Von Gandhi bis Asaram: Wer ermöglicht „Gurus“ sexuelle Strafhandlungen?

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Asaram in Haft

Aus dem englischen Original von Rita Banerji
übersetzt von Carmen Berelson

Es ist unheimlich, wieviel er mit Gandhi gemein hat. Ich meine damit Asaram, den indischen spirituellen Führer, der vor kurzem wegen sexuellen Missbrauchs an der 15-jährigen Tochter eines seiner Anhänger verhaftet wurde.

Sowohl Gandhi als auch Asaram hatten Millionen von Anhängern, die sie als Heilige und spirituelle Führer sahen und von denen sie „Bapu“ oder Vater genannt wurden. Gandhi wie Asaram haben Sex und sexuelles Begehren als „Sünden“ bezeichnet und jeden Ausdruck von Sexualität verdammt als schmutzige Importe aus dem Westen, die zu vermeiden sind, weil sie Indiens Jugend und Kultur gefährden. Beide predigten ihren Anhängern Abstinenz und die Kontrolle sexuellen Begehrens als eine Form der Selbstläuterung.

Und Gandhi wie auch Asaram waren Heuchler, die in ihrem Streben nach sexueller Befriedigung verschiedener Art gegen ihre eigenen Lehren verstoßen haben, selbst wenn dies zum sexuellen Missbrauch von Mädchen und Frauen unter ihren Anhängern führte.

Details aus Asarams Vergangenheit, die sich nun zu einem Gesamtbild zusammenfügen,  lassen erkennen, dass er Frauen nicht nur sexuell missbrauchte und vergewaltigte, sondern dass er die Frauen in seinem Ashram als sexuelle „Gespielinnen“ betrachtete. Gandhi dagegen hatte unter den jüngeren seiner weiblichen Anhänger einige in den späten Teenagerjahren, die nachts nackt in seinem Bett schliefen. Er behauptete, dass er dadurch die „Macht“ der Enthaltsamkeit testen könne. Umso erschreckender, dass dies nicht nur seinen Anhängern bekannt war, sondern allen, mit denen er in Kontakt kam – seiner großen Fangemeinde aus Politikern, Aktivisten, Philosophen und Journalisten – sowohl in Indien und auch im Ausland. Zu verlangen, dass Mädchen und Frauen nackt in seinem Bett schlafen, ist an sich bereits eine Form des sexuellen Missbrauchs – ein Privileg, dessen sich Gandhi wegen seiner Position und Stellung bediente. Was sich in seinem Bett tatsächlich abspielte, ist bis dato unbekannt, da die Frauen zur Verschwiegenheit verpflichtet waren. Das Verhalten und die Reaktionen der Frauen in seiner Umgebung und Auszüge aus ihren Tagebüchern weisen klare Anzeichen sexueller Manipulation und Ausbeutung auf. [Siehe unten ein Auszug aus meinem Buch ,Sex and Powerʹ.]

Wer oder was ermöglicht diesen spirituellen Führern, die ungestrafte sexuelle Ausbeutung?

Da ist zunächst der Einfluss, den diese Personen wegen ihrer hypnotischen Kraft über große Menschenmassen und damit über die politischen und an der Regierung befindlichen Klassen ausüben. Da sie wegen ihres Status als Kultfigur von Millionen blind verehrt werden, sehen Politiker sie als einfachen Weg, die Massen zu erreichen und zu beeinflussen. Genau deshalb schwiegen die engen politischen Verbündeten Gandhis, selbst jene, die seine Handlungen missbilligten. Die Gründe, warum es 15 Tage gedauert hat, bis Asaram von der Polizei verhaftet wurde, sind ähnlich. Er hatte den Schutz von Politikern, die hoffen, in der nächsten Wahl in Indien im Jahr 2014 die Stimmen von Millionen Indern zu erhalten, die Asaram verehren. Es sind also die blind folgenden Massen, die Gurus und Gottheiten Immunität verleihen. Schließlich eignen sich organisierte Religionen oder Glaubensformen ausgezeichnet für diese Art von Kultmentalität und blinden Gehorsam.

