Warum herrscht bei indischen Filmen Verwirrung über Sex, Vergewaltigung und Prostitution?

Aus dem englischsprachigen Originalartikel von Rita Banerji übersetzt von Melanie Beaven

jism posterWährend die pornographische Aufmachung weiblicher Sexualität unverblümt zum Verkauf schwierig abzusetzender indischer Filme verwendet wird, gehören weibliche Libido und Sex mit einem Partner, den sich eine Frau selbst ausgewählt hat, immer noch zu „umstrittenen“ Themen in Indiens Kinos. Zwangsehen werden nicht als Vergewaltigung porträtiert. Die Verheiratung eines Vergewaltigungsopfers an ihren Vergewaltiger wird oftmals als eine Form von Gerechtigkeit angesehen. Und Eltern, die ihre Töchter zur Prostitution zwingen, werden nicht als Zuhälter betrachtet. In einem Artikel, in dem sie einen kritischen Blick darauf wirft, wie Bollywood-Filme Themen wie Vergewaltigung, einvernehmlichen Sex und Prostitution behandeln, argumentiert Rita Banerji, dass indische Filme versäumen, diese Angelegenheiten in sinnvoller Weise zu adressieren, weil die Filmemacher – so wie der Rest der indischen Gesellschaft – es nicht geschafft haben, Frauenrechte und die Selbstbestimmung der Frau über ihren Körper und ihre Sexualität zu befürworten.

Unten finden Sie zwei Auszüge aus dem Artikel. Der vollständige (englische) Artikel befindet sich hier: http://www.genderforum.org/issues/gender-and-contemporary-film/bollywood-baffled-over-sex-rape-and-prostitution/

Auszüge aus “Bollywood steht Sex, Vergewaltigung und Prostitution ratlos gegenüber” in Gender Forum Issue 46 (2013), Absätze 21 und 22.

 

daminiIn 2012 erlangte der Film Damini in Indien eine spezielle Bedeutung, denn der Name der Hauptdarstellerin war auch der Name des jungen Opfers der berüchtigten Gruppenvergewaltigung in einem Bus in Delhi. Ebenso wie Damini im Film hatte das Vergewaltigungsopfer aus Delhi beherzt dafür gekämpft, dass die Vergewaltiger zur Rechenschaft gezogen wurden. Im Film jedoch kämpft Damini darum, dass einer anderen Frau Gerechtigkeit widerfährt – einer jungen Angestellten im Haushalt ihrer Schwiegerfamilie – deren Gruppenvergewaltigung durch ihren Schwager und dessen Freunde sie Zeuge wird. Die Angestellte erliegt später ihren Verletzungen. Im Licht eben dieser sozio-sexuellen Bedeutung des Films und der Rolle Damini ist dieser bestimmte Moment dieses Films eigenartig verblüffend. [Vor Daminis Hochzeit mit einem Mann, den sie gerne hat, lebt sie mit ihren Eltern und ihrer Schwester]. Daminis Eltern sind besorgt, da es ihnen nicht möglich ist, die Mitgift aufzubringen, die Männer erwarten, um die Töchter zu heiraten. Zwischenzeitlich entscheidet Devika, Daminis Schwester, dass sie heimlich einen Mann namens Birju heiraten wird, um ihren Eltern die Mühe zu ersparen, einen passenden Mann zu finden und eine große Mitgift zu entrichten. Das Problem ist, dass Birju nicht nur eine schädliche Persönlichkeit hat – er ist ein missbräuchlicher Alkoholiker mit krimineller Vergangenheit – sondern er hat Devika über Monate hinweg nachgestellt, sie sexuell belästigt und terrorisiert. Devika erkärt einer verwirrten Damini, dass der Grund für Ihre Entscheidung der Umstand sei, dass er der einzige Mann zu sein scheint, der sie will und dass sie eine Möglichkeit sucht, zu leben, d. h. verheiratet sein, ein Sexualleben und eine Familie zu haben. Damini verteidigt Devikas Aktion gegenüber ihren Eltern, die ihrerseits mehr über die „Schande“ besorgt zu sein scheinen, die Devika ihnen durch das Ausreißen bei den Nachbarn beschert hat, als über die psychopathische Persönlichkeit des Mannes, den Devika geheiratet hat. Damini erinnert die Eltern an die zahlreichen Erniedrigungen, die Devika erleiden musste, wenn von den Eltern ausgewählte Heiratskandidaten sie abgelehnt hatten, und dass Devika – anders als andere ledige Frauen, die sich umbringen, wenn die Eltern nicht in der Lage sind, die nötige Mitgift zu beschaffen – die Wahl getroffen hat, ihr Leben zu leben! Dies weist auf die unglaubliche sexuelle Frustration hin, die sich in ledigen Frauen aufgrund der ihnen aufgebürdeten kulturellen Beschränkungen aufbaut. Aber man kann nicht umhin zu fragen, ob – wenn dies die Weise ist, auf die Frauen in Indien beabsichtigen zu heiraten – sie nicht gleichzeitig größere Freiheiten haben sollten, um Männer zu treffen und Beziehungen vor der Ehe zu erkunden, so dass sie zu einer größeren und besseren Auswahl an Kandidaten Zugang haben?

