Soraya Nulliah: Meine Kunst erzählt die Wahrheit über Gewalt, die ich erfahren und überlebt habe

Aus dem englischen Original übersetzt von Laura Gerber

Soraya Nulliah

In 2006 hielt die feministische Künstlerin Soraya Nulliah am Nina Haggerty Centre in Edmonton, Kanada, eine Ausstellung mit dem Titel „Shakti“. Das hinduistische Wort Shakti steht für die weibliche Verkörperung der Kraft. Sorayas Absicht war es, Shakti zu beschwören, indem sie ihre Kunst nutzte, um Aufmerksamkeit zum Thema Gewalt gegen indische Frauen zu wecken. Eine der Besprechungen zu ihrer Ausstellung betont: „Unter den üppigen Farben und Texturen verbirgt sich eine traurige Thematik: Die Realität der Gewalt gegen Frauen…”Die Gründerin der Kampagne „The 50 Million Missing“, Rita Banerji, führte kürzlich ein Interview mit Soraya Nulliah, das wir hier in diesem speziellen Beitrag präsentieren. Um mehr über Soraya und ihre Kunst zu erfahren, besuchen Sie ihre Homepage www.sorayanulliah.com

Rita: Ihre Familie ist indischer Herkunft, aber Sie sind in Südafrika und Kanada aufgewachsen und leben nun in den Vereinigten Staaten. Warum wählten Sie das Thema „Gewalt gegen indische Frauen“ für Ihre Malerei und Ihre Ausstellung? 

„Standing at the edge of grace” von Soraya Nulliah

SORAYA: Ich bin eine indische Frau und Überlebende einer missbräuchlichen und gewalttätigen Kindheit. Deshalb ist die Thematik der Gewalt in erster Linie eine persönliche Thematik für mich. Ich weiss wie es ist, ein misshandeltes Kind zu sein, stets in Angst zu leben, gedemütigt und entmachtet. Rita, ich erinnere mich sogar jetzt noch ganz genau, so viele Jahre später: Eines Tages (ich war ungefähr siebzehn Jahre alt), nachdem mein Vater mich verprügelt hatte, kam meine „Mutter” in mein Zimmer und sagte: „Soraya… wir müssen uns damit abfinden… wir sind indische Frauen.”  Und ich sagte zu ihr: „Du entscheidest, Dich damit abzufinden… ich nicht.”

Ich verbrachte ungefähr 4-5 Monate in einer Notunterkunft für Jugendliche, weil „Zuhause“ kein sicherer Ort für mich war (ich besuchte noch die weiterführende Schule). Da war meine „Mutter”, die mich hätte beschützen müssen und erzählte mir, ich solle Misshandlungen akzeptieren. Diese Schlüsselerfahrung veränderte mich, weil ich realisierte, dass mein Schweigen mich nicht schützt; es schwächt mich.

Wärend dieses Thema für mich ein persönliches ist, weiß ich auch, dass es für so viele Andere eine allgemeine Erfahrung ist, besonders für Frauen indischer Gemeinden. Jede einzelne meiner Freundinnen in der indisch-kanadischen Gemeinde kam entweder aus einer gewalttätigen Familie, lebte in einer gewalttätigen Ehe oder beides.

Alles, wogegen sich Deine Kampagne gegen den Genderzid (geschlechtsspezifischer Völkermord) an Frauen in Indien richtet, passiert auch indischen Frauen ausserhalb Indiens! Als ich in Kanada zur Universität ging, gab es einen Vorfall in der Nähe unseres Wohnortes. Ein indischer Mann ging ins Untergeschoss und schug seiner Ehefrau den Kopf ab, während ihre Kinder im oberen Stock waren!! In den sechs Wochen meiner Ausstellung kamen drei indische Frauen in Vancouver ums Leben. Eine Geschichte, die mich wütend machte und mir die Tränen in die Augen trieb, war die einer jungen schwangeren Frau, die bereits eine Tochter hatte. Sie wurde tot und verkohlt aufgefunden, während ihr Mann sie über Wochen nicht einmal als vermisst gemeldet hatte. Es stellte sich heraus, dass sie eine weitere Tochter erwartete!! Gewalt ist eine alltägliche Realität für indische Frauen, und auch wenn wir schweigend leiden und denken (hoffen?), unser Schweigen werde uns retten; das tut es nicht.

