Ich hoffe, das werden sie noch tun.

[Die obenstehenden Aussagen sind Auszüge von Aussagen, die in folgenden Medien publiziert wurden: The Times of India (Kalkutta), Business Economics, Indian Express (Bangalore), DNA, The Times of India (Hyderabad), Times of India (Mumbai).

ZUM ÜBERSETZER
Andrea Wlazik ist gelernte Fremdsprachenkorrespondentin. Sie arbeitet als freiberufliche Texterin und Übersetzerin und koordiniert den deutschen Blog der „The 50 Million Missing Campaign“. Sie ist außerdem Initiatorin der von der Kampagne unabhängigen deutschen Facebook-Gruppe „Femizid in Indien“.

Advertisements

Nita Bhalla: Ich habe das Schweigen über die Gewalt an Geschäftsfrauen wie mir gebrochen

Aus dem englischen Original übersetzt von Tina Sternberg

Während ich in den vergangenen drei Jahren als Journalistin in Südasien über Frauenrechte berichtet habe, habe ich die Vielzahl an Bedrohungen kennen gelernt, von denen die Millionen von Frauen in dieser zutiefst patriarchalischen Region heimgesucht werden.
Ich denke noch immer: „Das ist nicht passiert. Das passiert Frauen wie mir nicht.“
Die meisten der Opfer, über die wir in Indien gelesen haben, sind weitgehend ungebildete Frauen aus ärmeren Verhältnissen – was die allgemeine Wahrnehmung verstärkt, dass häusliche Gewalt oder Gewalt in Partnerschaften in Bevölkerungsgruppen mit einem niedrigeren soziökonomischen Status weiter verbreitet ist als in anderen Bevölkerungsschichten.
Jedoch sehen sich auch gebildete Frauen in Indien mit solchen Misshandlungen konfrontiert, nur sprechen sie selten davon.
Und nun bin ich es also, eine berufstätige, gebildete, unabhängige Frau , die im Trauma-Zentrum des Institute of Medical Sciences in Neu-Dheli hinter einem Vorhang steht, um mich vor einer Krankenschwester auszuziehen und meine Verletzungen untersuchen zu lassen.
Obwohl körperliche und sexuelle Gewalt gegenüber Frauen leider etwas ist, das jeder Gesellschaft zu schaffen macht, ist es unfassbar, in welch hohem Ausmaß diese Gewalt in Indien akzeptiert wird.
Eine Umfrage zur Gesundheit von Familien in Indien (National Family Health Survey), hat ergeben, dass 51% der indischen Männer und 54% der indischen Frauen es entschuldbar finden, wenn ein Mann seine Frau schlägt.
Und das SCHWEIGEN, das diese Misshandlungen umgibt, hilft dabei, deren Akzeptanz aufrecht zu erhalten … dieses unbegreifliche Schweigen der anderen, – Familie, Freunde, Nachbarn, sogar Passanten – die es vorziehen, sich blind zu stellen.
Aber jetzt habe ich dieses Schweigen erfahren.
Als er mir an den Haaren zog und mich mit den Füßen trat, während ich auf dem Asphalt lag, war da dieses ohrenbetäubende Schweigen von meinen Nachbarn, die meine Schreie hörten, aber zögerten einzugreifen,  … der Gruppe junger Männer, die an uns vorbeiging und ein paar Meter weiter stehen blieb, um dabei zuzusehen, wie er mich schlug.

ZUR AUTORIN

Nita Bhalla ist Journalistin und Korrespondentin der Thomas Reuters Foundation für Humanität und Frauen in der Region Südasien. Dieser Auszug stammt aus ihrer persönlichen Abhandlung für die BBC „Becoming an abuse statistic in patriarchal India“ (Teil der Misshandlungsstatistik im patriarchalischen Indien werden). Sie twittert auf @nitabhalla

ZUR ÜBERSETZERIN

Tina Sternberg hat nach ihrem Studium der Literatur und Medien acht Monate in Indien gelebt. Die oft brutalen Widersprüche zwischen zukunftsorientierter Zivilisation und altertümlicher Kultur gehen ihr seither nicht mehr aus dem Kopf.

%d Bloggern gefällt das: