Indiens #Fußball Champs: Die wahren „Kick it like Beckham“ #Mädchen!

Aus dem englischen Original übersetzt von Matthew Brown

football girlsAm 13. Juli 2013 war das aufgeregte Lachen eines Teams indischer Mädchen zu hören, als sie ihre hart erkämpfte Bronze­-Trophäe aus dem renommierten Donosti­ Cup­ in Spanien hochhielten! Die meisten der unter 14-jährigen Mädchen aus dem abgelegenen Dorf Ormanjhi im indischen Bundesstaat Jharkhand waren bis dahin noch nie außerhalb ihres Dorfes gewesen!

Die spanischen Organisatoren nannten die Mädchen „Supergoats“, weil diese in den Trainingsstunden vor dem eigentlichen Spiel mit nackten Füßen spielten. Aufgrund ihrer begrenzten Mittel hätten sie es sich nicht leisten können, eine neue Ausrüstung zu kaufen, wenn beim Training etwas kaputt gegangen wäre. Deshalb wollten sie ihre Ausrüstung für das eigentliche Spiel aufsparen.

Allerdings ist die Vorgeschichte zu dem, was die Mädchen ertragen mussten, um ihren Traum zu verwirklichen, sowohl herzzerreißend als auch ärgerlich! In einem gerade erschienenen Interview berichten die Mädchen, wie lokale Bürokraten in ihrem Dorf sie für ihren Traum und ihre Sehnsucht gedemütigt und ihnen Steine in den Weg gelegt haben, als sie die Geburtsurkunden beantragen wollten, die sie benötigten, um einen Pass und ein Visum zu bekommen.

Die Regierungsbeamten entschieden, dass die Mädchen ihre Geburtsurkunden mit Sklavenarbeit, wie kochen, aufräumen und putzen, verdienen sollten.

Die Beamten missbrauchten die Mädchen auch körperlich. Sie wurden geschlagen und getreten. Ausserdem wurde ihnen erzählt, dass sie in Spanien niemals einen Sieg erringen könnten, weil sie im Vergleich zu den europäischen Mädchen so unterernährt und schwächlich seien.

Letzendlich haben es die Mädchen geschafft, ihre Geburtsurkunden zu bekommen, weil ihr Trainer, ein Amerikaner namens Franz Gastler, der die Gruppe „Yuwa­-India“ gründete (das Team der Mädchen war ein Teil davon), sich für sie einsetzte und die Angelegenheit vor übergeordnete Behörden brachte.

Aber nicht nur, dass die indischen Medien nichts über den hart erkämpften Sieg dieser jungen Mädchen berichteten, die durch nichts als ihre Träume angetrieben wurden. Beschämenderweise schienen weder Praful Patel, der Präsident des indischen Fußballverbandes „All India Football Federation“ (AIFF),  noch der neue indische Sportminister, Jitendra Singh, von der Leistung der Mädchen Notiz zu nehmen!

Wie viele Mädchen gibt noch in Indien, mit großem Potential und unglaublichen Träumen,  die von der korrupten und frauenfeindlichen Regierung und der politischen Maschinerie in Grund und Boden gestampft werden?

Wie wichtig ist es, die Freiheit und die Rechte der Frauen und Mädchen in Indien auf die politische Plattform zu bringen?




ZUM ÜBERSETZER

Matthew Brown wurde in der Nähe von Chicago geboren und wuchs an den Stränden von Los Angeles auf. Er begann seine Weltreisen mit einer Punk-Rock-Band und entwickelte auf diesen Reisen seinen Geschmack für multikulturelle Kunst, Medien und Literatur. Nach seinem erfolgreichen Abschluss an der California State University Long Beach setzte er sein Engagement für Kunst und Literatur fort und unterstützte die Gründer der Bilingual Foundation of the Arts und des Carmen Zapata Theatre. Zur Zeit wohnt er in Coesfeld (Deutschland) und arbeitet freiberuflich als Künstler und Schriftsteller.

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Sohaila Abdulali: #Vergewaltigt zu werden war furchtbar, aber am Leben zu sein ist wichtiger

Aus dem englischen Original übersetzt von Melanie Beaven

sohailaSohaila Abdulali ist eine aus Indien stammende Autorin und Journalistin, die derzeit in den USA lebt. Im Jahr 1980, im Alter von 17 Jahren, überlebte sie eine brutale Gruppenvergewaltigung in Indien. Drei Jahre später schrieb sie im indischen Magazin „Manushi“ über ihr Erlebnis. Einen Auszug aus ihrem Artikel finden Sie weiter unten.

Sohailas persönlicher Erfahrungsbericht ist unbeschreiblich mutig! Frauen in Indien, sogar jene aus der gebildeten Mittelschicht, zeigen aufgrund der Assoziation mit „Schande“ Vergewaltigungen weder an, noch machen sie anderweitig öffentlich auf diese aufmerksam.

Aber Sohaila diskutiert noch einen weiteren Aspekt. Einen Aspekt, den zu thematisieren sich Medien und Frauenforen in Indien sogar angesichts der aktuell extrem eskalierenden Gewalt gegen Frauen scheuen. Konfrontiert mit einer Gruppe gewalttätiger Männer, entscheidet sich Sohaila zu überleben. Dem Bericht über das Vergewaltigungsopfer von Delhi zufolge, schien die Gewalt gegen sie zu eskalieren, als sie einen der Vergewaltiger biss und versuchte, sich zu wehren. Tatsächlich enthüllten die fünf Männer, die Ende August eine Fotojournalistin in Mumbai ebenfalls gruppenvergewaltigt hatten, dass sie geplant hatten, die Fotografin und ihre Kollegin zu ermorden, hätten diese versucht, Widerstand zu leisten. Sohaila stellt die Frage, warum eine Frau, die sich einer Gruppe gewalttätiger Männer gegenüber sieht, nicht alles tun sollte, um zu überleben?

Wir sollten hinterfragen: Warum diskutieren Frauenforen und Medien nicht darüber, anstatt Selbstverteidigung und Pfefferspray als effektive Mittel zur Abwehr von Banden bewaffneter Vergewaltiger zu propagieren? Warum erfährt in Indien die Frau höhere Bewunderung, die bei dem Versuch stirbt, irrationale und frauenfeindliche gesellschaftliche Ansichten von „Ehre“ zu verteidigen? Die Mutter einer Rechtsanwältin, die 2012 in ihrer Wohnung in Mumbai von einem Wachmann des Sicherheitsdienstes angegriffen und getötet wurde, während sie seine Vergewaltigungsversuche abwehrte, erzählte bestimmt und mit einem gewissen Stolz Millionen von Fernsehzuschauern, sie wolle Indien wissen lassen, dass ihre Tochter nicht vergewaltigt worden sei. Sie sei im Kampf für ihre „Ehre“ gestorben!

Wie viele Frauen in Indien, die sich Vergewaltigern gegenüber sehen, sorgen sich mehr um die vermeintliche „Schande“ einer Vergewaltigung, als darum, ihr Leben zu retten?

Sohaila ungefähr zur Zeit des Vorfalls

von Sohaila Abdulali

Ich wurde [im Jahr 1980] im Alter von 17 Jahren gruppenvergewaltigt. Es war das Jahr, in dem Frauengruppen [in Indien] begannen, eine Verbesserung des Strafgesetzes im Hinblick auf Vergewaltigung zu fordern.

Ich war mit meinem Freund Rashid zusammen. Wir waren spazieren gegangen und befanden uns etwa 1½ Meilen (ca. 2,5 Kilometer) von meinem Zuhause in einer Vorstadt von Bombay entfernt. Wir wurden von vier mit einer Sichel bewaffneten Männern angegriffen. Wir wurden getrennt, wir schrien und sie vergewaltigten mich, während sie Rashid als Geisel hielten. Sollte einer von uns Widerstand leisten, würde dem anderen Schaden zugefügt. Dies war eine wirksame Taktik.

Sie konnten sich nicht entscheiden, ob sie uns töten sollten oder nicht. Wir haben alles versucht, was in unserer Macht stand, um am Leben zu bleiben. Mein Ziel war zu leben und das war wichtiger als alles andere. Zuerst habe ich mich körperlich gegen die Angreifer gewehrt. Später, als ich auf den Boden gedrückt wurde, wehrte ich mich verbal. Ärger und Schreien zeigte keine Wirkung und so fing ich an, ziemlich verrücktes Zeug zu schwafeln – über Liebe und Mitleid. Ich sprach von Menschlichkeit und der Tatsache, dass ich ein menschliches Wesen sei und dass sie dies auch seien – tief in ihrem Innersten. Sie waren etwas sanfter danach, zumindest diejenigen, die mich nicht gerade vergewaltigten. Ich sagte einem von ihnen, dass ich am nächsten Tag zurück kommen und mich mit ihm – dem Vergewaltiger – treffen würde, wenn er sicherstellen könne, dass weder Rashid noch ich getötet würden. Diese Worte kosteten mich mehr als ich beschreiben kann, aber zwei Leben hingen am seidenen Faden. Ich wäre höchstens mit einem sehr, sehr scharfen Instrument zurückgekehrt, das sicher gestellt hätte, dass er nie wieder hätte vergewaltigen können.

Nach gefühlt jahrelanger Folter (ich glaube, ich wurde zehnmal vergewaltigt, aber ich hatte solche Schmerzen, dass ich nach einer Weile den Überblick verlor), wurden wir freigelassen unter einer langen Moralpredigt darüber, dass ich, da ich alleine mit einem Jungen zusammen war, eine unmoralische Hure sei. Dies regte sie mehr auf als alles andere. Sie handelten die ganze Zeit so, als täten sie mir einen Gefallen, indem sie mir eine Lektion erteilten. Ihr Verhalten war fanatischste Selbstgerechtigkeit.

Sie brachten uns den Berg hinunter und folgten uns eine Weile sichelschwingend. Endlich kamen wir zu Hause an – gebrochen, verletzt, erschüttert. Es war ein so unglaubliches Gefühl loszulassen und aufzuhören, um unsere Leben zu feilschen. Hysterisch weinend brachen wir zusammen.

Ich hatte den Vergewaltigern fest versprochen, niemandem von dem Vorfall zu erzählen, aber sobald ich zu Hause war, sagte ich meinem Vater, er solle die Polizei rufen. Er war genau wie ich darauf bedacht, sie festnehmen zu lassen. Ich hätte alles unternommen, nur damit nicht jemand anderes das gleiche wie ich durchmachen müsste. Die Polizisten waren unsensibel, herablassend und irgendwie schafften sie es, aus mir die schuldige Partei zu machen. Als sie mich fragten, was passiert sei, erklärte ich es ihnen sehr direkt und sie waren empört darüber, dass ich kein verschüchtertes, errötendes Opfer war. Als sie sagten, dass dies an die Öffentlichkeit käme, meinte ich, das sei schon in Ordnung. Mir ist es ehrlich nie in den Sinn gekommen, dass Rashid oder ich beschuldigt werden könnten. Als die Polizisten erklärten, dass ich zu meinem eigenen „Schutz“ in ein Heim für jugendliche Straftäter gehen müsse, war ich Willens, mit Zuhältern und Vergewaltigern zu leben, nur um meine Angreifer einer gerechten Strafe zuzuführen.

Bald musste ich feststellen, dass Gerechtigkeit für Frauen im Rechtssystem einfach nicht existiert. Als sie uns fragten, was wir auf dem Berg gesucht hätten, wurde ich ungehalten. Ich schrie auf, als sie Rashid fragten, warum er denn „untätig“ gewesen sei. Konnten sie nicht verstehen, dass sein Widerstand für mich nur weitere Qualen bedeutet hätte? Als sie danach fragten, welche Kleidung ich getragen hätte und warum es keine sichtbaren Spuren an Rashids Körper gäbe (er hatte innere Blutungen dadurch erlitten, dass der Sichelgriff wiederholt in seinen Magen gestoßen worden war), brach ich vor Kummer und Entsetzen zusammen. Mein Vater warf die Polizei aus dem Haus, nachdem er ihnen gründlich die Meinung gesagt hatte. So also sah die Unterstützung aus, die ich von der Polizei erhielt. Es wurde keine Anklage erhoben. Die Polizei nahm einen Bericht auf, der besagte, dass wir spazierengegangen und „verspätet“ zurück gekehrt seien.

Es vergeht [auch nach drei Jahren] kein einziger Tag, an dem ich nicht von den Geschehnissen heimgesucht werde [wurde]. Unsicherheit, Verwundbarkeit, Furcht, Zorn, Hilflosigkeit – gegen all dies habe ich ständig zu kämpfen. Manchmal, wenn ich die Straße entlang gehe und hinter mir Schritte höre, bricht mir der Schweiß aus und ich muss mir auf die Lippe beißen, damit ich nicht schreie. Ich zucke unter freundlichen Berührungen zusammen. Ich kann enge Halstücher nicht ausstehen, die sich wie Hände um meinen Hals anfühlen. Ich schrecke vor einem bestimmten Blick zurück, der in Männeraugen erscheint – dieser Blick ist so oft da.

Gleichzeitig bin ich mir der Fehlvorstellungen sehr bewusst, die Menschen über Vergewaltigung, Vergewaltiger und Überlebende von Vergewaltigungen haben. Mir ist außerdem bewusst geworden, welches Stigma den Überlebenden anhängt. Wieder und wieder haben Leute angedeutet, dass der Tod vielleicht doch besser gewesen wäre, als der Verlust dieser so wertvollen „Jungfräulichkeit“.

Ich weise das zurück. Mein Leben ist viel zu wertvoll.

Ich habe für mein Leben gekämpft und gewonnen. Keine noch so negative Reaktion hindert mich daran, dies als positiv zu empfinden. Vergewaltigt zu werden war so schrecklich, dass ich es nicht auszudrücken vermag. Aber ich denke, dass ich am Leben bin, ist wichtiger.

Wenn einer Frau das Recht verwehrt wird, so zu empfinden, ist etwas sehr verkehrt in unserem Wertesystem.

Sohailas Bericht ist Teil der Projektserie „Freedom“ im Rahmen der Kampagne „The 50 Million Missing“, für das Ende der Gewalt gegen Frauen. KLICKEN SIE HIER, um weitere persönliche Lebensberichte anderer indischer Frauen und Männer in unserer Serie „Freedom“ zu lesen.

ZUR AUTORIN
Sohaila Abdulali ist eine in Indien geborene Journalistin, die derzeit in den USA lebt. Sie hat zum Thema „sexuelle Gewalt“ geforscht und darüber zahlreiche öffentliche Vorträge gehalten. Sie ist leitende Redakteurin des
Ubuntu Education Fund, einem international tätigen gemeinnützigen Verein (NGO), für Kinder in Südafrika. Ihre Website ist www.sohailaink.com.

ZUR ÜBERSETZERIN
Melanie Beaven wurde in Hamburg geboren und lebt seit 2004 in England. Sie hat verschiedene Übersetzungstätigkeiten ausgeführt, unter anderem auch Texte über das babylonische Justizsystem. Sie ist Diakonin in der Methodistischen Kirche in Großbritannien; ihre Interessensschwerpunkte sind Feministische Theologie und der interreligiöse Dialog.

Sunitha Choudhury: Als Kindsbraut floh sie, um ihr Schicksal selbst zu bestimmen

Aus dem englischen Original übersetzt von Melanie Beaven

Foto: Amrit Dhillon

Sollten Sie jemals nach Delhi kommen, dürfen Sie diese indische Frau nicht verpassen!

Sunitha Choudhury, die erste Frau hinter dem Steuer einer Motor-Rikscha, verdient sicherlich Anerkennung für den Job, den sie tagtäglich ausübt. Sie navigiert auf den Straßen Delhis, der laut Regierungsstudien für Frauen unsichersten Stadt Indiens. Was aber Sunitha zu einer noch beeindruckenderen Persönlichkeit macht, sind ihr Lebensweg und die Kämpfe, die sie durchzustehen hatte, um dorthin zu gelangen, wo sie heute ist.

Sunithas Geschichte offenbart, dass sie seit ihrer Kindheit Opfer beinahe jeder Art ´von Grauen geworden ist, dem Mädchen und Frauen in Indien begegnen. Und immer wenn sie niedergeschlagen wurde, sich wieder aufrappelte und auf die Füße stellte, war da niemand, an den sie sich hätte wenden können. Keine Familie, keine Nachbarn, keine Freunde, keine gemeinnützigen Vereine oder Wohltätigkeitsverbände. Sunitha hat diesen Kampf alleine gefochten! Vollkommen auf sich selbst gestellt! Und am Ende ist sie als Siegerin hervor gegangen!

Die Kindsbraut

Sunitha war eine Kindsbraut [Lesen Sie unseren Beitrag über Indiens Kindsbräute!] Im Alter von zwölf Jahren wurde sie mit einem Mann aus Meerut verheiratet, einem Alkoholiker. Ihre Kindheit wurde zu einem Albtraum aus Vergewaltigung und Brutalität. Wie es so oft der Fall ist, wurde sie auch von ihrer Schwiegerfamilie emotional und körperlich misshandelt, weil diese mehr Mitgift haben wollte. Ihre Eltern erlaubten ihr nicht, nach Hause zurück zu kehren und rieten ihr, mit dem Missbrauch und den Misshandlungen leben zu lernen. Einmal bezog Sunitha brutale Gruppenschläge von ihrer Schwiegerfamilie. In Todesangst, und noch ein Teenager, entschied sie sich, nach Delhi zu fliehen. Mittlerweile schwanger und ohne jede finanziellen Mittel sah sie schnell ein, dass das Leben auf der Straße sogar noch unsicherer war. Schließlich bekam sie einen Putzjob in einer Klinik, deren Besitzer ihr erlaubte, im Gebäude zu übernachten. Dies war die sicherste Möglichkeit, die sich ihr bot. Einige Monate später brachte sie ihr Baby zur Welt, welches allerdings verstarb.

Ein Wendepunkt

Während sie weiter in der Klinik arbeitete, kam es zu einem weiteren Wendepunkt in ihrem Leben, einem Vorfall, der sie dazu brachte, Motor-Rikscha-Fahrerin werden zu wollen. Es passierte, als sie eines Abends ein Unfallopfer auf der Straße fand. Es war niemand da, der hätte helfen können, also rief sie einen Wagen und brachte den Mann zum Krankenhaus. Obwohl er schwer verletzt war, konnte sein Leben gerettet werden. Sie entschied, dass sie anderen Leuten einen ähnlichen Dienst erweisen wollte. Und tatsächlich hat sie, seitdem sie Motor-Rikscha-Fahrerin ist, schon viele Male angehalten, um Unfallopfern zu helfen, sie zum Krankenhaus zu fahren und deren Verwandte zu kontaktieren.

Auf ihren eigenen Rädern

Allerdings war es eine gewaltige Aufgabe für sie, eine Lizenz zu bekommen. Keine Frau hatte jemals zuvor einen Antrag gestellt und Beamte der staatlichen Verkehrsbehörde wimmelten sie zwei Jahre lang ab. Sie aber gab nicht auf und so mussten die Beamte schließlich ihre Meinung ändern. Im Jahr 2003 erhielt sie ihre Lizenz und besuchte die Fahrschule des Institute for Driving, Trainig and Research (IDTR). Aber auch als lizensierte Fahrerin hatte sie Schwierigkeiten, Eigentümer davon zu überzeugen, ihr ein Fahrzeug zu vermieten. Anderthalb Jahre lang fuhr sie Leihrikschas und entschied dann, dass sie mehr Freiheit bräuchte. In 2004 beantragte sie einen Kredit und erwarb ihre eigene dreirädrige Motor-Rikscha!

Kontrolle übernehmen

Somit muss sie nun nicht mehr fremde Autos erbetteln und leihen und kann sich außerdem noch einer anderen Leidenschaft hingeben. „Wenn ich ein Opfer auf der Straße sehe, will ich die Person ins Krankenhaus bringen. Dafür bin ich früher mit anderen Motor-Rikscha-Fahrern aneinander geraten, die sich in nichts hineinziehen lassen wollten. Also dachte ich mir, dass es einfacher für mich würde, wenn ich mein eigenes Fahrzeug hätte.

Es ist kein leichter Job. Manchmal wird sie dafür verspottet, dass sie „Männerarbeit“ verrichtet, aber gleichzeitig wird sie auch bewundert. „Frauen erzählen mir, dass sie sich wesentlich sicherer mit mir fühlen, denn ich trinke und rauche nicht. Sie sagen, dass sie bei männlichen Fahrern Angst haben, denn manchmal sind diese betrunken und fahren zu unbesonnen. Sogar spät nachts fühlen sie sich sicher mit mir.

Sie ist furchtlos, manchmal übernimmt sie auch Nachtschichten. Sie trägt ihr Haar kurz und kleidet sich in T-Shirts und Hosen. Nicht nur, weil das bequemer und praktischer für die Arbeit ist als z.B. ein Sari oder Salwar-Kameez, die traditionelle Kleidung für Frauen in Indien. Sunitha erklärt: „Es ist von Vorteil für mich, auszusehen wie ein Junge. Nachts rufen mir Fahrgäste zu ‚Hey Bruder, setz mich da oder dort ab‘.

Die Zukunft erträumen

Ihr nächstes Ziel ist es, ein Mitglied des Parlaments zu werden. Sie möchte die Armen vertreten. „Ich werde ihnen sagen, dass ich eine von ihnen bin. Ich verstehe ihren Wunsch nach Arbeit, Wohnraum, Ausbildung und Wasser. Es ist nicht möglich, seine Würde zu wahren, wenn man so lebt wie die Armen.“ sagt sie.

Außerdem möchte sie anderen Frauen das Fahren von Motor-Rikschas beibringen und sie an ihren Beruf heranführen. Sie möchte das für andere Frauen, was sie in ihrem eigenen Leben erreicht hat. „Ich fühle mich wie eine Königin, wenn ich in der Stadt umherfahre.“ sagt sie. „Ich bin Herrin über mein Schicksal, ich verdiene meinen eigenen Lebensunterhalt und bin glücklich… Und obwohl ich eine Frau bin, bin ich viel mutiger als die meisten Männer.



© „The 50 Million Missing Campaign“. Alle Rechte vorbehalten. Bitte beachten Sie bei Weitergabe unsere Hinweise zum Copyright.


ZUR ÜBERSETZERIN

Melanie Beaven wurde in Hamburg geboren und lebt seit 2004 in England. Sie hat verschiedene Übersetzungstätigkeiten ausgeführt, unter anderem auch Texte über das babylonische Justizsystem. Sie befindet sich derzeit in der Ausbildung zur Diakonin und beschäftigt sich im Rahmen ihres Studiums besonders mit feministischer Theologie.

45 Tage nach ihrer Hochzeit wurde sie getötet: Anshus Geschichte

Aus dem englischen Original übersetzt von Matthew Brown

Dies ist die Geschichte der 23-jährigen Anshu Singh, die am 25. Januar 2010 nur 45 Tage nach ihrer Hochzeit von ihrem Ehemann und ihren Schwiegereltern ermordet wurde. Ihre Geschichte ist ein düsteres Zeugnis für die Tatsache, dass Mitgifterpressungen und -morde auch in den wohlhabenden und gebildeten Schichten der indischen Gesellschaft vorkommen. Und unter diesen Verbrechern finden sich auch Polizeibeamte!

Dieser Fall ist noch nicht abgeschlossen und wir sind in Kontakt mit Girendra Singh, Anshus Vater, der die 50 Million Missing Campaign um Unterstützung gebeten hat. Klicken Sie hier um zu unserer flickr-Diskussion und dem Update Forum zu Anshu`s Fall zu gelangen. Wenn Sie möchten, können Sie dort Ihre Kommentare und Vorschläge anbringen.

Da die Familie Singh darauf drängt, dass Anshus Mörder gesucht und bestraft wird, wird sie Opfer verschiedenster Formen von Schikanen. Falls Sie sich in Delhi aufhalten und Herrn Singh in irgend einer Weise bei seinem Fall unterstützen können, wenden Sie sich bitte direkt an ihn oder kontaktieren Sie uns.

Anshu war die mittlere von drei Schwestern. Sie war klug, ehrgeizig und gebildet. Zum Zeitpunkt des Mordes war sie für ein multinationales Unternehmen in Delhi tätig. Sie hatte ihren Mann durch die Arbeit kennengelernt und sie waren bereits drei ​​Jahre miteinander ausgegangen, bevor sie heirateten.

Zunächst gab es einige Einwände seitens der Familie des Mannes, weil sie aus verschiedenen Gemeinden kamen. Aber Anshus Vater sagte: „Wenn die beiden sich lieben, warum sollten wir ihnen im Weg stehen?

Vor der Hochzeit hatte Herr Singh die Familie des Bräutigams darüber informiert, dass er zwar nicht die Absicht habe, ihnen eine Mitgift zu zahlen, er aber seiner Tochter einige Haushaltsgegenstände schenken wolle, so wie er es bei seiner älteren Tochter getan hatte um ihr einen guten Start in die Ehe zu ermöglichen.

Der Familie des Bräutigams war es lieber, dass er ihnen das Geld gab, damit sie die Sachen selbst kaufen konnten. Ihre Einkaufsliste wurde immer länger und so zahlte Herr Singh am Ende ungefähr 350.000 Rupien (knapp 9.000 USD).

Als Herr Singh um Einsicht in die Belege bat, um zu prüfen, dass dafür tatsächlich die angegebenen Dinge gekauft worden waren, konnten sie keine Belege vorzeigen. Es folgten einige Unannehmlichkeiten und Anshu begann, sich in ihrer Ehe unwohl zu fühlen. Herr Singh dachte: „Das Geld spielt keine Rolle. Was viel wichtiger ist, ist dass dies vielleicht nicht der richtige Mann für Anshu ist.“ Doch die Familie des Bräutigams überzeugte Anshu, dass alles ein Missverständnis gewesen sei wäre, und Herr Singh gab den Wünschen seiner Tochter nach.

Fast direkt nach der Hochzeit begannen Anshus Schwiegereltern, wegen der Mitgift Druck auf Herrn Singh auszuüben. Sie verlangten ständig Geld für dieses und jenes und erwarteten von Anshu, dass sie das Geld beschaffen solle. Einmal forderten sie auf einen Schlag 500.000 Rupien (ca. 12500 USD) für die Ausbildung ihres jüngeren Sohnes. Außerdem wollten sie Geld für die Beförderung von Anshus Schwiegervater und dessen Anstellung in einer anderen Region des Landes. Der Schwiegervater ist Polizist und in der neuen Anstellung hätte er mehr verdient. Um aber die Beförderung zu bekommen,  musste er seine Vorgesetzten bestechen. Herr Singh begann zu begreifen, dass es diesen Menschen nur um Geld ging.

Anshu und ihr Mann hatten eine eigene Wohnung gemietet, aber jeden Abend nach der Arbeit mussten sie zu den Schwiegereltern kommen und bei ihnen essen. Abends und an den Wochenenden sollte Anshu dort den Haushalt machen und das Abendessen kochen. Das Paar nutzte seine Wohnung nur zum Übernachten. Es war eine seltsame Vereinbarung,  auf die der Ehemann und die Schwiegereltern bestanden.

Als nach vier Wochen Ehe die Geldforderungen nicht weniger wurden, wollte Anshu ihren Vater nicht länger beunruhigen oder belasten. Deshalb nahm sie ein Darlehen auf um ihre Schwiegereltern zu befriedigen. Sie konnte diesen Kredit aufnehmen, da sie einen guten Job in einem multinationalen Konzern hatte und ihre Schwiegereltern waren sich dessen bewusst.

Ihr Ehemann wurde übergriffig. Zunächst war er verbal ausfallend, aber bald begann er auch, sie regelmäßig zu schlagen. Als Herr Singh das herausfand, war er sehr aufgebracht und wollte, dass seine Tochter ihren Mann verlässt. Er sagt: „Ich sprach mit Anshu. Sie war ein starkes Mädchen und sie versicherte mir, dass sie mit der Situation fertig werden würde.

Am Tag bevor Anshu starb, am 25. Januar 2010 , schrieb sie eine letzte SMS an ihre Schwester: „Shivank (ihr Mann) hat sich nach der Hochzeit völlig verändert. Er ist nicht mehr die Person, die er vorher war. Er ist kein guter Mensch.

Was auch immer an diesem Tag geschah, ist vermutlich entscheidend für das Verständnis der Ursache des Mordes an Anshu. Viele Fragen bleiben unbeantwortet. Welches Ereignis veranlasste sie plötzlich zu der Erkenntnis, dass ihr Mann sich geändert habe? Wenn sie nun überzeugt war, dass er kein „guter Mensch“ sei, hatte sie bereits Pläne gemacht, ihn zu verlassen, und hatte sie ihm das auch gesagt? Wenn sie sich von ihrem Mann hätte scheiden lassen, hätte sie von seiner Familie das erpresste Geld zurückverlangen können. Sicherlich hätte diese den Betrag in Höhe mehrerer tausend Dollars nicht zahlen wollen.

Es wird vermutet, dass Anshu, als sie an jenem schicksalhaften Abend von der Arbeit zurückkam, zuerst in ihre eigene Wohnung ging. Der Schlüssel ihres Mannes war wahrscheinlich an angeheuerte Schläger weitergegeben worden, die sie dort angreifen und töten sollten. Es wird angenommen, dass 2-3 Personen beteiligt waren. Herr Singh sagt, dass die Autopsie-Berichte zeigen, dass Anshu vor ihrem Tod brutal mißhandelt wurde, und dass die Todesursache Asphyxie (Sauerstoffmangel) aufgrund Erhängens war.

Möglicherweise war es die Absicht ihrer Mörder, einen Selbstmord durch Erhängen zu inszenieren. Aber der Ehemann und Schwiegereltern entschieden später am Abend anders. Sie nahmen Anshus Körper ab und legten sie auf das Bett.

Dann riefen sie Herrn Singh an und teilten ihm mit, dass Anshu sich nicht wohl fühle und möglicherweise ohnmächtig geworden war. Herr Singh kam direkt und er sah sofort, dass sie seit geraumer Zeit tot war. Die Singh Familie war schockiert. Ihre Tochter war kaum einen Monat verheiratet! Ein traumatisierter Herr Singh sagt: „Es ging alles so schnell. Sie war erst  45 Tage verheiratet und nun ist sie fort. Wir hätten nie gedacht, dass uns so etwas passieren kann. Anshu war ein junges, fröhliches und modernes Mädchen mit so vielen Träumen. Sie war intelligent und stark. Ich glaube nicht, dass sie je daran gedacht hätte, dass ihr so etwas zustoßen könnte.

Anshus Ehemann befindet sich derzeit in Untersuchungshaft. Ihre Schwiegereltern haben sich abgesetzt. Anshus Schwiegervater war bei der Polizei. Auf sein Drängen hin waren die ermittelnden Polizeibeamten sehr nachlässig bei ihren Untersuchungen. Sie haben nicht einmal den mutmaßlichen Tatort abgesperrt. Durch das Versagen der Polizei beim sichern der Beweise, ist die Angst groß, dass Anshu vor Gericht keine Gerechtigkeit widerfahren wird.

Alle 20 Minuten wird in Indien eine junge, verheiratete Frau wie Anshu von ihrem Ehemann und dessen Familie vorsätzlich kaltblütig ermordet. Diese Art Verbrechen gerät mehr und mehr außer Kontrolle!

Die „50 Million Missing Campaign“ will sicherstellen, dass Anshus Geschichte in unseren Herzen und Köpfen lebendig bleibt, dass der Gerechtigkeit Genüge getan wird und Anshu nicht ein weiteres namenloses Opfer in einer langen Reihe tausender junger indischen Frauen ist, die ähnlich gestorben sind wie sie. Wir werden in regelmäßigen Abständen den Link zu diesem Artikel öffentlich machen und bitten Sie, dasselbe zu tun. Bitte helfen Sie, Anshus Geschichte lebendig zu halten.

Der 50MM hat außerdem eine WAR ON DOWRY (Kampf der Mitgift) Bewegung auf Facebook gestartet. Lassen Sie uns gemeinsam kämpfen!

© Die Kampagne „50 Million Missing“ (50 Millionen verschwunden). Alle Rechte vorbehalten. Bitte beachten Sie bei Weitergabe unsere Hinweise zum Copyright.

ZUM ÜBERSETZER

Matthew Brown wurde in der Nähe von Chicago geboren und wuchs an den Stränden von Los Angeles auf. Er begann seine Weltreisen mit einer Punk-Rock-Band und entwickelte auf diesen Reisen seinen Geschmack für multikulturelle Kunst, Medien und Literatur. Nach seinem erfolgreichen Abschluss an der California State University Long Beach setzte er sein Engagement für Kunst und Literatur fort und unterstützte die Gründer der Bilingual Foundation of the Arts und des Carmen Zapata Theatre. Zur Zeit wohnt er in Coesfeld (Deutschland) und arbeitet freiberuflich als Künstler und Schriftsteller.

Karishmas Großmutter versuchte, sie zu töten

Karishma wenige Wochen vor ihrem zweiten Geburtstag

Aus dem englischen Original übersetzt von Andrea Wlazik

Einer der herzzerreißendsten Fälle für die „The 50 Million Missing Campaign“ ist der von Karishma. Karishma kam im Dezember 2008 per Kaiserschnitt zur Welt. Ihre Geburt brachte ihre Großmutter väterlicherseits zur Weißglut. Ärgerlich verkündete diese: „Ein Mädchen! Ich werde ihr Salz in den Mund tun, um sie zu töten!“

Millionen kleiner Mädchen unter 6 Jahren sterben in Indien durch absichtliche Vernachlässigung, willentlich herbeigeführtes Verhungern, Gewalt und häufig auch durch vorsätzlichen Mord. Getötet werden sie offensichtlich aus Rache dafür, dass sie als Mädchen geboren wurden. Lesen Sie hier unseren Beitrag „Woran sterben Indiens kleine Mädchen?“

Jede ländliche Region Indiens hat ihre eigene althergebrachte Methode, ihre Mädchen zu töten. Im Westen ist es doodh-peeti (Milch trinken), was bedeutet, dass das Baby in einem Kübel Milch ertränkt wird. Im Osten von Indien, wie zum Beispiel in Bengalen, woher Karishma kommt, wird Salz in den Mund des Babys getan und dieser für eine Minute geschlossen gehalten.

Tatsächlich wurden, nur wenige Monate bevor wir dieses Foto von ihr machten, im Wohnort von Karishmas Vater gesund geborene Drillingsmädchen innerhalb eines Tages für tot erklärt. Die Autopsieberichte bestätigten, dass die Familie sie durch Salz im Mund getötet hatte. In einem anderen kürzlich bekannt gewordenen Fall warf ein Vater sein Neugeborenes innerhalb von 12 Stunden nach der Geburt aus einem Zug.

Glücklicherweise lebte Karishma während der ersten vier Monate ihres Lebens im Haus ihrer Großeltern mütterlicherseits, wo sich gut um sie gekümmert wurde. Sobald sie aber ins Haus ihres Vaters zurück kam, versuchte dessen Mutter, Karishma Salz in den Mund zu stecken. Ihre Mutter konnte Karishma retten, musste sie sich aber auf den Rücken binden und überall hin mitnehmen, sogar auf die Toilette.

Karishmas Bruder ist drei Jahre älter als sie. Er wird verehrt und verhätschelt wie ein kleiner Prinz. Tatsächlich ist Karishmas Vater, obwohl er aus einem Dorf stammt, keinesfalls arm. Ihr Großvater ist Leiter des Panchayat  (dörfliche Rechtsinstanz) und Besitzer großer Ländereien und Obstplantagen. Er hat außerdem einen Handyshop eröffnet und eine Motorrad-Ausstellung. Trotzdem war Karishma unerwünscht. Sie wurde behandelt, als sei sie nicht anwesend. Sie musste in der Nähe ihrer Mutter auf dem Boden liegen, während diese für die Familie kochte und putzte. Niemand nahm sie jemals hoch oder schmuste mit ihr.  Sie wurde nicht nur vernachlässigt und ignoriert, man ließ sie absichtlich hungern. Interessanterweise gab auch ihre Mutter, die sie jederzeit hätte füttern können, ihr nichts zu essen. Sie gaben ihr nicht einmal einen Namen. Den Namen Karishma (Wunder) gab ihr Rita Banerji, die Gründerin der Kampagne „50 Million Missing“, viel später, bestürzt darüber, dass ein beinahe zwei Jahre altes Kind noch keinen Namen hat. Karishmas Vater und seine Familie weigerten sich, der Mutter Geld zu geben, um Milch oder Medikamente für Karishma zu kaufen.

Sie war noch kein Jahr alt, als ihre Großmutter väterlicherseits, die Karishmas Mutter ständig körperlich misshandelte, begann, auch Karishma zu misshandeln. Mit der Zeit wurden die Schläge so heftig, dass es vorkam, dass Karishma vor Schmerz das Bewusstsein verlor. Oft war sie übersät mit Blutergüssen. Die Großmutter brachte sogar Karishmas Bruder bei, sie zu würgen. Sie sagte zu ihm: „Wenn Du Deine Schwester tötest, werden wir Dich noch mehr lieben.

Im April 2010 zogen Karishma und ihre Mutter zurück ins Haus der Großeltern mütterlicherseits. Karishma war extrem unterernährt. Der untersuchende Arzt meinte, wäre es noch ein paar Monate so weiter gegangen, hätte sie nicht überlebt. Es überrascht nicht, dass in Indien die Sterblichkeitsrate für Mädchen unter 5 Jahren 75% höher liegt als bei Jungen im gleichen Alter.

Karishma wurde von ihren Großeltern mütterlicherseits herzlich und mit offenen Armen empfangen. Sie überhäuften sie mit Liebe und Fürsorge, so wie jedes Kind es verdient und braucht. Ihre Großmutter, Sandya, kochte und zerstampfte ihr jeden Tag Gemüse, um ihr die Ernährung zu geben, die ihr all die Monate verweigert wurde. Sandya brachte Karishma jeden Morgen zu einem kleinen Kindergarten, wo Karishma endlich mit anderen Kindern spielen und ein normales, gesundes Umfeld genießen konnte. Sie blühte auf, trat eifrig in Kontakt mit anderen Menschen und schien ein glückliches Kind zu sein.

Dann, am 30. Mai 2010, entschied Karishmas Mutter plötzlich, zu ihrem Ehemann und ihrer Schwiegerfamilie zurück zu kehren. Diese Reaktion ist leider häufig bei Frauen, die häusliche Misshandlung erfahren, sogar dann, wenn sie so viel Unterstützung und Anleitung bekommen wie Karishmas Mutter.

Sie sprach mit Rita Banerji und war sich bewusst, dass Karishmas Leben in Gefahr war. Wenn sie Karishma aber zurücklassen würde, würden ihr deswegen weitere Misshandlungen im Haus ihrer Schwiegerfamilie widerfahren. Karishmas Mutter entschied: Sie war bereit, das Leben ihrer Tochter zu opfern, um ihre Ehe, so unglücklich und erniedrigend diese auch war, aufrecht zu erhalten. Eine Gruppe Anwälte ging zum Haus von Karishmas Vater und sagte Karishmas Mutter, dass sie gekommen seien, um sie und ihre Kinder in eine sichere Unterkunft zu bringen und dass kein Gesetz der Welt sie davon abhalten würde. Aber Karishmas Mutter meinte, sie wolle bei ihrem Ehemann leben und ihn nicht verlassen, ehe er seine Erlaubnis dazu geben würde. Es war sehr schmerzlich für die Anwälte, die Kampagne „50 Million Missing“ und Karishmas Großeltern, da wir es alle gerne gesehen hätten, wenn sie ein neues Leben begonnen hätte. Wir hätten sie in jeder Hinsicht unterstützt – mit Beratungen, Schulungen, einem sicheren Zuhause und einem neuen Job.

Frauen kehren oft zu ihrem Ehemann und der Schwiegerfamilie zurück, selbst wenn ihr Leben in Gefahr ist, eine kulturell bedingte Reaktion in Indien. Man sagt, dass der rechtmäßige Platz der Frau bei ihrem Ehemann ist, egal wie gut oder schlecht dieser auch sein mag. Dies gilt auch für gebildete Frauen, für Arbeiterinnen und weibliche Fachkräfte in Indien. Viele von denen, die sich vielleicht scheiden lassen, empfinden das als einen Akt der Schande. Man wird kaum eine indische Frau finden, die offen darüber spricht, wie sie eine von Gewalt geprägte Ehe überlebt hat.

Unsere Sorge gilt jetzt vorrangig Karishma. Ihre Mutter ist erwachsen und wir können sie nicht zwingen, ihren Ehemann und ihre Schwiegerfamilie gegen ihren Willen zu verlassen. Leider hat die arme Karishma weder eine Wahl noch wird sie angehört zu dem, was ihr eigenes Leben und ihre Sicherheit betrifft. Unsere Angst ist, dass wenn sie bis zum Alter von 5-6 Jahren überlebt, ihre Großeltern sie ins Sexgewerbe verkaufen könnten, damit sie später nicht die Mitgift für sie zahlen müssen. Unglücklicherweise gibt es kein Gesetz in Indien, das den Staat rechtlich dazu befugt, einzuschreiten, wenn das Leben eines Kindes im Haus seiner Eltern gefährdet ist. Solange nicht beide Elternteile sie freiwillig herausgeben, können wir keine Vorkehrungen für ihre Adoption treffen. Auf jeden Fall bleiben wir in Kontakt mit Sandya, Karishmas Großmutter mütterlicherseits, die oft das Dorf besucht, in dem ihre Tochter mit ihrem Mann und der Schwiegerfamilie lebt, nur um Karishma zu sehen und sich zu vergewissern, dass es ihr gut geht.

© Die Kampagne „50 Million Missing“ (50 Millionen verschwunden). Alle Rechte vorbehalten. Bitte beachten Sie bei Weitergabe unsere Hinweise zum Copyright.

ZUR AUTORIN

Rita Banerji ist Autorin und Frauenrechtsaktivistin und Begründerin der „The 50 Million Missing Campaign“, einer Kampagne zur Beendung des Völkermords am weiblichen Geschlecht in Indien. Ihr Buch „Sex and Power: Defining History Shaping Societies“ ist ein historischer und gesellschaftlicher Blick darauf, wie die Beziehung von Geschlecht und Macht in Indien zum anhaltenden weiblichen Genderzid führte. Ihre Webseite ist zu finden unter www.ritabanerji.com. Sie bloggt auf Revolutions in my Space und twittert auf @Rita_Banerji

ZUR ÜBERSETZERIN
Andrea Wlazik ist gelernte Fremdsprachenkorrespondentin. Sie arbeitet als freiberufliche Texterin und Übersetzerin und koordiniert den deutschen Blog der„The 50 Million Missing Campaign“. Sie ist außerdem Initiatorin der von der Kampagne unabhängigen deutschen Facebook-Gruppe Femizid in Indien und schreibt Artikel für die Netzfrauen.

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