Rita: Was hat Sie veranlasst, eine andere Antwort auf diese Gewalt zu geben? Letzten Endes sind Sie in derselben Gemeinde aufgewachsen, mit kulturellen Zwängen, mit denen auch die anderen indischen Frauen aus Auswanderungsgemeinden aufgewachsen sind. Wenn es sich um eine alternative Sichtweise, um einen anderen Umgang mit Gewalt handeln würde, den Sie durch die westliche Gesellschaft erlernt haben, in der Sie lebten, dann sind doch andere indischstämmige Frauen den selben Einflüssen ausgesetzt. Ich bin immer wieder überrascht, dass diese am Ende auf Gewalt reagieren wie Frauen in Indien es tun: sie tolerieren und rationalisieren die Gewalt. Wie kommt es also zu Ihrer davon abweichenden Reaktion?

„I have a story to tell” von Soraya Nulliah

SORAYA: Es wäre sehr schwierig, die Gewalt zu beschreiben, die ich in meiner ursprünglichen „Familie” erlebt habe. Nicht nur die körperlichen, auch die konstanten Angriffe auf meinen Verstand, mein Herz und meinen Geist. Es ließ mich zerschmettert, gebrochen zurück und bürdete mir die schwere Last der Scham auf, die nicht meine war. Sehr früh gelobte ich mir SELBST feierlich, wenn ich irgendwann in der Lage wäre, würde ich mein Leben nicht so leben.

Meine „Mutter“ ist eine Frau mit einer gebrochenen Psyche… schwach und heuchlerisch. Schon früh entschied ich mich ganz bewusst, nie so zu werden wie sie. Da ich keine Mentoren oder Vorbilder hatte, suchte ich diese aktiv außerhalb meiner Familie und Gesellschaft. Bald schon stieß ich auf Frauen wie Dr. Clarissa Pinkola Estes, Audre Lorde, Alice Walker und Toni Morrison. Ihre Bücher zeigten mir einen anderen, mutigeren Weg und eine andere Art zu leben.

Rita: Ihre Ausstellung hatte anfänglich mit enormem Widerstand sowohl von der indischen Einwanderergemeinde als auch von den westlichen Pendants zu kämpfen. Können Sie darüber etwas erzählen?

„Seeker of the brave” von Soraya Nulliah

SORAYA: Die Reaktion der indischen Gesellschaft war völlige und äußerste Ablehnung!!  Ich war auf diese Reaktion irgendwie gefasst, dennoch war ich schockiert über ihre Intensität und ihren Umfang. Zwei Vorkommnisse fallen mir nach all der Zeit immer noch ein. Einige ältere indische Frauen aus dem „feministischen“ Umfeld in Kanada, die während des Zuhörens die ganze Situation verächtlich abstritten. Manche von ihnen hatten mehrere Doktortitel im Bereich der Frauenforschung. Und da war diese sehr gebildete Frau, die einem indisch-kanadische Frauenverband vorstand. Als ich sie um Unterstützung bat, wurde sie sehr ärgerlich und sagte, dass sie zwar mit mir übereinstimme, dies aber nicht öffentlich tun werde und dass sie die Mitteilung über meine Kunstausstellung nicht unterstützen werde!!

Der zweite Vorfall betraf einen „Journalisten” der Wildrose Times of Alberta (eine indisch-kanadische Zeitung). Er interviewte mich über zwei Stunden lang. Ich sprach über weibliche Kindstötungen, Mitgiftmorde, Witwenverbrennungen, geschlechtsselektive Abtreibungen etc. Ich gab ihm Fakten und Statistiken. Als dann der Artikel publiziert wurde, hatte er absolut keinen Bezug zu dem, was ich gesagt hatte!!  Stattdessen schrieb er einen nichts sagenden Artikel, der kaum bis gar nicht auf Tatsachen basierte. 

Rita:  Ich verstehe, warum die indische Gesellschaft so reagieren kann, aber wie kommt es zu der Abwehr in der westlichen Reaktion?

„Art heals” von Soraya Nulliah

SORAYA: Einige der westlichen Medien, wie die Edmonton Sun newspaper und Shaw T.V, behandelten meine Ausstellung sehr ausführlich und berichteten leidenschaftlich über die Aspekte, die ich angesprochen hatte. Aber hinsichtlich der allgemeinen westlichen Reaktion, waren mehrere Faktoren im Spiel.

1. Indische Menschen im Westen sprechen nicht über die Gewalt in ihrer Familie und Gesellschaft, nicht einmal Feministinnen und Studentinnen.  Da existiert eine tief verwurzelte Verleugnung. Vermutlich sind sich deshalb die meisten Menschen im Westen dieser Fakten nicht einmal bewusst!!

2. Ich denke außerdem, dass westliche Feministinnen das Problem nicht wirklich erfassen, weil der weibliche Genozid Indiens subversiv und unsichtbar ist, eingehüllt in die irrsinnigste Verleugnung überhaupt. Ich denke, es ist fast unmöglich, die Zahlen, die Unmenschlichkeit und den Irrsinn des Ganzen zu erfassen. Diejenigen aus dem Westen, die dies wissen, hoffen wahrscheinlich auf einen magischen Weg, dies zu beenden, weil es zu beängstigend wäre, die Realität zu akzeptieren.

3. Ich glaube, es spielen auch Rassismus und Kolonialismus eine Rolle, wenn man die Gewalt gegen Frauen in anderen Kulturen betrachtet. Die westliche Ansicht über den weiblichen Genozid in Indien ist, dass es sich hierbei um eine kulturelle Angelegenheit handelt und nicht um Menschenrechte. Irgendwie sind wir uns alle einig, dass es in Auschwitz und Rwanda um Verletzungen der Menschenrechte ging. Aber wenn Völkermord geschlechtsbedingt ist, scheinen die Menschen anders darüber zu denken. Dies weist darauf hin, dass gleichgültig was wir im Westen behaupten, weibliches Leben einfach nicht so viel wert ist wie Männliches. Und wenn dieses weibliche Leben nicht weiß ist, dann hat es möglicherweise noch weniger Wert – so verbindet sich Frauenfeindlichkeit mit Rassismus.

Rita: Auf einigen Ihrer Bilder halten die Frauen den Blick gesenkt, ihre Köpfe sind verschleiert und nach unten geneigt. Auf anderen blicken sie auf, mit offenen Augen, die Köpfe unverhüllt. Gibt es dafür eine Erklärung?

SORAYA: Die geschlossenen Augen und der gesenkte Kopf beziehen sich darauf, wie wir weltweit in indischen Gemeinden die Gewalt, die wir Frauen antun, vollständig verleugnen. Die Frauen mit den offenen und unerschrockenen, manchmal zornigen Augen, drücken aus, wie wir die Gewalt sehen, sie bestätigen, sie infrage stellen und Wege finden müssen, uns SELBST stark zu machen.

Rita: Die meisten Ihrer Bilder zeigen eine einzelne indische Frau. Warum ist das so?

SORAYA: Auf meinen Bildern ist eine einzelne Frau, weil ich mich selbst so sehe. Ich stehe immer alleine, am Rand von Kulturen und Gesellschaften; nirgendwo vollständig dazugehörig.

Rita: Glauben Sie, dass weiblichen Künstlern und auch Schriftstellern mit einer gewissen öffentlichen Ablehnung begegnet wird, wenn sie den Zorn auf die Gewalt an Frauen in ihrer kreativen Arbeit offen ausdrücken?

SORAYA: Ja, das empfinde ich kulturübergreifend so. Frauen werden generell nicht darin unterstützt, ihre Wut auszudrücken. Vor allem nicht von anderen Frauen!!

Rita: Wie war es, in Südafrika unter einem Apartheidsregime aufzuwachen? War Ihnen bewusst, was Apartheid für Ihr Leben bedeutete? Haben Sie in irgendeiner Form Auswirkungen der Apartheid auf Ihr Leben als indisches Mädchen gespürt?

„Sister Outsider Lorde“ by Soraya Nulliah

SORAYA: Ich denke, ich habe die Auswirkungen der Apartheid auf mein Leben nicht wirklich verstanden, bis wir nach Kanada auswanderten.  Damals war ich 12. Ich kannte nichts anderes, deshalb schien es mir „normal“. Unter der Apartheidsregierung waren viele der Wahlmöglichkeiten, die wir für selbstverständlich erachten, nicht gegeben. Wir konnten nur in bestimmten Bezirken wohnen und spezielle Schulen besuchen. Nicht-Weiße durften nicht wählen, keine öffentlichen Ämter bekleiden, es gab sogar Bezirke in Südafrika, in die wir nicht reisen durften. Eines der größten Übel der Apartheid (und davon gab es einige) waren die Mauern, die rund um unseren Verstand und unsere Herzen hochgezogen wurden; es wurde uns vorgeschrieben, wen wir lieben oder heiraten konnten und mit wem wir befreundet sein durften. Wir hatten keinen freien Zugang zu Wissen und Büchern. Wir konnten nicht einmal über Nelson Mandela, die ANC oder irgend eine Art Politik diskutieren. Erst ab den Wahrheits- und Versöhnungsverhandlungen, da war ich Mitte Zwanzig, begann ich zu erfassen,  was es bedeutet, unter einem Naziregime aufzuwachsen.

Rita: Wie hat Ihre Kindheit unter dem Apartheitsregime Ihre Ansichten bezüglich Rasse und Volk beeinflusst?

SORAYA: Unter dem Apartheidsregime wurde man über seine Rasse definiert – in jedem Sinn dieses Wortes. Sie war in jedes offizielle Dokument gestempelt und dadurch war man in seinen Lebensentscheidungen stark eingeschränkt. Man hat nicht mehr die Person gesehen – nur noch ihre Rasse. Die einzige Person, die sich für mich aus meiner Kindheit hervorhebt, war eine afrikanische Frau, die unsere Nanny war, die mich ehrlich liebte, mich hegte und pflegte. Ich liebte sie sehr und sah in unserer Beziehung weder ihre Rasse noch ihre „Andersartigkeit“. Sie bemutterte mich vom dem Moment an, als ich geboren wurde, solange bis wir Südafrika verließen. Es war die einzige wirklich nährende Beziehung meiner Kindheit – vielleicht sogar meines ganzen Lebens.  Auch in indischen Gemeinden gibt es offenen Rassismus. Ich bin mir nicht sicher, ob er vom Kastensystem herrührt. Aber da gibt es all diese Unterteilungen. Und Hautfarbe ist auch für Inder ein Thema, die können die rassistischsten Kommentare über dunklere Haut abgeben.

Rita: Und welchen Einfluss hatte die Apartheid auf Ihre Ansichten zum weiblichen Genderzid in Indien?

SORAYA: Unter einem Apartheidsregime aufzuwachsen, erweckte in mir einen starken Wunsch danach, die Wahrheit auszusprechen und für Gerechtigkeit aufzustehen. Ich sehe keine meiner persönlichen Freiheiten in einer Demokratie als selbstverständlich an. So ist es nicht nur ein Recht, sondern auch eine Pflicht, die Wahrheit auszusprechen. In der Apartheid zu leben, lehrte mich, dass das „Persönliche“ politisch ist.

Rita: Sie haben Indien besucht. Was sind einige Ihre einprägsamsten Erinnerungen? Wozu hatten Sie einen Bezug und bei was fühlten Sie sich total fremd und unbehaglich?

„Shakti Music” von Soraya Nulliah

SORAYA: Als ich 30 wurde, reiste ich 4 Monate alleine durch Indien. Das war in vielerlei Hinsicht ein Wendepunkt für mich, weil es mich zurück zu meinem wahren SELBST brachte.  Manche der Dinge, zu denen ich ganz einfach einen Bezug bekam, waren Gebräuche, wie z.B. mit meinen Fingern von einem Bananenblatt zu essen, Tempel zu besuchen und überall lautstark indische Musik zu hören. Diese Dinge mögen oberflächlich scheinen, sind aber tatsächlich davon entfernt. Sie haben mich mit den Erinnerungen an meine früheste Kindheit und an meine Vorfahren in Verbindung gebracht.

Was mir merkwürdig vorkam, war der Mangel an Frauen in der Öffentlichkeit. Wohin ich auch ging, Frauen wurden versteckt und nahmen nicht am öffentlichen Leben teil. Und ich war entsetzt, über die Art wie manche Männer in der Öffentlichkeit zu mir kamen und mich begrapschten!! Dies schien aufgrund der Tatsache, dass ich alleine in der Öffentlichkeit war, ein akzeptiertes Verhalten zu sein, obwohl ich mich immer sehr konservativ mit indischen Gewändern kleidete.

Rita: Wie haben die unterschiedlichen Kulturen und Länder, in denen Sie gelebt haben, Sie darin beeinflusst, das Individuum zu werden, das Sie heute sind?

„Truth-Teller” von Soraya Nulliah

SORAYA:   Meine Identität war unzähligen Einflüssen unterworfen – Indien, Südafrika und Kanada. Sie sind wie Fäden, die zusammen einen reichverzierten und kunterbunten Webteppich formen. Wenn ich barfuß in einem Ashram sitze, fühle ich mich genauso wohl, wie wenn ich an einem Umzug für Schwulenrechte teilnehme.

Aber ich bin auch in jeder dieser Kulturen eine „Außenseiterin“, keiner von ihnen vollständig angepasst. Es war manches Mal eine schmerzhafte und einsame Erfahrung, eine „Außenseiterin“ zu sein. Auf der anderen Seite hat es mir aber auch einige wertvolle Dinge mit auf den Weg gegeben. Wie z.B.:

  1. Es gibt keine Straße, der gefolgt werden muss, deshalb habe ich die Freiheit, meinen eigenen Weg zu machen.
  2. Ich kann meinem SELBST treu sein, weil ich nicht nach der Bestätigung suche, irgendwo hineinzupassen.
  3. Es steht mir frei, von jeder Tradition anzunehmen, was mir gefällt und abzulehnen, was ich nicht will. Diese Freiheit gibt mir ungeheure Kraft, mein eigenes Lebensmodel zu gestalten.
  4. Ich kann gefährlich sein! Ich kann meine Meinung kund tun und die Wahrheit sagen.
  5. Ich kann einen einzigartigen Beitrag zur Welt leisten, weil ich gezwungen bin, quer zu denken.

Rita: Was hat es für Sie bedeutet, Ihre Tochter Tara aufzuziehen, insbesondere im Zusammenhang mit den anderen Dingen, über die Sie im Interview gesprochen haben?

SORAYA: Die Erfahrung der Mutterschaft war eine sehr mächtige, die mich nachhaltig verändert hat. Ich neige dazu, ziemlich besorgt zu sein, weil Mädchen in vielerlei Hinsicht verwundbarer sind als Jungen: Kindesmissbrauch und -entführung, mangelndes Selbstwertgefühl, schlechtere Zensuren und weniger Interesse an Mathematik und Wissenschaften in einem bestimmten Alter usw. Aber dass ich eine Tochter habe, gibt mir auch die Möglichkeit, eine starke und kraftvolle Frau heranzuziehen. Ich weiß, dass sie alleine dadurch, dass sie mich genau beobachtet und mir nacheifert, lernt eine Frau zu sein. Das macht mir Mut und inspiriert mich, stärker zu sein.

Rita: Erleben Sie Ihre Kindheit durch sie noch einmal? Spiegelt sich das in der Art wieder, wie Sie Ihre Tochter erziehen?

Soraya mit Tara

SORAYA: Ganz sicher erlebe ich durch sie meine Kindheit noch einmal und zwar sowohl im positiven als auch im negativen Sinn. Einerseits macht es mir besonders bewusst, wie missbräuchlich und mangelhaft meine Kindheit wirklich war. Erinnerungen und Misshandlungen, die ich in den hintersten Winkel meines SELBST verbannt hatte, kommen schichtweise zum Vorschein. Und es verstärkt sich das Gefühl eines Mangels an Fürsorge und Bindung, den ich durch meine biologische „Mutter“ erfahren hatte. Auf der anderen Seite hat es für mich etwas Gutes, weil ich die positiven Aspekte des Kindseins nie erfahren durfte: Im Herzen bin ich ein echtes Kind und ich liebe es, mit Tara magische und wundersame Welten zu erschaffen.

Rita: Was werden Sie ihr erzählen, wenn sie groß wird?`Was sind die Dinge, die alle Mütter ihren Töchtern erzählen oder für sie tun sollten?

Tara – eine kleine Erdenbürgerin

SORAYA: Ich werde Tara von meiner Reise erzählen, wenn sie älter ist. Mein Mann Tim und ich wollen Tara zu einer starken und unabhängigen Frau erziehen, mit einem guten SELBSTbewusstsein und dem Verständnis ihrer Wurzeln in beiden Kulturen, der indischen und der afro-amerikanischen. Wir wollen, dass sie weiß, dass sie bedingungslos geliebt wird. Sie wird ihre eigenen Fehler machen und auch wenn ich dazu neige, sie zu beschützen, weiß ich doch, dass das der Weg zu Individualisierung und Stärke ist.

Ich denke, es ist egal, was Mütter ihren Töchtern über Gewalt erzählen, wenn sie diese tolerieren, verleugnen und als Entschuldigung für ihr eigenes Leben benutzen. Kinder achten mehr auf unsere Taten als auf unsere Worte. Anstatt die Unantastbarkeit der Ehe um jeden Preis aufrecht zu erhalten, sollte es unser Ziel sein, eine sichere und nährende Umgebung für uns selbst und für unsere Kinder zu schaffen.

Ich denke ferner, dass es wichtig ist, dass Frauen ein Leben außer dem als Mutter und Ehefrau haben sollten. Ich denke, es ist unerlässlich, dass wir unser Selbstwertgefühl und unser Selbstverständnis aufbauen. Dies wiederum wird sich auf unsere Familien im Allgemeinen und auf unsere Töchter im Speziellen übertragen. Und auch wenn ich gerne glauben würde, dass Bildung etwas daran ändert, wie Frauen auf Gewalt reagieren, denke ich nicht, dass dem so ist. Weil ich glaube, das eigentliche Problem rührt daher, dass man von seinem SELBST getrennt ist.

Rita: Ihre Arbeit ist sehr wichtig, Soraya.  Die Gewalt an Frauen in Indien, ihr Genderzid, übertrifft jede Gewalt, die einer anderen menschlichen Gruppe jemals angetan wurde. Und Sie als Künstlerin, als Mensch und Mitglied dieser Gruppe, sind der lebende Beweis für diese Gewalt in Ihrem bisherigen Leben. Ihre Kunst ist es, mit der Sie Zeugnis darüber ablegen – für jetzt und für später folgende Generationen. Ihr Zorn ist ein berechtigter Anspruch. Wenn Sie diesen Anspruch ausdrückten und die Welt würde befremdet reagieren, was würden Sie der Welt antworten?

„Claim my Story” von Soraya Nulliah

SORAYA: Wenn mein Zorn (oder meine Angst oder Kraft) die Welt befremdet, sei’s drum! Wichtig ist, dass ich nicht befremdet von mir SELBST bin. Meine Kunst handelt nicht vom Genderzid oder von der Gewalt gegen Frauen, aber ich hoffe, dass sie Zeugnis ablegt über unsere gemeinsame menschliche Erfahrung. Dass man sich an meine Arbeit überhaupt erinnert, darum geht es. Unsere Reisen sind alle gleichermaßen sowohl höchst persönlicher als auch universeller Natur. Wir alle leiden unter Erfahrungen, die uns gebrochen und verletzlich zurücklassen, dennoch sind wir unverwüstlich und zuversichtlich. Die wahre Schönheit liegt darin, dass wir uns auf unserem Weg behaupten.

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Sunitha Choudhury: Als Kindsbraut floh sie, um ihr Schicksal selbst zu bestimmen

Aus dem englischen Original übersetzt von Melanie Beaven

Foto: Amrit Dhillon

Sollten Sie jemals nach Delhi kommen, dürfen Sie diese indische Frau nicht verpassen!

Sunitha Choudhury, die erste Frau hinter dem Steuer einer Motor-Rikscha, verdient sicherlich Anerkennung für den Job, den sie tagtäglich ausübt. Sie navigiert auf den Straßen Delhis, der laut Regierungsstudien für Frauen unsichersten Stadt Indiens. Was aber Sunitha zu einer noch beeindruckenderen Persönlichkeit macht, sind ihr Lebensweg und die Kämpfe, die sie durchzustehen hatte, um dorthin zu gelangen, wo sie heute ist.

Sunithas Geschichte offenbart, dass sie seit ihrer Kindheit Opfer beinahe jeder Art ´von Grauen geworden ist, dem Mädchen und Frauen in Indien begegnen. Und immer wenn sie niedergeschlagen wurde, sich wieder aufrappelte und auf die Füße stellte, war da niemand, an den sie sich hätte wenden können. Keine Familie, keine Nachbarn, keine Freunde, keine gemeinnützigen Vereine oder Wohltätigkeitsverbände. Sunitha hat diesen Kampf alleine gefochten! Vollkommen auf sich selbst gestellt! Und am Ende ist sie als Siegerin hervor gegangen!

Die Kindsbraut

Sunitha war eine Kindsbraut [Lesen Sie unseren Beitrag über Indiens Kindsbräute!] Im Alter von zwölf Jahren wurde sie mit einem Mann aus Meerut verheiratet, einem Alkoholiker. Ihre Kindheit wurde zu einem Albtraum aus Vergewaltigung und Brutalität. Wie es so oft der Fall ist, wurde sie auch von ihrer Schwiegerfamilie emotional und körperlich misshandelt, weil diese mehr Mitgift haben wollte. Ihre Eltern erlaubten ihr nicht, nach Hause zurück zu kehren und rieten ihr, mit dem Missbrauch und den Misshandlungen leben zu lernen. Einmal bezog Sunitha brutale Gruppenschläge von ihrer Schwiegerfamilie. In Todesangst, und noch ein Teenager, entschied sie sich, nach Delhi zu fliehen. Mittlerweile schwanger und ohne jede finanziellen Mittel sah sie schnell ein, dass das Leben auf der Straße sogar noch unsicherer war. Schließlich bekam sie einen Putzjob in einer Klinik, deren Besitzer ihr erlaubte, im Gebäude zu übernachten. Dies war die sicherste Möglichkeit, die sich ihr bot. Einige Monate später brachte sie ihr Baby zur Welt, welches allerdings verstarb.

Ein Wendepunkt

Während sie weiter in der Klinik arbeitete, kam es zu einem weiteren Wendepunkt in ihrem Leben, einem Vorfall, der sie dazu brachte, Motor-Rikscha-Fahrerin werden zu wollen. Es passierte, als sie eines Abends ein Unfallopfer auf der Straße fand. Es war niemand da, der hätte helfen können, also rief sie einen Wagen und brachte den Mann zum Krankenhaus. Obwohl er schwer verletzt war, konnte sein Leben gerettet werden. Sie entschied, dass sie anderen Leuten einen ähnlichen Dienst erweisen wollte. Und tatsächlich hat sie, seitdem sie Motor-Rikscha-Fahrerin ist, schon viele Male angehalten, um Unfallopfern zu helfen, sie zum Krankenhaus zu fahren und deren Verwandte zu kontaktieren.

