Sind #Vergewaltigung und #sexuelle Nötigung am #Arbeitsplatz „interne“ Angelegenheiten?

Aus dem englischen Original übersetzt von Andrea Wlazik

Diesen Monat wurde Indien erschüttert von zwei Anzeigen wegen sexueller Nötigung von Frauen, die für Institutionen arbeiten, die an vorderster Front für das Recht der Frau auf Sicherheit kämpfen.

Eine Rechtsanwältin, die während ihres letzten Jahres an der juristischen Fakultät als Praktikantin bei einem Richter des Obersten Gerichtshofs von Delhi tätig war, wurde von diesem sexuell genötigt. In einem Blogbeitrag schrieb sie: „Der letzte Dezember war bedeutsam für die Frauenbewegung im Land – es schien, als würde beinahe die komplette Bevölkerung spontan aufstehen gegen die Gewalt an Frauen und die Ungerechtigkeiten einer scheinbar gleichgültigen Regierung.
In der eigenartigen Situationsironie, mit der unsere Welt voll ist, waren die Proteste Kulisse meines eigenen Erlebens. Als Praktikantin während der Winterferien in meinem letzten Jahr an der Universität passierte ich zu dieser Zeit erschöpft Polizeiabsperrungen in Delhi, um einem renommierten, kürzlich pensionierten Richter des Obersten Gerichtshofs zu assistieren, für den ich schon in meinem vorletzten Semester gearbeitet hatte.  Der Lohn für meinen angebotenen Fleiß waren sexuelle Übergriffe (nicht körperlich verletzend, aber dennoch vergewaltigend) von einem Mann, der alt genug ist, um mein Großvater zu sein. Ich möchte nicht in die schmutzigen Details gehen. Es reicht, zu sagen, dass meine Erinnerung daran noch blieb, lange nachdem ich den Raum verlassen hatte, ja tatsächlich immer noch bei mir ist.” [Klicken Sie hier um ihren vollständigen Bericht zu lesen].

Der andere Vorfall betrifft Tehelka, verehrt als Indiens politisch radikalste, offenste Zeitschrift, die sich selbst für institutionelle Transparanz rühmt und dafür, dass sie für die Unterdrückten kämpft. Eine junge Journalistin von Tehelka hat den Gründer und Herausgeber Tarun Tejpal beschuldigt, sie bei einer Veranstaltung in Goa, die von der Zeitschrift organisiert wurde, zweimal sexuell genötigt zu haben. Details ihrer Beschwerde zufolge, die sie per Mail an die Redaktionsleiterin geschickt hatte und die an soziale Netzwerke durchgesickert war, scheint es, als sei dieser Vorfall nach der in diesem Jahr in Indien verabschiedeten neuen gesetzlichen Definition als Vergewaltigung einzustufen. Tejpal antwortet darauf, dass er sich als seine Form von Buße für 6 Monate von der Zeitschrift zurück gezogen hat. Seine leitende Redakteurin, Shoma Chaudhury, eine feministische Journalistin, die von Newsweek als eine der „150 women who shake the world“ (150 Frauen, die die Welt aufrütteln) aufgeführt wird, hat viele verärgert. Die Leute sehen es als Mittäterschaft, dass sie Tejpal und sein Unternehmen gedeckt hat. [Hier ist Tejpals Anschreiben.]

Als Antwort auf die Anzeige der Anwältin, hat der Oberste Gerichtshof eine Jury aus 3 Richtern zusammengestellt, die in der Angelegenheit ermitteln soll. Derselbe Richter hat auch schon andere Anwältinnen angegriffen. Tehelka will ebenfalls ein internes Komitee bilden, um das zu untersuchen, was Chaudhury als „interne Angelegenheit“ bezeichnet. Chaudhury besteht außerdem darauf, dass es sich hier nicht um ein Verbrechen handelt, obwohl das Schreiben der Angestellten ihr klar zu verstehen gibt, dass Tejpal diese mit Gewalt ausgezogen und ihr trotz ihres Protests seine Finger in die Vagina gezwungen hat, was nach indischem Gesetz eine klare Klassifizierung als Vergewaltigung darstellt.

Aber sind dies wirklich „interne Angelegenheiten“, die der Oberste Gerichtshof und eines von Indiens größten und mächtigsten Medienhäusern hinter geschlossenen Türen diskutieren, beurteilen und verwerfen kann?

Wie stehen die Chancen, dass der Gerechtigkeit Genüge getan wird? Und noch wichtiger: Wird dies für alle anderen Institutionen in Indien als Beispiel dienen dazu, wie man mit sexueller Nötigung umgeht?

Auszug eines Artikels von Shoma Choudhury zum Thema „Vergewaltigung in Indien“ vom Dezember 2012


ZUM ÜBERSETZER
Andrea Wlazik ist gelernte Fremdsprachenkorrespondentin. Sie arbeitet als freiberufliche Texterin und Übersetzerin und koordiniert den deutschen Blog der „The 50 Million Missing Campaign“. Sie ist außerdem Initiatorin der von der Kampagne unabhängigen deutschen Facebook-Gruppe Femizid in Indien“.

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#Mitgift-Morde: 106.000 Frauen innerhalb eines Jahres lebendig verbrannt

Aus dem englischen Original übersetzt von Lakshmi Samira Goth


2009 veröffentlichte die renommierte medizinische Zeitschrift „The Lancet“ eine Studie, die Schockierendes enthüllte. Sie deckte auf, dass innerhalb von einem Jahr mindestens 106.000 Frauen in Indien in ihrem Zuhause durch Feuer ums Leben gekommen sind. Das bedeutet, dass alle fünf Minuten eine Frau bei lebendigem Leib verbrannt ist! 

burnt for dowry by ron harmon

Foto: Ron Harmon. Alle Rechte vorbehalten.

Diese Ergebnisse kamen zustande, indem man Krankenhausdaten zu Todesfällen durch Verbrennungen  zusammentrug. Die meisten der betroffenen Frauen waren verheiratet und 18-35 Jahre alt, gehörten also zu der Altersgruppe, in der verheiratete Frauen in Indien am ehesten Opfer von Mitgiftmorden durch ihre Ehemänner und ihre Schwiegerfamilie werden. Auch im Gespräch mit Angehörigen der Opfer stellten die Forscher fest, dass die meisten dieser Todesfälle unter verdächtigen Umständen geschahen.

Die Studie wies ferner darauf hin, dass die Polizei es ablehnte, Ermittlungen anzustellen und sich in den meisten Fällen sogar weigerte, eine Anzeige aufzunehmen, was bei mutmaßlichen Mitgiftmorden häufig vorkommt. Wie die Untersuchung des Lancet außerdem ergab, werden viele Frauen, die wegen der Mitgift umgebracht werden, verbrannt, weil diese Todesursache sich am einfachsten als Selbstmord oder „Küchenunfall“ inszenieren lässt.

Indira Jaisingh, eine hochkarätige Frauenrechtlerin und am Obersten Gerichtshof von Indien als Rechtsanwältin tätig, betonte zudem in einem Fernsehinterview, dass die meisten Fälle nie ins Krankenhaus- oder Strafregister eingehen. Somit sind selbst diese 106.000 Todesfälle durch Feuer pro Jahr eine vorsichtige Schätzung und die tatsächlichen Zahlen liegen wahrscheinlich viel höherJaisingh gab dabei auch zu bedenken, dass es viele weitere Arten gibt, wie Frauen wegen der Mitgift getötet werden, also lasse sich kaum einschätzen, wie viele tausend Frauen in Indien tatsächlich jedes Jahr wegen der Mitgift umgebracht werden.