Absätze 39 und 34

Matrubhoomi-A-Nation-Without-Women-2003-223x300Diese Sicht auf Vergewaltigung und weibliche Sexualität erlaubt verschiedene andere kulturspezifische und systematische Formen sexueller Gewalt an Frauen. Eine dieser Praktiken in Indien ist der „Brauthandel“, wie im Film Matrubhoomi (Die Nation ohne Frauen) dargestellt wird. Im Endeffekt ist dies eine Form der kulturell sanktionierten Gruppenvergewaltigung und des Frauenhandels. Aufgrund der zügellosen und frauenfeindlichen Praxis des Tötens weiblicher Babys und Föten gibt es Gegenden in Indien, in denen Männer keine Ehefrauen finden können und dann dazu übergehen, „Bräute“ aus entlegenen Regionen zu kaufen. Allerdings wird die gekaufte „Braut“ wie ein sexueller Besitz zur Benutzung aller Männer in der Familie behandelt, ungeachtet dessen, wen sie geheiratet hat. In diesem Film sieht sich Kali, die eine sorgenfreie und frohe Kindheit verbracht hat, nach ihrer Hochzeit in einer albtraumartigen Hölle gefangen, als sie Tag und Nacht von allen Männer in der Familie, einschließlich ihrer vier Schwager und ihres Schwiegervaters, vergewaltigt wird. Später wird sie gefesselt in einem Kuhstall wahllos abwechselnd von Männern aus dem Dorf vergewaltigt. Der wohl schockierendste Aspekt ihre Geschichte ist der Umstand, dass ihr Vater, sobald er von den Plänen ihrer Schwiegerfamilie Wind bekomment hatte, einfach eine finanzielle Abgeltung vereinbart hat. Die Reaktion der vielfach vergewaltigten Kalki im Film Matrubhoomi ist besonders verblüffend. Kalkis sorgenfreie und fröhliche Kindheit wird dargestellt. Ihr Vater versuchte die Tatsache, dass sie ein Mädchen war, zu verbergen, indem er sie Jungenkleider tragen ließ, so dass notgeile Männer nicht versuchten, sie anzugrapschen. Dies schien ihr tatsächlich mehr Bewegungsfreiheit zu gewähren und sie konnte Wälder durchstreifen, Entdeckungen machen, singen und über Mauern springen. Wie würde eine solche Frau reagieren, wenn sie plötzlich gefangen gehalten würde und wiederholt von verschiedenen Männern vergewaltigt würde? Wie würde ihre körperliche, psychologische und emotionale Reaktion aussehen? Mit Ausnahme einer Situation wesentlich später im Film, in der sie einen erfolglosen Fluchtversuch unternimmt, wird Kalki als fast vollkommen passiv dargestellt. Sie ist nicht nur eine Sexsklavin im Haus, sondern auch eine Haussklavin, die sich allem mit mechanischer Distanz unterwirft. Dies ist keine unerwartet Reaktion gefangen gehaltener Gewaltopfer, aber sie entwickelt sich erst mit der Zeit, wenn Körper und Seele gebrochen sind. Insbesondere mit einer Persönlichkeit wie wir sie in Kalki zuerst beobachten können, würden wir von ihr erwarten Widerstand zu leisten, wild zurück zu schlagen, ihre Missbraucher zur Rede zu stellen, sich von ihrem Vater verraten zu fühlen, gekränkt, furchtsam und traurig zu sein. Aber wir sehen keine dieser Reaktionen in Kalki. Könnte es sich hierbei um ein Versehen des Regisseurs handeln? Bis zu einem gewissen Grade vielleicht. Die Vorstellung von Matrubhoomi ist offensichtlich eine, vielleicht sogar narzistische, männerzentrierte Sicht. Sie interessiert sich nur dafür, wie Männer fühlen – für deren sexuelle Frustrationen und Ängste, deren Ärger und tödliche Feindschaft untereinander im harten Wettbewerb um eine Partnerin. In gewisser Weise ist es ironisch, dass der männliche Narzismus, der Frauen bei der Geburt vernichtet und die Überlebenden weiterhin entmenschlicht und zu einer Ware macht, nicht in der Lage ist, über sich selbst, das eigene Ego, die eigenen Interessen und Emotionen, hinweg zu sehen – auch dann nicht, wenn er den Versuch unternimmt, sich über ein kreatives Medium mit diesen Problemen auseinander zu setzen. Es scheint unwichtig zu fragen, wie sie sich fühlt und was sie wohl denken mag.

© Gender Forum Issue 46 (2013) · ISSN 1613-1878.  All rights reserved.

ZUR AUTORIN

Rita Banerji ist Autorin, Frauenrechtsaktivistin und Begründerin von “50 Million Missing”  (50 Millionen fehlen), einer Kampagne zur Beendung des Völkermords am weiblichen Geschlecht in Indien. Ihr Buch  ‘Sex and Power: Defining History Shaping Societies‘ ist ein historischer und gesellschaftlicher Blick darauf, wie die Beziehung von Geschlecht und Macht in Indien zum anhaltenden weiblichen Genderzid führte. Ihre Webseite ist zu finden unter www.ritabanerji.com. Sie bloggt auf  Revolutions in my Space und twittert auf @Rita_Banerji


ZUR ÜBERSETZERIN

Melanie Beaven wurde in Hamburg geboren und lebt seit 2004 in England. Sie hat verschiedene Übersetzungstätigkeiten ausgeführt, unter anderem auch Texte über das babylonische Justizsystem. Sie ist Diakonin in der Methodistischen Kirche in Großbritannien; ihre Interessensschwerpunkte sind Feministische Theologie und der interreligiöse Dialog.

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#Mumbai: Modedesignerin von Chefin in #Sexhandel verkauft

Aus dem englischen Original übersetzt von Andrea Wlazik

Mumbai, 11. Januar 2014
Auf der Polizeistation in Khar zeigte am Donnerstag eine 27-jährige Modedesignerin ihre Chefin wegen Menschenhandels an. Die Inhaberin von Boutiquen in Khar und Dubai soll dem Opfer einen lukrativen Auftrag in der Dubai versprochen haben. Statt dessen verkaufte sie sie in den dortigen Sexhandel. Die Frau hatte für den angeblichen Auftrag vom Opfer eine Vermittlungsprovision von 100.000 Rupien bekommen. Das Opfer erreichte Dubai im Juni. Sie berichtet, dass sie 25 Tage lang im Zimmer eines 5-Sterne-Hotels gefangengehalten und von verschiedenen Männern vergewaltigt worden sei. Hier der Bericht:
http://timesofindia.indiatimes.com/city/mumbai/Fashion-designer-pushed-into-prostitution/articleshow/28653361.cms

@Women Deliver muss sich beim Opfer der #Gruppenvergewaltigung von #Suryanelli entschuldigen!

Aus dem englischen Original übersetzt von Tina Sternberg


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Im Mai 2013 hat die in den USA ansässige  Frauenrechtsorganisation Women Deliver den indischen Politiker P.J. Kurien eingeladen, anlässlich ihrer diesjährigen „Konferenz zur Selbstbestimmung der Frau über die Fortpflanzung“ eine Rede zu halten – einen Mann, der in einen der spektakulärsten Fälle von Gruppenvergewaltigung an und Sexhandel mit einem Teenager-Mädchen in Indien (den Suryanelli-Fall) verwickelt ist.

Eine 16-jährige Schülerin wurde in der Stadt Suryanelli entführt und 40 Tage lang gefangen gehalten. In dieser Zeit wurde sie von 42 Männern, an die sie „verkauft“ worden war, vergewaltigt. Als man sie schließlich fand, war sie so schwer misshandelt und hatte so viel Blut verloren, dass die Ärzte erklärten: Ein paar Tage später und sie wäre tot gewesen! Hier können Sie die ganze Geschichte zum Suryanelli-Fall lesen.

Einer der Beschuldigten in diesem Fall war P.J. Kurien. Er wurde anlässlich einer Gegenüberstellung vom Opfer identifiziert, aber niemals festgenommen. Die indische Regierung schützte ihn weiterhin, so wie sie auch andere Vergewaltiger aus Regierungskreisen schützt. Indische Frauenrechtlerinnen kämpfen schon seit Langem gegen die Regierung und das System, um diese Politiker daraus zu verbannen. Zu Beginn des Jahres 2013 veröffentlichte ein Team aus drei Oberrichtern unter der Leitung des kürzlich verstorbenen Richters Jagdish Sharan Verma einen eindringlichen Bericht zur sexuellen Gewalt an Frauen in Indien. Eine seiner wichtigsten Forderungen war es, dass solche Politiker ihrer Ämter enthoben und strafrechtlich verfolgt werden.

Der Suryanelli-Fall und Kuriens Schlüsselrolle darin, ihn zu vertuschen, stand im Fokus eines Streits zwischen indischen Frauenrechtlerinnen und der Regierung. Bei dem Streit ging es darum, jene Politiker, denen eine Vergewaltigung vorgeworfen wird, ihrer Macht zu entheben und so das politische System zu säubern. Weitere Informationen zu dieser Auseinandersetzung finden Sie hier. Feministinnen im ganzen Land sind außer sich angesichts dieses Falls! Kuriens Einladung durch Women Deliver ist nicht nur eine massive Demütigung für die indische Frauenbewegung, sie ist auch eine Herabwürdigung der ungeheuren Aufgabe, mit der wir uns hier konfrontiert sehen. kurien

Die ganze Angelegenheit ist wie ein Schlag ins Gesicht, vor allem wenn man sich die hochkarätigen Redner anschaut, neben denen Kurien sein Wort an das Publikum richten durfte. Weitere Redner waren Melinda Gates, Babatunde Osotimehin (Leiter des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen), Helen Clark (Leiterin des Entwicklungsfonds der Vereinten Nationen)und Chelsea Clinton!

Als indische Frauenrechtsgruppen, die in diesem Fall jahrelang für Gerechtigkeit gekämpft haben, gegen diesen Vorfall protestierten,  gab Women Deliver folgende Erklärung ab: „Uns war nicht bekannt, dass dem indischen Abgeordneten P.J. Kurien Vergewaltigung vorgeworfen wird. Zwar können wir zu den konkreten Vorwürfen keine Stellung nehmen, doch wenn wir von dem Konflikt gewusst hätten, hätten wir P.J. Kurien nicht erlaubt, auf der Nebenveranstaltung zu sprechen. Es ist sowohl unsere zentrale Aufgabe als Organisation, gegen Gewalt gegen Frauen Stellung zu beziehen, als auch einer der Hauptpunkte dieser globalen Konferenz.“

Kann diese Aussage als Unterstützung für das Opfer und die indische Frauenrechtsbewegung gewertet werden?

Können diese Äußerungen als Entschuldigung an das Opfer und die indische Frauenrechtsbewegung gewertet werden?

Wäre das Opfer amerikanisch, würde Women Deliver die gleiche Art von Erklärung abgeben?

Wäre dieses Statement akzeptabel für westliche Frauenrechtsgruppen, wenn das Opfer aus ihrem Land stammen würde und die Aussage einer Verunglimpfung ihres Kampfes gegen Gewalt gleich käme?

Schuldet Women Deliver dem Suryanelli-Opfer nicht eine unmittelbare Entschuldigung?

Bitte unterzeichnen Sie unsere Petition an ‘Women Deliver’ und fordern Sie sie auf, sich offiziell beim Opfer zu entschuldigen:

1) Klicken Sie hier um über Change.org zu unterzeichnen

2) Klicken Sie hier um über Causes.com (Facebook) zu unterzeichnen

 

ZUR ÜBERSETZERIN

Tina Sternberg hat nach ihrem Studium der Literatur und Medien acht Monate in Indien gelebt. Die oft brutalen Widersprüche zwischen zukunftsorientierter Zivilisation und altertümlicher Kultur gehen ihr seither nicht mehr aus dem Kopf.

Brauthandel: Als Ehefrauen gekauft, verkauft und weiterverkauft!

Aus dem englischen Original übersetzt von Alexander Ohnmeiß


Aufgrund des millionenfachen Überschusses an Männern in Indien machen sich viele Gedanken über den Zustand der dortigen „Junggesellenschaft”. Es gab Stimmen, die behaupteten, durch die „Frauen-Knappheit“ (als seien Frauen ein wirtschaftliches Gut) würde sich das nominale Verhältnis von Frauen und Männern zwangsläufig selbst regulieren. Aber dies scheint nicht der Fall zu sein. Mehr von diesem Beitrag lesen

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