Auf ihren eigenen Rädern

Allerdings war es eine gewaltige Aufgabe für sie, eine Lizenz zu bekommen. Keine Frau hatte jemals zuvor einen Antrag gestellt und Beamte der staatlichen Verkehrsbehörde wimmelten sie zwei Jahre lang ab. Sie aber gab nicht auf und so mussten die Beamte schließlich ihre Meinung ändern. Im Jahr 2003 erhielt sie ihre Lizenz und besuchte die Fahrschule des Institute for Driving, Trainig and Research (IDTR). Aber auch als lizensierte Fahrerin hatte sie Schwierigkeiten, Eigentümer davon zu überzeugen, ihr ein Fahrzeug zu vermieten. Anderthalb Jahre lang fuhr sie Leihrikschas und entschied dann, dass sie mehr Freiheit bräuchte. In 2004 beantragte sie einen Kredit und erwarb ihre eigene dreirädrige Motor-Rikscha!

Kontrolle übernehmen

Somit muss sie nun nicht mehr fremde Autos erbetteln und leihen und kann sich außerdem noch einer anderen Leidenschaft hingeben. „Wenn ich ein Opfer auf der Straße sehe, will ich die Person ins Krankenhaus bringen. Dafür bin ich früher mit anderen Motor-Rikscha-Fahrern aneinander geraten, die sich in nichts hineinziehen lassen wollten. Also dachte ich mir, dass es einfacher für mich würde, wenn ich mein eigenes Fahrzeug hätte.

Es ist kein leichter Job. Manchmal wird sie dafür verspottet, dass sie „Männerarbeit“ verrichtet, aber gleichzeitig wird sie auch bewundert. „Frauen erzählen mir, dass sie sich wesentlich sicherer mit mir fühlen, denn ich trinke und rauche nicht. Sie sagen, dass sie bei männlichen Fahrern Angst haben, denn manchmal sind diese betrunken und fahren zu unbesonnen. Sogar spät nachts fühlen sie sich sicher mit mir.

Sie ist furchtlos, manchmal übernimmt sie auch Nachtschichten. Sie trägt ihr Haar kurz und kleidet sich in T-Shirts und Hosen. Nicht nur, weil das bequemer und praktischer für die Arbeit ist als z.B. ein Sari oder Salwar-Kameez, die traditionelle Kleidung für Frauen in Indien. Sunitha erklärt: „Es ist von Vorteil für mich, auszusehen wie ein Junge. Nachts rufen mir Fahrgäste zu ‚Hey Bruder, setz mich da oder dort ab‘.

Die Zukunft erträumen

Ihr nächstes Ziel ist es, ein Mitglied des Parlaments zu werden. Sie möchte die Armen vertreten. „Ich werde ihnen sagen, dass ich eine von ihnen bin. Ich verstehe ihren Wunsch nach Arbeit, Wohnraum, Ausbildung und Wasser. Es ist nicht möglich, seine Würde zu wahren, wenn man so lebt wie die Armen.“ sagt sie.

Außerdem möchte sie anderen Frauen das Fahren von Motor-Rikschas beibringen und sie an ihren Beruf heranführen. Sie möchte das für andere Frauen, was sie in ihrem eigenen Leben erreicht hat. „Ich fühle mich wie eine Königin, wenn ich in der Stadt umherfahre.“ sagt sie. „Ich bin Herrin über mein Schicksal, ich verdiene meinen eigenen Lebensunterhalt und bin glücklich… Und obwohl ich eine Frau bin, bin ich viel mutiger als die meisten Männer.



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ZUR ÜBERSETZERIN

Melanie Beaven wurde in Hamburg geboren und lebt seit 2004 in England. Sie hat verschiedene Übersetzungstätigkeiten ausgeführt, unter anderem auch Texte über das babylonische Justizsystem. Sie befindet sich derzeit in der Ausbildung zur Diakonin und beschäftigt sich im Rahmen ihres Studiums besonders mit feministischer Theologie.

