Warum herrscht bei indischen Filmen Verwirrung über Sex, Vergewaltigung und Prostitution?

Aus dem englischsprachigen Originalartikel von Rita Banerji übersetzt von Melanie Beaven

jism posterWährend die pornographische Aufmachung weiblicher Sexualität unverblümt zum Verkauf schwierig abzusetzender indischer Filme verwendet wird, gehören weibliche Libido und Sex mit einem Partner, den sich eine Frau selbst ausgewählt hat, immer noch zu „umstrittenen“ Themen in Indiens Kinos. Zwangsehen werden nicht als Vergewaltigung porträtiert. Die Verheiratung eines Vergewaltigungsopfers an ihren Vergewaltiger wird oftmals als eine Form von Gerechtigkeit angesehen. Und Eltern, die ihre Töchter zur Prostitution zwingen, werden nicht als Zuhälter betrachtet. In einem Artikel, in dem sie einen kritischen Blick darauf wirft, wie Bollywood-Filme Themen wie Vergewaltigung, einvernehmlichen Sex und Prostitution behandeln, argumentiert Rita Banerji, dass indische Filme versäumen, diese Angelegenheiten in sinnvoller Weise zu adressieren, weil die Filmemacher – so wie der Rest der indischen Gesellschaft – es nicht geschafft haben, Frauenrechte und die Selbstbestimmung der Frau über ihren Körper und ihre Sexualität zu befürworten.

Unten finden Sie zwei Auszüge aus dem Artikel. Der vollständige (englische) Artikel befindet sich hier: http://www.genderforum.org/issues/gender-and-contemporary-film/bollywood-baffled-over-sex-rape-and-prostitution/

Auszüge aus “Bollywood steht Sex, Vergewaltigung und Prostitution ratlos gegenüber” in Gender Forum Issue 46 (2013), Absätze 21 und 22.

 

daminiIn 2012 erlangte der Film Damini in Indien eine spezielle Bedeutung, denn der Name der Hauptdarstellerin war auch der Name des jungen Opfers der berüchtigten Gruppenvergewaltigung in einem Bus in Delhi. Ebenso wie Damini im Film hatte das Vergewaltigungsopfer aus Delhi beherzt dafür gekämpft, dass die Vergewaltiger zur Rechenschaft gezogen wurden. Im Film jedoch kämpft Damini darum, dass einer anderen Frau Gerechtigkeit widerfährt – einer jungen Angestellten im Haushalt ihrer Schwiegerfamilie – deren Gruppenvergewaltigung durch ihren Schwager und dessen Freunde sie Zeuge wird. Die Angestellte erliegt später ihren Verletzungen. Im Licht eben dieser sozio-sexuellen Bedeutung des Films und der Rolle Damini ist dieser bestimmte Moment dieses Films eigenartig verblüffend. [Vor Daminis Hochzeit mit einem Mann, den sie gerne hat, lebt sie mit ihren Eltern und ihrer Schwester]. Daminis Eltern sind besorgt, da es ihnen nicht möglich ist, die Mitgift aufzubringen, die Männer erwarten, um die Töchter zu heiraten. Zwischenzeitlich entscheidet Devika, Daminis Schwester, dass sie heimlich einen Mann namens Birju heiraten wird, um ihren Eltern die Mühe zu ersparen, einen passenden Mann zu finden und eine große Mitgift zu entrichten. Das Problem ist, dass Birju nicht nur eine schädliche Persönlichkeit hat – er ist ein missbräuchlicher Alkoholiker mit krimineller Vergangenheit – sondern er hat Devika über Monate hinweg nachgestellt, sie sexuell belästigt und terrorisiert. Devika erkärt einer verwirrten Damini, dass der Grund für Ihre Entscheidung der Umstand sei, dass er der einzige Mann zu sein scheint, der sie will und dass sie eine Möglichkeit sucht, zu leben, d. h. verheiratet sein, ein Sexualleben und eine Familie zu haben. Damini verteidigt Devikas Aktion gegenüber ihren Eltern, die ihrerseits mehr über die „Schande“ besorgt zu sein scheinen, die Devika ihnen durch das Ausreißen bei den Nachbarn beschert hat, als über die psychopathische Persönlichkeit des Mannes, den Devika geheiratet hat. Damini erinnert die Eltern an die zahlreichen Erniedrigungen, die Devika erleiden musste, wenn von den Eltern ausgewählte Heiratskandidaten sie abgelehnt hatten, und dass Devika – anders als andere ledige Frauen, die sich umbringen, wenn die Eltern nicht in der Lage sind, die nötige Mitgift zu beschaffen – die Wahl getroffen hat, ihr Leben zu leben! Dies weist auf die unglaubliche sexuelle Frustration hin, die sich in ledigen Frauen aufgrund der ihnen aufgebürdeten kulturellen Beschränkungen aufbaut. Aber man kann nicht umhin zu fragen, ob – wenn dies die Weise ist, auf die Frauen in Indien beabsichtigen zu heiraten – sie nicht gleichzeitig größere Freiheiten haben sollten, um Männer zu treffen und Beziehungen vor der Ehe zu erkunden, so dass sie zu einer größeren und besseren Auswahl an Kandidaten Zugang haben?

Absätze 39 und 34

Matrubhoomi-A-Nation-Without-Women-2003-223x300Diese Sicht auf Vergewaltigung und weibliche Sexualität erlaubt verschiedene andere kulturspezifische und systematische Formen sexueller Gewalt an Frauen. Eine dieser Praktiken in Indien ist der „Brauthandel“, wie im Film Matrubhoomi (Die Nation ohne Frauen) dargestellt wird. Im Endeffekt ist dies eine Form der kulturell sanktionierten Gruppenvergewaltigung und des Frauenhandels. Aufgrund der zügellosen und frauenfeindlichen Praxis des Tötens weiblicher Babys und Föten gibt es Gegenden in Indien, in denen Männer keine Ehefrauen finden können und dann dazu übergehen, „Bräute“ aus entlegenen Regionen zu kaufen. Allerdings wird die gekaufte „Braut“ wie ein sexueller Besitz zur Benutzung aller Männer in der Familie behandelt, ungeachtet dessen, wen sie geheiratet hat. In diesem Film sieht sich Kali, die eine sorgenfreie und frohe Kindheit verbracht hat, nach ihrer Hochzeit in einer albtraumartigen Hölle gefangen, als sie Tag und Nacht von allen Männer in der Familie, einschließlich ihrer vier Schwager und ihres Schwiegervaters, vergewaltigt wird. Später wird sie gefesselt in einem Kuhstall wahllos abwechselnd von Männern aus dem Dorf vergewaltigt. Der wohl schockierendste Aspekt ihre Geschichte ist der Umstand, dass ihr Vater, sobald er von den Plänen ihrer Schwiegerfamilie Wind bekomment hatte, einfach eine finanzielle Abgeltung vereinbart hat. Die Reaktion der vielfach vergewaltigten Kalki im Film Matrubhoomi ist besonders verblüffend. Kalkis sorgenfreie und fröhliche Kindheit wird dargestellt. Ihr Vater versuchte die Tatsache, dass sie ein Mädchen war, zu verbergen, indem er sie Jungenkleider tragen ließ, so dass notgeile Männer nicht versuchten, sie anzugrapschen. Dies schien ihr tatsächlich mehr Bewegungsfreiheit zu gewähren und sie konnte Wälder durchstreifen, Entdeckungen machen, singen und über Mauern springen. Wie würde eine solche Frau reagieren, wenn sie plötzlich gefangen gehalten würde und wiederholt von verschiedenen Männern vergewaltigt würde? Wie würde ihre körperliche, psychologische und emotionale Reaktion aussehen? Mit Ausnahme einer Situation wesentlich später im Film, in der sie einen erfolglosen Fluchtversuch unternimmt, wird Kalki als fast vollkommen passiv dargestellt. Sie ist nicht nur eine Sexsklavin im Haus, sondern auch eine Haussklavin, die sich allem mit mechanischer Distanz unterwirft. Dies ist keine unerwartet Reaktion gefangen gehaltener Gewaltopfer, aber sie entwickelt sich erst mit der Zeit, wenn Körper und Seele gebrochen sind. Insbesondere mit einer Persönlichkeit wie wir sie in Kalki zuerst beobachten können, würden wir von ihr erwarten Widerstand zu leisten, wild zurück zu schlagen, ihre Missbraucher zur Rede zu stellen, sich von ihrem Vater verraten zu fühlen, gekränkt, furchtsam und traurig zu sein. Aber wir sehen keine dieser Reaktionen in Kalki. Könnte es sich hierbei um ein Versehen des Regisseurs handeln? Bis zu einem gewissen Grade vielleicht. Die Vorstellung von Matrubhoomi ist offensichtlich eine, vielleicht sogar narzistische, männerzentrierte Sicht. Sie interessiert sich nur dafür, wie Männer fühlen – für deren sexuelle Frustrationen und Ängste, deren Ärger und tödliche Feindschaft untereinander im harten Wettbewerb um eine Partnerin. In gewisser Weise ist es ironisch, dass der männliche Narzismus, der Frauen bei der Geburt vernichtet und die Überlebenden weiterhin entmenschlicht und zu einer Ware macht, nicht in der Lage ist, über sich selbst, das eigene Ego, die eigenen Interessen und Emotionen, hinweg zu sehen – auch dann nicht, wenn er den Versuch unternimmt, sich über ein kreatives Medium mit diesen Problemen auseinander zu setzen. Es scheint unwichtig zu fragen, wie sie sich fühlt und was sie wohl denken mag.

© Gender Forum Issue 46 (2013) · ISSN 1613-1878.  All rights reserved.

ZUR AUTORIN

Rita Banerji ist Autorin, Frauenrechtsaktivistin und Begründerin von “50 Million Missing”  (50 Millionen fehlen), einer Kampagne zur Beendung des Völkermords am weiblichen Geschlecht in Indien. Ihr Buch  ‘Sex and Power: Defining History Shaping Societies‘ ist ein historischer und gesellschaftlicher Blick darauf, wie die Beziehung von Geschlecht und Macht in Indien zum anhaltenden weiblichen Genderzid führte. Ihre Webseite ist zu finden unter www.ritabanerji.com. Sie bloggt auf  Revolutions in my Space und twittert auf @Rita_Banerji


ZUR ÜBERSETZERIN

Melanie Beaven wurde in Hamburg geboren und lebt seit 2004 in England. Sie hat verschiedene Übersetzungstätigkeiten ausgeführt, unter anderem auch Texte über das babylonische Justizsystem. Sie ist Diakonin in der Methodistischen Kirche in Großbritannien; ihre Interessensschwerpunkte sind Feministische Theologie und der interreligiöse Dialog.

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Wenn Indiens Oberster Gerichtshof entscheidet, dass vorehelicher #Sex für #Frauen unmoralisch ist

Aus dem englischen Original übersetzt von Tina Sternberg

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Jungfräulichkeitstests sind eine Beleidigung für die Würde der Frau

Eine 2013 durchgeführte Studie der India Today Group und dem Marktforschungsinstitut MDRA zu den sexuellen Gepflogenheiten und der sexuellen Einstellung von Männern und Frauen in Indien hat Erstaunliches zutage gefördert. Sie offenbart, dass trotz der zunehmenden Verbreitung vorehelichen Geschlechtsverkehrs unter Männern und Frauen, 77% der Männer angeben, sie würden keine Frau heiraten, die keine Jungfrau mehr ist! Vor Massenhochzeiten, die die Regierung für arme Familien organisiert, werden die Bräute gezwungen, sich durch einen Jungfräulichkeitstest zu qualifizieren!

Im Januar 2014 hat der Oberste Gerichtshof in Neu-Delhi verfügt, dass eine erwachsene Frau, die vorehelichen Sex hat, …dies auf eigenes Risiko  tut … [und]  sie verstehen muss, dass sie sich einem Akt hingibt, der nicht nur unmoralisch ist, sondern auch gegen die Lehre jeder Religion verstößt.

In einem Artikel mit dem Titel „Braut und Vorurteil“ im Magazin India Today untersucht Rita Banerji, warum indische Männer so grundkonservativ bleiben, selbst innerhalb gebildeter Kreise. Außerdem führt sie aus, warum die Fixierung auf die Jungfräulichkeit der Frau als grundlegende Wahrnehmung der weiblichen Sexualität auch ein Grund für andere Formen sexueller Einschränkungen und Gewalttätigkeiten ist, die sich in Indien gegen Frauen richten.

Den vollständigen englischsprachigen Artikel können Sie hier nachlesen: http://indiatoday.intoday.in/story/india-today-group-mdra-2013-sex-survey-virginity-sexuality-marriage/1/328135.html (Die deutsche Übersetzung finden Sie hier: http://wp.me/p3pTPS-nu)



ZUR AUTORIN

Rita Banerji ist Autorin, Frauenrechtsaktivistin und Begründerin von “The 50 Million Missing”, einer Kampagne zur Beendung des Völkermords am weiblichen Geschlecht in Indien. Ihr Buch „Sex and Power: Defining History Shaping Societies“ ist ein historischer und gesellschaftlicher Blick darauf, wie die Beziehung von Geschlecht und Macht in Indien zum anhaltenden weiblichen Genderzid führte. Ihre Webseite ist zu finden unter www.ritabanerji.com. Sie bloggt auf Revolutions in my Space und twittert auf @Rita_Banerji.

 

ZUR ÜBERSETZERIN

Tina Sternberg hat nach ihrem Studium der Literatur und Medien acht Monate in Indien gelebt. Die oft brutalen Widersprüche zwischen zukunftsorientierter Zivilisation und altertümlicher Kultur gehen ihr seither nicht mehr aus dem Kopf.

Von Gandhi bis Asaram: Wer ermöglicht „Gurus“ sexuelle Strafhandlungen?

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Asaram in Haft

Aus dem englischen Original von Rita Banerji
übersetzt von Carmen Berelson

Es ist unheimlich, wieviel er mit Gandhi gemein hat. Ich meine damit Asaram, den indischen spirituellen Führer, der vor kurzem wegen sexuellen Missbrauchs an der 15-jährigen Tochter eines seiner Anhänger verhaftet wurde.

Sowohl Gandhi als auch Asaram hatten Millionen von Anhängern, die sie als Heilige und spirituelle Führer sahen und von denen sie „Bapu“ oder Vater genannt wurden. Gandhi wie Asaram haben Sex und sexuelles Begehren als „Sünden“ bezeichnet und jeden Ausdruck von Sexualität verdammt als schmutzige Importe aus dem Westen, die zu vermeiden sind, weil sie Indiens Jugend und Kultur gefährden. Beide predigten ihren Anhängern Abstinenz und die Kontrolle sexuellen Begehrens als eine Form der Selbstläuterung.

Und Gandhi wie auch Asaram waren Heuchler, die in ihrem Streben nach sexueller Befriedigung verschiedener Art gegen ihre eigenen Lehren verstoßen haben, selbst wenn dies zum sexuellen Missbrauch von Mädchen und Frauen unter ihren Anhängern führte.

Details aus Asarams Vergangenheit, die sich nun zu einem Gesamtbild zusammenfügen,  lassen erkennen, dass er Frauen nicht nur sexuell missbrauchte und vergewaltigte, sondern dass er die Frauen in seinem Ashram als sexuelle „Gespielinnen“ betrachtete. Gandhi dagegen hatte unter den jüngeren seiner weiblichen Anhänger einige in den späten Teenagerjahren, die nachts nackt in seinem Bett schliefen. Er behauptete, dass er dadurch die „Macht“ der Enthaltsamkeit testen könne. Umso erschreckender, dass dies nicht nur seinen Anhängern bekannt war, sondern allen, mit denen er in Kontakt kam – seiner großen Fangemeinde aus Politikern, Aktivisten, Philosophen und Journalisten – sowohl in Indien und auch im Ausland. Zu verlangen, dass Mädchen und Frauen nackt in seinem Bett schlafen, ist an sich bereits eine Form des sexuellen Missbrauchs – ein Privileg, dessen sich Gandhi wegen seiner Position und Stellung bediente. Was sich in seinem Bett tatsächlich abspielte, ist bis dato unbekannt, da die Frauen zur Verschwiegenheit verpflichtet waren. Das Verhalten und die Reaktionen der Frauen in seiner Umgebung und Auszüge aus ihren Tagebüchern weisen klare Anzeichen sexueller Manipulation und Ausbeutung auf. [Siehe unten ein Auszug aus meinem Buch ,Sex and Powerʹ.]

Wer oder was ermöglicht diesen spirituellen Führern, die ungestrafte sexuelle Ausbeutung?

Da ist zunächst der Einfluss, den diese Personen wegen ihrer hypnotischen Kraft über große Menschenmassen und damit über die politischen und an der Regierung befindlichen Klassen ausüben. Da sie wegen ihres Status als Kultfigur von Millionen blind verehrt werden, sehen Politiker sie als einfachen Weg, die Massen zu erreichen und zu beeinflussen. Genau deshalb schwiegen die engen politischen Verbündeten Gandhis, selbst jene, die seine Handlungen missbilligten. Die Gründe, warum es 15 Tage gedauert hat, bis Asaram von der Polizei verhaftet wurde, sind ähnlich. Er hatte den Schutz von Politikern, die hoffen, in der nächsten Wahl in Indien im Jahr 2014 die Stimmen von Millionen Indern zu erhalten, die Asaram verehren. Es sind also die blind folgenden Massen, die Gurus und Gottheiten Immunität verleihen. Schließlich eignen sich organisierte Religionen oder Glaubensformen ausgezeichnet für diese Art von Kultmentalität und blinden Gehorsam.

Allerdings geht es dabei im Gegensatz zur landläufigen Meinung nicht um Religion. Diese kultähnliche Mentalität und das blinde Vertrauen bezieht auch Menschen ein, die Religion scheuen, die jedoch Personen wie Gandhi, die für sie gleichbedeutend sind mit hehren Ideen und Idealen, verherrlichen und auf ein Podest stellen.  Und diese geheiligten Männer mit Kultstatus sind in allen Bereichen anzutreffen – Religion, Politik, Sport und sogar in der darstellenden Kunst!

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Gandhis Gefolgschaft

Asarams Anhänger gingen in die gewaltsame Defensive und attackierten Übertragungswagen  und Journalisten. Die Verehrer Gandhis tun jedoch dasselbe, selbst heute noch!  Artikel, die ich über Gandhi hinsichtlich seiner Einstellung zu Sex, Sexualität und Frauen geschrieben habe, und sogar ein Artikel in einer britischen Zeitung, in der ich zitiert wurde, wurden mit öffentlichen Kommentaren aus Indien und westlichen Ländern bedacht, die verbal feindlich und defensiv waren.  Interessanterweise wollten sich die Kritiker nicht mit dem auseinandersetzen, was geschrieben wurde, sondern hoben die Aspekte hervor, die sie als rehabilitierend erachteten. Anders ausgedrückt:  Weil sie meinen, dass Gandhi Gewaltlosigkeit gepredigt und Indien in die Freiheit geführt hat, ist dieses Verhalten eine Kleinigkeit, die zu ignorieren sie freuding bereit sind! Und sie wünschen sich, dass der Rest von uns das auch tun würde. Andere bestanden darauf, dass sexueller Missbrauch usw. ein Problem unserer Zeit ist, das damals nicht dieselbe Bedeutung hatte!  Ich frage mich, was nach Meinung dieser Leute die Eltern der jungen Mädchen gefühlt haben, die in den 1940er Jahren Gandhis Gefolge angehörten? Wollen sie unterstellen, dass diese Eltern sich geehrt gefühlt haben, weil Gandhi ihre Töchter für seine perversen Sexexperimente missbrauchte?

Es ist sehr wichtig, sich klar zu machen, dass Männer in Führungspositionen Mädchen und Frauen sexuell ausbeuten können, weil die Personen, die ihrem Status huldigen, auch den Raum und die Macht für ihre Handlungen schaffen!

Asaram wurde jetzt verhaftet, was nicht einfach war. Der Vater eines 15-jährigen Opfers stand als Einziger seiner Tochter bei, als sie bei der Polizei ihre Anzeige machte und beschrieb, wie Asaram sie eine Stunde lang gefangen hielt und sich sexuell an ihr verging. Trotz des mächtigen Schutzes, den Asaram durch Politiker, die Polizei und Millionen von wütenden Anhängern genoss, blieb er hartnäckig bei seiner Forderung, dass Asaram verhaftet werden müsse. Der Vater, der einst zu den Anhängern Asarams gehörte, sagte, dass sein damaliger blinder Gehorsam falsch gewesen sei. Andere von Asarams Opfern haben dadurch den Mut erhalten, gegen Asaram auszusagen.

Es ist eine wichtige Erkenntnis, dass jeder von uns verantwortlich ist, für das Unrecht, das Menschen begehen, die wir auf einen Sockel erheben. Jeden von uns trifft eine Mitschuld.

[Nachfolgend einige Auszüge aus den Seiten 265-281 von Sex and Power: Defining History, Shaping Societies geschrieben von Rita Banerji.  Penguin Books, Indien, 2008; Penguin Global, 2009] 

Mohandas K. Gandhi ;Manilal Gandhi ;Mrs. Kanu Gandhi;Pyarelal;Sita Gandhi;Sushila Pai;Raj Kumari[Das Zölibat war eine] von Gandhis bevorzugten Ideologien…die er leidenschaftlich als wesentlichen Aspekt seiner sozialen und politischen Lehren vertrat. …[Er] erachtete Sex bei allen Menschen, auch bei Eheleuten, als „unrein“. Gandhi missfiel die sexuelle Neugierde [der unverheirateten Jugendlichen seines Ashrams]. Er war dafür bekannt, dass er Frauen [unter seinen Anhängern] bat, als guru-dakshina [eine Bezahlung an ihn als Lehrer] ein lebenslanges Gelübde der Keuschheit abzulegen. Er riet [sogar] Eheleuten [in seinem Ashram]…es nicht nur zu vermeiden, ein Bett zu teilen, sondern auch ein Zimmer, es sei denn, sie wollten ein Kind zeugen… Obwohl er den [auf dem Kastenwesen basierenden] Brauch der „Unberührbarkeit“ beklagte,  …besetzte er verantwortungsvolle Positionen in seinem Ashram selten mit Adivasis oder Tribals, … da ihm deren liberale sexuelle Gewohnheiten missfielen … Er hatte die Vision, dass eines Tages „die ganze Welt“ Keuschheit üben würde.“

Gandhis Kampf gegen seine Libido entwickelte sich zu einem lebenslangen Martyrium, weil er wie besessen mit allen möglichen Strategien experimentierte, um „den heimtückischen Feind“, wie er es bezeichnete, zu bekämpfen. Er gab zu, ein Mensch mit intensiver „sexueller Lust“ zu sein,… und er sprach davon, dass er in seinem „Krieg“ gegen diesen „Feind“ ständig „Mut“ brauche und „wachsam“ sein müsse. Er versuchte, Kontrolle durch Nahrungsmittel zu erlangen, die er in solche unterteilte, die seine Libido schürten und in die, die sie abtöteten.

Laut [dem Schweizer Psychologen] Jung drückt diese [Art der sexuellen Unterdrückung, die Gandhi an den Tag legte] sich oftmals durch sexuell perverses Verhalten oder Puritanismus aus, wobei bei Gandhi beide Verhaltensformen deutlich waren. Obwohl er davon besessen war, durch Nahrungsmittel [sexuelle] Stimulation auszuschalten, hat er diese Theorie nicht auf seine [Nähe zu Frauen] angewandt.

Er war ständig von jungen Frauen umringt, die sich seiner [körperlichen] Bedürfnisse annahmen…wozu Massagen in unbekleidetem Zustand [und Bäder] gehörten. Er benutzte Frauen zur Stütze… und beim Gehen legte er seine Arme um ihre Schultern, wenngleich durch einen Spazierstock oder ein paar junge Männer dasselbe hätte erreicht werden können. [Zu seinen sogenannten „Experimenten mit der Wahrheit“ gehörte] Schlafen mit nackten jungen Frauen, um seine Keuschheit zu testen, wobei eines dieser Mädchen seine eigene Großnichte war.

Es ist schwierig, sich den psychologischen Zustand [dieser jungen Frauen, von denen viele Teenager waren] vorzustellen. Es ist allgemein bekannt, dass ihm die Frauen seiner Gefolgschaft körperlich nahe sein wollten …sie konkurrierten darum, von ihm berührt zu werden, …und Frauen, die in seinem Bett schliefen, verhielten sich hysterisch, zeigten [Eifersucht und] Angst vor Zurückweisung, wenn er sich von ihnen abwandte… Der Aufruhr der Gefühle [und in den Leben] einiger dieser Frauen wird in [dem, was in dem Tagebuch als Erzählung eines „Traums“ bezeichnet wird] von Prema Kantak deutlich.  [Sie schreibt,] sie war ein kleines Mädchen in Gandhis Schoß und trank Milch, die von seiner Brust in ihren Mund floss. Sie erinnert sich an den alarmierten Zustand, in dem sie sich in dem Traum befand, weil die Milch nicht aufhörte zu fließen, selbst als sie nicht mehr durstig war und ihre Kleidung und ihr Körper durchnässt waren, während Gandhi sie aufforderte, mehr zu trinken. Obwohl Gandhi freudig versicherte, dies bedeute, dass sie sich bei ihm geborgen fühle, sind der Symbolismus von Samen als Milch und der unterdrückt sexuelle Inhalt [und Hinweis auf sexuellen Missbrauch in dieser Beziehung] unverkennbare Elemente von Premas [aus dem Unterbewusstsein stammenden] Beschreibung.


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ZUR AUTORIN
Rita Banerji ist Autorin, Frauenrechtsaktivistin und Begründerin von “The 50 Million Missing”, einer Kampagne zur Beendung des Völkermords am weiblichen Geschlecht in Indien. Ihr Buch „Sex and Power: Defining History Shaping Societies“ ist ein historischer und gesellschaftlicher Blick darauf, wie die Beziehung von Geschlecht und Macht in Indien zum anhaltenden weiblichen Genderzid führte. Ihre Webseite ist zu finden unter www.ritabanerji.com. Sie bloggt auf Revolutions in my Space und twittert auf @Rita_Banerji.

ZUR ÜBERSETZERIN
Carmen Berelson ist gebürtige Deutsche, wurde in Deutschland zur Übersetzerin ausgebildet und übt diesen Beruf (Fachgebiete Recht, Wirtschaft und Finanzen) freiberuflich in den Vereinigten Staaten aus. Sie interessiert sich für die Rechte von Mensch und Tier, für Ethik und Umweltbelange. Carmen ist unter
CBerelson@aol.com zu erreichen. Ihr Profil ist zu finden unter http://www.atanet.org/onlinedirectories/tsd_listings/tsd_view.fpl?id=2469.

Wenn ein Unternehmen, das gegen #Vergewaltigung kämpft, diese erhält

robert de niro thinkAus dem englischen Original  von Rita Banerji
übersetzt von Andrea Wlazik

Im November kursierte im Internet ein Artikel über ein fingiertes „Rape Festival“ (Vergewaltigungsfestival), der für Aufregung sorgte, weil er Vergewaltigung zum Gespött zu machen schien.

Die Ironie ist, dass zur selben Zeit die Premiere einer Veranstaltung mit Größen wie Robert De Niro und anderen berühmten Gästen, das „THINK“ Festival in Goa, genau dies tat – es spottete Vergewaltigung und Vergewaltigungsopfern!

Das „THINK“ Festival wurde von Tehelka organisiert, einer von Indiens radikalsten liberalen Zeitschriften. Für Indien aber ist diese Institution mehr als das. Das Wort „Tehelka“ ist Synonym geworden für Revolution und öffentliche Forderung nach Gerechtigkeit und Gleichberechtigung.

Tehelkas Reichweite ist immens. Sie haben enormen Einfluss, sowohl national als auch international. Ihr THINK Festival dieses Jahr prahlte mit Gästen und Rednern wie Robert De Niro, Amitabh Bachchan, Medha Patkar, Garry Kasparov, Tina Brown, Mary Kom, John Pilger und vielen anderen.

meira paibisVergewaltigung war eines der großen Themen des diesjährigen THINK Festivals.  Überlebende von Vergewaltigungen und Aktivisten aus Indien sprachen auf einer Plattform mit Namen „The Beast in Our Midst (Die Bestie in unserer Mitte). Rednerinnen waren unter anderem Suzette Jordan, die mit vorgehaltener Waffe vergewaltigt wurde und nun Überlebende berät, obwohl sie selbst nach wie vor für Gerechtigkeit kämpft; Harish Iyerwho, die als Kind von Verwandten vergewaltigt wurde und darüber sprach, dass Vergewaltiger nicht immer Fremde sind, sondern oft jene, die wir kennen und denen wir vertrauen; Sandhya, ein 16 Jahre altes Opfer einer Gruppenvergewaltigung, deren Mutter auch gruppenvergewaltigt und ermordet wurde, nachdem ihre Familie Anzeige erstattet hatte; Ima Ngambi, Mitglied von Meira Paibis, einer Gruppe von Müttern, die sich entblößten um gegen die systematischen Vergewaltigungen und die Gewalt gegen Frauen von Seiten der indischen Armee in Manipur zu protestieren; Schwester Jesme, die den systematischen sexuellen Missbrauch von Nonnen in der katholischen Kirche in Indien aufdeckte und Manisha Devi, die darüber sprach, dass der schlimmste Teil der Vergewaltigung die Art ist, wie Justiz, Polizei und soziale Systeme den Opfern weiteres Unrecht zufügen.

Und es gab einen weiteren Vergewaltigungsfall, der sich während des Festivals anbahnte und der einige Tage später ins Licht der Öffentlichkeit treten sollte. Er schockte die Nation und zwang sie, zu hinterfragen, warum Tehelka das, wogegen sie nach eigener Aussage kämpfen, aufrechterhalten.

Tarun Tejpal, der Gründer, Herausgeber und Hauptgesellschafter von Tehelka, entkleidete bei zwei Gelegenheiten im Laufe des Festivals eine jüngere Tehelka-Journalistin gewaltsam und belästigte sie sexuell. Die Journalistin war als Begleitung für Robert De Niro während des Festivals eingeteilt worden. Es scheint, als hätte Tejpal einen Besuch in De Niros Zimmer zum Vorwand genommen, um das Opfer in den Aufzug zu lotsen, wo der Vorfall stattfand. Als sie sich widersetzte und ihn anflehte, aufzuhören, sagte er zu ihr, dass dies der beste Weg sei, ihren Job zu behalten. Einzelheiten des Angriffs, die später in einer internen Mail enthüllt wurden, welche ins Internet durchsickerte, zeigten eindeutig, dass die Art des Angriffs [das Einführen von Fingern in die Vagina] nach Indiens neuem Gesetz, demgemäß jede Form der Penetration eine Vergewaltigung darstellt, als Vergewaltigung einzustufen ist.

Das Opfer vertraute sich sofort drei Kolleginnen an und Tejpals Tochter, die eine gute Freundin des Opfers war, alle anwesend beim Festival. Einige Tage später beschwerte sie sich bei Shoma Choudhary, Tehelkas leitender Redakteurin, einer hitzköpfigen Feministin, die – ebenso wie Tejpal – scharf gegen Vergewaltigung und Gewalt an Frauen in Indien geschrieben und gesprochen hatte.

indian army rape usTejpal gesteht grundsätzlich die Vergewaltigung in einer Mail, einer Art Entschuldigung an das Opfer, in der er den Versuch eingesteht, eine „sexuelle Liaison“ mit ihr zu „forcieren“, obwohl sie sich verweigerte. In einer anderen Mail tat er den Vorfall ab als „Geplänkel“ eines Betrunkenen und teilte mit, er würde dafür Buße tun, indem er sich 6 Monate lang vom Firmensitz fernhalten würde. In seiner Mail an das Opfer schrieb Tejpal: „Du bist eine junge Frau, auf die ich sehr stolz war, als Tochter eines Kollegen und dann als Kollegin in unserer Firma. Ich habe gesehen, wie Du aufgewachsen und beruflich zu einer sehr integeren und vielversprechenden Journalistin gereift bist. Darum zerreisst es mich unbeschreiblich, zu sehen, dass ich diese langjährige vertrauens- und respektvolle Beziehung zwischen uns verletzt habe und ich entschuldige mich vorbehaltlos für diesen rechtlichen Fehltritt, der bei zwei Gelegenheiten, am 7. November und 8. November 2013, dazu geführt hat, dass ich versuchte, eine sexuelle Liaison mit Dir zu beginnen, trotz Deines eindeutigen Widerwillens gegen diese Art von Aufmerksamkeit von mir. Jetzt habe ich das Gefühl, dass ich meine Position als Herausgeber ausgenutzt habe, um Dir meine Aufmerksamkeit aufzuzwingen und ich bestätige, dass ich einmal auf Deinen Hinweis, ich sei Dein Boss, sagte „Das macht es einfacher“…

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Tejpal mit De Niro und Bachchan beim THINK-Festival

Was dann folgte, ist noch empörender. Die beiden zentralen Autoritätspersonen bei Tehelka, Tejpal und Choudhary, gingen in die Offensive und versuchten, die Anklage zu vereiteln. Sie änderten ihre Haltung und nutzten jede schmutzige Strategie, die alle Vergewaltiger und deren Komplizen nutzen, auch die, das Opfer zu diskreditieren und zu verleumden.

Der Vergewaltigungsprozess gegen Tejpal ist im Grunde genommen wasserdicht. Die Einzelheiten der Aussage des Opfers sind gleich geblieben. Sie wurden von anderen beim Festival anwesenden Angestellten bestätigt und teilweise untermauert durch Filmmaterial der Überwachungskamera aus dem Hotel, in dem der Vorfall stattfand. Und Tejpal, der sich zunächst der Verhaftung entzog und sich aus seinem Versteck heraus nur über Shoma Choudary und seine Anwälte äußerte, ist mittlerweile wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung inhaftiert

Da es sich um eine Vergewaltigung von Schutzbefohlenen handelt, begangen durch eine Autoritätsperson, de Macht über das Opfer hat, erwarten Tejpal  mindestens 10 Jahre HaftIronischerweise wird das anzuwendende Gesetz (Section 376 C), das Tejpal und Tehelka zum Schutz von Vergewaltigungsopfern in Indien vorangetrieben haben, nun von Tejpals Anwälten als „drakonisch“ bezeichnet.

sandhyaSuzette Jordan, Überlebende einer Gruppenvergewaltigung und Rednerin beim THINK Festival, erzählte, wie verärgert sie ist.  Sie sagte, sie fühle sich regelrecht „betrogen“. In einem Interview mit NDTV erklärte sie, sie fühle sich „schmutzig“ und benutzt. Für sie sähe es aus, als hätte man sie auf die Bühne gestellt, nur um sich über sie lustig zu machen!

In ihrem Kündigungsschreiben an Tehelkas leitende Redakteurin, Shoma Chaudhuri, schreibt das Opfer: “Während der letzten Jahre haben wir [bei Tehelka] gemeinsam die Rechte von Frauen verteidigt, über Vergewaltigung von Untergebenen und sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz geschrieben und uns scharf ausgesprochen gegen die Kultur der Schuldigsprechung von Opfern, die taktische emotionale Einschüchterung und den Rufmord an jenen, die es wagen, sich gegen sexuelle Gewalt auszusprechen. Jetzt, da ich selbst Opfer eines solchen Verbrechens bin, bin ich erschüttert darüber, dass der Chefredakteur von Tehelka und Sie – in Ihrer Eigenschaft als leitende Redakteurin – auf genau diese Taktiken der Einschüchterung, des Rufmords und der Verleumdung zurückgreifen… In Bezug auf die Abläufe seit dem 7. November hat nicht nur Mr. Tejpal mir gegenüber als Arbeitgeber versagt, sondern Tehelka hat versagt gegenüber Frauen, Angestellten, Journalistinnen und Feministen gleichermaßen.

Dieser Vergewaltigungsfall scheint ein Wespennest zu sein, bestehend aus einer Reihe schmutziger Geheimnisse, inklusive der Anhäufung von Reichtümern seitens der Top-Bosse durch geheime, undurchsichtige Unternehmenszusammenschlüsse. Und während Tehelkas Aktieneigner reiche Dividenden abschöpften, wurden die Angestellten schäbig behandelt. Es wird berichtet, dass sie keinerlei Grundsicherung, wie Krankenversicherung, Abfindung und Altersvorsorge, bekanen. Oft hatten die Gehälter 2-3 Monaten Verspätung. 

Indiens Liberale und die führenden Feministinnen, die Teil von Tehelkas elitärem selbstgerechtem Netzwerk sind, das behauptet, die Frauenrechte zu schützen, sind entweder still oder sie kommen mit aller Kraft hervor und beschweren sich bitterlich über die „übertriebene“ öffentliche Empörung oder über die Medienwirksamkeit dieses Falls. Viele dieser Feministinnen haben versichert, dass Shoma Chaudhuri nicht als Komplizin an dem von Tejpal begangenen Verbrechen der Vergewaltigung und dessen Vertuschung anzusehen ist.

Das beunruhigt mich am meisten. Warum weigern sich mit Tejpal befreundete Feministinnen und Liberale, sowohl in Indien als auch im Westen, diese Vergewaltigung zu sehen oder so zornig zu verurteilen, wie sie es normalerweise in anderen Fällen tun würden? Warum erkennen sie Shoma Chaudhuris Komplizenschaft daran nicht? Warum sind sie über diesen Vorfall nicht so aufgebracht, zornig und beunruhigt wie die vergewaltigte Journalistin und andere Vergewaltigungsopfer, die an diesem Festival teilgenommen haben? Warum beugen sie sich, ignorieren und/oder verteidigen ihn?

Tejpal-1Wie tief geht die wirtschafliche Ausbeutung von Vergewaltigung und von Gewalt an Frauen als „soziale Fälle“? Sind diese unter den NGOs und Organisationen, unter Feministen und Liberalen nun zu Themen geworden, die persönlich und wirtschaftlich leicht auszubeuten sind? Ist Tehelka nur die Spitze des Eisbergs? Ist es das, was einen Großteil der Feministen, Liberalen, Aktivisten und Intellektuellen an der Tehelka-Vergewaltigung so verunsichert?


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ZUR AUTORIN
rita.banerji.photoRita Banerji ist Autorin, Frauenrechtsaktivistin und Begründerin von „The 50 Million Missing“, einer Kampagne zur Beendung des Völkermords am weiblichen Geschlecht in Indien. Ihr Buch Sex and Power: Defining History Shaping Societies ist ein historischer und gesellschaftlicher Blick darauf, wie die Beziehung von Geschlecht und Macht in Indien zum anhaltenden weiblichen Genderzid führte. Ihre Webseite ist zu finden unter www.ritabanerji.com. Sie bloggt auf Revolutions in my Space und twittert auf @Rita_Banerji

ZUM ÜBERSETZER
Andrea Wlazik ist gelernte Fremdsprachenkorrespondentin. Sie arbeitet als freiberufliche Texterin und Übersetzerin und koordiniert den deutschen Blog der „The 50 Million Missing Campaign“. Sie ist außerdem Initiatorin der von der Kampagne unabhängigen deutschen Facebook-Gruppe Femizid in Indien“.

Volkszählung deckt auf: 17 Millionen Mädchen in Indien im Alter von 1-15 Jahren getötet!

ask why_50 million missingAus dem englischen Original von Rita Banerji
übersetzt von Andrea Wlazik

Die Daten der indischen Volkszählung von 2011 zeigen, dass 18 Millionen Mädchen vor ihrem 15. Lebensjahr aus der Bevölkerung ausgelöscht wurden. Die Leute vermuten häufig, dass dies hauptsächlich den geschlechtsspezifischen Abtreibungen geschuldet ist. Die Auswertung der altersbezogenen Daten der letzten indischen Volkszählung besagt allerdings nicht nur, dass die meisten der Mädchen nach der Geburt getötet werden, sondern tatsächlich auch, dass die Tötungen mit steigendem Alter an Häufigkeit zunehmen!

Seit 7 Jahren hinterfrage ich kontinuierlich, warum die Regierung in ihren Ausführungen die extrem undurchsichtige und seltsam anmutende Altersspanne „0-6 Jahre“ benutzt. Was stellt „0 Jahre“ dar? Föten? Und warum sollte die Regierung abgetriebene weibliche Föten und Mädchen, die nach ihrer Geburt bis zum Alter von sechs Jahren getötet wurden, in die selbe „Alterskategorie“ stecken? Außerdem frage ich mich, warum sechs Jahre die Altersgrenze für die Erhebung des Geschlechterverhältnisses bei Kindern ist. Warum ermittelt man das Geschlechterverhältnis nicht von 0-2 Jahren oder 0-10 Jahren? Ist dies ein bewusster Versuch zu verschleiern, wie viele Mädchen tatsächlich nach ihrer Geburt getötet werden?

Als ich begann, Zeitschriften und verschiedene Studien zu sichten, die sich mit der postnatalen Tötung von Mädchen in Indien beschäftigten, fand ich heraus, dass ALLE (von mir gesichteten) STUDIEN, von 5-6 Jahren als dem Alter ausgingen, bis zu dem geborene Mädchen besonders anfällig für Tötungen sind.

Und da wo Daten abgeglichen oder analysiert wurden, gab es klare Hinweise darauf, dass die Anzahl der nach der Geburt getöteten Mädchen in Indien in die Millionen ging.  Daraufhin schrieb ich einen Artikel für „The Women’s News Network“, in dem ich diese Daten zusammenstellte. Der Artikel wurde auch im englischen Hauptblog veröffentlicht und für den deutschen Blog entsprechend übersetzt: Woran sterben Indiens kleine Mädchen?

Leider wurden meine Befürchtungen jetzt durch einen kürzlich veröffentlichten Bericht aus der Volkszählung von 2011 bestätigt, der das Geschlechterverhältnis für jeden vollendeten Altersjahrgang berücksichtigt. Er beweist, dass mindestens 18 Millionen Mädchen bis zum Alter von 15 Jahren aus Indiens Bevölkerung ausgelöscht wurden. Allerdings enthüllt er eine ganze Reihe weiterer erschütternder Fakten. So offenbart er, dass der Großteil dieser Mädchen nicht durch geschlechtsselektive Abtreibung ausgelöscht, sondern nach der Geburt getötet wurde! Noch schockierender ist die Tatsache, dass die Häufigkeit der Tötungen mit dem Alter ansteigt.

HIER DIE ENTHÜLLUNGEN DER ANALYSE DER VOLKSZÄHLUNGSDATEN VON 2011:

18 Millionen Mädchen bis zum Alter von 15 Jahren sind aus Indiens Bevölkerung ausgelöscht worden.

955.000 (weniger als eine Million) Mädchen bis zum Alter von einem Jahr wurden vernichtet. Das bedeutet erschreckenderweise, dass die 17 Millionen weiterer Mädchen nach ihrem ersten Geburtstag getötet wurde.

In der Altersgruppe von 1-6 Jahren wurden ungefähr sieben Millionen Mädchen getötet. (Dort gibt es sieben Millionen mehr Jungs als Mädchen.)

In der Altersgruppe von 7-15 Jahren wurden etwa elf Millionen Mädchen ausgelöscht. (Hier gibt es elf Millionen mehr Jungs als es Mädchen gibt. Meiner Schätzung nach sind in dieser Altersgruppe viele Mädchen nicht erfasst, die dem Frauenhandel zum Opfer gefallen sind.)


Weiterhin deckt die Analyse auf, dass die Anzahl der getöteten Mädchen in städtischen Gebieten viel höher ist als in ländlichen Bezirken. Dies bestätigt ein weiteres Argument, das ich im Zusammenhang mit dem Völkermord an Indiens weiblicher Bevölkerung konsequent vertreten habe. Ich habe behauptet, dass er nicht das Ergebnis von Armut und mangelnder Bildung ist, sondern dass es bei diesem Genozid (geschlechtsspezifischer Völkermord), so wie bei allen anderen Genoziden, um Machtausübung geht. Das ist der grundlegende Perspektivenwechsel, den wir vollziehen müssen, wenn wir den weiblichen Genozid stoppen wollen. Für weitere Informationen, lesen Sie bitte den Artikel:  Warum das Ausmaß des Völkermords an Indiens Frauen mit Wohlstand und Bildung zunimmt.


© The 50 Million Missing Campaign“.Alle Rechte vorbehalten. Bitte beachten Sie bei Weitergabe unsere Hinweise zum Copyright.

ZUR AUTORIN
rita.banerji.photoRita Banerji ist Autorin, Frauenrechtsaktivistin und Begründerin von „The 50 Million Missing“, einer Kampagne zur Beendung des Völkermords am weiblichen Geschlecht in Indien. Ihr Buch Sex and Power: Defining History Shaping Societies ist ein historischer und gesellschaftlicher Blick darauf, wie die Beziehung von Geschlecht und Macht in Indien zum anhaltenden weiblichen Genderzid führte. Ihre Webseite ist zu finden unter www.ritabanerji.com. Sie bloggt auf Revolutions in my Space und twittert auf @Rita_Banerji

ZUM ÜBERSETZER
Andrea Wlazik ist gelernte Fremdsprachenkorrespondentin. Sie arbeitet als freiberufliche Texterin und Übersetzerin und koordiniert den deutschen Blog der „The 50 Million Missing Campaign“. Sie ist außerdem Initiatorin der von der Kampagne unabhängigen deutschen Facebook-Gruppe Femizid in Indien“.

Warum das Ausmaß des Völkermords an Indiens Frauen mit Wohlstand und Bildung zunimmt

 

Foto: Divyesh Sejpal ©. Alle Rechte vorbehalten.

Aus dem englischen Original von Rita Banerji
übersetzt von Jacqueline Knorr

Der mit Abstand größte Mythos über den Völkermord
an Indiens Frauen ist, dass er das Ergebnis von Analphabetismus und Armut ist.

Die meisten Leute denken, wenn sie Schulen bauen, Menschen bilden, Mädchen ausbilden und Arbeitsplätze schaffen, dann werden die Menschen nicht ihre weiblichen Kleinkinder töten oder ihre Töchter durch geschlechtsselektive Abtreibung beseitigen.

DIE REALITÄT ZEIGT JEDOCH, DASS GENAU DAS GEGENTEIL DER FALL IST.

Wenn in Indien Reichtum in einen Haushalt, eine Gemeinde, ein Dorf oder ein Gebiet fließt und zusammen mit dem wirtschaftlichen Wohlstand weitere Annehmlichkeiten wie Schulen und Kliniken dazu kommen, dann sieht man einen gleichzeitigen Rückgang des Frauenanteils innerhalb dieses speziellen Haushalts, der Gemeinde, des Dorfs oder des Gebiets!  „Wirtschaftlicher Erfolg scheint den Wunsch nach einem Sohn  auch an Orten zu verbreiten, die einmal neutral zum Geschlecht ihrer Kinder standen“  beobachtet die indische Demographin Alaka Basu.

Mit anderen Worten: Je mehr Wohlstand und Bildung es gibt, desto ausgeprägter ist der weibliche Genderzid! Das ist eine Beobachtung, die einzelne Forscher und Sozialwissenschaftler in Indien gemacht haben, die bis jetzt aber völlig ignoriert wurde.

Allerdings zeigen die jüngsten Daten von Indiens Volkszählung in 2011 und eine unabhängige Studie, welche in der bekannten medizinischen Fachzeitschrift Lancet ebenfalls im Jahr 2011 veröffentlicht wurde, und die auf einer auf Masse angelegten Datenerhebung und-analyse basierte, das oben erwähnte Muster so deutlich, dass es unmöglich ignoriert werden kann.

Indiens Volkszählung von 2011 zeigt, dass es die höchste Anzahl Eliminierungen von Mädchen durch Geschlechtsselektion und Kindstötung nicht in den ärmsten Gegenden Indiens, sondern in den reichsten Bundesstaaten, wie in Punjab und Haryana, und in den wohlhabendsten Städten wie Delhi und Chandigarh gibt. Auch hier sieht man wieder das Muster von Analphabetismus und Bildung.

Die Staaten mit der höheren Alphabetisierungsrate, wie Maharashtra und Gujarat, haben ein maroderes Geschlechterverhältnis als die Staaten mit den schlimmsten Alphabetisierungsniveaus wie Uttar Pradesh und Bihar.

Außerdem tendieren ländliche Gebiete in Indien, die in den Bereichen Bildung und Entwicklung weit hinter den städtischen Gebieten zurückbleiben, dazu, ein besseres Geschlechterverhältnis als die städtischen Gebiete zu haben.

Zudem hatten die 150 Bezirke Indiens, die offiziell von der Regierung als „am wenigsten entwickelt “ eingestuft wurden, weit bessere Geschlechterverhältnisse als die anderen, vergleichsweise stärker entwickelten Bezirke. Im Jahr 2001 gaben die Daten der Bezirksspiegel an, dass die meisten gebildeten Bezirke mit dem größten Zugang zu Technologie ein schlechteres Geschlechterverhältnis als die Bezirke mit den niedrigsten Alphabetisierungsniveaus hatten. Dieser Trend wurde in der Volkszählung von 2011 noch offensichtlicher. Während z.B. im Gebiet von Uttar Pradesh die 10 Bezirke mit dem höchsten Alphabetisierungsniveau bei Kindern ein Geschlechterverhältnis von 887 Mädchen zu 1.000 Jungen hatten, gab es in den 10 Bezirken mit dem niedrigsten Alphabetisierungsniveau ein Geschlechterverhältnis von 937 Mädchen zu 1.000 Jungen, ein Unterschied von 50 Frauen pro 1.000 Männer . Die selben Trends herrschten in anderen Bezirken: Gujarat, Rajasthan, Bihar, Haryana und West Bengalen.

Die ausgedehnte Studie von 2011​​, die von Prabhat Jha geleitet und im Lancet veröffentlicht wurde, zeigte, dass in den letzten zwei Jahrzehnten die drastischste Verschlimmerung bei den Geschlechterverhältnissen in Indien innerhalb der 20% der Bevölkerung stattfand, die zu den reichsten und gebildetsten Gebieten gehören

Während im Jahr 1991 das Verhältnis der Geschlechter bei zweitgeborenen Kindern, bei dem das erstgeborene ein Mädchen ist, noch bei etwa 850 Mädchen auf 1.000 Jungen bei den reichsten 20% Indiens lag, war dieses Verhältnis bis 2011 auf 750 gesunken und lag in Familien, in denen Frauen eine Bildung von 10 Jahren oder mehr hatten, mit 700 sogar noch niedriger. Vergleichsweise zeigen die ärmsten 20 % der Bevölkerung des Landes, der Schicht, in der die Frauen ungebildet und Analphabeten sind, das beste Geschlechterverhältnis. Im Durchschnitt gab es entweder keine Veränderung in den letzten 2 Jahrzehnten oder in manchen Fällen scheinbar sogar eine Verbesserung des Geschlechterverhältnisses im Zensus 2011 gegenüber den Daten aus dem Jahr 1991.

Würden Bildung und Einkommen von Frauen etwas verändern? Leider nicht! Diese Studie zeigt auch, dass in Haushalten, in denen Frauen eine bessere Bildung und ein höheres Einkommen haben, mit großer Wahrscheinlichkeit die weitaus höhere Bereitschaft besteht, ihre Töchter durch Geschlechtsselektion loszuwerden als in ärmeren Familien, in denen Frauen keine Ausbildung haben, vor allem dann, wenn sie bereits ein Mädchen haben.

Es ist wichtig anzumerken, dass es nicht die Frauen sind, die die Entscheidungen treffen, die Töchter loszuwerden, sondern die Familien! Frauen werden oft geschlagen und gewaltsam zu diesen Abtreibungen gezwungen. Auch die Tötung von neugeborenen Mädchen ist oft nicht die Entscheidung der Mutter, sondern die der Familie.

Weiterhin stellte sich heraus, dass wenn der Wohlstand in der Nachbarschaft oder im Staat steigt, mitgiftbedingte Gewalt und Tötungen ebenfalls ansteigen.

Verstehen Sie mich diesbezüglich bitte nicht falsch! Ich plädiere hier nicht gegen Bildung oder gegen kommunale Entwicklung. Ich glaube im Gegenteil, dass Allgemeinbildung und ein grundlegend zivilisierter Lebensstandard für die Mehrheit – beides Dinge, bei denen Indien so hoffnungslos versagt hat – ausschlaggebend für die Entwicklung Indiens hin zu einer modernen Demokratie sind.

Das Problem, das ich hier auf den Punkt zu bringen versuche, ist das Problem der öffentlichen Wahrnehmung der Ursachen von Indiens weiblichem Genozid. Und das Fazit ist, dass Bildung und Wirtschaft selbst nicht die Lösung sind, weil Armut und Analphabetismus nicht die Ursachen für den weiblichen Genozid sind! 