Allerdings geht es dabei im Gegensatz zur landläufigen Meinung nicht um Religion. Diese kultähnliche Mentalität und das blinde Vertrauen bezieht auch Menschen ein, die Religion scheuen, die jedoch Personen wie Gandhi, die für sie gleichbedeutend sind mit hehren Ideen und Idealen, verherrlichen und auf ein Podest stellen.  Und diese geheiligten Männer mit Kultstatus sind in allen Bereichen anzutreffen – Religion, Politik, Sport und sogar in der darstellenden Kunst!

gandhi crowds

Gandhis Gefolgschaft

Asarams Anhänger gingen in die gewaltsame Defensive und attackierten Übertragungswagen  und Journalisten. Die Verehrer Gandhis tun jedoch dasselbe, selbst heute noch!  Artikel, die ich über Gandhi hinsichtlich seiner Einstellung zu Sex, Sexualität und Frauen geschrieben habe, und sogar ein Artikel in einer britischen Zeitung, in der ich zitiert wurde, wurden mit öffentlichen Kommentaren aus Indien und westlichen Ländern bedacht, die verbal feindlich und defensiv waren.  Interessanterweise wollten sich die Kritiker nicht mit dem auseinandersetzen, was geschrieben wurde, sondern hoben die Aspekte hervor, die sie als rehabilitierend erachteten. Anders ausgedrückt:  Weil sie meinen, dass Gandhi Gewaltlosigkeit gepredigt und Indien in die Freiheit geführt hat, ist dieses Verhalten eine Kleinigkeit, die zu ignorieren sie freuding bereit sind! Und sie wünschen sich, dass der Rest von uns das auch tun würde. Andere bestanden darauf, dass sexueller Missbrauch usw. ein Problem unserer Zeit ist, das damals nicht dieselbe Bedeutung hatte!  Ich frage mich, was nach Meinung dieser Leute die Eltern der jungen Mädchen gefühlt haben, die in den 1940er Jahren Gandhis Gefolge angehörten? Wollen sie unterstellen, dass diese Eltern sich geehrt gefühlt haben, weil Gandhi ihre Töchter für seine perversen Sexexperimente missbrauchte?

Es ist sehr wichtig, sich klar zu machen, dass Männer in Führungspositionen Mädchen und Frauen sexuell ausbeuten können, weil die Personen, die ihrem Status huldigen, auch den Raum und die Macht für ihre Handlungen schaffen!

Asaram wurde jetzt verhaftet, was nicht einfach war. Der Vater eines 15-jährigen Opfers stand als Einziger seiner Tochter bei, als sie bei der Polizei ihre Anzeige machte und beschrieb, wie Asaram sie eine Stunde lang gefangen hielt und sich sexuell an ihr verging. Trotz des mächtigen Schutzes, den Asaram durch Politiker, die Polizei und Millionen von wütenden Anhängern genoss, blieb er hartnäckig bei seiner Forderung, dass Asaram verhaftet werden müsse. Der Vater, der einst zu den Anhängern Asarams gehörte, sagte, dass sein damaliger blinder Gehorsam falsch gewesen sei. Andere von Asarams Opfern haben dadurch den Mut erhalten, gegen Asaram auszusagen.

Es ist eine wichtige Erkenntnis, dass jeder von uns verantwortlich ist, für das Unrecht, das Menschen begehen, die wir auf einen Sockel erheben. Jeden von uns trifft eine Mitschuld.

[Nachfolgend einige Auszüge aus den Seiten 265-281 von Sex and Power: Defining History, Shaping Societies geschrieben von Rita Banerji.  Penguin Books, Indien, 2008; Penguin Global, 2009] 

Mohandas K. Gandhi ;Manilal Gandhi ;Mrs. Kanu Gandhi;Pyarelal;Sita Gandhi;Sushila Pai;Raj Kumari[Das Zölibat war eine] von Gandhis bevorzugten Ideologien…die er leidenschaftlich als wesentlichen Aspekt seiner sozialen und politischen Lehren vertrat. …[Er] erachtete Sex bei allen Menschen, auch bei Eheleuten, als „unrein“. Gandhi missfiel die sexuelle Neugierde [der unverheirateten Jugendlichen seines Ashrams]. Er war dafür bekannt, dass er Frauen [unter seinen Anhängern] bat, als guru-dakshina [eine Bezahlung an ihn als Lehrer] ein lebenslanges Gelübde der Keuschheit abzulegen. Er riet [sogar] Eheleuten [in seinem Ashram]…es nicht nur zu vermeiden, ein Bett zu teilen, sondern auch ein Zimmer, es sei denn, sie wollten ein Kind zeugen… Obwohl er den [auf dem Kastenwesen basierenden] Brauch der „Unberührbarkeit“ beklagte,  …besetzte er verantwortungsvolle Positionen in seinem Ashram selten mit Adivasis oder Tribals, … da ihm deren liberale sexuelle Gewohnheiten missfielen … Er hatte die Vision, dass eines Tages „die ganze Welt“ Keuschheit üben würde.“

Gandhis Kampf gegen seine Libido entwickelte sich zu einem lebenslangen Martyrium, weil er wie besessen mit allen möglichen Strategien experimentierte, um „den heimtückischen Feind“, wie er es bezeichnete, zu bekämpfen. Er gab zu, ein Mensch mit intensiver „sexueller Lust“ zu sein,… und er sprach davon, dass er in seinem „Krieg“ gegen diesen „Feind“ ständig „Mut“ brauche und „wachsam“ sein müsse. Er versuchte, Kontrolle durch Nahrungsmittel zu erlangen, die er in solche unterteilte, die seine Libido schürten und in die, die sie abtöteten.

Laut [dem Schweizer Psychologen] Jung drückt diese [Art der sexuellen Unterdrückung, die Gandhi an den Tag legte] sich oftmals durch sexuell perverses Verhalten oder Puritanismus aus, wobei bei Gandhi beide Verhaltensformen deutlich waren. Obwohl er davon besessen war, durch Nahrungsmittel [sexuelle] Stimulation auszuschalten, hat er diese Theorie nicht auf seine [Nähe zu Frauen] angewandt.

Er war ständig von jungen Frauen umringt, die sich seiner [körperlichen] Bedürfnisse annahmen…wozu Massagen in unbekleidetem Zustand [und Bäder] gehörten. Er benutzte Frauen zur Stütze… und beim Gehen legte er seine Arme um ihre Schultern, wenngleich durch einen Spazierstock oder ein paar junge Männer dasselbe hätte erreicht werden können. [Zu seinen sogenannten „Experimenten mit der Wahrheit“ gehörte] Schlafen mit nackten jungen Frauen, um seine Keuschheit zu testen, wobei eines dieser Mädchen seine eigene Großnichte war.

Es ist schwierig, sich den psychologischen Zustand [dieser jungen Frauen, von denen viele Teenager waren] vorzustellen. Es ist allgemein bekannt, dass ihm die Frauen seiner Gefolgschaft körperlich nahe sein wollten …sie konkurrierten darum, von ihm berührt zu werden, …und Frauen, die in seinem Bett schliefen, verhielten sich hysterisch, zeigten [Eifersucht und] Angst vor Zurückweisung, wenn er sich von ihnen abwandte… Der Aufruhr der Gefühle [und in den Leben] einiger dieser Frauen wird in [dem, was in dem Tagebuch als Erzählung eines „Traums“ bezeichnet wird] von Prema Kantak deutlich.  [Sie schreibt,] sie war ein kleines Mädchen in Gandhis Schoß und trank Milch, die von seiner Brust in ihren Mund floss. Sie erinnert sich an den alarmierten Zustand, in dem sie sich in dem Traum befand, weil die Milch nicht aufhörte zu fließen, selbst als sie nicht mehr durstig war und ihre Kleidung und ihr Körper durchnässt waren, während Gandhi sie aufforderte, mehr zu trinken. Obwohl Gandhi freudig versicherte, dies bedeute, dass sie sich bei ihm geborgen fühle, sind der Symbolismus von Samen als Milch und der unterdrückt sexuelle Inhalt [und Hinweis auf sexuellen Missbrauch in dieser Beziehung] unverkennbare Elemente von Premas [aus dem Unterbewusstsein stammenden] Beschreibung.


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ZUR AUTORIN
Rita Banerji ist Autorin, Frauenrechtsaktivistin und Begründerin von “The 50 Million Missing”, einer Kampagne zur Beendung des Völkermords am weiblichen Geschlecht in Indien. Ihr Buch „Sex and Power: Defining History Shaping Societies“ ist ein historischer und gesellschaftlicher Blick darauf, wie die Beziehung von Geschlecht und Macht in Indien zum anhaltenden weiblichen Genderzid führte. Ihre Webseite ist zu finden unter www.ritabanerji.com. Sie bloggt auf Revolutions in my Space und twittert auf @Rita_Banerji.

ZUR ÜBERSETZERIN
Carmen Berelson ist gebürtige Deutsche, wurde in Deutschland zur Übersetzerin ausgebildet und übt diesen Beruf (Fachgebiete Recht, Wirtschaft und Finanzen) freiberuflich in den Vereinigten Staaten aus. Sie interessiert sich für die Rechte von Mensch und Tier, für Ethik und Umweltbelange. Carmen ist unter
CBerelson@aol.com zu erreichen. Ihr Profil ist zu finden unter http://www.atanet.org/onlinedirectories/tsd_listings/tsd_view.fpl?id=2469.

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Fordern Sie die Freigabe von Taslima Nasreens Fernsehserie über Frauenrechte in Indien

Aus dem englischen Original übersetzt von Andrea Wlazik

Wie kommt man auf die Idee, dass eine Fernsehserie über die verschiedenen Belange, die Frauen in Indien belasten, religiöse Gefühle verletzen könnte und verboten werden muss?

taslima_nasreenDie Ausstrahlung der von der feministischen Autorin Taslima Nasreen als Drehbuch verfassten (bengalischen) Serie „Dusahobas“, was so viel bedeutet wie „unerträgliches Zusammenleben“, wurde aufgrund des Drucks von islamischen Klerikern in West Bengalen „auf unbestimmte Zeit verschoben“, obwohl sie sendefertig war.

Abdul Aziz von der religiösen Gruppierung Milli Ittehad Parishad erzählt, dass die Gruppierung an die Produzenten geschrieben und diese aufgefordert hätte, Taslimas Namen und Empfehlung aus dem Mehrteiler zu entfernen, obwohl Taslima das Drehbuch für Serie geschrieben hat. Aziz sagt: „Es wurde uns erzählt, dass es ein paar Szenen in der Serie gibt, die unsere Gefühle verletzen könnten.“, ohne weiter auszuführen, in welcher Art genau der Mehrteiler verletzend für die Gefühle von Muslimen in Indien sind.

Tatsächlich geht es in dieser Show nicht um den Islam, sondern um Themen, die Frauen aller Religionen und kulturellen Gemeinschaften in Indien betreffen – Themen wie Mitgift, Mitgiftgewalt, sexuelle Gewalt und das Unterbinden von Bildung. Belange, mit denen die indische Gesellschaft  sich über Massenmedien, wie das Fernsehen, auseinandersetzen muss. Laut Taslima Nasreen basiert die Handlung auf drei Schwestern. Eine von ihnen hat einen dunklen Teint und vermag es wegen der kulturellen Vorurteile gegen Frauen mit dunklerer Haut nicht, einen Bräutigam zu finden. Ihr Vater kann es sich nicht leisten, Mitgift zu zahlen. Die andere Schwester ist  ein Opfer sexueller Gewalt und die dritte ist Studentin.  „Die Geschichte dreht sich um diese drei Schwestern. Deshalb haben die muslimischen Fundamentalisten nichts zu befürchten. Hier geht in keiner Weise gegen Fundamentalismus.”  erklärt Taslima.

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Szene aus der Serie

West Bengalen, ehemals der sicherste Staat für Frauen in Indien, verzeichnet heute, unter der Regierung einer Frau, Ministerpräsidentin Mamata Banerjee, die höchste Rate an Verbrechen gegen Frauen in Indien. Dies hat viel zu tun mit Frau Banerjees Unterstützung einer frauenfeindlichen Kultur und dem patriarchalischen Trend, der ihre Beliebtheit auf Kosten der Frauenrechte aufrecht erhält – eine Schande für Westbengalen und für Indien!  Wir müssen an unsere weiblichen Führungskräfte höhere Anforderungen stellen.

Fordern Sie, dass Taslima Nasreens Fernsehserie über Frauenrechte sofort zur Ausstrahlung freigegeben wird!

Schicken Sie eine Mail an Ministerpräsidentin Mamata Banerjee at : cm-wb@nic.in

Oder kontaktieren Sie das Parlamentsmitglied Derek O’ Brien als Vertreter von Frau Banerjees Regierung per Twitter @quizderek

Ist Menstruation ein Verbrechen?

Aus dem englischen Original übersetzt von Tina Sternberg

Foto: Ramendra Singh Bhadauria ©
Die Gottheit Kamakya von Assam in Ostindien
während ihrer Menstruation

Im Dezember 2010 hat die Kriminalpolizei im Auftrag der Landesregierung von Kerala, Indien, gegen die indische Schauspielerin Jayamala ermittelt und sie offiziell dafür angeklagt, das indische Gesetz verletzt zu haben.

Ihr Verbrechen besteht offenbar darin, einem Geschlecht anzugehören, das menstruiert!

Jayamala wurde unter Berufung auf Paragraph 295 des indischen Strafgesetzbuchs für „vorsätzliche und niederträchtige Handlungen mit dem Ziel, die Gefühle einer Schicht durch Beleidigung ihrer Religion oder religiösen Überzeugungen zu verletzen“ angeklagt.

Worin bestand Jayamalas „vorsätzliche und niederträchtige“ Handlung?

Ihr Verbrechen war es, im Alter von 18 Jahren einen bestimmten Tempel zu besuchen, um dort zu beten – das war vor etwa 23 Jahren.

Und warum „verletzt” dieser simple Akt der religiösen Hingabe einige Menschen? Warum haben sie ihn als „Beleidigung” empfunden? 

Weil in diesem speziellen Tempel – wie in so vielen in Indien – eine alte Regel gilt: Frauen, die menstruieren, dürfen den Tempel nicht betreten. Menstruierende Mädchen und Frauen werden in den meisten Teilen Indiens als „unrein“ und „verschmutzend“ betrachtet – wie etwa ein Müllhaufen, ein faulender Kompost oder giftige Abgase. Es heißt, dass menstruierende Frauen die Umgebung, die sie betreten, verschmutzen. Und weil der Tempel ein heiliger Ort ist, besteht die einzige Möglichkeit ihn ‚sauber’ zu halten darin, Verschmutzern den Zugang zu verwehren. Um zu gewährleisten, dass kein Verschmutzer den Tempel betritt, hat der Tempel ein Gesetz erlassen, dass keine Frau zwischen 10 und 50 Jahren (den Menstruationsjahren) am heiligen Schrein beten darf.

Indem sie also gegen dieses Gesetz verstoßen hat, hat Jayamala im Alter von 18 Jahren (vor mehr als 23 Jahren) den Tempel beschmutzt, hat die „Gefühle“ der Öffentlichkeit „beleidigt“ und „verletzt“ und musste Polizei und Justiz gegenüber Rechenschaft ablegen.

Ihr „Verbrechen” wurde entdeckt als im Tempel eine routinemäßige astrologische Untersuchung der Rituale bei der Gottesanbetung stattfand. Diese Untersuchung hat ergeben, dass die heiligen Zeremonien gestört wurden, weil einige Frauen das Heiligtum betreten hatten. Aus Angst vor den Konsequenzen hat die arme Jayamala ihr „Verbrechen“ zugegeben und gesagt, sie habe den Tempel „aus Versehen“ betreten, als sie von der Menschenmenge hineingeschoben wurde.

Dies führte zu weiteren Untersuchungen der Kriminalpolizei im Auftrag der Landesregierung!

Sie befanden, Jayamala habe unmöglich hineingedrängt werden können, weil die Tempelstufen zum Heiligtum  hinauf führten. Die Polizei schloss daraus, dass sie gelogen hatte und klagte sie wegen Falschaussage an, unter Berufung auf Paragraph 295 des indischen Strafgesetzbuchs für „vorsätzliche und niederträchtige Handlungen mit dem Ziel, die Gefühle einer Schicht durch Beleidigung ihrer Religion oder religiösen Überzeugungen zu verletzen“.