Nita Bhalla: Ich habe das Schweigen über die Gewalt an Geschäftsfrauen wie mir gebrochen

Aus dem englischen Original übersetzt von Tina Sternberg

Während ich in den vergangenen drei Jahren als Journalistin in Südasien über Frauenrechte berichtet habe, habe ich die Vielzahl an Bedrohungen kennen gelernt, von denen die Millionen von Frauen in dieser zutiefst patriarchalischen Region heimgesucht werden.
Ich denke noch immer: „Das ist nicht passiert. Das passiert Frauen wie mir nicht.“
Die meisten der Opfer, über die wir in Indien gelesen haben, sind weitgehend ungebildete Frauen aus ärmeren Verhältnissen – was die allgemeine Wahrnehmung verstärkt, dass häusliche Gewalt oder Gewalt in Partnerschaften in Bevölkerungsgruppen mit einem niedrigeren soziökonomischen Status weiter verbreitet ist als in anderen Bevölkerungsschichten.
Jedoch sehen sich auch gebildete Frauen in Indien mit solchen Misshandlungen konfrontiert, nur sprechen sie selten davon.
Und nun bin ich es also, eine berufstätige, gebildete, unabhängige Frau , die im Trauma-Zentrum des Institute of Medical Sciences in Neu-Dheli hinter einem Vorhang steht, um mich vor einer Krankenschwester auszuziehen und meine Verletzungen untersuchen zu lassen.
Obwohl körperliche und sexuelle Gewalt gegenüber Frauen leider etwas ist, das jeder Gesellschaft zu schaffen macht, ist es unfassbar, in welch hohem Ausmaß diese Gewalt in Indien akzeptiert wird.
Eine Umfrage zur Gesundheit von Familien in Indien (National Family Health Survey), hat ergeben, dass 51% der indischen Männer und 54% der indischen Frauen es entschuldbar finden, wenn ein Mann seine Frau schlägt.
Und das SCHWEIGEN, das diese Misshandlungen umgibt, hilft dabei, deren Akzeptanz aufrecht zu erhalten … dieses unbegreifliche Schweigen der anderen, – Familie, Freunde, Nachbarn, sogar Passanten – die es vorziehen, sich blind zu stellen.
Aber jetzt habe ich dieses Schweigen erfahren.
Als er mir an den Haaren zog und mich mit den Füßen trat, während ich auf dem Asphalt lag, war da dieses ohrenbetäubende Schweigen von meinen Nachbarn, die meine Schreie hörten, aber zögerten einzugreifen,  … der Gruppe junger Männer, die an uns vorbeiging und ein paar Meter weiter stehen blieb, um dabei zuzusehen, wie er mich schlug.

ZUR AUTORIN

Nita Bhalla ist Journalistin und Korrespondentin der Thomas Reuters Foundation für Humanität und Frauen in der Region Südasien. Dieser Auszug stammt aus ihrer persönlichen Abhandlung für die BBC „Becoming an abuse statistic in patriarchal India“ (Teil der Misshandlungsstatistik im patriarchalischen Indien werden). Sie twittert auf @nitabhalla

ZUR ÜBERSETZERIN

Tina Sternberg hat nach ihrem Studium der Literatur und Medien acht Monate in Indien gelebt. Die oft brutalen Widersprüche zwischen zukunftsorientierter Zivilisation und altertümlicher Kultur gehen ihr seither nicht mehr aus dem Kopf.

Neera Chopra: Ich beschützte meine Tochter, so wie es alle Eltern tun sollten!

Aus dem englischen Original übersetzt von Laura Gerber

Miss-India-World-Pooja-Chopra Zur “Miss India World” gekrönt wurde Pooja Chopra im Jahr 2009. Als sie ihren Titel in Empfang nahm, sagte sie:  „Heute stehe ich als Miss India hier und weiß nicht einmal, ob meinem Vater bewusst ist, dass ich es bin, seine Tochter, die aufgebrochen ist, um die Welt zu erobern – mit einer Krone auf meinem Kopf.”

Die Wahrheit ist, dass Pooja Chopra eines von Millionen kleiner Mädchen hätte sein können, welche in Indien nach ihrer Geburt umgebracht werden, nur weil sie als Mädchen zur Welt gekommen sind! Sie lebt, weil ihre Mutter, Neera Chopra, sich weigerte, dem Druck ihre Tochter zu töten, nachzugeben und statt dessen entschied, die große Bürde auf sich zu nehmen, die es bedeutete, ihre Töchter zu beschützen und aufzuziehen.

Die meisten Menschen vermuten, dass Armut und Analphabetismus Eltern in Indien zwingen ihre Töchterchen umzubringen. Doch dies ist ein Trugschluss! Tatsache ist, dass die einzige Schicht, in der sich die Relation der Geschlechter normal entwickelt, die der Ärmsten 20% ist. Je mehr Wohlstand eine Familie besitzt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich ihrer Mädchen entledigt! (Für weitere Informationen klicken Sie hier. Mehr von diesem Beitrag lesen

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