Das Foto oben, das von einem kleinen Mädchen, welches über ihre Schiefertafel gebeugt ist, ruft sofort eine positive Reaktion in uns hervor, weil es für uns symbolisch Unabhängigkeit, Entscheidungsfreiheit und Fortschritt repräsentiert. Die Realität ist allerdings: Bildung und Geld sind mächtige Werkzeuge, aber obwohl wir sie den Menschen geben und hoffen, dass sie es für eine konstruktive Änderung einsetzen, können wir nicht bestimmen, wie Individuen und Gemeinschaften letztlich ENTSCHEIDEN, sie zu nutzen. Im Zusammenhang mit dem Völkermord an Indiens Frauen wurden diese Werkzeuge äußerst destruktiv eingesetzt. Warum ?

  1. Geld und Bildung erhöhen das Wissen über und den Zugang zu verschiedenen Mitteln und neuen Technologien, um potenzielle Töchter zu beseitigen. Hinzu kommt, dass  Menschen, die mehr Geld und Bildung besitzen, das System viel besser verstehen und wissen, wie sie es umgehen können. Sie haben auch die Mittel und Kontakte, um die Polizei und Regierungsbeamte zu bestechen, um mit jeder Art von Verbrechen, sei es Tötung weiblicher Föten, eines weiblichen Säuglings oder der Mord an einer Frau der Mitgift wegen, durchzukommen. Haben Sie sich jemals gefragt, warum die Menschen, die für Mitgiftmorde und weibliche Kindestötung im Gefängnis sitzen, immer die Armen sind?

  2. Je besser eine Familie wirtschaftlich gestellt ist und je mehr Bildung sie ihrer Tochter mitgibt, desto höher ist die Summe, die bei der Hochzeit als Mitgift von der Familie der Braut zu zahlen erwartet wird. Von daher ist die soziale „Strafe“ der Mitgift  weit höher, wenn die Tochter einen Universitätsabschluss bekommt und arbeitet, als wenn sie einfach nur Abitur hat. Weil wohlhabendere Familien das Gefühl haben, eine höhere Mitgift zahlen zu müssen, ist auch ihre Motivation größer, Töchter früh los zu werden. Umgekehrt betrachtet, warum sollte eine gebildete Mittelklasse-Familie überhaupt Mitgift für ihre Tochter zahlen wollen, wenn diese sich gut selbst erhalten könnte? Weil die Familie glaubt, dass wenn die Tochter verheiratet ist und Mitgift bekommen hat, sie ihr keine weiteren Besitztümer geben müssen und somit alles an den Sohn gehen kann!

  3. Je besser eine Familie situiert ist und je gebildeter ihr Sohn ist, desto größer ist der Betrag, den die Familie als Mitgift für ihren Sohn erwartet. In der Tat erhöht jeder Bildungs- oder Berufsabschluss (als Anwalt, Ingenieur oder Arzt ) des Sohnes erheblich den Reichtum, den er durch die Mitgift in die Familie bringt. Oft ist die Forderung der Mitgift fast zehnmal höher als das Jahresgehalt des Bräutigams – es ist der Familien-Jackpot! 

Somit ist die Realität über weiblichen Völkermord, mit der wir uns auseinandersetzen müssen, wenn wir eine effektive Lösung finden wollen, folgende: Beim weiblichen Genozid geht es nicht Armut oder Analphabetismus. Weiblicher Genozid ist Ausübung von Macht und Kraft, so wie es alle Völkermorde sind. Es geht hier um die soziale und strafrechtliche Verfolgung einer Zielgruppe, bestehend aus den Mächtigen – wie bei allen Völkermorden. Die Gründe für den weiblichen Genozid und die Lösungen um diesen zu beenden, sind nicht anders, als für den Völkermord an irgendeiner anderen Gruppe Menschen!

© „The 50 Million Missing Campaign“. Alle Rechte vorbehalten. Bitte beachten Sie bei Weitergabe unsere Hinweise zum Copyright.

ZUR AUTORIN
rita.banerji.photoRita Banerji ist Autorin, Frauenrechtsaktivistin und Begründerin der „The 50 Million Missing Campaign“, einer Kampagne zur Beendung des Völkermords am weiblichen Geschlecht in Indien. Ihr Buch „Sex and Power: Defining History Shaping Societies ist ein historischer und gesellschaftlicher Blick darauf, wie die Beziehung von Geschlecht und Macht in Indien zum anhaltenden weiblichen Genderzid führte. Ihre Webseite ist zu finden unter www.ritabanerji.com. Sie bloggt auf Revolutions in my Space und twittert auf @Rita_Banerji

ZUM FOTOGRAFEN
Divyesh Sejpal ist preisgekrönter Fotograf und Mitglied der
The 50 Million Missing Campaign’s Photographers’ Group, die weltweit von mehr als 2300 Fotografen unterstützt wird. Um weitere seiner Arbeiten zu sehen, klicken Sie hier.

ZUR ÜBERSETZERIN
Jacqueline Knorr ist vor 9 Jahen von Berlin in die Karibik ausgewandert und ist heute eine freischaffende Stewardess auf privaten Jachten in der Karibik und in Europa. Momentan ist sie unter anderem damit beschäftigt, ein schwimmendes Gästehaus auf St. Maarten zu bauen, um mit einem Teil des Profits das lokale Tierheim und andere Wohltätigkeitsorganisationen zu unterstützen.

Warum indische Frauen lernen müssen, aus der Rolle zu fallen

jnu_1302989fAus dem englischen Original von Rita Banerji
übersetzt von Japleen Pasricha

Warum haben sich Indiens Frauen nach der extrem öffentlichkeitswirksamen Berichterstattung zur Gruppenvergewaltigung von Delhi im Dezember 2012 plötzlich in einem wütenden Massenprotest aufgebäumt? Da ich eine Kampagne gegen den geschlechtsspezifischen Völkermord an Frauen in Indien führe, wurde mir diese Frage wiederholt gestellt.

Ich verstehe nicht, warum das die Leute verwirrt. Indien ist das viertgefährlichste Land für Frauen nach Afghanistan, dem Kongo und Pakistan. In 20 Jahren werden 20 Prozent der Frauen in Indien durch die verschiedensten Formen geschlechtsspezifischer Gewalt systematisch ausgerottet worden sein.

Wieviel mehr hätten indische Frauen erdulden sollen, bevor sie sich zum Aufstand erheben?

Vielleicht müssen wir begreifen, dass Frauenrevolutionen überall aus den gleichen Gründen geschehen. Der Impuls ist derselbe. Was ist dieser Impuls? Den vollständigen (englischen) Bericht aus „The Huffington Post“ finden Sie hier.

ABOUT THE WRITER

Rita Banerji ist Autorin, Frauenrechtsaktivistin und Begründerin von „The 50 Million Missing“ (50 Millionen verschwunden), einer Kampagne zur Beendung des Völkermords am weiblichen Geschlecht in Indien. Ihr Buch ‘Sex and Power: Defining History Shaping Societies ist ein historischer und gesellschaftlicher Blick darauf, wie die Beziehung von Geschlecht und Macht in Indien zum anhaltenden weiblichen Genderzid führte. Ihre Webseite ist zu finden unter www.ritabanerji.com. Sie bloggt auf Revolutions in my Space und twittert auf @Rita_Banerji

ZUM ÜBERSETZER
Japleen Pasricha ist Studentin der Germanistik an der Jawaharlal Nehru University, New Delhi. Außerdem interessiert sie sich für Frauen-, Männer- und Geschlechterforschung. Sie bloggt hier und hat eine englischsprachige Facebook-Seite über Feminismus in Indien.

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