Alljährlich werden Tausende von jungen Frauen in Indien von ihren Ehemännern und Schwiegereltern der Mitgift wegen erpresst und gefoltert. Das Brauchtum der Mitgift gibt es in Indien schon lange. Dabei wird von der Familie der Braut erwartet, dass sie der Familie des Bräutigams zum Zeitpunkt der Eheschließung eine bestimmte Summe an Geld oder Sachgütern bezahlt. 1961 wurde ein Gesetz verabschiedet (der Dowry Prohibition Act), das die Weitergabe und Annahme von Mitgift in Indien für illegal erklärte. Doch der Brauch besteht weiter. Die Mitgiftforderungen enden auch nicht mit der Zahlung einer einmaligen Summe bei der Hochzeit. Immer häufiger nehmen sie kein Ende und gehen noch Jahre nach der Eheschließung weiter. Dazu gehört auch, dass wiederholt Geld gefordert wird, Waren, Gold oder sogar größere Geldtransaktionen, z.B. für Häuser, Grundstücke oder für die Ausbildung eines Familienmitglieds im Ausland.

Häufig wird die Braut, wenn ihre Familie den Forderungen nicht mehr nachgibt, Opfer eines oft eiskalt geplanten Gruppenmords. Sie wird erhängt, erstochen, erschossen, ertränkt oder mit Benzin übergossen und angezündet. Letztere Methode ist so weit verbreitet, dass man diese Morde oft unpassend als „Brautverbrennungen“ bezeichnet.

Nachfolgend einige Zeitungsmeldungen über indische Frauen, die wegen der Mitgift ermordet wurden:

Balrampur, Uttar Pradesh, 01. Okt. 2012: Die zum Zeitpunkt des Vorfalls schwangere 21-jährige Gudda Devi war seit vier Jahren mit Jhinkan verheiratet und wurde ständig wegen mehr Mitgift schikaniert. Sie wurde von ihrem Ehemann und der Schwiegermutter bei lebendigem Leib verbrannt. Der vollständige Bericht

Lucknow, 28. Dez. 2012: Am Mittwoch um 03.00 Uhr früh wurde die 26-jährige Jahnvi von ihrem Ehemann Kamal Kishore, einem Milchmann, getötet. Er erschoss sie aus nächster Nähe und tötete sie auf der Stelle. Sechs Monate vorher musste Jahnvis Vater, ein Landwirt, einen Teil seines Landes verkaufen, um Kamal die Rs. 2 Lakh (€ 2.500) zu geben, die dieser als weitere Mitgift gefordert hatte, da Kamal nicht mit der Summe zufrieden war, die er vorher erhalten hatte. Jahnvis Vater gab an, dass seine Tochter gequält wurde und dass er deshalb sein Land verkaufte, um ihrem Ehemann das Geld zu geben. Doch nachdem er das Geld erhalten hatte, wollte Kamal nun ein Auto. Als er das Auto nicht bekam, erschoss er Jahnvi!  Der vollständige Bericht

Allahabad, Gujarat, 09. Nov. 2012: Sushila Gupta, die Rakesh Gupta im Jahre 2009 geheiratet hatte, beklagte sich oft bei ihren Eltern, dass ihr Ehemann und die Schwiegereltern sie misshandelten, weil sie mehr Mitgift wollten. Sie forderten ein Motorrad und Rs. 50.000 (€ 750) zusätzlich zu dem, was sie bereits an Mitgift erhalten hatten. Als sie keine weitere Mitgift bekamen, wurde Sushila mit ihrer 1½- jährigen Tochter in eine Kiste gesperrt und die Kiste wurde angezündet. Um sicher zu stellen, dass sie nicht entkommen konnte, verriegelten Mann und Schwiegereltern die Zimmertüre von außen. Bis die Nachbarn die Türe aufbrechen und versuchen konnten, Mutter und Tochter aus der Kiste zu befreien, waren sie verbrannt. Hier der Bericht

Surat, Gujarat, 06. Nov. 2012: Ihr Ehemann und ihre Schwiegereltern ließen die 27-jährige Puja verhungern, weil ihre Eltern nicht mehr Mitgift zahlen konnten. „Meiner Schwester ging es in den letzten Monaten durch den Hunger sehr schlecht und ihr sich immer weiter verschlechternder Gesundheitszustand führte schließlich zu ihrem Tod. Sie quälten sie wegen der Mitgift“ erklärte ihr Bruder in seiner Anzeige bei der Polizei.  Hier der vollständige Bericht

Hyderabad, Andhra Pradesh, 30. Jan. 2013: Shaikh Bibijan hatte Chinna Qasim 2005 geheiratet, einen Mann, von dem sie dachte, dass er sie liebt.  Doch Chinna begann, sie wegen der Mitgift zu schikanieren und zu misshandeln.  Bibijan kam seinen Geldforderungen mehrere Male nach, indem sie ihre alte Mutter darum bat.  Doch als die Forderungen nicht nachließen, verließ Bibijan Chinna und kehrte 2012 mit ihren beiden Kindern ins Haus der Mutter zurück. Sie versuchte bei der örtlichen Polizei eine Anzeige wegen Mitgift-Misshandlung zu machen, doch – wie es häufig der Fall ist – sie wurde von der Polizei ignoriert und man nahm keine Anzeige auf. Eines Abends erschien Chinna betrunken und aggressiv im Haus von Bibijans Eltern. Er griff seine Frau mit einem Schlachtermesser an und schlug ihr beide Arme ab. Bibijan hatte sich durch Näharbeiten ihren Lebensunterhalt verdient, was sie nun nicht mehr tun kann. Ihre Mutter ist sehr alt und arm und kämpft um Arbeit, um sich um ihre Tochter und ihre Enkel kümmern zu können, die oft hungern müssen. Und die Familie wartet noch immer auf Gerechtigkeit. Lesen Sie hier den Bericht.

Jaisalmer, Rajasthan, 10. August 2012:  Eine 21-Jährige, die drei Jahre lang wegen der Mitgift von ihrem Ehemann und der Schwiegermutter gequält worden war, wurde von den beiden angegriffen, mit Kerosin übergossen und angezündet. Sie erlag am späten Mittwoch Abend ihren Verletzungen im Krankenhaus. Vor ihrem Tod machte sie der Polizei gegenüber noch eine vollständige Aussage.  Hier der Bericht

Muzaffarnagar, 08. Juli 2012:  Asma, die mit Naeem verheiratet war, wurde von ihrem Ehemann und den Schwiegereltern zu Tode geprügelt, nachdem sie deren ständigen Forderungen nach mehr Mitgift nicht nachkommen konnte. Die Polizei nahm den Ehemann und seine Eltern fest. Lesen Sie hier den Bericht.

Noida, Haryana, 03. Juli 2012:  Jyoti, die vor zwei Jahren Gyanender aus der Gegend von Bisrakh geheiratet hatte und immer wieder wegen Mitgift drangsaliert worden war, wurde plötzlich krank und starb im Krankenhaus. Ihr Vater Rati Ram machte bei der Polizei eine Anzeige gegen ihren Ehemann und die Schwiegereltern und sagte, sie hätten Jyoti nicht nur ständig wegen der Mitgift gequält, sondern sie zudem auch vergiftet. Die Schwiegereltern sind derzeit flüchtig. Hier der Bericht

Ethah, Uttar Pradesh, 16. Juni 2012:  Eine verheiratete Frau Mitte 20 und ihre beiden Töchter (3 Jahre alt und 8 Monate alt) wurden von den Schwiegereltern der Frau angezündet und verbrannt.  Der Bruder der Frau gab an, dass die Schwiegerfamilie seit ihrer Hochzeit Mitgiftforderungen gestellt hatte. Lesen Sie hier den Bericht.

Kanpur, 22. Mai 2012:  Umesh Verma und drei andere Mitglieder seiner Familie, einschließlich der Mutter, wurden für den Mord an seiner Frau zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt. Umesh und seine Familie waren nicht mit der Mitgift zufrieden, die seine Frau Vidushi zum Zeitpunkt ihrer Eheschließung erhalten hatte und forderten ein Auto. Sie quälten Vidushi physisch und psychisch. Am 8. Dezember 2010 schlugen Umesh und andere Familienmitglieder so lange auf Vidushi ein, bis sie starb.  Später hingen sie ihre Leiche in einem Zimmer des Hauses auf, um es nach einem Selbstmord aussehen zu lassen.  Lesen Sie hier den Bericht.

Kolkata, West Bengal, 09. April 2012:  Zusammen mit seinem Sohn, seiner Frau und seiner Tochter übergoss Raj Kumar Pandey, ein Polizei-Wachtmeister, seine 25-jährige Schwiegertochter Anuska mit Kerosin und zündete sie an, weil ihre Eltern nicht den Forderungen nach mehr Mitgift in Form von Gold und einem Motorrad nachkamen. Anuska starb im Krankenhaus. Hier der Bericht

Amritsar, Punjab, 07. April 2012:  Für viele Frauen in Indien ist es ein Albtraum, eine Tochter zur Welt zu bringen, denn dann fangen ihre Ehemänner und Schwiegereltern an, sie zu quälen. In vielen Fällen werden Frauen umgebracht, weil sie Töchter zur Welt bringen. [Hier der Nachrichtenartikel] Um dieser Art von Gewalt zu entgehen, töten Frauen ihre Töchter nach der Geburt oft selbst. [Lesen Sie hier den Nachrichtenartikel] Doch Jagroop Kaur aus Amritsar, die die ständigen Misshandlungen ihres Mannes wegen der Mitgift nicht länger ertragen konnte, zündete sich selbst und ihre 3-jährige Tochter an. Beide starben. Es kam zu keiner Verhaftung. Lesen Sie hier den Bericht.

Hyderabad, 06. April 2012:  Nazeer Khan ermordete seine beiden Töchter – die 8-jährige Shakirin und die 16-jährige Shajeeda –, damit er später keine Mitgift für sie zahlen muss. Khan erwürgte Shakirin und entledigte sich ihrer Leiche.  Shajeeda verabreichte er Schlaftabletten und legte ihren Körper auf die Eisenbahnschienen, wo sie von einem Zug überfahren und getötet wurde. Hier der Bericht

Orissa,  09. April 2012:  Ratnakar Behera aus Parang in Orissa erschoss seine Ehefrau Churni. Außerdem schoss er auf seine Schwiegermutter und verwundete diese schwer. 2007 hatte Behera Churni geheiratet und begann schon bald, sie zu misshandeln, weil er mehr Mitgift wollte. Sie zeigte ihn bei der Polizei an, verließ ihn schließlich und kehrte in ihr Elternhaus zurück. Behera besuchte seine Schwiegereltern und wollte Churni wieder mitnehmen, doch sie weigerte sich. Daraufhin eröffnete Behera das Feuer auf die Familie und tötete seine FrauLesen Sie hier den Bericht.

New Delhi, 24. November 2011:  Rekha Ranis Ehemann quälte sie zusammen mit seiner Schwester und seiner Mutter psychisch und physisch und bedrohte sie sogar mit dem Tod, um mehr Mitgift von Rekhas Eltern zu erpressen. Am 9. Mai 2011 erhielten Rekhas Eltern die Nachricht, dass sie sich erhängt habe. Die Eltern waren sofort der Ansicht, dass dieser „Selbstmord“ nur inszeniert war. Eine von Rekha Ranis Schwägerinnen, Seema Singhal, die zusammen mit anderen Familienmitgliedern verhaftet wurde und der man keine Kaution gewährte, war Lehrerin mit Jura-Abschluss. Lesen Sie hier den Bericht.

Herndon, Virginia, USA, 25. Juni 2004:  Divya, 21, wurde in drei Stücke gehackt, die dann in drei Koffer gepackt und in Herndon in der Nähe des Dulles International Airport in Virginia als Abfall entsorgt wurden. Divyas Eltern gaben an, sie sei von ihrem Mann, K. Praveen Kumar, wegen Mitgiftforderungen ermordet worden. Praveen gestand, Divya mit Kissen erstickt zu haben und ihre Leiche dann mit Axt, Säge und Schneidemaschine ausgeblutet und zerteilt zu haben. Hier der Bericht

Kanpur, Uttar Pradesh, 01. Oktober, 2011:  Die 25-jährige Neeru Verma, die im 6. Monat schwanger war, wurde im Distrikt Chakeri vom Ehemann und den Schwiegereltern der Mitgift wegen ermordet. Neerus Mann, Schwiegervater und Schwiegermutter verlangten von ihr, ein Motorrad, eine Waschmaschine und Geld aus dem Haus ihrer Eltern zu holen. Als Neeru sich weigerte, verletzten sie sie mit Ledergürteln, erdrosselten sie mit einem Nylonseil und hingen sie später an der Decke ihres Zimmers auf. Hier finden Sie den vollständigen Bericht.

Mumbai, 19. April 2011:  Komal Cheda, eine 31-jährige Bankmanagerin bei HDFC, einer der größten Banken in Asien, erhängte sich in Mumbai, nachdem sie wegen Mitgift von ihrem Ehemann und dessen Eltern psychisch und physisch gequält worden war. Ihr Vater gab an, dass Komals Tortur sofort nach der Heirat begann. Ihr Ehemann und ihre Schwiegereltern waren bankrott und forderten immer wieder Geld von Komal, damit sie ihre Schulden zurückzahlen konnten. „Komal gab sogar dem jüngeren Bruder [ihres Mannes] 2 Lakh Rupien (€ 2.500), damit er in den USA studieren kann“  Lesen Sie hier den Bericht.

Patna, 26. September 2011:  Amrita Kumari wurde am Mittwoch Abend von ihrem Ehemann und dessen Onkel in der Nähe der Gandhi-Setu-Brücke in Patna in den Fluss geworfen. Fischer am Rasalpur Ganga Ghat im Distrikt Samastipur, über 40 km flussabwärts, sahen ihren bewusstlosen Körper am nächsten Morgen vorbeitreiben und retteten sie. „Mein Ehemann, sein Onkel, meine Schwiegermutter und zwei Freunde der Familie fuhren abends mit mir im Auto zur Ganges-Brücke. Mein Mann und sein Freund packten mich an den Händen, während sein Onkel und dessen Freund meine Füße nahmen und mich in den Ganges warfen, wo ich sterben sollte erzählte Kumari am Samstag einem Richter. Lesen Sie hier den Bericht

ANSHU SINGH: 45 TAGE NACH IHRER HOCHZEIT GETÖTET

anshuAnshu Singh war eine intelligente, junge Frau, die von einer erfolgreichen Karriere und einem glücklichen Familienleben träumte. Doch sie wurde von ihrem Ehemann und den Schwiegereltern aufgrund deren Gier nach Mitgift nur 6 Wochen nach der Hochzeit getötet. Die „The 50 Million Missing Campaign“ unterstützt Anshu Singhs Vater, Girendra Singh, in seinem Kampf für Gerechtigkeit und wünscht der Familie Stärke und Mut, ihren Kampf fortzusetzen, bis der Gerechtigkeit Genüge getan wurde.  Klicken Sie hier, um Anshu Singhs Geschichte zu lesen.




ROOPA: AUS GIER NACH MITGIFT ZUM TRINKEN VON SÄURE GEZWUNGEN

slide 11 Roopa's story

Foto: Rita Banerji

Roopa ist eine junge Frau, die von ihrer wohlhabenden, Land besitzenden Schwiegerfamilie unerbittlich wegen der Mitgift drangsaliert wurde. Als ihre Eltern sich weigerten, diese zu zahlen, hielten ihr Mann und seine Eltern sie fest und zwangen sie, Säure zu trinken. Als die „The 50 Million Missing Campaign“ von Roopas Fall erfuhr, wurde uns klar, dass sie schnellstmöglich eine Operation benötigte oder sterben würde. Ihre Eingeweide waren verbrannt und sie verhungerte langsam. Die Kampagne verfügt über keinerlei Geldmittel, daher baten wir zahllose kapitalkräftige Vereine, Organisationen, Regierungen in Indien und in anderen Ländern um Hilfe für sie. Doch die Zeit wurde knapp und Roopa benötigte eine sofortige Operation. Daher spendeten einige Mitglieder der Kampagne schließlich direkt und halfen ihren Eltern, die sehr arm waren und kein Geld hatten, ihre Krankenhausrechnungen zu bezahlen. Klicken Sie hier, um Roopas Geschichte zu lesen.

© „The 50 Million Missing Campaign“. Alle Rechte vorbehalten. Bitte beachten Sie bei Weitergabe unsere Hinweise zum Copyright.

ZU DEN FOTOGRAFEN
Die Fotos in diesem Beitrag wurden von Fotografen gemacht, die Mitglieder der „The 50 Million Missing Campaign“ sind.  2400 Fotografen aus der ganzen Welt unterstützen den
Fotopool der „The 50 Million Missing Campaign“ auf flickr. Weitere Arbeiten dieser Fotografen können Sie sehen, wenn Sie auf die Fotos klicken. Von dort werden Sie auf deren eigene Webseiten weitergeleitet.

ZUR ÜBERSETZERIN
Lakshmi Samira Goth hat ihre Magisterarbeit in Ethnologie über die Mitgift-Problematik in Indien geschrieben, ist mit einem Inder verheiratet und lebt in Indien und Deutschland. Sie ist professionelle Übersetzerin und beratende Lektorin der „The 50 Million Missing Campaign“. Ihre Homepage ist zu finden unter www.geckolingua.com

Sohaila Abdulali: #Vergewaltigt zu werden war furchtbar, aber am Leben zu sein ist wichtiger

Aus dem englischen Original übersetzt von Melanie Beaven

sohailaSohaila Abdulali ist eine aus Indien stammende Autorin und Journalistin, die derzeit in den USA lebt. Im Jahr 1980, im Alter von 17 Jahren, überlebte sie eine brutale Gruppenvergewaltigung in Indien. Drei Jahre später schrieb sie im indischen Magazin „Manushi“ über ihr Erlebnis. Einen Auszug aus ihrem Artikel finden Sie weiter unten.

Sohailas persönlicher Erfahrungsbericht ist unbeschreiblich mutig! Frauen in Indien, sogar jene aus der gebildeten Mittelschicht, zeigen aufgrund der Assoziation mit „Schande“ Vergewaltigungen weder an, noch machen sie anderweitig öffentlich auf diese aufmerksam.

Aber Sohaila diskutiert noch einen weiteren Aspekt. Einen Aspekt, den zu thematisieren sich Medien und Frauenforen in Indien sogar angesichts der aktuell extrem eskalierenden Gewalt gegen Frauen scheuen. Konfrontiert mit einer Gruppe gewalttätiger Männer, entscheidet sich Sohaila zu überleben. Dem Bericht über das Vergewaltigungsopfer von Delhi zufolge, schien die Gewalt gegen sie zu eskalieren, als sie einen der Vergewaltiger biss und versuchte, sich zu wehren. Tatsächlich enthüllten die fünf Männer, die Ende August eine Fotojournalistin in Mumbai ebenfalls gruppenvergewaltigt hatten, dass sie geplant hatten, die Fotografin und ihre Kollegin zu ermorden, hätten diese versucht, Widerstand zu leisten. Sohaila stellt die Frage, warum eine Frau, die sich einer Gruppe gewalttätiger Männer gegenüber sieht, nicht alles tun sollte, um zu überleben?

Wir sollten hinterfragen: Warum diskutieren Frauenforen und Medien nicht darüber, anstatt Selbstverteidigung und Pfefferspray als effektive Mittel zur Abwehr von Banden bewaffneter Vergewaltiger zu propagieren? Warum erfährt in Indien die Frau höhere Bewunderung, die bei dem Versuch stirbt, irrationale und frauenfeindliche gesellschaftliche Ansichten von „Ehre“ zu verteidigen? Die Mutter einer Rechtsanwältin, die 2012 in ihrer Wohnung in Mumbai von einem Wachmann des Sicherheitsdienstes angegriffen und getötet wurde, während sie seine Vergewaltigungsversuche abwehrte, erzählte bestimmt und mit einem gewissen Stolz Millionen von Fernsehzuschauern, sie wolle Indien wissen lassen, dass ihre Tochter nicht vergewaltigt worden sei. Sie sei im Kampf für ihre „Ehre“ gestorben!

Wie viele Frauen in Indien, die sich Vergewaltigern gegenüber sehen, sorgen sich mehr um die vermeintliche „Schande“ einer Vergewaltigung, als darum, ihr Leben zu retten?

Sohaila ungefähr zur Zeit des Vorfalls

von Sohaila Abdulali

Ich wurde [im Jahr 1980] im Alter von 17 Jahren gruppenvergewaltigt. Es war das Jahr, in dem Frauengruppen [in Indien] begannen, eine Verbesserung des Strafgesetzes im Hinblick auf Vergewaltigung zu fordern.

Ich war mit meinem Freund Rashid zusammen. Wir waren spazieren gegangen und befanden uns etwa 1½ Meilen (ca. 2,5 Kilometer) von meinem Zuhause in einer Vorstadt von Bombay entfernt. Wir wurden von vier mit einer Sichel bewaffneten Männern angegriffen. Wir wurden getrennt, wir schrien und sie vergewaltigten mich, während sie Rashid als Geisel hielten. Sollte einer von uns Widerstand leisten, würde dem anderen Schaden zugefügt. Dies war eine wirksame Taktik.

Sie konnten sich nicht entscheiden, ob sie uns töten sollten oder nicht. Wir haben alles versucht, was in unserer Macht stand, um am Leben zu bleiben. Mein Ziel war zu leben und das war wichtiger als alles andere. Zuerst habe ich mich körperlich gegen die Angreifer gewehrt. Später, als ich auf den Boden gedrückt wurde, wehrte ich mich verbal. Ärger und Schreien zeigte keine Wirkung und so fing ich an, ziemlich verrücktes Zeug zu schwafeln – über Liebe und Mitleid. Ich sprach von Menschlichkeit und der Tatsache, dass ich ein menschliches Wesen sei und dass sie dies auch seien – tief in ihrem Innersten. Sie waren etwas sanfter danach, zumindest diejenigen, die mich nicht gerade vergewaltigten. Ich sagte einem von ihnen, dass ich am nächsten Tag zurück kommen und mich mit ihm – dem Vergewaltiger – treffen würde, wenn er sicherstellen könne, dass weder Rashid noch ich getötet würden. Diese Worte kosteten mich mehr als ich beschreiben kann, aber zwei Leben hingen am seidenen Faden. Ich wäre höchstens mit einem sehr, sehr scharfen Instrument zurückgekehrt, das sicher gestellt hätte, dass er nie wieder hätte vergewaltigen können.

Nach gefühlt jahrelanger Folter (ich glaube, ich wurde zehnmal vergewaltigt, aber ich hatte solche Schmerzen, dass ich nach einer Weile den Überblick verlor), wurden wir freigelassen unter einer langen Moralpredigt darüber, dass ich, da ich alleine mit einem Jungen zusammen war, eine unmoralische Hure sei. Dies regte sie mehr auf als alles andere. Sie handelten die ganze Zeit so, als täten sie mir einen Gefallen, indem sie mir eine Lektion erteilten. Ihr Verhalten war fanatischste Selbstgerechtigkeit.

Sie brachten uns den Berg hinunter und folgten uns eine Weile sichelschwingend. Endlich kamen wir zu Hause an – gebrochen, verletzt, erschüttert. Es war ein so unglaubliches Gefühl loszulassen und aufzuhören, um unsere Leben zu feilschen. Hysterisch weinend brachen wir zusammen.

Ich hatte den Vergewaltigern fest versprochen, niemandem von dem Vorfall zu erzählen, aber sobald ich zu Hause war, sagte ich meinem Vater, er solle die Polizei rufen. Er war genau wie ich darauf bedacht, sie festnehmen zu lassen. Ich hätte alles unternommen, nur damit nicht jemand anderes das gleiche wie ich durchmachen müsste. Die Polizisten waren unsensibel, herablassend und irgendwie schafften sie es, aus mir die schuldige Partei zu machen. Als sie mich fragten, was passiert sei, erklärte ich es ihnen sehr direkt und sie waren empört darüber, dass ich kein verschüchtertes, errötendes Opfer war. Als sie sagten, dass dies an die Öffentlichkeit käme, meinte ich, das sei schon in Ordnung. Mir ist es ehrlich nie in den Sinn gekommen, dass Rashid oder ich beschuldigt werden könnten. Als die Polizisten erklärten, dass ich zu meinem eigenen „Schutz“ in ein Heim für jugendliche Straftäter gehen müsse, war ich Willens, mit Zuhältern und Vergewaltigern zu leben, nur um meine Angreifer einer gerechten Strafe zuzuführen.

Bald musste ich feststellen, dass Gerechtigkeit für Frauen im Rechtssystem einfach nicht existiert. Als sie uns fragten, was wir auf dem Berg gesucht hätten, wurde ich ungehalten. Ich schrie auf, als sie Rashid fragten, warum er denn „untätig“ gewesen sei. Konnten sie nicht verstehen, dass sein Widerstand für mich nur weitere Qualen bedeutet hätte? Als sie danach fragten, welche Kleidung ich getragen hätte und warum es keine sichtbaren Spuren an Rashids Körper gäbe (er hatte innere Blutungen dadurch erlitten, dass der Sichelgriff wiederholt in seinen Magen gestoßen worden war), brach ich vor Kummer und Entsetzen zusammen. Mein Vater warf die Polizei aus dem Haus, nachdem er ihnen gründlich die Meinung gesagt hatte. So also sah die Unterstützung aus, die ich von der Polizei erhielt. Es wurde keine Anklage erhoben. Die Polizei nahm einen Bericht auf, der besagte, dass wir spazierengegangen und „verspätet“ zurück gekehrt seien.

Es vergeht [auch nach drei Jahren] kein einziger Tag, an dem ich nicht von den Geschehnissen heimgesucht werde [wurde]. Unsicherheit, Verwundbarkeit, Furcht, Zorn, Hilflosigkeit – gegen all dies habe ich ständig zu kämpfen. Manchmal, wenn ich die Straße entlang gehe und hinter mir Schritte höre, bricht mir der Schweiß aus und ich muss mir auf die Lippe beißen, damit ich nicht schreie. Ich zucke unter freundlichen Berührungen zusammen. Ich kann enge Halstücher nicht ausstehen, die sich wie Hände um meinen Hals anfühlen. Ich schrecke vor einem bestimmten Blick zurück, der in Männeraugen erscheint – dieser Blick ist so oft da.

Gleichzeitig bin ich mir der Fehlvorstellungen sehr bewusst, die Menschen über Vergewaltigung, Vergewaltiger und Überlebende von Vergewaltigungen haben. Mir ist außerdem bewusst geworden, welches Stigma den Überlebenden anhängt. Wieder und wieder haben Leute angedeutet, dass der Tod vielleicht doch besser gewesen wäre, als der Verlust dieser so wertvollen „Jungfräulichkeit“.

Ich weise das zurück. Mein Leben ist viel zu wertvoll.

Ich habe für mein Leben gekämpft und gewonnen. Keine noch so negative Reaktion hindert mich daran, dies als positiv zu empfinden. Vergewaltigt zu werden war so schrecklich, dass ich es nicht auszudrücken vermag. Aber ich denke, dass ich am Leben bin, ist wichtiger.

Wenn einer Frau das Recht verwehrt wird, so zu empfinden, ist etwas sehr verkehrt in unserem Wertesystem.

Sohailas Bericht ist Teil der Projektserie „Freedom“ im Rahmen der Kampagne „The 50 Million Missing“, für das Ende der Gewalt gegen Frauen. KLICKEN SIE HIER, um weitere persönliche Lebensberichte anderer indischer Frauen und Männer in unserer Serie „Freedom“ zu lesen.

ZUR AUTORIN
Sohaila Abdulali ist eine in Indien geborene Journalistin, die derzeit in den USA lebt. Sie hat zum Thema „sexuelle Gewalt“ geforscht und darüber zahlreiche öffentliche Vorträge gehalten. Sie ist leitende Redakteurin des
Ubuntu Education Fund, einem international tätigen gemeinnützigen Verein (NGO), für Kinder in Südafrika. Ihre Website ist www.sohailaink.com.

ZUR ÜBERSETZERIN
Melanie Beaven wurde in Hamburg geboren und lebt seit 2004 in England. Sie hat verschiedene Übersetzungstätigkeiten ausgeführt, unter anderem auch Texte über das babylonische Justizsystem. Sie ist Diakonin in der Methodistischen Kirche in Großbritannien; ihre Interessensschwerpunkte sind Feministische Theologie und der interreligiöse Dialog.

Soraya Nulliah: Meine Kunst erzählt die Wahrheit über Gewalt, die ich erfahren und überlebt habe

Aus dem englischen Original übersetzt von Laura Gerber

Soraya Nulliah

In 2006 hielt die feministische Künstlerin Soraya Nulliah am Nina Haggerty Centre in Edmonton, Kanada, eine Ausstellung mit dem Titel „Shakti“. Das hinduistische Wort Shakti steht für die weibliche Verkörperung der Kraft. Sorayas Absicht war es, Shakti zu beschwören, indem sie ihre Kunst nutzte, um Aufmerksamkeit zum Thema Gewalt gegen indische Frauen zu wecken. Eine der Besprechungen zu ihrer Ausstellung betont: „Unter den üppigen Farben und Texturen verbirgt sich eine traurige Thematik: Die Realität der Gewalt gegen Frauen…”Die Gründerin der Kampagne „The 50 Million Missing“, Rita Banerji, führte kürzlich ein Interview mit Soraya Nulliah, das wir hier in diesem speziellen Beitrag präsentieren. Um mehr über Soraya und ihre Kunst zu erfahren, besuchen Sie ihre Homepage www.sorayanulliah.com

Rita: Ihre Familie ist indischer Herkunft, aber Sie sind in Südafrika und Kanada aufgewachsen und leben nun in den Vereinigten Staaten. Warum wählten Sie das Thema „Gewalt gegen indische Frauen“ für Ihre Malerei und Ihre Ausstellung? 

„Standing at the edge of grace” von Soraya Nulliah

SORAYA: Ich bin eine indische Frau und Überlebende einer missbräuchlichen und gewalttätigen Kindheit. Deshalb ist die Thematik der Gewalt in erster Linie eine persönliche Thematik für mich. Ich weiss wie es ist, ein misshandeltes Kind zu sein, stets in Angst zu leben, gedemütigt und entmachtet. Rita, ich erinnere mich sogar jetzt noch ganz genau, so viele Jahre später: Eines Tages (ich war ungefähr siebzehn Jahre alt), nachdem mein Vater mich verprügelt hatte, kam meine „Mutter” in mein Zimmer und sagte: „Soraya… wir müssen uns damit abfinden… wir sind indische Frauen.”  Und ich sagte zu ihr: „Du entscheidest, Dich damit abzufinden… ich nicht.”