Abgesehen von einem kleinen Teil der indischen Bevölkerung, der frustriert an den Nägeln kaut angesichts der unfassbaren Engstirnigkeit und des Verstoßes gegen das Recht eines jeden Menschen, frei zu beten, gibt es in Indien wenig öffentliche Sympathie für Jayamala.  Wie  ein Journalist in einer bekannten englischen Zeitung in Indien festgestellt hat: „Ist es möglich, moderne Kategorien wie das Recht der Geschlechter in Glaubensfragen streng auszulegen? Können wir eine gefestigte Tradition im Namen der Gleichstellung der Geschlechter aufheben? Genau genommen werden es viele Gläubige -Frauen eingeschlossen- ablehnen, eine Geschlechterfrage in diesen Brauch hinein zu interpretieren. Es gibt nichts Sexistisches an dieser Praxis, denn der Tempel erlaubt ja den Eintritt von Mädchen unter 10 und Frauen über 50 Jahren. Eine gesetzliche Intervention wird diese Situation vermutlich nicht ändern, da es sich um eine Angelegenheit von Tradition und Glauben handelt.“

Die Vorstellung, menstruierende Frauen seien „unrein“ und „verschnutzend“ wird von den meisten Menschen aus allen Schichten innerhalb der indischen Gesellschaft aufrecht erhalten – auf dem Land und in den Städten, gebildet und ungebildet, reich und arm. Oft wird es Frauen verboten, bestimmte Räume im Haus zu betreten, sich bestimmten Menschen zu nähern und sich an bestimmten Aktivitäten zu beteiligen. In einigen Haushalten werden sie in gesonderten Räumen isoliert untergebracht. Wenn sie versehentlich etwas tun, das ihnen nicht erlaubt ist, oder einen Ort betreten, den sie nicht betreten sollen, muss ein Reinigungsritual durchgeführt werden, um den Ort zu säubern. Sogar Gandhi hat gesagt, dass die Menstruation aufgrund der weiblichen Sexualität eine Manifestation für die entstellte Seele der Frau sei. Er glaubte daran, dass eine Frau automatisch aufhören würde zu menstruieren, wenn ihre Seele rein wäre.

Wo liegt der Ursprung dieses Wahnsinns?

Könnte es Angst sein?

Eine tiefe, morbide, kollektive, psychotische Angst – eine Angst, die tief in der Geschichte und Kultur Indiens verwurzelt ist?

Einige der altertümlichen Texte Indiens, wie etwa die mehr als 2000 Jahre alten vedischen Schriften, berichten „Menstruationsblut wurde als bösestes Zeichen für die Macht der Frau angesehen. Man glaubte, dass die Braut des Mondgottes es während der Hochzeit schaffte, ihren Bräutigam in ihrem rot- und lilafarbenen Brautkleid einzufangen und ihm ein ewiges Mal aufzuerlegen, das ihn für immer in ihren Bann schloss… Das Menstruationsblut wurde als wildes und böses Tier betrachtet,  … das einen Mann verbrennen, beißen, kratzen, vergiften und sogar töten kann. Das Blut, das beim Reißen des Jungfernhäutchens austritt, wurde als ähnlich gefährlich [für den Mann] betrachtet. Nach der Hochzeitsnacht wurde das blutbefleckte Brautkleid an den Priester übergeben, der es zerriss und in die zeremoniellen Flammen warf, um die Braut von ihren bösen Kräften zu befreien.” (Rita Banerji, Sex and Power, Penguin Global, 2009, pg.49)

Die Frage heißt deshalb: Ist es diese Angst,  diese tief verwurzelte Angst vor der weiblichen Sexualität, die nicht nur einzelnen Vorfällen wie der Kriminalisierung von Jamayalas Akt der Gottesverehrung, sondern auch dem übergeordneten Problem der systematischen Gewalt gegenüber Mädchen und Frauen in Indien zugrunde liegt?

Ist es diese kollektive, historische Angst vor der weiblichen Sexualität, die diese vollkommen irrationale, systematische Massenvernichtung von Frauen in Indien antreibt?

50 Millionen Frauen erbarmungslos ausgerottet innerhalb von drei Generationen! Das ist beispiellos!

Wenn man die Völkermorde dieser Welt betrachtet, zeichnet sich ein absolut  irrationaler Hass und eine ebenso starke Angst vor der diskriminierten Gruppe erkennbar als treibende Kraft ab.

Ist es nicht Zeit für Indien, dieser Angst ins Auge zu blicken? Sie anzuerkennen? Und zu lernen, wie eine fortschrittliche Nation damit umzugehen?

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ZUR ÜBERSETZERIN

Tina Sternberg hat nach ihrem Studium der Literatur und Medien acht Monate in Indien gelebt. Die oft brutalen Widersprüche zwischen zukunftsorientierter Zivilisation und altertümlicher Kultur gehen ihr seither nicht mehr aus dem Kopf.

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