Ich verbrachte ungefähr 4-5 Monate in einer Notunterkunft für Jugendliche, weil „Zuhause“ kein sicherer Ort für mich war (ich besuchte noch die weiterführende Schule). Da war meine „Mutter”, die mich hätte beschützen müssen und erzählte mir, ich solle Misshandlungen akzeptieren. Diese Schlüsselerfahrung veränderte mich, weil ich realisierte, dass mein Schweigen mich nicht schützt; es schwächt mich.

Wärend dieses Thema für mich ein persönliches ist, weiß ich auch, dass es für so viele Andere eine allgemeine Erfahrung ist, besonders für Frauen indischer Gemeinden. Jede einzelne meiner Freundinnen in der indisch-kanadischen Gemeinde kam entweder aus einer gewalttätigen Familie, lebte in einer gewalttätigen Ehe oder beides.

Alles, wogegen sich Deine Kampagne gegen den Genderzid (geschlechtsspezifischer Völkermord) an Frauen in Indien richtet, passiert auch indischen Frauen ausserhalb Indiens! Als ich in Kanada zur Universität ging, gab es einen Vorfall in der Nähe unseres Wohnortes. Ein indischer Mann ging ins Untergeschoss und schug seiner Ehefrau den Kopf ab, während ihre Kinder im oberen Stock waren!! In den sechs Wochen meiner Ausstellung kamen drei indische Frauen in Vancouver ums Leben. Eine Geschichte, die mich wütend machte und mir die Tränen in die Augen trieb, war die einer jungen schwangeren Frau, die bereits eine Tochter hatte. Sie wurde tot und verkohlt aufgefunden, während ihr Mann sie über Wochen nicht einmal als vermisst gemeldet hatte. Es stellte sich heraus, dass sie eine weitere Tochter erwartete!! Gewalt ist eine alltägliche Realität für indische Frauen, und auch wenn wir schweigend leiden und denken (hoffen?), unser Schweigen werde uns retten; das tut es nicht.

Rita: Was hat Sie veranlasst, eine andere Antwort auf diese Gewalt zu geben? Letzten Endes sind Sie in derselben Gemeinde aufgewachsen, mit kulturellen Zwängen, mit denen auch die anderen indischen Frauen aus Auswanderungsgemeinden aufgewachsen sind. Wenn es sich um eine alternative Sichtweise, um einen anderen Umgang mit Gewalt handeln würde, den Sie durch die westliche Gesellschaft erlernt haben, in der Sie lebten, dann sind doch andere indischstämmige Frauen den selben Einflüssen ausgesetzt. Ich bin immer wieder überrascht, dass diese am Ende auf Gewalt reagieren wie Frauen in Indien es tun: sie tolerieren und rationalisieren die Gewalt. Wie kommt es also zu Ihrer davon abweichenden Reaktion?

„I have a story to tell” von Soraya Nulliah

SORAYA: Es wäre sehr schwierig, die Gewalt zu beschreiben, die ich in meiner ursprünglichen „Familie” erlebt habe. Nicht nur die körperlichen, auch die konstanten Angriffe auf meinen Verstand, mein Herz und meinen Geist. Es ließ mich zerschmettert, gebrochen zurück und bürdete mir die schwere Last der Scham auf, die nicht meine war. Sehr früh gelobte ich mir SELBST feierlich, wenn ich irgendwann in der Lage wäre, würde ich mein Leben nicht so leben.

Meine „Mutter“ ist eine Frau mit einer gebrochenen Psyche… schwach und heuchlerisch. Schon früh entschied ich mich ganz bewusst, nie so zu werden wie sie. Da ich keine Mentoren oder Vorbilder hatte, suchte ich diese aktiv außerhalb meiner Familie und Gesellschaft. Bald schon stieß ich auf Frauen wie Dr. Clarissa Pinkola Estes, Audre Lorde, Alice Walker und Toni Morrison. Ihre Bücher zeigten mir einen anderen, mutigeren Weg und eine andere Art zu leben.

Rita: Ihre Ausstellung hatte anfänglich mit enormem Widerstand sowohl von der indischen Einwanderergemeinde als auch von den westlichen Pendants zu kämpfen. Können Sie darüber etwas erzählen?

„Seeker of the brave” von Soraya Nulliah

SORAYA: Die Reaktion der indischen Gesellschaft war völlige und äußerste Ablehnung!!  Ich war auf diese Reaktion irgendwie gefasst, dennoch war ich schockiert über ihre Intensität und ihren Umfang. Zwei Vorkommnisse fallen mir nach all der Zeit immer noch ein. Einige ältere indische Frauen aus dem „feministischen“ Umfeld in Kanada, die während des Zuhörens die ganze Situation verächtlich abstritten. Manche von ihnen hatten mehrere Doktortitel im Bereich der Frauenforschung. Und da war diese sehr gebildete Frau, die einem indisch-kanadische Frauenverband vorstand. Als ich sie um Unterstützung bat, wurde sie sehr ärgerlich und sagte, dass sie zwar mit mir übereinstimme, dies aber nicht öffentlich tun werde und dass sie die Mitteilung über meine Kunstausstellung nicht unterstützen werde!!

Der zweite Vorfall betraf einen „Journalisten” der Wildrose Times of Alberta (eine indisch-kanadische Zeitung). Er interviewte mich über zwei Stunden lang. Ich sprach über weibliche Kindstötungen, Mitgiftmorde, Witwenverbrennungen, geschlechtsselektive Abtreibungen etc. Ich gab ihm Fakten und Statistiken. Als dann der Artikel publiziert wurde, hatte er absolut keinen Bezug zu dem, was ich gesagt hatte!!  Stattdessen schrieb er einen nichts sagenden Artikel, der kaum bis gar nicht auf Tatsachen basierte. 

Rita:  Ich verstehe, warum die indische Gesellschaft so reagieren kann, aber wie kommt es zu der Abwehr in der westlichen Reaktion?

„Art heals” von Soraya Nulliah

SORAYA: Einige der westlichen Medien, wie die Edmonton Sun newspaper und Shaw T.V, behandelten meine Ausstellung sehr ausführlich und berichteten leidenschaftlich über die Aspekte, die ich angesprochen hatte. Aber hinsichtlich der allgemeinen westlichen Reaktion, waren mehrere Faktoren im Spiel.

1. Indische Menschen im Westen sprechen nicht über die Gewalt in ihrer Familie und Gesellschaft, nicht einmal Feministinnen und Studentinnen.  Da existiert eine tief verwurzelte Verleugnung. Vermutlich sind sich deshalb die meisten Menschen im Westen dieser Fakten nicht einmal bewusst!!

2. Ich denke außerdem, dass westliche Feministinnen das Problem nicht wirklich erfassen, weil der weibliche Genozid Indiens subversiv und unsichtbar ist, eingehüllt in die irrsinnigste Verleugnung überhaupt. Ich denke, es ist fast unmöglich, die Zahlen, die Unmenschlichkeit und den Irrsinn des Ganzen zu erfassen. Diejenigen aus dem Westen, die dies wissen, hoffen wahrscheinlich auf einen magischen Weg, dies zu beenden, weil es zu beängstigend wäre, die Realität zu akzeptieren.

3. Ich glaube, es spielen auch Rassismus und Kolonialismus eine Rolle, wenn man die Gewalt gegen Frauen in anderen Kulturen betrachtet. Die westliche Ansicht über den weiblichen Genozid in Indien ist, dass es sich hierbei um eine kulturelle Angelegenheit handelt und nicht um Menschenrechte. Irgendwie sind wir uns alle einig, dass es in Auschwitz und Rwanda um Verletzungen der Menschenrechte ging. Aber wenn Völkermord geschlechtsbedingt ist, scheinen die Menschen anders darüber zu denken. Dies weist darauf hin, dass gleichgültig was wir im Westen behaupten, weibliches Leben einfach nicht so viel wert ist wie Männliches. Und wenn dieses weibliche Leben nicht weiß ist, dann hat es möglicherweise noch weniger Wert – so verbindet sich Frauenfeindlichkeit mit Rassismus.

Rita: Auf einigen Ihrer Bilder halten die Frauen den Blick gesenkt, ihre Köpfe sind verschleiert und nach unten geneigt. Auf anderen blicken sie auf, mit offenen Augen, die Köpfe unverhüllt. Gibt es dafür eine Erklärung?

SORAYA: Die geschlossenen Augen und der gesenkte Kopf beziehen sich darauf, wie wir weltweit in indischen Gemeinden die Gewalt, die wir Frauen antun, vollständig verleugnen. Die Frauen mit den offenen und unerschrockenen, manchmal zornigen Augen, drücken aus, wie wir die Gewalt sehen, sie bestätigen, sie infrage stellen und Wege finden müssen, uns SELBST stark zu machen.

Rita: Die meisten Ihrer Bilder zeigen eine einzelne indische Frau. Warum ist das so?

SORAYA: Auf meinen Bildern ist eine einzelne Frau, weil ich mich selbst so sehe. Ich stehe immer alleine, am Rand von Kulturen und Gesellschaften; nirgendwo vollständig dazugehörig.

Rita: Glauben Sie, dass weiblichen Künstlern und auch Schriftstellern mit einer gewissen öffentlichen Ablehnung begegnet wird, wenn sie den Zorn auf die Gewalt an Frauen in ihrer kreativen Arbeit offen ausdrücken?

SORAYA: Ja, das empfinde ich kulturübergreifend so. Frauen werden generell nicht darin unterstützt, ihre Wut auszudrücken. Vor allem nicht von anderen Frauen!!

Rita: Wie war es, in Südafrika unter einem Apartheidsregime aufzuwachen? War Ihnen bewusst, was Apartheid für Ihr Leben bedeutete? Haben Sie in irgendeiner Form Auswirkungen der Apartheid auf Ihr Leben als indisches Mädchen gespürt?

„Sister Outsider Lorde“ by Soraya Nulliah

SORAYA: Ich denke, ich habe die Auswirkungen der Apartheid auf mein Leben nicht wirklich verstanden, bis wir nach Kanada auswanderten.  Damals war ich 12. Ich kannte nichts anderes, deshalb schien es mir „normal“. Unter der Apartheidsregierung waren viele der Wahlmöglichkeiten, die wir für selbstverständlich erachten, nicht gegeben. Wir konnten nur in bestimmten Bezirken wohnen und spezielle Schulen besuchen. Nicht-Weiße durften nicht wählen, keine öffentlichen Ämter bekleiden, es gab sogar Bezirke in Südafrika, in die wir nicht reisen durften. Eines der größten Übel der Apartheid (und davon gab es einige) waren die Mauern, die rund um unseren Verstand und unsere Herzen hochgezogen wurden; es wurde uns vorgeschrieben, wen wir lieben oder heiraten konnten und mit wem wir befreundet sein durften. Wir hatten keinen freien Zugang zu Wissen und Büchern. Wir konnten nicht einmal über Nelson Mandela, die ANC oder irgend eine Art Politik diskutieren. Erst ab den Wahrheits- und Versöhnungsverhandlungen, da war ich Mitte Zwanzig, begann ich zu erfassen,  was es bedeutet, unter einem Naziregime aufzuwachsen.

Rita: Wie hat Ihre Kindheit unter dem Apartheitsregime Ihre Ansichten bezüglich Rasse und Volk beeinflusst?

SORAYA: Unter dem Apartheidsregime wurde man über seine Rasse definiert – in jedem Sinn dieses Wortes. Sie war in jedes offizielle Dokument gestempelt und dadurch war man in seinen Lebensentscheidungen stark eingeschränkt. Man hat nicht mehr die Person gesehen – nur noch ihre Rasse. Die einzige Person, die sich für mich aus meiner Kindheit hervorhebt, war eine afrikanische Frau, die unsere Nanny war, die mich ehrlich liebte, mich hegte und pflegte. Ich liebte sie sehr und sah in unserer Beziehung weder ihre Rasse noch ihre „Andersartigkeit“. Sie bemutterte mich vom dem Moment an, als ich geboren wurde, solange bis wir Südafrika verließen. Es war die einzige wirklich nährende Beziehung meiner Kindheit – vielleicht sogar meines ganzen Lebens.  Auch in indischen Gemeinden gibt es offenen Rassismus. Ich bin mir nicht sicher, ob er vom Kastensystem herrührt. Aber da gibt es all diese Unterteilungen. Und Hautfarbe ist auch für Inder ein Thema, die können die rassistischsten Kommentare über dunklere Haut abgeben.

Rita: Und welchen Einfluss hatte die Apartheid auf Ihre Ansichten zum weiblichen Genderzid in Indien?

SORAYA: Unter einem Apartheidsregime aufzuwachsen, erweckte in mir einen starken Wunsch danach, die Wahrheit auszusprechen und für Gerechtigkeit aufzustehen. Ich sehe keine meiner persönlichen Freiheiten in einer Demokratie als selbstverständlich an. So ist es nicht nur ein Recht, sondern auch eine Pflicht, die Wahrheit auszusprechen. In der Apartheid zu leben, lehrte mich, dass das „Persönliche“ politisch ist.

Rita: Sie haben Indien besucht. Was sind einige Ihre einprägsamsten Erinnerungen? Wozu hatten Sie einen Bezug und bei was fühlten Sie sich total fremd und unbehaglich?

„Shakti Music” von Soraya Nulliah

SORAYA: Als ich 30 wurde, reiste ich 4 Monate alleine durch Indien. Das war in vielerlei Hinsicht ein Wendepunkt für mich, weil es mich zurück zu meinem wahren SELBST brachte.  Manche der Dinge, zu denen ich ganz einfach einen Bezug bekam, waren Gebräuche, wie z.B. mit meinen Fingern von einem Bananenblatt zu essen, Tempel zu besuchen und überall lautstark indische Musik zu hören. Diese Dinge mögen oberflächlich scheinen, sind aber tatsächlich davon entfernt. Sie haben mich mit den Erinnerungen an meine früheste Kindheit und an meine Vorfahren in Verbindung gebracht.

Was mir merkwürdig vorkam, war der Mangel an Frauen in der Öffentlichkeit. Wohin ich auch ging, Frauen wurden versteckt und nahmen nicht am öffentlichen Leben teil. Und ich war entsetzt, über die Art wie manche Männer in der Öffentlichkeit zu mir kamen und mich begrapschten!! Dies schien aufgrund der Tatsache, dass ich alleine in der Öffentlichkeit war, ein akzeptiertes Verhalten zu sein, obwohl ich mich immer sehr konservativ mit indischen Gewändern kleidete.

Rita: Wie haben die unterschiedlichen Kulturen und Länder, in denen Sie gelebt haben, Sie darin beeinflusst, das Individuum zu werden, das Sie heute sind?

„Truth-Teller” von Soraya Nulliah

SORAYA:   Meine Identität war unzähligen Einflüssen unterworfen – Indien, Südafrika und Kanada. Sie sind wie Fäden, die zusammen einen reichverzierten und kunterbunten Webteppich formen. Wenn ich barfuß in einem Ashram sitze, fühle ich mich genauso wohl, wie wenn ich an einem Umzug für Schwulenrechte teilnehme.

Aber ich bin auch in jeder dieser Kulturen eine „Außenseiterin“, keiner von ihnen vollständig angepasst. Es war manches Mal eine schmerzhafte und einsame Erfahrung, eine „Außenseiterin“ zu sein. Auf der anderen Seite hat es mir aber auch einige wertvolle Dinge mit auf den Weg gegeben. Wie z.B.:

  1. Es gibt keine Straße, der gefolgt werden muss, deshalb habe ich die Freiheit, meinen eigenen Weg zu machen.
  2. Ich kann meinem SELBST treu sein, weil ich nicht nach der Bestätigung suche, irgendwo hineinzupassen.
  3. Es steht mir frei, von jeder Tradition anzunehmen, was mir gefällt und abzulehnen, was ich nicht will. Diese Freiheit gibt mir ungeheure Kraft, mein eigenes Lebensmodel zu gestalten.
  4. Ich kann gefährlich sein! Ich kann meine Meinung kund tun und die Wahrheit sagen.
  5. Ich kann einen einzigartigen Beitrag zur Welt leisten, weil ich gezwungen bin, quer zu denken.

Rita: Was hat es für Sie bedeutet, Ihre Tochter Tara aufzuziehen, insbesondere im Zusammenhang mit den anderen Dingen, über die Sie im Interview gesprochen haben?

SORAYA: Die Erfahrung der Mutterschaft war eine sehr mächtige, die mich nachhaltig verändert hat. Ich neige dazu, ziemlich besorgt zu sein, weil Mädchen in vielerlei Hinsicht verwundbarer sind als Jungen: Kindesmissbrauch und -entführung, mangelndes Selbstwertgefühl, schlechtere Zensuren und weniger Interesse an Mathematik und Wissenschaften in einem bestimmten Alter usw. Aber dass ich eine Tochter habe, gibt mir auch die Möglichkeit, eine starke und kraftvolle Frau heranzuziehen. Ich weiß, dass sie alleine dadurch, dass sie mich genau beobachtet und mir nacheifert, lernt eine Frau zu sein. Das macht mir Mut und inspiriert mich, stärker zu sein.

Rita: Erleben Sie Ihre Kindheit durch sie noch einmal? Spiegelt sich das in der Art wieder, wie Sie Ihre Tochter erziehen?

Soraya mit Tara

SORAYA: Ganz sicher erlebe ich durch sie meine Kindheit noch einmal und zwar sowohl im positiven als auch im negativen Sinn. Einerseits macht es mir besonders bewusst, wie missbräuchlich und mangelhaft meine Kindheit wirklich war. Erinnerungen und Misshandlungen, die ich in den hintersten Winkel meines SELBST verbannt hatte, kommen schichtweise zum Vorschein. Und es verstärkt sich das Gefühl eines Mangels an Fürsorge und Bindung, den ich durch meine biologische „Mutter“ erfahren hatte. Auf der anderen Seite hat es für mich etwas Gutes, weil ich die positiven Aspekte des Kindseins nie erfahren durfte: Im Herzen bin ich ein echtes Kind und ich liebe es, mit Tara magische und wundersame Welten zu erschaffen.

Rita: Was werden Sie ihr erzählen, wenn sie groß wird?`Was sind die Dinge, die alle Mütter ihren Töchtern erzählen oder für sie tun sollten?

Tara – eine kleine Erdenbürgerin

SORAYA: Ich werde Tara von meiner Reise erzählen, wenn sie älter ist. Mein Mann Tim und ich wollen Tara zu einer starken und unabhängigen Frau erziehen, mit einem guten SELBSTbewusstsein und dem Verständnis ihrer Wurzeln in beiden Kulturen, der indischen und der afro-amerikanischen. Wir wollen, dass sie weiß, dass sie bedingungslos geliebt wird. Sie wird ihre eigenen Fehler machen und auch wenn ich dazu neige, sie zu beschützen, weiß ich doch, dass das der Weg zu Individualisierung und Stärke ist.

Ich denke, es ist egal, was Mütter ihren Töchtern über Gewalt erzählen, wenn sie diese tolerieren, verleugnen und als Entschuldigung für ihr eigenes Leben benutzen. Kinder achten mehr auf unsere Taten als auf unsere Worte. Anstatt die Unantastbarkeit der Ehe um jeden Preis aufrecht zu erhalten, sollte es unser Ziel sein, eine sichere und nährende Umgebung für uns selbst und für unsere Kinder zu schaffen.

Ich denke ferner, dass es wichtig ist, dass Frauen ein Leben außer dem als Mutter und Ehefrau haben sollten. Ich denke, es ist unerlässlich, dass wir unser Selbstwertgefühl und unser Selbstverständnis aufbauen. Dies wiederum wird sich auf unsere Familien im Allgemeinen und auf unsere Töchter im Speziellen übertragen. Und auch wenn ich gerne glauben würde, dass Bildung etwas daran ändert, wie Frauen auf Gewalt reagieren, denke ich nicht, dass dem so ist. Weil ich glaube, das eigentliche Problem rührt daher, dass man von seinem SELBST getrennt ist.

Rita: Ihre Arbeit ist sehr wichtig, Soraya.  Die Gewalt an Frauen in Indien, ihr Genderzid, übertrifft jede Gewalt, die einer anderen menschlichen Gruppe jemals angetan wurde. Und Sie als Künstlerin, als Mensch und Mitglied dieser Gruppe, sind der lebende Beweis für diese Gewalt in Ihrem bisherigen Leben. Ihre Kunst ist es, mit der Sie Zeugnis darüber ablegen – für jetzt und für später folgende Generationen. Ihr Zorn ist ein berechtigter Anspruch. Wenn Sie diesen Anspruch ausdrückten und die Welt würde befremdet reagieren, was würden Sie der Welt antworten?

„Claim my Story” von Soraya Nulliah

SORAYA: Wenn mein Zorn (oder meine Angst oder Kraft) die Welt befremdet, sei’s drum! Wichtig ist, dass ich nicht befremdet von mir SELBST bin. Meine Kunst handelt nicht vom Genderzid oder von der Gewalt gegen Frauen, aber ich hoffe, dass sie Zeugnis ablegt über unsere gemeinsame menschliche Erfahrung. Dass man sich an meine Arbeit überhaupt erinnert, darum geht es. Unsere Reisen sind alle gleichermaßen sowohl höchst persönlicher als auch universeller Natur. Wir alle leiden unter Erfahrungen, die uns gebrochen und verletzlich zurücklassen, dennoch sind wir unverwüstlich und zuversichtlich. Die wahre Schönheit liegt darin, dass wir uns auf unserem Weg behaupten.

© „The 50 Million Missing Campaign“. Alle Rechte vorbehalten. Bitte beachten Sie bei Weitergabe unsere Hinweise zum Copyright.

Taslima Nasreen: Weiblicher Genderzid ist Krieg gegen Frauen

Aus dem englischen Original übersetzt von Andrea Wlazik

Die hiesige Frauenbewegung ist nicht besonders stark…[hier in Indien].
Eine aktuelle Studie zeigt: Indien ist das viertgefährlichste Land für Frauen und der tödlichste Ort für Mädchen. 

Das ist erschreckend!!

Abtreibung weiblicher Föten, Kindsmord an Mädchen, Zwangsprostitution, Sexsklaverei, häusliche Gewalt, Mitgiftmorde, Brautverbrennungen sind Ereignisse von Gewalt gegen Mädchen und Frauen, die alle zunehmen.

Das ist tatsächlich Krieg gegen Frauen!!

Taslima Nasreen ist weltweit anerkannte feministische Autorin und Menschenrechtlerin. Sie ist ehemalige Ärztin aus Bangladesh, seit 1994 im Exil für die Äußerung ihrer Ansichten zum Islam und seinen Auswirkungen auf die Rechte von Frauen. Ihre Website ist unter taslima.com zu finden, sie bloggt auf No Country For Women.

ZUR ÜBERSETZERIN

Andrea Wlazik ist gelernte Fremdsprachenkorrespondentin und Koordinatorin des deutschen Blogs der Kampagne “50 Million Missing” (50 Millionen verschwunden). Sie ist außerdem Initiatorin der von der Kampagne unabhängigen deutschen Facebook-Gruppe  “Femizid in Indien.” Neben der Arbeit für die Kampagne ist Andrea zweite Vorsitzende eines Ortsvereins der AWO und eines Kinderchors.

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